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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1898-01-01 · 2 (1898) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1898
Issue
2 (1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 vor allem die mündliche Ueberlieferung. Da diese meist an bestimmte örtliche und zeitliche Verhältnisse anknüpfen und bestimmte Personen zu Trägern der Handlung machen, lässt sich hier schwerer als sonst zwischen Märchen und Sage scheiden. Der Ton der Erzählung ist durchaus volkstümlich34), die Form die bekannte Märchenart: zunächst die Frage ,,woher kommt das Sprichwort usw.?“, ,,weshalb führt diese Stadt diesen Namen?“ und dann die Antwort mit einem ״es war einmal“, ״Ma'asse von einem, der usw.“ Den Schluss bildet die mitunter gereimte Moral der Geschichte, oft in einem Schriftvers wiedergegeben. Die Sprache ist die bei den damaligen deutschen Juden gebräuchliche mittelhochdeutsche, Reminiscenzen aus dem jüdischen Leben und Schrifttum sind im hebräischen Original beibehalten15). Die Zeit ihrer Entstehung lässt sich bei den meisten Erzählungen, soweit nicht geschieht' liehe Vorgänge zu gründe liegen, ebensowenig mit Sicherheit bestimmen, wie bei den deutschen Sagen und Märchen, denen sie. nachgebildet oder als beachtenswerte Ergänzungen an die Seite zu stellen sind16). So erkennt man auf den ersten Blick in (N. 2) ״den drei Waffenschmieden“ zu Worms die Brüder Günther, Gernot Giselher, in der vom Drachen befreiten Königin Brunhilde wieder. Der wackere Volker von Alzey findet sein Ebenbild in dem ״getreuen Lautenschläger“ (N. 9). Auch der Geiger in ״Frau Holle“ begegnet uns da. An Gudruns Treue und HorantsList wie an den ״getreuen Johannes“ erinnert N. 3. ״Der grünende Stab“ (N. 5) ist uns aus dem Tannhäuser und dem Märchen ״Die drei grünen Zweige“ bekannt. Das ״goldene Frauenhaar״׳, welches eine Schwalbe dem Könige zuwirft, giebt den Anlass zu Tristans Fahrt wie zu Chaninas Abenteuern (N. 4), in denen, wie im ״Fernand getrü“ die Treue der ״dankbaren Tiere“ den Boten zum Ziele führt. In den weiten Kreis der Faust- und verwandten Sagen, welche besonders nachhaltig auf die jüdische Phantasie eingewirkt haben, gehören N. 6, 7, 18 u. a. So zeigt fast eine jede der hier wiedergegebenen Erzählungen, wenn auch bunt durch einander, wie im Kaleidoskop^ Beziehungen zur deutschen Volksdichtung. Jedenfalls gewinnen wir so einen Einblick in die altjüdische Kinderstube und den Erziehungsplan des deutschen Ghettojuden.

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