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Der Jüdische Arbeiter · 1933-10-27 · Heft 43 (27.10.1933) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 43 (27.10.1933)
Date
1933-10-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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27. Oktober 1933 Der jüdische Arbeiter. Seite 3. Neukolonisation in Palästina Zum Gedächtnis Chaim Arlosoroffs. Nach langem Zögern hat sich der „Völkische Beobachter" endlich entschlossen, auch seinerseits die Anti- Boykott-Order des Innen- und des Arbeitsministers abzudrucken; er tut dies ohne Kommentar. Der Nationalsozialistische Aerztebund, Gau Hessen- Nassau, macht es seinen Mitgliedern zur Pflicht, den Aufdruck „Deutscher Arzt" auf ihrem Arztschild anzubringen. Zum Jahrmarkt in Bad Tölz am 8. und 9. Oktober wurden auf amtliche Anweisung des Stadtrates jüdische Händler nicht zugelassen. Die Polizeidirektion und der Stadtrat von München haben für die Dauer des Oktoberfestes u. a. bestimmt: Personen jüdischer Abstammung werden zum Oktoberfest für den Verkauf von Waren, die Verabreichung von Speisen und Getränken, sowie für die Veranstaltung von Lustbarkeiten nicht zugelassen. Dieser Ausschluß erstreckt sich auch auf die Beschäftigung von Personen jüdischer Abstammung als Stellvertreter, Angestellte, Mitarbeiter, Artisten, Gehilfen oder Mitspieler. Tausende Juden sollen jetzt ausgebürgert werden Berlin, 20. Oktober. Vom Preußischen Innenministerium erging an sämtliche Polizeibehörden die Aufforderung, alle Schritte zur sofortigen Rückgängigmachung der seit 1918 vollzogenen Einbürgerungen von Nichtdeutschstämmigen einzuleiten. Von dieser Maßnahme sind einige tausend Juden betroffen; darunter befinden sich Familien, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland ansässig sind, ihre Einbürgerung aber erst nach 1918 vollzogen haben. Da die Betroffenen anläßlich ihrer deutschen Einbürgerung ihre frühere Staatsbürgerschaft verloren hatten, die sie nur in den wenigsten Fällen wieder erwerbeini können, entsteht hier eine neue Art von Staatenlosen, für die der Völkerbund wohl eine Regelung wird treffen müssen. Juden sollen aus dem Handwerk hinausgestoßen werden Anläßlich der Eröffnung der Deutschen Handwerkerwoche, die vom 15. bis 22. Oktober dauert und aus» der das jüdische Handwerk ausgeschlossen ist, hielt der Vorsitzende der Deutschen Handwerkskammer, Lohmann, eine Ansprache, in der er es als das Ziel desi deutschen Handwerks hinstellte, dieses von Juden zu säubern. Gegen das Eindringen des zerstörenden jüdischen Einflusses in das Handwerk müssen die schärfsten Mittel eingesetzt werden. Zum Schluß erklärte Lohmarin, seine Ausführungen basieren auf den Lehren Adolf Hitlers und Theodor Fritschs. „Deutschjuden" gegen „Fremdjuden" Dr. Max Naumann, Führer des Verbandes nationaldeutscher Juden, setzt seinen Feldzug gegen die Anhängen des Zionismus und des Palästinaaufhaus, die er als „Fremdjuden" bezeichnet, in einer Reihe von Versammlungen fort. Als Redner schlägt er eine „praktische und für* dag deutsche Volk tragbare Lösung der deutschen Judenfrage" vor, die „Fremdjuden" als Staatenlose zu behandeln, hingegen den „Deutschjuden" Bürgerrechte zu verleihen. Er schließt seine Reden mit einem dreifachen Heil-Ruf auf das deutsche Vaterland, woraufhin von seinen Leuten das Deutschlandlied gesungen wird. 25 Jahre jüdische Kultnrbewegung Wir feiern! in1 diesen Taigen' das fünfundzwanzig^ jährige Jubiläum der Czernowitzer Sprach konferenz, die die jiddische Sprache als die nationale Sprache des jüdischen! Volkes proklamiert hat, bei welcher das Fundament der Kultur und Rönaissancebewegungl gelegt wurde, die mit der jiddischen1 Sprache verbunden (ist. An dieser Konferenz haben' Politiker, Schriftsteller und Voltebildner der verschiedensten Richtungen teilgenommen". Bundisten, Boale-Zbnisteni (unter der Führung von Chasaniowitsch), Sejmisten) lund Zionisten. Diese Konferenz ist lange im Zentrum des öffentlichem Interesses gestanden1, sie war Gegenstand der kulturpolitischen Diskussion und hat das soziale Antlitz der politischem Parteien im der jüdischem Gasse entscheidend mitgestaltet. Der Kampf für die Anerkennung der jiddischen Sprache, für das Recht der jüdischen Presse, des jüdischem Theaters und der jüdischen Schulen mit jiddischer Unterrichtssprache beginnt schon am Ende des 18. Jahrhunderts. Bis zum Jahre 1903 hat man trotz aller Anstrengungen1 nicht die Erlaubnis, jiddisch1 geschriebene Zeitungen herauszugeben, erlangen können. Dasselbe Martyrium hät auch das jüdische Theater erleiden müssen. Ein Vierterjahrhundert wurde im Osten vergeblich tum sein: Existenzrecht gekämpft. Die Czernowitzer Konferenz hat die Entstehungsperiode der jüdischen Kulturbewegung abgeschlossen und eine neue Epoche eröffnet. Die Pionierarbeit der Einzelnen wurde durch die kollektive Leistung der organisierten Gesamtheit ersetzt, es wurden die legitimen Instanzen der jüdischen Kulturbewegung geschaffen1. Die Initiatoren der Konferenz waren Schriftsteller, sie wurde von Perez, Reisern, Asch1, Nomberg, Schitlovsky und Nathan Birnbaum 'organisiert. Mendele lund Schalom Alejchem haben1 die Konferenz begrüßt. Die Zahl der jüdischem Publizisten1, die der Konferenz skeptisch' gegenüberstanden', war sehr groß. Das amerikamische „Morgemjiournal" fragte, welchen Nutzen die Anerkennung der jiddischen Sprache bringen! könne? „Wer kann Frankreich, England und das heilige Rußland zwingen, die jüdische Sprache •anzuerkennen?" „Unser Leben" stellte wieder folgende Bodens und Freiheit ist der Ruf des Jüdischem Volkes. Wieder wütet brutalster Judenhaß, schon sind die verschiedensten1 Länder überflutet von flüchtigem Opfern; niedrigster Verfolgung. Ihnen Heimat zu bereitem, ist dringendste jüdische Verpflichtung. Es gilt, im Lande der jüdischen Zukunft eine feste und dauernde jüdische Basis zu schaffen. Ein neues Sied 1 ungswerk in Palästina] wird verknüpft mit dem Namen Arlosoroff zur ewigen Ehrung des Führers, der auf so tragische Weise seinem Wirken entrissen worden ist. An alle Juden ergeht der Ruf, dieses! Werk durch Opfer zu ermöglichen! Jeder Jude, der fühlt-, wie sehr neue Siedlungstätigkeit in Palästina not tut, damit das jüdische Volk wieder Hoffnung schöpfe, ist aufgefordert, an diesem Werk mitzuarbeiten, das ebenso! jüdischem Arbeitern wie Mittelstand lern und Opfern' der brutalem deutschen Judenhetze zugute kommen soll. Die Größe dieses Werkes hängt ab' von der j üdischem Opferbereitschaft! Fragen: „Was kann uns schön eine richtige Orthographie helfen1, wenn wir kein Volk, kein Publikum, keime Literatur lund keine Leser haben?" Fünfundzwanzig Jahre nach Czernowitz, und im einer Reihe von Ländern ist die jiddische Sprache; von der Regierung anerkannt worden. Der Kampf um die (nationale Autonomie im Rußland, Litauen, Letiand, Estland und zum Teil auch im Rumänien stand im Zeichen der jiddischen; Sprache. Zehntausende jüdischer Schulkinder besuchen, die jüdischen Schulen' mit jiddischer Unterrichtssprache, die vom den jüdischen Massen gelesene jiddische Tagespresse hat eine Gesamtauflage vom nahezu einer Million Nummern, allen pessimistischem Prophezeiungen' zum Trotz, ist die jiddische Sprache nicht untergegangen'. Die Zahl der Juden, die sich in Polan und Amerika zw jiddischen Sprache als ihrer Muttersprache bekennen', ist im Vergleich1 zur Vorkriegszeit gewachsen, die Achtung vor der jiddischen Volkssprache, das Interesse für ihre Literatur hat nunmehr auch' früher fernstehende Kreise erfaßt! Drei Standpunkte wurden auf der Czernowitzer Konferenz vertreten: Ester (Bund) forderte die Anerkennung des Jiddischen als. der einzigen nationalen Sprache des jüdischen Volkes. Chasaniowitsch1 (Poale-Zton) formulierte seinen Resolutionsvorschlag dahin!, daß; Jiddisch eine nationale Sprache des jüdischem Volkes ist. Perez schließlich1 stellte dem Antrag, das Jiddische als eine Sprache des jüdischen Volkes anzuerkennen, unabhängig, ob sie als eine nationale Sprache zu b'ezeich'mem ist. Fast einstimmig wurde die Re^ Solution) angenommen!. Gleichzeitig zum Beschluß erhoben wurde auch ein Zusatzantrag Schitlovskys, Aschs und Nombergs, daß es jedem Mitglied frei steht, seine Stellung zur hebräischen Sprache nach seiner Ueberzeugung zu beziehen1. Trotzdem die Poale-Ziam im Jahre 1908 ihre Stellungnahme zur Sprachenfrage nicht programmatisch1 formuliert hat, haben' alle 8 poaleziomistischen Delegierten einstimmig für den Antrag gestimmt, daß die jiddische Sprache eine nationale Sprache ist, anerkennend, daß das jüdische Volk zwei nationale) Sprachen hat: Hebräisch und Jiddisch. Der Führer) der poalezionistischem Delegation, Chasaniowitsch1, hät diesen Beschluß im folgenden, auch heute noch1 überzeugenden Worten motiviert: „Würden' wir meinen, daß die luden dauernd in ihrem Wohmländerm blei-! ben werden, dann wären wir überzeugt, daß die jüdische Sprache und Kultur überhaupt keine Zukunft haben1, da parallel mit der ökonomischen Assimilation auch1 die kulturelle vor sich gehen! müßte. Die Konzentration der Juden im einem Lande wird aber auch die Annahme einer nationalen Sprache notwendig machen1. Wir wissen nicht, ob Hebräisch die Verkehrssprache im Palästina sein wird. Wir sagen1 offen und ehrlich: Wir wissen es nicht. Aber mit allem Nachdruck protestieren' wir dagegen!, daß drei Millionen1 Juden (heute sind es 6 Millionen, d. Verf.), die nicht Jiddisch sprechen, für uns verloren' sind1. Niemand vom uns hät das Recht, zu erklären: La matiom c'est moi — die Nation, das bim ich! (Der jüdische Arbeiter, 1908.) Heute ist die Lage um vieles klärer. Hebräisch1 ist heute im jüdischem Jischuw Palästinas die herrschende Sprache geworden. Gleichzeitig wird aber auch die Tatsache immer mehr anerkannt, daß. selbst bei der größtem Aufnahrnsfähigkeit Palästinas, große Teile des jüdischem Volkes im1 den Massensiedlungsländern verbleiben werden. Je größere Fortschritte; der Aufbau Palästinas machen wird, 'um so klärer wird es dem breitesten1 Schichten des jüdischen1 Volkes1 werden1, daß; wir zwei nationale Sprachen haben, daß unserSprachdualismus eine Grundtatsache des jüdischem Volkslebens ist, die jeder bejahen muß, der die Gegemwart und Zukunft unseres Volkes bejaht. p*h i> j j? i : , i; v. s. Es gilt die weitesten jüdischen Kreise zu erfassen. Jeder leiste seinen angemessenen Beitrag und stelle diesem Werk seine Kraft als Werber und Sammler zur Verfügung! In vorbildlicher Weise haben die Juden in Palästina selbst den Ertrag dreier Arbeitstage geopfert und bisher schon 18.000 Pfund aufgebracht. Wir erwarten, daß auch die Judenschaft Oesterreichs ihre Pflicht tue! > Dir. Siegfried Altmann, Dr. Paul Berger, Dr. Max Bernhardt, Adolf Böhm, Dr. Fritz Ekstein, Blanka Federn, Prof. A. Freud, Dr. Desider Friedmann, Dr. Leo Goldhämmer, Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Dr. I. H. Körner, Obering. Otto Krasny, Dr. Josef Löwenherz, Sophie Löwenherz, Dr. Jakob Ornsteim, Dr. Leopold Plaschkes, Dr. Siegfried Plaschkes, Doktor Dawid Rothblum, Mendel Singer, Dr. Michael Steinberg, Dr. Chaim Tartakower, Dr. Walter Werner, Samdor Wolf. Leben in Palästina in......niiiiniiiiii.......iiiuiiUuiUuiiiimiiiiiUiiiMu»<iiitMiiiihiiiUMMiiiiunMiiniiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiii Tel Awiw um dreißigtausend Seelen gewachsen! Die Bevölkerung von Tel Awiw, die 1930 noch 42.000 Seelen betrug, ist jetzt auf 75.000 Seelen angewachsen. Das Budget der Stadtverwaltung hat sich von 85.000 Pfand i. J. 1930 auf 180.000 Pfund i. J. 1933 erhöht. Die Regierungsbeihilfe für Tel iWiw hat sich aber seit 1930 "um! nichts erhöht. Von Januar bis September 1933 wurden Bewilligungen, zum Bau von 6084 Wohnräumen und 160 Läden mit einer Gesamtbaufläche von 203.S56 Quadratmeter, gegen 161.2 Wohnräume und 99 Läden mit insgesamt 62.104 Quadratmeter in der gleichen Periode des Vorjahres, erteilt. Allein' im August wurden Bewilligungen zum Bau von 1104 Wohnräumen und 14 Läden auf einer Gesamtfläche von1 37.329 Quadratmeter, gegen 353 Wohnräume und S Läden auf 12.917 Quadratmeter im August 1932, gegeben. Dabei lagen Ende August 1933 noch :unerledigte Gesuche betreffend 1297 Wohnräume und 60 Läden auf 46.700 Quadratmeter vor. Infolge der großen Nachfrage nach Wohnungen — jedes Schiff bringt Hunderte Neueinwanderer — macht die Bautätigkeit in Tel Awiw Riesenfortschritte. In den Monaten Juli und August 1933 wurden im) Schlachthaus von Tel Awiw 5258 Stück Vieh geschlachtet, das Doppelte der Zahl der in der gleichen Periode des Vorjahresgeschlachteten Tiere. Ein neuer palästinensischer Tonfilm Die Orient Film Corporation Ltd. (OFC) in Tel Awiw hat mit den Aufnahmen zu ihrem ersten hebräischen Tonfilm begonnen. Der Film wird das lebende, arbeitende Palästina in seinem Aufbau zeigen. Alle mitwirkenden Schauspieler sind Palästinenser. Die Hauptrollen sind mit Mitgliedern des hebräischen Künstlertheaters „Habimah" besetzt. Die Regie führt Dr. Louis Lazar. An der Kamera) stehen G. Ventimiglia und H. Lanyi. Toningenieur: R. Rossi. Inszenierung: Avigdor Hameiri. Drehbuch: Erich Brock. Gründung einer Pflanzüngsgesellscbaft deutscher Juden Eine in der Nähe von Rechowoth liegende ausgedehnte Orangenpflanzung, die bereits seit 1928 besteht und von einem der bedeutendsten Fachleute der Citruskultur in Palästina angelegt ist, wird zum Verkauf an Interessenten parzelliert. Ein in Palästina gegründetes Initiativkomitee, dem die Herren Aronowitsch, Direktor Bank; Hapoalim, Kurt Bltimenfeld, Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. Alfred Bonne, Leiter des Wirtschaftsarchivs für den Nahen Osten, Jerusalem, Dr. rer. pol. L. Klein, Tel Awiw, Max Oppenheim, Tel Awiw, Benjamin Sakai, Giwath Bronner und als beratender Sachverständiger Herr M. Smilanski, Rechowoth, angehören, hat es sich zur Aufgabe gemacht, deutschen Juden, die üben entsprechende Kapitalien verfügen, den Erwerb eines Teiles der Orangenpflanzung zu ermöglichen. Die „Jaschresch"-Gosellschaft für Pflanzungen m. b. H., die die Verwertung der Orangenplantagen übernehmen: soll, befindet sich in Gründung. Ansiedlung der ersten österreichischen Kwuzah Aus Tel-Aviv wird uns berichtet: Der Merkas Chaklai (Landwirtschaftliche Zentrale) beschloß; in seiner letzten Sitzung', die österreichische! Kwuzah1 „Hasadeh", ' Rischonl Lezion, bei Bear Tuwia anzusiedeln. Es ist die erste österreichische Gruppe, die angesiedelt wird. (Wir kommen noch ausführlich darauf zurück.) Einfuhrzollbefreiung in Palästina Die nachstehenden Waren sind auf die Liste der bei der Einfuhr zollfrei zu lassenden Waren gesetzt worden: Vorhitzer, Ueberhitzer, Reinigungsapparate, Steingutgefäße,

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