Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Per judische Arbeiter. 27. Oktober 1933 Wiederaufnahme Oes Uerfiörs im ttorflprozeft flrosoroff ist und den „Hanoar Hazioni" ir Kongreßpolen. Sie glaubte, endlich eine treuergeb 'gendreserve zu haben, mit deren' Kraft sie den ptf gegen die Histadruth aufnehmen' würde. Und nuw — die Jugend meutert! Die Debatten! auf der Konferenz der Allgemeinen in Palästina, ferner der gegen die Allgemeinen gerichtete Aufruf des „Hanoar .Hazioni" und „Achwah" die Beschlüsse der allgemeinnzionistischen Jugend tage zeigen:, wie weit die Jugend den1 Allgemeinen entrückt ist. Zwei Momente übten entscheidende Wirkung auf die Jugend der Allgemeinen: 1. Die persönliche Berührung mit 3er palästinensischen Wirklichkeit und der Histadr uth1. Man kann solange den' Verleumdungen der Allgemeinen' gegen die Histadruth glauben, als man selbst auf Zeitungsberichte und Hetzreden angewiesen ist. Kaum aber hatten die nach Palästina eingewanderten; Akibah-Mitglieder die Tätigkeit der Histadruth! näher kennen gelernt, sind sie korporativ der Histadruth' beigetreten und haben unter den Allgemeinen den (Kampf für die Anerkennung der Histadruth aufgenommen!. Das war der erste schwere Schlag der Jugend gegen die Allgemeinen. 2. Der zwangsläufige Proletarisierungsprozeß, dem die gesamte jüdische •Jugend, (insbesondere im Osten ausgesetzt ist. Es gibt heute für die breitesten1 Schichten der jüdischen Jugend bloßi einen1 einzigen Ausweg aus der unsäglichen; Not und Verzweiflung-, in der sie leben1 und das ist die Proletarisierung," der Uebergang zur Arbeit in: Palästina. Diese Erkenntnis dringt langsam durch, 'und je mehr sie durchdringt, umso zwingender ist für die Jugend — auch' für die der Allgemeinem — die Schlußfolgerung, ""daßi der Kampf für jüdische Arbeit und für organisierte Arbeit in Palästina eine wesentliche zionistische Aufgabe ist, und daß vom Ausgang dieses Kampfes nicht allein die Zukunft der Jüdischem Jugend in der Diaspora, sondern die Zukunft des Zionismus abhängt. Von dieser Erkenntnis ist die Revolte gegen die Allgemeinen getragen. Auf der vor dem Kongreß, abgehaltenen1 Konferenz der Allgemeinen in Palästina hat die Jugend eine Resolution vorgeschlagen', in der gefordert wird, daß' allgemein-zionistische Pflanzer, die keine jüdischen Arbeiter beschäftigen, zum Ziomistenkongreßi nicht gewählt werden dürfen. Natürlich1 wurde die Resolution; abgelehnt, wie alle anderen Resolutionen der Jugend, die gegen die Sozialpolitik der Allgemeinen gewendet war. Und sie hatten Grund genug dazu! Mußte doch das Organ; der Allgemeinen! in Palästina „Haklal Zioni" zugeben, daß Herr Rokach1, Vizebürgermeister von1 Tel Aviv und Führer der revision'istenfreundlichen: Allgemeinen auf seinen 260 Dun am Pardeß bloß. 2 jüdisch'e Arbeiter (beschäftigt! Die Revolte der Jugend gegen1 die Allgemeinen, die in Palästina ihren Ausgang, nahm, 'ging rasch1 auf die Gallith über. „Wir waren1 überrascht vom Auftritt des Chawer Koldani gegen den .Weltverbänd der Allgemeinen Zionisten" bekennt der „Haklal Zioni" (Nr. 35). Und Herr Koldani ist doch1 kein Gegner, sondern ein Führer der allgemein-zionistischen' Jugend. Der Kampf der Jugend gegen1 die Allgemeinen ist ein Kampf um den sozialen Inhalt des Allgemeinen; Zionismus. Werden1 die Allgemeinen aus dieser Revolte lernen, werden sie den Mut haben', die notwendige Umstellung vorzunehmen? ... Die Tragödie der Allgemeinen1 besteht darin, daß sie ihre mühsam 'organisierte und großgezogene Jugend nicht halten kann, daß; ihr dieselbe verloren geht und verloren1 gehen m u ß, weil die Dynamik der jüdischem Wirtschaft die jüdische Jugend' in einer Richtung treibt, die der sozialpolitischen! Linie der Allgemeinen zuwiderläuft. Politik ist im Wesen private und gesellschaftliche; Lebensgestaltung |und die Sozialpolitik der Allgemeinen, ihre Auffassung von der Gestaltung des gesellschaftlichem jüdischen Lebens muß zwangsläufig in Widerspruch' geraten; mit den Lebensnöten der jüdischen Jugend, die daher, Ungeachtet ihrer Erziehung bei den Allgemeinen, im' gleichen Augenblick mit ihrem Ziehvater in' Konflikt geraten muß, als sie sich ihres Weges und Zieles bewußt wird. Werden die Allgemeinen den Sinn dieser Revolte und den Sinn des grandiosen Proletarisieriingsprozeß im jüdischen Leben, der die gesamte Jugend in' seinen Bann zwingt, verstehen? Werden sie es endlich einsehen, daß ihre bisherige Sozialpolitik der zentralen Entwicklungstendenz des jüdischen Lebens zuwiderläuft und daß sie daher ein1 unfruchtbares, reaktionäres Element im jüdischen Lebert darstellen, und in Gegensatz zu ihrer Jugend geraten müssen? Es ist die Schicksalsfrage des sogenannten Allgemeinen Zionismus. S. Drechsler. „Die Stimme der Religion" ^egen Deutschland American Jewish Committee verbreitet ein Flugblatt „Die Stimme der Religion", das Erklärungen des Er2bischofs von Canterbury, des Dekans Inge und anderer hervorragender religiöser und Laien-Führer der christlichen Welt in Amerika und anderen Ländern enthält, in denen der ■t'tüische Antisemitismus und die Unterdrückung der Juden in Deutschland verurteilt werden. $ Jerusalem, 19. Oktober. Am 18. Oktober vormittags wurde das Verhör im Mordprozeß Arlosoroff wieder aufgenommen. Gleich zu Beginn des Verhörs gab der der Organisierung des Mordes beschuldigte Führer der Jung- Revisionisten, Aba Achi Meir, in erregtem Tone die folgende Erklärung ab: „Ich habe bis jetzt allem geduldig zugehört und geschwiegen, aber gegenüber den falschen Aussagen Ascher FTazans und der Ida Assailowa, die mich am Abend des .Mordes in Tel Awiw gesehen haben wollen, kann ich nicht länger ruhig bleiben und nicht länger schweigen. Mehrere angesehene Bürger Jerusalems, unter ihnen der Professor an der Universität Nahum Slousch, und das Mitglied des Waad Leumi Abraham Elmalah, haben mich an dem gleichen Abend zwischen 6 und 7 Uhr in Jerusalem gesehen. Ich erkläre nochmals: ich war damals nicht in, Tel Awiw, sondern in Jerusalem. Die Bekundungen Hazans und der Assailowa sind falsch. Ich' fordere meine Freilassung, mindestens Freilassung gegen Kaution." Polizeirichter Bodilly wandte gegen die Erklärung Achi Meirs ein, die Frage, wo er, Achi Meir, sich' am Mordabend aufhielt, sei garnicht so gravierend, da er doch nicht der Teilnahme am Borde selbst, sondern der Organisierung des Mordes beschuldigt sei; die Organisierung aber konnte in Jerusalem vor sich gegangen sein. H®t»uB»{sf«iigi eflm&a» ^Demolaaos&fiffi© Brünn, 26. Oktober 1933. Der Staatsfeiertag der Tschechoslowakei, der am diesem 28. Oktober begangen wird, zeichnet sich von vielen1 der früheren durch zwei Umstände aus: Er bildet dm beachtlichem Merkstein der eineinhalb Jahrzehnte altem ^nationalen Selbständigkeit des tschechosk>\ Jakisch'em Volkes. Und: Der Staat, den dieses Volk sich schuf, begeht seinem 15. Geburtstag als Demokratie, die es trotz aller Verlockungen! verstanden1 hat, ihr freiheitliches Wesen zu bewahren! und ablehnt, mit den faschistischen Wölfen zu heulen, die letztens Mitteleuropa so reichlich bevölkern'. Wir habem allem Grund, uns dieses Datums zu freuen, als Juden, als Arbeiter, als Zionisten. Als! Juden', weil die jüdische Gemeinschaft, die auf dem Boden dieses .Landes lebt, noch alle Rechte der menschlichem Freiheit genießt, weil dieser jüdischem Gemeinschaft, die als nationale Minderheit anerkannt wurde, das freie Bekenntnis zur jüdischen' Nation! durch 'die Staatsverfassung garantiert wurde, weil dieser Staat vom ihr nichts fordert als Loyalität und'i konstruktive Mitarbeit, während er ihr alle Rechte j einier freiem Entwicklung, einer Entfaltung ihrer Kulj tur und einier gesunden Erziehung der Jugend1 zum1 eigenen Volk hin einräumt. Als Zionisten, weil die Führenden dieses Landes bei vielen1 Gelegenheiten aus ihrem Sympathien für das Werk des1 jüdischen. Aufbaiusj m Erez Israel keinen Hehl gemächt haben', weil insbesondere der Präsi'dfent' ' [des tschechoslowakischen Staates. T. G. Masaryk1, dessen Name am solchem Tage nicht umerwähnt bleiben darf, persönlich' und im seinier Eigenschaft als erster Bürger des Landes; das stärkste Interesse.an: Palästina und seimer Zukunft nimmt. Als Arbeiter begrüssem wir den nationalen Festtag der' .tsch'echosl'owaldschem Völker doppelt freudig im dem Gefühl, daß; im diesem Lande die Arbeiterklasse eine Position' innehat, die es ihr gestattet, am dem Staatsgeschicken verantwortlich mitzuarbeiten'. Der tschechoslowakische Staat hat die fünfzehn! Jahre des Nachkriegs im einem Zustand verhältnismäßiger Ruhe verlebt. Noch heute ist, damk seimer Schlüsselposition!, seiner ökonomischem Struktur und seimer umsichtigen: Führung die allgemeine Lage eine weitaus günstigere als im fast allen umliegendem Staaten1 und der Organismus der Demokratie hat im der Hochflut des Faschismus keimen Schäden genommen. Trotzdem darf man1 aus der Vergangenheit allein'nicht' auf die Zukunft schließen', die die Möglichkeit ernster1 Kämpfe in sich birgt. Auch im diesem Staate hät die Wirtschaftskrise idie Reihen! der arbeitenden Menschern dezimiert. Eine Million Arbeitsloser spricht dem kapitalistischem System seine Daseinsberechtigung! ab, das flieht imstande ist, auch auf diesem Stück Erde, so reich1 am Naturgütern1, die Menschen zu ernähren, das sie in die Not und im den Fanatismus1 der Verzweiflung hetzt. Im der Stimmung der Feier kämm nicht übersehen werden, wie ernste Bedingungen durch die Entwicklung im dem Nachbarstaaten für die Erhaltung der tschechoslowakischen; Demokratie entstanden sind. Die Sendboten des nationalsozialistischem Grauens versuchen im konsequentem Anstrengungen hier wie in Oesterreich immer wieder, die deutsche Minderheit gegen die Einheit und die Verfassung des Staates aufzuhetzen. Besonders akut ist diese Gefahr im Nordböhmem und in einzelnem Teilern Mährens. Nicht minder beachtenswert ist das Automomiebestrebem von Teilen der slowakischen Bevölkerung, deren! Unzufriedenheit mit Prag weniger auf „nationale" Gegensätze zurückzuführen ist, als auf die wirtschaftliche Not der Slowakei, ausgenützt durch1 die skrupellose Hetze des slowakischem Klerus — und schließlich der hoch immer vorhandene, vom Budapest gemährte Widerstand des Mägyarentums. Der Kampf!der tschechoslowakischem Demokratie, die zu einer „militanten Demokratie" geworden ist, wird am allem diesen Fronten geführt. Im der vordersten) Reihe des Treffens stehen; am' schärfstem angegriffen, am schärfsten angreifend, die Sozialdemokraten'. Sie verdienen die stärkste Unterstützung auch der Juden' in der Tschechoslowakei, demn es braucht nicht bewiesen zu werden, daß, das Schicksal der jüdischem Gemeinschaft auch dieses Landes, seine Freiheit, sein wirtschaftliches und kulturelles (Wohlergehen, auf das engste mit einem1' demokratischem und einem sozial gerechtem System verknüpft ist. Es genügt hier nicht, daß die „Jüdische Partei" des jüdischem Bürgertums mit dem Sozialdemokraten« kooperiert und man darin allein' schon eine Stützung des demokratischen Systems zu, erblicken! geneigt ist. Die Kooperation' der bürgerlichen Judem mit dem Sozialdemokraten; gilt der Regierungspartei und nicht der sozialistischen Partei. Es mußi Aufgabe der Poale Zioni sein, auf diesen organischem Unterschied hinzuweisem 'und sich die Sammlung der jüdischen proletarisierten Massen, deren! Schwerpunkt nach der Ostslowakei und Karpathbrußland tendiert, ihre Interessenvertretung, Produktivierung;umd ihre teilweise Ueberführung in das palästinensische 'Arbeiterleben zur Hauptaufgabe zu machen. Das Judentum der Tschechoslowakei fühlt sich1 in diesem Staate wohl, der im gewissem Sinne ein kleines Erez Israel in der erschütterndem Realität) aller anderem TJiasporaländer geworden ist. Und1 doch muß gesagt werdem, daßi die Situation einer relativem Ruhe, Sicherheit und Freiheit das Bewußtsein' nicht einschläfern darf, daß ständig Wachsamkeit notwendig ist und daß: die Kräfte der jüdischen Gemeinschaft ebenso in den Kampf gegen die Bedrohen der staatlichem Demokratie und des Parlamentarismus gehörem, wie am die Front des jüdischem Aufbaus, der Entwicklung eines selbstständigen' nationalen Lebems des jüdischem Volkes in der Tschechbslowakei, seimer ökonomischen Gesundung, seiner kulturellem und sozialem Freiheit. ' Am diesem 28. Oktober geht vom der jüdischen Arbeiterklasse nlich't niur der Tschechoslowakei, sondern! aller Länder, ein ehrlicher Wunsch1 zu dem Genossen der anderem Nationen dieses Staates, zu allem wahrhaftem Demokraten;: Im Kampf gegen die faschistische Gefahr die Elastizität zu bewahren1, welche die Streitwaffen' des Sozialismus vor Scharten bewahrt. Im diesem Kampfe kann die Arbeiterklasse der Tschechoslowakei auf die Hilfe der kleinen', aber festgefügten Schar jüdischer Arbeiter rechnen. Mit wachen] Sinnen wird die Hydra der Verknechtung des arbeitendem Menschen aufgehalten werden. Der Faschismus oder der pseudofaschistische Staat auf dem' Boden! des Landes vom Masaryk wäre der ärgste Rückschlag, den! die Freiheitsentwick'lung der tschechoslowakischen] Völker erfahren' könnte, die auf eine stolze, fünfzehnjährige Epoche der friedlichem Arbeit und des kraftvollem Aufbäus zurückblicken! kann. Weil das Geschick des tschechoslowakischem Judentums mit diedem Lande verbunden ist, wird es seinem Beitragl leisten, um der Konsolidierung der Demokratie den1 Weg zu b'ahmem. K. B. M5tl«s»«Ie**fscialcMiJI Der antijüdische Boykott in Deutschland geht weiter Berlin,. 20. Oktoher. Ungeachtet der Verordnung des Innen- und des Arbeitsministers, den antijüdisehen Boykott nicht mehr öffentlich zu propagieren, geht die antijüdische ßoylcottpropaganda in verschiedenen Formen weiter. Gegenwärtig wird eine strenge Kontrolle aller jener Firmen durchgeführt, dic\sich das Recht erworben haben, die Aufschrift „Deutsches Unternehmen" anzubringen, daraufhin, ob wirklich alle Firmeninhaber arischer Abstammung sind. Es soll verhütet werden, daß Nichtarier, auch Avenn sie deutsche Staatsbürger sind, durch Aushängen des Schildes „Deutsches Unternehmen" die Kunden täuschen. In Berlin sind Juden vom Markthandel ausgeschlossen, da Stände auf den Märkten und in den Markthallen; jetzt ausschließlich an Mitglieder . der nationalsozialistiscihen Partei vergeben werden. Die „Mainzer Tageszeitung" veröffentlicht eine Mitteilung des Führers der nationalsozialistischen Betriebsorganisation Bürkel, die eine deutliche Spitze gegen die Verordnung des Wirtschaftsministeriums, betreffend Einstellung des antijüdischen Boykotts trägt. Bürkel erklärt, Boykott gegen Jaden habe von je einen wesentlichen Programmpunkt der NSDAP gebildet. Für uns alte Nationalsozialisten, erklärt Bürkel weiter, sind Kundgebungen gewisser Nazibonzen gegen Judenboykott bedeutungslos. Für uns ßilt nach wie vor das vom Führer geschaffene Programm.