Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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10. November i$33 Der jüdische Arbeiter. Seite 3. Entspannung in Palästina 3 e r u s a 1 c m. I. Noverabc r. Eine offizielle Erklärung fler Palästinaregierung stellt fest, tlaft im ganzen Lande eine gewisse Beruhigung eingetreten ist. Die arabischen Zeitungen haben ihr Erscheinen noch nicht aufgenommen. Der arabische Zeitungsstreik winl damit begründet, daß die Zensurvorschrift verschärft wurde. Der Hafen von Jaffa wird scharf bewacht; im Hafen herrscht vollkommene Ruhe. Keine jüdisch-arabischen Verhandlungen Jerusalc in, 2. £f o v e in b e r. Die Polizei dementiert;h*e Meldungen über bevorstehende jüdisch-arabische Verhandlungen. Die diesbezüglichen Mitteilungen wurden in Komi eines Interviews mit Vertretern der Polizei gebracht: die Polizei bezeichnet sie als Phantasieprodukte. Angriffsabsichten auf die englische Luftflotte London, 2. November. Die englischen Zeitun gen berichten, daß man in Palästina arabische Angriffet auf den Flughafen der Fluglinie, die nach Indien führt, erwartet hat. Die englischen Panzerwagen haben diese von den arabischen Demonstranten erwarteten Angriffe* verhindert. Drohungen der arabischen Exekutive Jerusalem. 4. N o v e m b e r. Der PräsidenI der arabischen Exekutive in Jerusalem hat an die Regierung ein Memorandum gerichtet, in welchem er das Verbot <Ier jüdischen Einwanderung fordert. Dies sei der einzige Weg. um ähnliche Demonstrationen wie die letzten, zu verhindern. Der Ton des Memorandums ist überaus scharf. Diplomatische Aktion Jer u s a 1 e m, 4. iV o v e m b e r. Der arabische Bauernverband ist bemühl, dem diplomatischen.. Korps ein Memorandum über die letzten Ereignisse y.u übergeben. Der Dekan des Korps, der französische Konsul, bat die Aiv uahme des Memorandums verweigert. f Deportationen Jer u s a I e m, 2. Novo m b e r. Siebzehn polnische Juden, die als Touristen ins Land gekommen sind, und deren Visa, abgelaufen sind, wurden des Landes verwiesen. Acht Juden wurden an der syrischen Grenze verhaftet, als sie versuchten, illegal ins Land zu kommen. Die Verhalt eleu werden deportiert werden. Jüdisch-arabische Baueresorganisation - Die arabische Presse beginnt mit einem Fehlzug gegen die : jüdische-arabische Kolonistenorganisation in Nordgaliläa.; Die jüdischen Zeitungen, darunter auch' der Donv Hajom, 'betonen hingegen das gemeinsame wirtschaftliche .Interesse der beiden wirtschaftlichen Gruppen. Kolonisation in Syrien? Paris, 2. November. Wie gemeldet wird, soll der Plan, in Syrien mit. einer jüdischen Kolonisation einzusetzen, feste' Umrisse gewonnen haben. Eine arabische Adelsfamilie bietet 300.000 Dunam zum Verkauf an, davon 90.000 Dunam Pflanznngsboden. Die Produktionsbedingungen wurden von palästinensischen Agronomen untersucht. Arabischer Bürgermeister entläßt jüdische Beamten J e v u s a 1 e m, 4. N o v e m b e r. Der Bürgermeister von Jerusalem hat den jüdischen Leiter der Jcrusalemer Wasserleitung, A. Koch, der sein Ami seit 1918 innehat, plötzlich entlassen. Ebenso wurden auch andere jüdische Angestellte dieses Ressorts entlassen. Die jüdische Oeffenttichkeit in Jerusalem ist begreiflicherweise über diesen' Schritt dos Bürgermeisters sehr erregt und fordert die l-iückberufimg der entlassenen Beamten. Berufsumschichtung der deutschen Juden Berlin, 5. IVovember. Kürzlich fand, eine Konferenz aller Gesellschaften statt, die sich mit Fragen der Berufsumschichtung befassen. Es wurde mitgeteilt, daß seit April 1988 8000 deutsche Juden Handwerkberufe, Gärtnerei und Landwirtschaft erlernt haben. Ausschluß der Juden aus dem Radiohandel In Halberstadt haben S. A.41änner in jüdischen Badiogeschäften Radioapparate konfisziert und erklärten ihr Vorgehen damit, dai.5 auf Grand einer Verordnung des l'adiorates Juden der Handel mit Radios verboten ist. Leo Motzkin Am 7. November starb in Paris Leo .Uotzkin im /• köbensjahve. Leo -Motzkins Persönlichkeit ist mit der Geschichte der jüdischen Renaissance aufs engste verknüpft, als Präsident fler zionistischen. Kongresse, als Führer der jüdischen Delegation in Paris, in welcher Eigenschaft er au den Kongressen der nationalen Minoritäten eine entscheidende Rolle spielte, hat er das Schicksal des jüdischen .Volkes wesentlich mitbociriflußt, und stets eViieu honen Grad der Unparteilichkeit bewiesen. Spaltung im „Misrachi" „Doar Hajom" meldet: Vor einigen Tagen fand in Jerusalem eine vertrauliche Beratung von Alisrachiführern stall, an der u. a. die Rabbiner Assnf und Ostrowski, der Schriftsteller Rabbi Benjamin, A. M. Lifschüfz und diö Führer des „Hapoel Hamisrachi" teilnahmen. Die Beratung galt der Lage im „Misrachi", wie sie sich' seit dem. letzten Zionistenkongreß gestaltete, und es wurden scharfe Angriffe an die Adresse der Herren Farbstein und Rabbi Fischmann gerichtet, die jetzt mit ihrer Haltung „die zionistische Bewegung gefährden". Die Beratung endete mit der Annahme eines Beschlusses, den letztgenannten zwei Herren entgegenzuwirken, und dieser Beschluß wurde den. Misrachiführern in Amerika und in den. anderen Ländern auf telegraphischcm Wege zur Kenntnis gebracht. Geburtenrückgang unter der jüdischen Bevölkerung Rumäniens Bukarest, 2. November. Das „Demographisch'e Bulletin für Rumänien" veröffentlicht eine' Statistik der Gehurten und Todesfälle im Monat Juni 1983. Dieser offiziellen Statistik zufolge entfallen von den Geburten auf die jüdische Bevölkerung bloß 1,9 Prozent, obwohl die Juden in Rumänien 7 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Zwar ist auch die Sterblichkeit, unter der jüdischen Bevölkerung geringer als unter der allgemeinen, übertrifft jedoch mit 2,8 Prozent bedeutend den Anteil an der Geburtenziffer. 1000 Geflügelfarmen für 1000 Familien Jerusalem, 25. Oktober. Nach Plänen des amerikanischen Juden Maniloff soll in der Umgebung von Jerusalem eine große Geflügelzuchtsiedlung errichtet werden. Die Juden Palästinas verbrauchen annähernd 100 Millionen; Eier im Jahr, während die jüdische Landwirtschaft mu' etwa ein Zehntel dieser Menge produziert. Um 250.000 Pfund jährlich werden Eier aus dem Ausland eingefülirt. Nach den. Berechnungen Maniloffs könnten in der geplanten Siedlung tausend Geflügelfarmen mit je tausend Stück Geflügel für tausend Familien errichtet werden. Als Hilfswirtschaften sollen Obst- und Gemüsegärten angelegt werden. Eine zentrale Zucht- und Brutanstalt sowie eine gemeinsame Arbeitsorganisation sind vorgesehen. Die Finanzierung des Unternehmens soll durch' eine Anleihe erfolgen, die im Laufe einer gewissen Zahl von. Jahren amortisiert werden soll. Dem vorbereitenden Komitee gehören außer Maniloff eine Reihe jüdischer Wirtschäftsfa'chmänner, 'unter ihnen der bekannte Volkswirt und Statistiker Davis Trietsch aus Deutschland und Dr. Klumel aus Polen, an. 100. Nummer des „Wort" Unser Rruderblatt in Polen, die zionistisch-sozialistische Tageszeitung ,,Das Wort", hat nunmehr ihre 100. Nummer, herausgebracht. Die Nummer ist festlich' ausgestaltet, und bringt Artikel von' den. bedeutendsten Vertretern des jüdischen und internationalen Sozialismus. Wir beglückwünschen, unsere Genossen vom ,,Wort" aufs herzlichste! Eine poale-zionistische Monatsschrift Wie das Verbandsbureau mitteilt, wird demnächst) die erste Nummer der zionistisch-sozialistischen Monatsschrift „Unser Gedanke" erscheinen. Die Zeitschrift wird von den Genossen Bell Locker und Arje Tartakover redigiert werden. Die genannte Redaktion verbürgt ein hohes Niveau dieser periodischen Publikation unserer Bewegung und wir sehen ihr mit der allergrößten Spannung entgegen. Ein Sieg, der verpflichtet Volkszählungsergebnis und Spracheisfrage Die Ergebnisse der tschechoslowakischen Volkszählung von 1930 sind noch' nicht veröffentlicht — und schon werfen sie ihre Schatten voraus. Die tschechische OeffenitücWkeit hat mit Spannung' darauf gewartet, ob das vor kurzem doch1 umstrittene — 'und gerade von ihr vielfach bestrittene — Bekenntnis zur jüdischen Nationalität ausgereicht hat, die Posi-' tionen der deutschen und ungarischen' Minderheit zu schwächen. Und siehe: An' manch' einem Orte reichte es! In Mährisch-Ostrau' ist das „Deutschtum" unter 20 Prozent gesunken und hat seine Sprachenrechte eingebüßt. Ein! ähnlicher Prozeß vollzieht sich in Karpathorußland. In Uzh'orod ist die ungarische Minderheit auf 17 Prozent gesunken', während die Juden 23 Prozent erreichten' und dadurch' in Stadt und Bezirk sprachenrechtliche! Forderungen erheben können. Was diese Wandlungen für die anderen bedeuten vi st für uns unwichtig. Jüdische Assimilanten! deutscher und magyarischer Observanz haben bebend vor den Konsequenzen „gewarnt", die das freie nationale Bekenntnis der Juden für deutsches und ungarisches Volkstum haben müsse. Tschechische Nationalisten gaben uns zu verstehen, daßi sie durchaus; nicht abgeneigt seien, ihr chauvinistisches Süppchen1 an1 unserem Befreiungskampf in der Galutft zu wärmen. Vegetarier der Politik auch im zionistischen Lager, stellten hochphilosopin'ische Betrachtungen darüber an, ob es „moralisch" sei, mit unserem nationalen Bekenntnis „Vorspanndienste" für andere zu leisten. ... Von diesen und ähnlichen1 Bedenken unbeirrt,} hat der Jude in: der Tschechoslowakei entdeckt, däßj er - - Jude zu sein hat, auch im Volkszählungsbogen^' vor den Aemtern, vor der Regierung und den änderen! Völkern. Dieser Erkenntnisprozeßi ist kein1 Produkt der Aera Hitler, ist kein NeoZionismus. Die) VoIfcszäMungsperiode fällt in die Zeit von 1921 bfe 1930. — Noch1 gab es ein Parlament in Deutschland' und an den jüdischen Stammtischen! der deutschen Parteien in der Tschechoslowakei wurde in Bluts-» Verbundenheit mit dem deutschen Volke gehandelt..... Noch war die „Bohemia" nicht gleichgeschaltet und noch konnte man darüber streiten', was die deutschte! Kultur werden! wurde, ohne die Juden. Und doch! sprach der Volksinstinkt, zweieinhalb Jah're von Hitler, das entscheidende „Apage" und jagte die Gespenster, der Assimilation zum Teufel. Gewiß'; Lange nicht alle 400.000 Juden wurden von dieser Erkenntnis und unserer 'Aufklärungsarbeit erfaßt. Noch gibt es unter ihnen Deutsche, Ungarn, Tsche^ chen und noch besteht die Gefahr, daßi die Frequentain'ten der „Deutschen Häuser" vom Goethe auf K'omensky umschalten, statt in den „Turnverein", in) den Sokol laufen werden. Aber der Anfang ist getan. Mit ein wenig Mut und Arbeit werden! wir bis 1940 die Juden dazu bringen, auf der bunten Speisekarte der'Nationen in der Tschechoslowakei künftig! nur ein einfaches, bescheidenes, aber bekömmliches! Hausgericht zu wählen: Das Bekenntnis zum' jüdischen Volk — .; f 'Damit 'ist dem Zionismus ein Band, aber auch eine verantwortliche Aufgabe auferlegt. Wird das nationale Bekenntnis nicht in eine nationale Kultur eingebettet, danin besteht die Gefahr von „Konjunkturen". Gerade der Zionismus, der mit seinem Bekenntnis zum jüdischen Volk' iniemand zu Leide :und: sich zur Freude sein will, hat dies zu erkennen1. Wir haben nationale Kultur verbreitet, in dem wir Geist und Wirklichkeit Erez Israels, seine und der Gallith kulturellen Werte an die jüdischen Massen heranbrachten. Das allein genügt aber nicht. Wir müssen vor allem in Karpathorußland, das kulturell noch in der Haskalah1 steckt, nationale Kultur schaffen. Die sprachlichen Rechte, die wir dort erwerben, geben uns die Möglichkeit, nachdrücklicher als bisher Unsere Schul- und Kulturforderun'gen zu erheben. Wir haben die Juden bis zum Bekenntnis aufgeklärt, daß! sie; Juden sind. Nun müssen wir weitergehen. Juden gehören in jüdische Schulen, zu jüdischen Büchern und Zeitungen. Die Frage, ob diese Kultur hebräisch oder jiddisch' sein soll', kann nur von der Theorie aus gestellt werden. Hebräisch sind seit 10 Jahren einige Volksschulen, ein Gymnasium. Hebräisch ist die Sprache der chaluzisch'en Jugend, Man geht nicht fehl, wenn man sagt: Die Generation des Morgen, die mit dem Gesicht nach Palästina schaut, hat ihre Kultur gefunden. Anders ist es mit denen, die in der Wüste bleiben'. Wenn aus der Verschiebung in Bewußtsein und Statistik ein Stück jüdisches Leben, jüdische Wirklichkeit wachsen soll, dann muß die Sprache der Masse zu ihrem Recht kommen. Nicht nur soll das Jiddische die Sprache sein, in der die Aemter mit den Juden verkehren. Auch' vom Schulwerk, von1 der Literatur, vom Theater und der Publizistik her muß1 'der Aufbau einer jiddischen Kultur in Angriff genommen werden. Im Westen der C. S. R. werden die Juden kulturell moch lange zerrissen sein. Ein späterer Historiker wird dieses Volk nicht glücklich nennen können, das heute deutsch dachte, und1 morgen tschechisch denken soll. Wieviel nationale Tragik liegt in diesem heroischen Versuch einer kulturellen Assimilation bei vollem inationaljüdischen Bewußtsein; wieviel Gefahr und wie ausweglos scheint es, hier für diese Generation eine Richtung zu zeigen. Anders liegen die Dinge in Karpathorußland und einem Teil der Slowakei, Jüdisches Wissen und jüdische Tradition gemeinsam mit dem neuerwachten Bewußtsein von der jüdischen1 Gegenwart geben einen fruchtbaren Humus, auf dem eine kulturelle Realität, ein nationales Volksleben entstehen kann. Daß es seit 1921 immer mehr nationale Juden in der C. S. R. gibt, soll uns freuen. Die Lösung der tschechoslowakischen Judenfrage ist das noch nicht. 10 Jahre Aufklärungsarbeit haben zunächst ihren formalen Niederschlag gefunden. Jüdisches Bewußtsein kann und muß jüdisches Sein werden. Das ist nötig, wenn wir ein gesundes jüdisches Volksleben wollen. Aber es ist auch unentbehrlich, wenn unser Zusammenleben mit den anderen. Völkern von allen Spannungen und Schwankungen befreit werden soll. Karl Baum. faS Arlosoroffl