Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1898-01-01 · 2 (1898) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1898
Issue
2 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2642950-2642951-2642953--0146-2643143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 der Himmel von der Erde?““ Alsdann sage mir, was ich im Sinne habe*)!“ Kunz war nicht wenig erschrocken. Doch rasch fasste er sich und sprach: ,,Gnädigster Herr! Das sind grosse, schwere Fragen. Man kann sie sobald nicht beantworten, man muss Zeit dazu haben. Darum bitt’ ich dich: Gieb mir drei Tage Frist, so hoff’ ich, die Antworten zu finden.“ ,,Gut“, meinte der König, ״das sei dir gewährt!“ Um sich von seinem Schreck zu erholen, eilte nun Kunz hinaus in's Freie auf eine Wiese, wo gerade sein treuer Hirte die Schafe weidete. Als der seinen Herrn so bekümmert und in Gedanken vertieft des Weges kommen sah, da grüsste er ihn geziemend und sprach: ,,Mein werter Herr! Ihr mögt es mir verzeihen, wenn ich euch anzureden wage Aber ich sehe wohl, dass ihr ein9) gross’ Anliegen auf dem Herzen habt. Vielleicht könnte ich euch raten. Denn das Sprichwort geht: Es giebt oft einer einen Rat, der selber keinen hat.“ In seiner Herzensangst erzählt auch Kunz dem Schäfer, was der König von ihm wolle. ,.Mein werter Herr!‘, so tröstet ihn der getreue Diener, ,,das soll eure Sorge nicht sein. Gebt mir nur einmal eurer schönen Rock10) und ziehet indess7 mein schlechtes11) Wamms an, so will ich statt eurer in die Stadt zum Könige gehen.“ Gesagt, gethan. Rasch hatten sie die Kleider getauscht, und bald sass der feine Kunz bei den Schafen, als ob er sein Leben lang mit dem Vieh wär’ umgegangen. Mein guter Schäfer eilte inzwischen nach der Stadt und mit verstellter Stimme sprach er zum Könige: ״Herr König! Ich hab’ mich inzwischen besonnen auf die drei Sachen, die du mich gefragt hast.“ Der König freute sich bereits, dass er sich in seinem Kunz doch nicht getäuscht habe und begann: ,,So sag’ mir denn, mein Freund: Wo geht die Sonne auf?“ Da sagte der Schäfer: ״Im Osten1־) geht sie auf und im Westen13) geht sie wieder unter.“ ״Wie weit ist der Himmel von der Erde?“ fuhr der König fort ״So weit, als die Erd’ vom Himmel ist“, lautete die Antwort. Da fragte der König zum dritten: ,,Was hab? ich denn in meinem Sinn?“ Der Schäfer erwiderte pfiffig: ״Herr König! Das will ich dir sagen. Du meinst in deinem Sinn, dass ich Kunz, dein Minister, bin. Aber ich bin es nicht, sondern sein Schäfer, ein armer Wicht.“ Da der König das hörte, da sprach er zu dem klugen Hirten: ״Dieweil du Kunz so gut geraten hast, so sollst du fortan mein Rat sein, und er bleibe draussen und hüte die Schafe!“ Also musste Kunz die Schafe hüten. Daher kommt das Sprichwort: Du kommst dahinter, wie Kunz hinter das Vieh. Also ging es Kunz, viel besser geh5 es uns13)!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.