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Der Jüdische Arbeiter · 1933-11-03 · Heft 44 (3.11.1933) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 44 (3.11.1933)
Date
1933-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Der jüdisch« AtkMiUr, ■■■■......■■ ii im Vi .........Mi um iWuMitm in.,, Ii»..m - in „■ m. 3. November t§33 Um eine Illusion ärmer fK£ Entwicklung det politischen Verhältnisse in Öestefreicn hse& in den letzten tagen einen wichtigen Schrie nach vorwärts, dem Ziele der Errichtung des christlichdeittscftera Staates entgegen, gemacht. Denn der vielbemerJfcte Leitartikel der „Reichspost" vom 31. Oktober kanm auch vom größten jüdischen Optimisten nicht in seiner grundlegenden Bedeutung verkleinert werden: es handelt sich ja. hier nicht um irgend ein obskures Blatt, das? da seinen Standpunkt der breitesten Oeffentlichkeit bekannt gibt. Die „Reichspost" ist das führende Regierungsorgan, das Blatt, das man mit Fug und Recht als das Sprachrohr der „Vaterländischen Front" bezeichnen kann. Sein© Bekenntnisse gewinnen daher in der gegenwärtigen Zeit besondere Wichtigkeit, weil man in einem Staate, der olino Parlament regiert wird, nur durch solche Aeußenmgenj der Regierung nahestehender Kreise über die zukünftige! Zielsetzung derselben etwas erfahren kann. Um es vorweg zu nehmen: Es sind keine1 erfreulichen Perspektiven, die dieser bedeutsame Artikel dem österreichischen Judentum eröffnet. Znrückerob er u ng der nationalsozialistischen Jugend durch die Vaterländische) ■Front, das ist die zentrale Aufgabe, die nach der „Reichspost" die österreichische Bewegung zu verwirklichen haben wird. Die „Reichspost" ist sich dessen bewußt, daßi diesti angestrebte Abkehr der nationalsozialistischen Jugend vom Ideal des Dritten Reiches nur durch Verschärfung des antisemitischen Kurses in Oesterreich erreicht werden kann. Und man muß sagen, da& die „Reichspost" gerne bereit ist, diese Voraussetzung zu befürworten. Sie wehrt sich dagegen, daß der Kampf der österreichischen Front gegen den Nationalsozialismus etwas mit jener Gegnerschaft zu tun hat, die die Kulturwidrigkeit seiner antisemitischen] Exzesse behauptet! Der Antisemitismus, sagt die „Reichspost", ist keine nationalsozialistische Erfindung; „es ist vielmehr mit wärmstem österreichischen Patriotismus! vereinbar", sich gegen die' Hypertrophie des Judentums' in einzelnen Berufen zu wenden. Die „Reichspost" beschwört das Gespenst des Numerus clausus, bezeichnet die tragische Vernichtung der Lebeiisgriindlagen des deutschen Judentums als „paar antisemitische Exzesses", und brandmarkt die aus Deutschland vertriebenen jüdischen Dichter, also z. B. Romanciers vom Range eines Josef Roth, Döblin und Feuchtwanger als.dekadente Literaten, von deren Geist sich zu befreien „die erste Sehnsucht" des österreichischen Heimatgeisteis ist. Die symptomatische Bedeutung 'dieser Kundgebung der österreichischen Front wird auf die jüdische; Bevölkerung! nicht: ohne Eindruck bleiben. Die Illusionen gewisser Kreise, die den Antisemitismus des zweiten Präsidenten der Vaterländischen Partei als Aeußerangfen< seines jugendlichen; Sturm und Dranges kennzeichnen wollten, sind reif zum Abbau. Es ist, wie es die j,Reichspost" schreibt;: Einizig! und allein die annexionistische Neigung Hitlerdeutschlasrtds; hat den Gegensatz zwischen Oesterreich und dem Dritten Reich hervorgerufen — im Judenpunkfi besteht zwischen dem deutschen und' österreichischen Faschismus keine Kluft — was unter anderen Verhältnissen auch positiver formuliert werden könnte. Der denkwürdige Leitartikel der „Reichspost" wird seine Wirkung auf die Juden Oesterreichs nicht, verfehlen. Auch der letzte Unionjude wird die Würdelosigkeit des Anbiederns an die österreichische Vaterlandspartei empfinden. Ueber diese erhoffte moralische Wendung in der gesamten jüdischen Politik hinaus ist es nun für jeden klar geworden, daß eine Ralliierung Sder jüdischen Gruppen in diesem Staate eine Notwendigkeit! unseres Lebens ist. Es sind KräftO am Werke, um; diese Einheitsfront des österreichischen Judentums zu schaffen. Wir hoffen, daß die Stimme der „Reichspost" diesen Einigungsprozeß beschleunigen wird. Gemeinsame Vertretung der Zionisten Oesterreichs . Am 28. Oktober fand eine Besprechung von Delegierten aller zionistischen Gruppen Oesterreichs statt, in der einstimmig beschlossen '.wurde, eine gemeinsame Vertretung zu konstituieren, zum Zwecke der Ermöglichung; eines gemeinsamen Vorgehens in zionistischen und jüdischen Fragen. Zum Vorsitzenden dieser Vertretung wurde Adolf B ö h in gewählt. Wichtige Beschlüsse des Organisationsrates Der Organisationsrat hat in seiner letzten Sitzung einstimmig folgende Beschlüsse gefaßt: Im Monat November hat jedes Parteimitglied sich voll und ganz dem Miphal Arlosoroff zur Verfügung zu stellen. Jedes Parteimitglied ist verpflichtet, mindestens einen Tagesverdienst für den Miphal Arlosoroff zu spenden. Jede andere Aktion hat während' des Monates November zu unterbleiben. Die Leitung der Aktion für den Miphal' Arlosoroff innerhalb der Wiener Organisation haben die Genossen Singer und Herschkpwitz übernommen. 1 : Die Arbeit muß weitergehen. 1. November 1933. Die Nachrichten!, die in der vergangenem1 Woche aus Palästina kamen, bezeichnen einie außerordentlich ernste Lage am Lande. Es war schon: die letzten Monate klar, daßi Am arabischen Lager ein ernstlEefrer Widerstand gegen die große Emwanderungswelle aus den Ländern der jüdischen Not vorbereitet wird. Und in manchen jüdischen Kreisen, auch' in solchen, die der Exekutive nahestehen, wurde: die Frage gestellt, ob die Regierung sich1 einem erneuerten Aufstand verhetzter arabischer Bevölkerungsteile gewachsen zeigen würde. Als die ersten Reibungen zu1 Tage traten1, fanden sich1 Zionisteni, die diese Erscheinungen mit einer ganz besonderen 'Argumentation' gegen die zionistische Leitung auszubeuten verstanden. Sie erklärten: Die arabische Protestaktion sei, von der Mandatarmacht bestellt, um den Verwand für ein e E i n s c h r ä n k u m g der Einwanderung zu liefern. Die Jewish1 Agency, kurzsichtig wie immer, und in den Händen der Linken für jede politische Einsicht verlören, durchschaue dieses ränkevolle Spiel nicht Als nun bekannt wurde, welch' unerhört kleine Zahl von' Zertifikaten die englische; Regierung bewilligt hatte, schien das für den1 schwarzen Zionismus eine neue Bestätigung! seiner Eintagstbeorie. Die Schüsse, die am letzten! Wochenende; in Jaffa, Haifa und Jerusalem gefallen sind, scheinen! iitns gegen diese Konzeption einer antijüdisch'en arabisch-englischen Verschwörung sehr stark zu sprechen. Es ist kaum anzunehmen, daß) die Perfidität „Al- Ibions" sio weit geht, daß. es das Blut seiner besten! Söhne um eines politischen Schachzuges willen opfert, besonders wenn das gleiche Resultat sich mit viel einfacheren Mitteln auch erzielen läßit. Was sich' in Palästina abspielte, war eine Auseinandersetzung zwischen Arabern und Engländern zum Thema „Aufbau des jüdischen nationalen Heimes", eine Auseinandersetzung, die diesmal ohne jüdische Opfer ablief, die aber zweifellos «och1 lange nachwirken, wird, und deren Lehren man auf englischer^ auf zionistischer und auf arabischer Seite, möglichst eindringlich1 zur Kenntnis genommen wissen möchte. Bei Regierungsüberschüssen, die in die Millionen Pfund gehen; bei einem ununterbrochenen Kapitalimport aus den Ländern, die unter dem Hochdruck des Antisemitismus stehen und auch aus Ländern, in denen es Juden zunächst unbehaglich1 wird'; bei einen mächtigen Entfaltung jüdischer Initiative und Unterneftmungskraft im Lande, hat die Regierung* ihre engengherzige Politik weiter verfolgt, die in der offiziellein1 Einwanderungsquote für das zweite Halbjahr 1933 ihren beschä,mendstew Ausdruck gefunden hat. Daß, sie. dabei selbst tastet und nicht! sicher genug |üst, den richtigen Weg zu gehen, erkennt man ihren Maßnahmen. Auf der einen Seite wurde die Forderung der Jewish Agency nach 24.000 Zertifikaten' bewußt überhört. Diese Forderung basierte auf Tatsachen:: auf dem Mangel an Arbeitshänden in Stadt und Dorf, auf der phantastischen) Umfang annehmendem Baübewegung und auf den sich' neu entwickelnden Zweigen der Industrie und des Erwerbs. In einer solchen Lage, zu einer Zeit, wo jüdische Arbeiter gesucht werden und, wenn sie qualifiziert sind, in manchen Zweigen einen Tageslohn von 1 Pfund pal. erhalten (während qualifizierte Arbeiter sonst kaum über 10 Shilling täglich verdienten) bewilligt der Mandatar kaum ein Vierte! der ^geforderten Zertifikate. Daß, er sich dabei nicht nach dem ansii ö k o n 'o m i s c h en Momenten quellenden Einwanj derungsbedürfnis 'des Landes richtet, erhellt aus derj Tatsache, daßi 1000 Zertifikate in Reserve behalten, j 500 für jene 'Touristen zurückbehalten! werden, die j sich später im Lande ansässig machen werden. Das: bedeutet: die englische Regierung kennt den Druck i gegen die Tore des Landes, sie' rechnet selbst 'offiziell; mit ihm, sie gibt zu, daß jnfolge des Mangels an Ar-j beitern, mehr Menschen ins Land kommen werden,! als der Ziffer der Arbeiterzertifikate entspricht — und) sie gibt doch rnicht nach! Mani braucM mehr Zertifikate1 j — aber---. , ' Auf der anderen Seite haben! uns diese diese Tage in Palästina gezeigt, daß) die Jewish1 Agency mit einer der wichtigsten ihrer Forderungen n a c h1 e i n e r Arbeit vom vier Jah'ren (1929 bis 1933) durchgedrungen ist. Der arabische Aufstand hat die englische Macht vorbereitet gefunden. Die Engländer haben von ihrer Bereitschaft Gebrauch gern a c h t, als es ernst wurde. Hier hat die Politik des „Laisser Ifaire, laisser passer", wenn man nach den! Tatsachen schließen darf, ein Ende gefunden. Die Araber haben verstanden, daß sie einen| zweiten August 1929 nicht inszenieren können. Der nationalistischen) Politik der vom Zionismus profitierenden Effendi wurden einige blutige Opfer zu Füßen gelegt. Die arabischen Chauvins müssen erkennen, daß; siel auf d i e s e m Wege die jüdische Aufbauarbeit nicht zurückschlagen1 können'. As ist sehr wahrscheinilich', daß' die arabischen Notabeln nach! anderen Methoden suchen werden und es wird nötig sein, sich1,, rechtzeitig darauf einzustellen. Daß es sich auch diesmal um keinen Volksaufstand gehandelt hat, geht aus allen Einzelheiten; hervor, Die Araber werdet mit den Tatsachen zu rechnen haben. Wir wollen Palästina gewiß, nicht auf englischen. Bajonetten aufbauen, aöer es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, daß der Pakt, den das jMschfe und das englischer VöIFgescfilöSsen hat, in der Mot wirksam Werdeft kann?. Er wird aber nur solanige wirksam sein, als wir adäquate Partner, sind, mit denen man rechnen muß'. In dieser, Stellung befinden wir uns heute in: Palästina. Sie ist das Resultat einer zähen Aufbauarbeit. Durch diese Aufbauarbeit wurden! die Grundlagen für das jüdische Heim geschaffen, das in der Flucht der Tragödien! unserer Brüder ein Asyl und eine Zukunft geworden ist. Ist es eini Zufall, "daß England 1929 zusah und 1933 Opfer brachte? In der Zwischenzeit sind, vorsichtig geschätzt, 100.000 Juden; ins Land gekommen: und mit ihnen Millionen von Pfund und Unmeßbares an menschlichem Aufbauwillen. Darin liegt die Erklärung für die Entschiedenheit, mit der England sich' an unsere Seite stellte. Wir aber müssen1 unsere Politik darauf einrichten, England zu erklären: Deine Menschenopfer wollen wir nicht. Geffne die Tore! Wir wollen selbst so stark werden, daßi wir unangreif-. bar sind. Wir wollen durch1 unsere Arbeit und Leistung das arabische Volk belehren und erheben. Wir wollen' durch1 unsere Macht das arabische Volk davor beschützen, den nationalistischen Hetzern zum Opfer zu werden. Wir wollen neue Zertifikate, wir wollen! jüdische Arbeiter im Land! Die Arbeit muß weitergehen, in der ganzen Breite! K. B. Schalom Asch: „Er lebte nicht umsonst" (Einige Worte zum Mifal-Artosorofi) Ein junges schöpferisches Wesen, voll Liebe zu seinem Volke, von großer schöpferischer Energie,, zum Führer bestimmt, kraft seines starken Willens und klaren Blickes, ist durch1 mörderische Hand am Anfang seiner Tätigkeit niedergebrocheini worden. Noch wirken die Segnungen seiner schöpferischen Großtat für die jüdischen Massen gleich den Säften' eines frühzeitig gefällten Baumstammes. Denn dieses Wesen lebte nich't umsonst — sein Andenken soll nicht der Vergessenheit verfallen — seine Erbschaft soll in Israel ewige Zeiten' überdauern. Um dies1 zu verwirklichten, hat die Zionistische Exekutive 'beschlossen!, einen Fonds zur Schaffung eines neuen Kokmisatiohswerkes in Erez Israel zum Gedächtnis des jung verstorbenen Chaim Arbsoroff zu gründen — in dem Lande, wo Hunderte jüdischer Familien auf alt-neuem Boden ihre Heimat finden. . Die Initiative hierzu kam aus der Mitte der jüdischen Arbeiter in Palästina, in deren Mitte der Verstorbene .als Freund und Genosse lebte und wirkte. Die jüdischen Arbeiter in Palästina waren auch die ersten, die der Aufforderung zur Sammlung der nötigen Fonds für dieses neue jüdische Siedlungsgebiet Folge leisteten — für ein Siedlungsgebiet, das den Namen ihres Führers und Freundes für ewige Zeiten tragen1 soll. Mehr als 23.000 jüdischer Arbeiter haben' sich an den Sammlungen beteiligt; viele von! ihnen haben für diesen Zweck zwei selbst drei Arbeitstage geschenkt. Ebenso, hoffe ich, wird jeder Jude einen Stein zur Errichtung dieses . Denkmals beitragen, das wir zum Gedächtnis eines unserer kräftigsten Männer, aufzustellen beabsichtigen, der in so jungen' Jahren! unverschuldet von dieser Welt ging. , Dieses Denkmal wird so lichterloh und strahlend sein, wie eine neu entzündete Fackel, die da leuchten! wird auf einem der galiläischen Berge, urm zu erzählen! von der unauslöschlichen Liebe von Menschen zur Mutter Erde. Dieses Denkmal wird Trost und Hoffnung in Millionen düsterer Stuben hineintragen/ über die ganze Erdkugel Hoffnungsstrahlen bringen und diese Menschen zu neuen Taten und Schaffen neue: Formen eines! Lebens voll Freude und Hoffnungen) wecken. Dieses Denkmal wird dann kein 'toter Gegenstand, vielmehr eine lebendige und fruchtbare Tat sein,, 'begleitet vom Gesang wachsender Kinder; In ihm wird ein neuer Stützpunkt für ganz Israel erstehen. Sollte denn nich't jeder seinen Stein zur Errichtung dieses Denkmals beitragen? Dank jedem Juden auf dem Lande wird in der Stadt für 5 Juden Platz geschlaffen und Zehnern) Arbeitsfreude und Schaffungsmöglichkeiten im Lande unserer Ahnen gewährt. Und noch etwas: Vergesset nicht, daß wir jede Elle Boden nicht nur auszulösen haben; wie ein gefangenes Kind, sondern';daß wir sie mit Mühe und Arbeit erwerben' müssen. Zu dieser Arbeit rufen wir Euch, Eure hilfreiche Bruderh'and auszustrecken. Ein arabischer Appell für Zusammenarbeit Jerusalem, 25. Oktober. Die arabische Zeitung ,/Meraat al Sherk" forciert die arabischen Führer auf, im Interesse des Landes und seiner Bevölkerung ihre Aufmerksamkeit mehr der Wirtschaft und weniger der Politik zuzuwenden. Viele Gelegenheiten der Beteiligung an jüdischen wirtschaftlichen Unternehmungen sind zum Schaden der arabischen Bevölkerung ungenutzt geblieben. Die arabischen Führer haben ihre nationalen Pflichten vernachlässigt, indem sie ihre Anhänger von Öffentlichen Unternehmungen: fernhielten.

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