Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3. November 1333 Der jüdisch* Arbeitet, Seite 3, Hitler-Deut$chland Alle jüdischen Männer einer deutschen Stadt verhafte* Münster, 25. Oktober. Ohne daß ein Grund angegeben» wurde, ist die gesamte jüdische männliche. Bevölkerung von Backingsfeld in Westfalen in Schutzhaft genommen worden. Nur zwei jüdische Männer, die zufällig in der Stadt nicht anwesend waren, entgingen der Verhaftung. Gelber Fleck an der Berliner Universität Berlin, 26. Oktober. Wie die Ita bereits mitgeteilt hat* erging von der Berliner Universität an die „Reichsdeutschen Studenten nichtarischer Abstammung, die bisher einen Ausschlußbescheid nicht erhalten haben", die Aufforderung, sich im Senatssaal zwecks Aufnahme eines Vermerks in das Studienbuch über die Zulassung zum Weiterstudium' einzufinden. Als sich nun heute die! jüdischen Studenten) im Senat einfanden, wurden ihnen die üblichen roten Ausweiskarten abgenommen und an ihrer Statt gelbe Ausweiskarten mit dem Aufdruck „Niöhtmitglied der Deutschen; Studentenschaft" ausgehändigt. Die Testierbücher (Indices) der jüdischen Studenten, erhielten große rechteckige gelbschraffierte Stempelaufdrucke. 725 Juden aus den Berliner städtischen Kranken- häusern entfernt Berlin, 25. Oktober. Der Staatskommissar für Berlin,; Dr. Klein, teilte heute mit, daß vom 15. Märzi bis 1. Oktober 1933 725 Personen jüdischer Abstammung aus dem Dienst in den Berliner städtischen Krankenhäusern entlassen worden, sind, davon waren 161 Aerzte, 320 Schwestern, etwa 200 Arbeiter und Angestellte, 20 Köche und. 24 andere Angestellte. Die Säuberung der Krankenhäuser von Juden geht weiter. Die Anordnungen des Wirtschaf tsministers gegen Judenboykott werden nicht befolgt Berlin, 27. Oktober. Die wiederholten Anordnungen' des Reichswirtschaftsministers Dr; Schmitt, die. sich gegen den Boykott jüdischer Wirtschaftsunternehmungen richten, werden von den Ländesämtern ignoriert; diese erklären, sie würden solche Anordnungen nicht durchführen, solange sie nicht von. der nationalsozialistischen Partei approbiert! werden. Die Partei aber halte an ihrem Programm des Judenboykotts fest. Viele nationalsozialistische Zeitungen haben es bis jetzt unterlassen, die Äntiboykottorder Doktor Schmitts abzudrucken.» Die Ausmaße des Judenboykotts werden illustriert; ,durch den Fäll eines jüdischen Mehlhändlers in einer hessischen, Stadt. Der Händler ließ' sich', eine Waggonladungl Mehl kommen, die ßahnangestellten aber weigertensich, das Mehl auszuladen, so daß der Jude ganz allein die Mehlsäcke aus dem Waggon trag. Nun aber konnte' er keinen Wagen auftreiben, um das Mehl in seinen Laden, zu bringen. Er trug die Säcke auf den Schultern von! den Bahn bis zu seinem Laden. Jetzt bleibt das Mehl unverkauft, da die gesamte Bevölkerung davor gewarnt worden, ist, bei ihm zu kaufen. Er ist der einzige Judo in der Stadt. In Konstanz am Bodensee hat die Gemeindeverwaltung eine Anschlagtafel mit den Namen aller jüdischen* Läden und Unternehmungen aushängen lassen und daran die Warnung geknüpft, daß niemand mit Juden Geschäfte) treiben solle. Die Entfernung der Juden und von Personen jüdischer Abstammung aus dem Rechtsleben dauert an und umfaßt nun auch frühere Frontsoldaten. Herr von Leyder, der unter der Regierung von Papen zum. Berliner Gerichtspräsidenten ernannt* worden war, erhielt heute seine Entlassung, da bekannt wurde, daß seine Mutter einef Jüdin war. Justizrat Lilienthal, dessen Vater, ein getaufter Jude, in der Kaiserzeit einen hohen Posten im deutschen, Gerichtswesen 'innehatte, wurde die Ausübung seiner Praxis verboten. .;' ' In allen 'Hamburger Krahkenkassenämtern sind Pla- ' kate ausgehängt, in denen z\var diö -Nainen der zur Praxis zugelassenen jüdischen Aerztevermerkt sind* diese aber ■ als Angehörige der „jüdischen ■Geheimgesellschaft Bne Bviss" stigmatisiert sind. Daran, knüpft sich , eine Aufforderung an alle jene, diö. sich über den „jüdischem; Geheimorden" informieren wollen, die' „Protokolle der Weiser* von Zion" zu lesen. Wegen verbotenen Schächtens zu vier Monaten Gefängnis verurteilt Leipzig, 20. Oktober. Das Leipziger Amtsgericht hat den jüdischen Privatlehrer Jacob Jakobowitz wegen Vergehens gegen § l, Abs. 1 des Reichsgesetzes über das Schlachten von Tieren | vom 21. April 1933 zu vier Monaten, Gefängnis, seine Frau wegen Beihilfe zu fünfzig Mark Geldstrafe verurteilt. Jakobowitz war von der Polizei überrascht worden, als er mit seiner Frau Hühner sehächtete, Das Gericht war der- Meinung, daß ein außerordentlich grober Verstoß vorliege, und ging deshalb weit über die Mindeststrafe hinaus. ..... Jüdisches Leben ii ii in in in im iiiitiiiiiiiiiii,1,iiiIJ|itlI1,t,M),,JJJllII|llII|Ml|III||||(|fH(J(irt|(((j||jji|rijj(|((jfJ(((i(|||(11J1(lJ|liiJ|J|iJ|J(ij( Jüdische Siedlung in Syrien? „Alif Ba", die einflußreiche moslemitische Tageszeitung von Damaskus, bringt eine Unterredung, mit einem prominenten arabischen Führer aus Palästina, dessen Name nicht genannt wird, über „zionistische Aspirationen, nach Syrien vorzudringen und hier Land zu erwerben". Der. palästinensisch-arabische 1 Führer erklärt, die1 Ziönisten hätten Gelegenheit, in Syrien soviel Boden zu erwerben, als sie nur wollen. Moslemitische Großgrundbesitzer in Syrien seien bereit, zionistische Bewerbungen um den Kauf großer Landgebiete zu akzeptieren; sie versprechen sich davon eine Besserung ihrer eigenen wirtschaftlichen Notlage und der Wirtschaftslage Syriens im allgemeinen. Mehrere syrische Bodenbesitzer haben der Zionistischen Organisation Syriens Boden zum Kauf angeboten, und zwar handelt es sich um Gebiete' im Hauran nahe der Palästina- Grenze. Abwehr des Antisemitismus in den Vereinigten Staaten und Kanada New-York. Auf das Bürgermeisteramt in New-York kandidieren Nathan Straus jr., ,der Sohn .des großen Philanthropen und Kinderfreundes gleichen Namens,, und Joseph Mckec, der sich vor „ etwa 20 Jahren im antisemitischen Sinne publizistisch betätigt hat. Gegenüber Angriffen von Samuel Untermeyr und Andderen erklärte Joseph Mckec öffentlich, er habe längst dem Antisemitismus abgeschworen und hege keinerlei Vorurteile gegen , die jüdischen Mitbürger. Der Großkond itor. Morris Rieh man, der die Aktion für Boykott deutscher Konditorbehelfe führt, teilte der Polizei mit, daß ihm-,,-seitens der Hakenkreuzler gedroht wurde, daß sein Warenlager verbrannt und er ermordet werden wird. Gegenüber der P r o p a g a;n d a a n t i s e m'i t i s c h e r Gruppen in Kanada gegen einen angeblich bestehenden Plan, geflüchtete deutsche Juden in Massen in Kanada anzusiedeln, erklärt die Regierung in Ottbvva offiziell, daß die Frage einer geregelten Ansiedlung deutscher Juden in Kanada bisher nicht erwogen wurde und daß niemand in dieser Beziehung an die' kanadische Regierung herangetreten sei. *- 233 Zwangsfeiertage im Jahr Der Stadlrat von Dunaburg (Lettland) hat beschlossen, daß die Geschäfte künftighin' nicht nur an Sonntagen und katholischen Feiertagen, sondern auch an den protestantischen und griechisch-orthodoxen Feiertagen geschlossen zu halten haben. Die jüdischen Kaufleute von Dünaburg würden an 233 Tagen im Jahr feiern müssen, was zur Vernichtung des jüdischen Handels 'in Dünaburg führen würde. Die jüdische Kaufmannschaft hofft, daß die lettländische Regierung dem .offensichtlich ans antisemitischen Motiven' gefaßten Beschlüsse des Stadtrates die Bestätigung verweigern wird. förarace ^ciclifi'&cliflcti; Eine Reihe von Stadtverwaltungen in Kanada ha.beni Resolutfoneri'-'gefä'töb;^^^ dert wird, die Einwanderung von Personen aus Mittel-' und Osteuropa zu verbieten. Die Veranstaltung des „Deutschen Tages" in New York wurde aus Gründen der Ordnung verboten. Das deutsche Beamtengesetz ist dahin verschärft worden, daß nunmehr jeder deutsche Beamte als Nichtarier \betrachtet werden muß, wenn zwei seiner Urgroßelternpaare Nichtarier waren. \ Den Redaktionen der deutschen Zeitungen sind vom Reichspropagandaministerium Richtlinien zugegangen, nach denen sie sich bei der NachrichtengebUng alles dessen zu; enthalten haben, was im Auslande zu einer Propaganda zum Schutze der Juden ausgenutzt werden könnte. Anläßlich der letzten Säuberungsaktion bei den deutschen Gerichten wurden Juden, die bisher als Frontkämpfer und Kriegsverletzte auf ihren Posten belassen wurden, entlassen. ' , ' ' In Budapest und Warschau kam es kürzlich' auf den Universitäten zu judenfeindlichen Ausschreitungen. Wegen ihrer regierungsfeindlichen Haltung ist bekanntlich die Warschauer Universität aufgelöst worden. In Uzhorod hat die jüdische Partei in der Stadtrepräsenlanz den Antrag auf Anerkennung des Hebräischen als einer amtlichen Sprache gestellt, da sich 23.10% der Bevölkerung zur jüdischen Nationalität bekannten. Die kommunistische Partei stellte diesen Antrag für die jüdische Sprache, da diese von 80% der Uzhoroddr Juden gesprochen wird. Das jüdische Flüchtlingshilfskomitee' in England, hat auf Grund einer Vereinbarung mit deir staatlichen Agrarkommission die erste landwirtschaftliche Ausbildungsstätte für Chaluzim gegründet. In Schweden wurde ein Hilfskomitee für vertriebene deutsche Gelehrte unter Führung Selma Lagerlöf gebildet. In einer Rede teilte Direktor Stahl mit, daß die Berliner Kultusgemeinde1 in kurzer Zeit 1000 Kinder neu einschulen mußte. In den ■ Verbänden der deutschen Ingenieure und Techniker wurde der Arierparagraph eingeführt. Die jüdischen Berufsangehörigen müssen diese Verbände verlassen. Ein Archiv der jüdischen Arbeiter* hewegung in Palästina Seit längerer Zeit besieht in Palästina eine Archivkommission der jüdischen Arbeiterpartei, deren Ziel die Sammlung von für die Geschichte. des Arbeiterzionismus bedeutsamen Dokumenten ist. Ueberall im Lande wurden Zweigstellen des Archivs gegründet. Die Archivkommission veranstaltet Zusammenkünfte jener jüdischen Arbeiter, die zu den ersten Olim gehören. Diese Besprechungen haben den Zweck, geschichtliche Tatsachen, die nur durch mündliche Ueberlieferung bekannt sind, aufzuzeichnen. „Hatiigun", die 30 jüdischen Sänger. 30 jüdische Sänger, ehemalige* Mitglieder deatsch'er Opernhäuser, haben sich zu einem Chor vereinigt, de? unter Leitung Ch. Winawers synagogale Gesänge* sowie jüdische Volkslieder zur Aufführung bringt. Der'Chor hat bereits in verschiedenen Städten des In- und Auslände® konzertiert und hat überall geradezu sensationelle Erfolge errungen. Das erste Wiener Auftreten des Chores findet am] 7. November 1933, um halb 8 Uhr abends, im , Großer* Konzerthaussaale statt und wird dem Konzert bereits mit großem Interesse entgegengesehen. Karten für dieses Konzert sind an der Konzertkassel Dr. Hohenberg, Wien, I., Oper (Operngasse), sowie an der Konzerthauskasse und in der Jüdischen Kunststellei erhältlich. . Abwehr des Antisemitismus' in Rumänien Bukarest, 26. Oktober. Am 7. und 8. November wird in Bukarest der Kongreß der Jüdischen Reichspartei Rumäniens abgehalten. Er wird von Mitgliedern der Reictepartei aller Reichsteile besucht sein. Seine Hauptaufgabe) wird es sein, die positive Abwehr des Antisemitismus zu organisieren und wirkungsvoll zu gestalten. Praxiserlaubnis für 81 neueingewanderte Aerzte in Palästina Jerusalem, 25. Oktober. Das Regierungsdepartement für Gesundheitswesen hat 81 jüdischen Aerzten, die sieh in Jerusalem, Tel-Aviv, Haifa und Petach Tikwah niedergelassen haben, darunter 16 Frauen, die Erlaubnis zur Ausübung der Praxis erteilt. Die überwiegende Mehrzahl der zugelassenen Aerzte stammt aus Deutschland.-5 Gleichzeitig wurde 21 Zahnärzten (darunter 3 Frauen), 8 Apothekern und 5 Hebammen diö Erlaubnis zur Ausübung) ihres Berufes gegeben. Unter den neu zugelassenen Apothekern befinden sich zwei Araber. 200.000 Doüar für ein medizinisches Zentrum in Jerusalem. Chicago, 25. Oktober. Die in Chicago abgehalten^ Konvention der amerikanisch-jüdischen Frauenorganisation/ Hadassa, an der 1500 Delegierte: teilnahmen, beschloß, eine Aktion zur Aufbringung von 200.000 Dollar zur Errichtung _ eines Hospitals und eines medizinischen Zentrums in Verbindung mit der Hebräischen Universität in Jerusalem einzuleiten. An dem Hospital sollen" jüdische Gelehrte ausi Deutschland wirken. 30:000 Dollar wurden für diesen Zweck! innerhalb von zehn Minuten von der Konvention aufgeßrachtV^' "fr^t-** tf'A'W+V* ./VjP JtJUJ'&dfui Schwerwiegender ^Vorstoß der lettländischen Nationalsozialisten Riga, 27. Oktober. Die lettischen Nationalsozialistenleiten eine Volksabstimmung ein, die darauf hinausgehen; soll, den ' Juden das Wahlrecht, das "Recht zum . Erwerb! von Immobilien, die Handelslizenzen,., den jüdischen Aerzten die Behandlung von Nichtariern zu entziehen. Zum ersten Male seit Bestehen . des1. lettländischen Staates hat eine Körperschaft, nämlich der Studenten- . ausschuß der, lettländischen Universität, den Beschluß, gev faßt,, einen Numerus clausus für .jüdische Studierende sowie ein Verbot für Juden, Leichen von' Christen zu sezieren, zu fordern. - . Die Ziele des Miphal-Arlosoroff: Juden aller Richtungen werden angesiedelt Jerusalem, 26. Oktober. Iii einem Gespräch mit dem Redakteur des „Doar Hajom" gab der Generalsekretär des Keren-Hajessod-Direktoriums, Leo Herrmann, nachstehende Informationen über die jetzt in allen Ländern im Zuge befindliche Aktion für Bodenerwerb und Siedlungzum . Gedächtnis an Dr. Chaim Arlosoroff (Miphal-Arlosoroff): Diese Aktion, die von der Jewish Agency und den Direktorien der nationalen Fonds proklamiert wurde, trägt einen ausgesprochen unparteiischen Charakter. Die von der Aktion aufgebrachten Beträge sind Eigentum des gesamten Volkes und werden daher zur Ansiedlung von kolonisationsfähigen Elementen aller Richtungen im Zionismus verwendet. Nach Verhandlungen zwischen den Direktorien des Kereu Hajessod und des Keren Kajemeth Lejisrael beschloß der Kongreß in einer besonderen Resolution die Proklamierung des Miphal-Arlosoroff und wandte sich' mit einem diesbezüglichen Appell an das gesamte jüdische Volk. Die Direktorien der beiden Fonds trafen ein Uebereinkommen, wonach zwei Drittel der Erträgnisse aus der Aktion für neue Ansiedlung durch den Keren Hajessodi und ein Drittel für Bodenankauf durch den Keren Kajemeth! Lejisrael bestimmt wurden. Auf Grund dieses Beschlusses; ergibt sich die Möglichkeit, nicht nur den nationalen Bodenbesitz zu vergrößern, sondern auch mit einer neuen Kolonisation einzusetzen, die im Rahmen des gewöhnlichen Budgets unmöglich "ist. Es soll, daran erinnert werden, daß der Beschluß des Kongresses betreffend die Arjosoroff-Aktion einstimmig ohne irgendwelchen Widerspruch seitens einer Partei gefaßt worden ist. Der Miphal-Arlosoroff braucht keineswegs irgendwie die gewöhnlichen Aktionen der nationalen* Fonds zu schädigen. Denn wäre dem so, dann hätten weder die Jewish Agency noch die nationalen Fonds seiner Proklamierung zugestimmt. Ueber Beschluß der Jewish Agency und der Direktorien der nationalen Fonds wurde mit der Leitung des Miphal- Arlosoroff ein spezielles Komitee mit dem Sitze in Prag1