Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1898
- Issue
- 2 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 hatte, diesen zum Ehegemahl. So wurde er sogar der Nachfolger seines Königs und herrschte an der Seite seiner Gemahlin über viele Völker. 5. Der grünende Stab.1) Einst kam zu Meister Jehuda, dem Frommen2), ein Mann, welcher den Glauben der Väter verlassen hatte, aber nun reuig umkehren wollte. Doch der Meister wies ihn zornig ab3) und sprach: ,,So wenig, wie dieser Stab in meiner Hand kann grüne Blätter sprossen, so wenig findest du Vergebung4).“ Nach wenigen5) Tagen begann aber der Stab wirklich zu grünen. Meister Jehuda liess den Büsser rufen und that ihm das Wunder kund. ״Hast du nicht einmal", so fragte er ihn, ״deinen einstigen Glaubensbrüdern einen grossen Dienst geleistet?“ Der Büsser wusste sich einer solchen That nicht zu entsinnen. ,,Nur einmal“, erzählte er, ״kam ich in eine Stadt, in welcher viele Juden wohnten. Sie alle sollten um’s Leben kommen, weil man sie beschuldigt hatte, ein Christenkind ermordet zu haben, um das Blut zu religiösen Zwecken zu gebrauchen. Da wählte man denn mich, der ich die Satzungen des Judentums kannte und doch nicht zu den Juden hielt, zum Sachverständigen. Wie konnte ich anders, als der Wahrheit die Ehre geben? Daraufhin liess man von der Verfolgung der Juden ab.“ Nun erkannte Meister Jehuda den Grund des Wunders. 6• Der fahrende Schüler.1) In dem Hause ״zu dem Springbrunnen“ in Worms lebte einst ein frommer Mann, der hatte eine einzige Tochter, die ebenso fromm als schön war. Eines Abends, als sie in der Hausthür stand, ging ein fahrender Student2) vorbei und rief ihr zu, er werde des Nachts in’s Haus kommen. Mit den fahrenden Studenten stand es aber so: Ein Hexenmeister hatte einmal ein Zauberrad gemacht8). Auf dieses Rad konnten vor jedem Umdrehen zehn Menschen sich setzen. Aber bevor es einmal herum war, hatte der Meister jedesmal einen von ihnen um’s Leben gebracht. Dafür hatten die anderen dabei die ganze Hexenkunst4) gelernt und konnten thun, was ihnen beliebte. Als später dieser Unfug überhandnahm, wurde das Rad vernichtet. Aber die fahrenden Studenten hatten ohnehin in jener Zeit grosse Freiheiten und thaten, was sie wollten.5)