Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter. 4. Oktober 1933 Die Reaktion greift an! Die sratscheiäöinde Wirkung des letztem Zionistentonigresses auf die künftige Gestaltung der zionistischen Organisation und Politik besteht nicht allein in der Verschiebung! der politischem Machtverhältnisse im Zionismus, deren sichtbarer Ausdruck* die Zusammensetzung] der Exekutive bildet. Die Wirkung geht viel tiefer, sie gjreift ini die soziale Schichtung der nonistischenj Gesamtorganisation ein und beschleunigt einen sozialen und politischen Umgruppierungsprozeßi, der s'eit dem 17. Zionistenkongreßi vor sich1 geht. Am 17. Zionistemkongireß wurde die letzte große außenpolitische Schlacht geschJagem. Seither wurde die Auseinandersetzung im zionistischen! Lager auf das soziale Geleise abgeschoben!: Histadruth, organisierte Arbeit, Streiks u. a. m. Hier begannt auch die; Umgruppierung.! Die reichen1 Kolonisten und Pflanzer in Palästina, organisiert im der „Hitachduth Kaikarim", wie Teile des Jüdischen Industriekapitals, die bei den palästinensischen allgemeinen Zionisten (organisiert sind, die in scharfer Gegnerschaft zu dem Revisionisten standen, solanige die letzten im Kampf gegen England und 'Weizmawn den Schwerpunkt ihrer Politik erblickten — schlössen iniunmehr ein Kampfbündnis mit ihren früheren Gegnern, nachdem diese sich1 auf den Kampf gegen: die Histadruth umgestellt hatten1. Dieselbe Erscheinung tritt auch in den anderen Ländern1 -zutage. Von der zionistischen: Oeffentlichkeif kaum beachtet, traten! die Konturen einer reaktionär klerikalen! Front in Erscheinung, die das palästinensische Pflanzungslund große Teile des Industriekapitals, ferner die auf das reichere jüdische Bürgertum gestützten,' Teile der allgemeinen und natürlich auch dem faschistisch-klerikalen Flügel der Revisionisten und Misrachi; 'umschloßt. Der Prozeßi der Konaentrierung! nnd der engen Zusammenschließiung dieser Front wurde durch die Verschiebung der politischen! Mach'tverhäl tnisse im Zto^ Wiismus beschleunigt. Denn die neue Exekutive bedeutet Gefahr für die zionistische Reaktion1. Was soll' denn aus ihr. werden, wenn die Arbeit der neuen! 'Exekutive, in der Menschen mit Tatkraft und Erfahrung sitzen1, von Erfolg begleitet sein wird? Die neue Exekutive mußi also unbedingt zu Fall gebracht werden!, noch1 ehie' sie ihre Arbeit aufnehmen1 konnte. Diese neue Front, wenn auch1 'organlislatorisch nicht zusammengeschlossen', geht daher systematisch1 und vorn verschiedenen Seiten zum Angriff auf die neue zionistische Exekutive über. Dieser reaktionäre Angriff hat vorläufig drei Ziele:? ■ '. ' ' "' 'T. 'M'i'ßi träu eni iun'cP V eratnH'n' ngf g'eg1ein ditä rifeue Executive zu säeni! Darum sind' die Herren Dr.. Sch'morak iunid. Schwarzbardt, die Revisionisten;un"d Misrachlsten, plötzlich Gegner der Drei-Millionien-Vereinbärung geworden', sie wettern in Wort und Schrift gegenl die Exekutive, obwohl sie in der Deutschlandfrage am Kongreß! eine!ganz andere Stellung zu dieser Frage einnahmen. 2. D i.e G e 1 d etu e 11 e n z 'u verstopf e ni. Die. Misrachi ini. Polen! , hat bekanntlich' ihre Vertreter im Keren .Hajessad-DireldorAum zurückgezogen, die Beteiligung am „Arlosoroff-Werk" abgelehnt und droht mit dem Austrittaus1 dem K. K. L., falls ihre religiöse Forderungen1 binnen drei .Monaten: niefrt erfüllt werden. Auch1 die palästinensischen Misrachi führen eine scharfe Sprache, sie hätten aber nie'.den Mut aufgebracht, so weit zu-gehen, wüßtem sie nicht, daß die B-Gruppe der Allgemeinen! und' die Revisionisten] fiinter ihnen steheln.; 3. Die. Arbeit der pa 1 ästinens i s c h: en Exekiutive als der Repräsentanz.der zionis t i s c h en B ie weg u n g s o wei t als möglich zu erschweren!. Diesen Zweck sollte die Sabbtage-Aufforderung Smilanskys erreichen. Die zentrale Aufgabe dier neuen' Exekutive besteht ja in der Ermöglichunlg einer großen Einwanderung nach Palästina, wozu aber die genaue Kenntnis der Arbeitstage im Lande notwendig ist. Werden die Pflanzer der Aufforderung Smilanskys nachkommen und offen Sabotage übeni, danin ist die .Arbeit der Exekutive um vieles erschwert worden. Aber die Absichten der neuentstandenen' reaktionären Front gehen noch weiter: Herr Smjlänsky fordert im Organ der palästinensischen Pflanizer!die ' Errichtung „einer zentralen Körperschaft", die unabhängig von der Exekutive und vielleicht im Gegensatz zu ihr, die palästinensische Bevölkerung „repräsentieren" lind separatistische Pflanfzerpolitik treiben soll. Die reaktionäre Front geht also jetzt schon, noch bevor die Exekutive ihre normale Arbeit aufnehmen konnte, zum Angriff über; sie versucht die Voraussetzungen! jeder positiven Aufbauarbeit zu zerstören, sie wird auch' künftighin' nicht ruhen, sie wird offene oder stille Sabotage übern, um der neuen Exekutive möglichst viel Schwierigkeiten! zu verschaffen1, 'ungeachtet des Schadens, den der Zionismus und das jüdische Volk dadurch erleiden' werden. Denn auch hier wie überall gilt der Erfahrungssatz, daß', wenn die Bourgeoisie sich1 zwischen ihren Klassen- und nationalen Interessen zu entscheiden hat, die Klasseninteressen die Oberhand gewinnen, und daßi sie im Klassenkampf gegen! die Arbeiterschaft auch vor Sabotage und Verrat nicht zurückschrickt. S. Drechsler, Scharfe Kritik der Kolonisation in Biro* Bidschän Von 18.000 Einwanderern 7000 geblieben. Seit dem Begännt der Kolonisation, in Biro-Bidschan wurde a» derselben keine so scharfe Kritik geübt, wie es kürzlich im j üd isc h -s o w j et is t is c h e n Organ „Emes" der Verwaltungssekretär des Ozet, I. Edelmann, einer der besten Kenner der Verhältnisse, getan hat, In diesem sensationell wirkenden Artikel beißt es: ,;Von vielen Mitarbeitern am Kolonisationswerk in Biro- Bidschan wurden die verschiedensten Projekte zur Gründung von industriellen Kombinaten gemacht. Man schuf, Fabriken, die keine Rohstoffgrundlage haben, — der Transport derselben ist unwirtschaftlich — und man, vergaß auch, daß die Basis eine landwirtschaftliche Produktion, die die Nahrungsmittel liefert, sein muß. Ohne jede Begründung sahen es die Funktionäre des Komzet als ihre erste Aufgabe in Biro Bidschan an, die Sovchosen — die staatlichen Getreidefarmen — zu schaffen, und ignorierten vollständig die genossenschaftliche Form der landwirtschaftlichen Produktion, die Kolchosen. Diese Führer waren von einer Gigantenmanie beherrscht: man schuf Sovchosen in Riesenmaßstab mit einem Flächeninhalt von zehntausenden Hektar. Man bedachte nicht, daß Betriebe von diesem Umfang die Produktion nicht beherrschen können. Das Ergebnis dieser verfehlten Agrarpolitik ist, daß einige Sovchosen liquidiert werden mußten. Man muß bedenken, daß in Biro Bidschan bisher weniger als die Hälfte des kultivierbaren Bodens bebaut wurde. Es ist daher notwendig, hier endlich mit der Melioration zu beginnen, da ohne sie eine Ansiedlung ausgeschlossen ist. Von phantastischen Vorstellungen war auch der Komzetführer Boris Srozki geleitet, der einen Plan vertrat, nach! welchem noch in diesem Jahre 25.000 Juden in Biro-Bidschan angesiedelt werden sollten. Selbstverständlich mußte sich dieser Plan als eine Seifenblase erweisen, die alsbald platzte. Infolge des Mangels einer jeden Vorsorge für die Ansiedlungskandidaten, sind von den in den letzten 5 Jahren eingewanderten 18.000 Juden bloß 7000 in Biro-Bidschan verblieben. Mifal Arlosoroff Die Arlosoroffaktion wurde in Polen bereits proklamiert und ist in vollem Gange. Führend wirken bei dieser Aktion die Genossen Zuckermann' und Hellmann mit. Ein Kulturghetto für deutsche Juden Der deutsche Kulturkommissär der Hitlerregierung hat eine Erklärung veröffentlichit, in der er feststellt, daß sich die jüdische Kultur nur, in .einem speziellen Kulturghetto entwickeln könne. Er erklärt weiters, daß die " Arbeit der Kulturvereine der deutschen. Juden nur rein jüdische Interessen erfassen könne, und'. aus diesem Rahmen nicht heraustreten darf. In jüdischen Theatern darf es nur Besucher geben, die sich legitimiert haben. Diese ausführenden Künstler müssen zu der „reinen" jüdischen Rasse gehören. Die Propaganda für diese Vereine darf nur unter Juden geführt werden. Eme „wissenschaftliche" Ausgabe der Werke Mendeles i Der Moskauer Verlag1 „Emes" hat die ersten zwei Bände der akademischen Ausgabe des Werkes von Mendeie in Druck gegeben. Die Ausgabe wird "10 Bände umfassen. Der „Emes" schreibt; daß aus der Ausgabe alle jene Bücher Mendeies ausgeschlossen! werden, die ideologisch schädlich sind; das Werk wird dem Leser eine marxistischleninistische Bewertung des- Schaffens des Dichters ermöglichen. Bei der Herausgabe werden die Manuskripte des jüdischen Mendele-Kulturmuseums in Odessa verwendet werden. Die großen Arbeiten werden chronologisch geordnet erscheinen. Von den hebräischen Werken werden ins Jüdische übersetzt nur jene in die Gesamtausgabe aufgenommen wenden, die für die sozialen oder ästhetischen Anschauungen des Dichters charakteristisch. sind. Der letzte Band wird marxistisch-leninistische' Monographien über Mendeles Schaffen enthalten. Jüdische Ärzte nach Brasilien Das Komitee gegen die Verfolgungen der Juden in Deutschland und das Aerztekollegium in Buenos Aires bemühen sich, den jüdischen Aerzten aus Deutschland Einwanderungsmöglichkeiten zu schaffen. Opfer der Revisionisten In Warschau ist es im Palästinaamt zu großen Skandalen gekommen. Eine Reihe von Besuchern machte dem Vertreter der Revisionisten, Herrn Weinstein, sehr schwerwiegende Vorwürfe: sie haben noch vor den Kongreßwahlen für eine Palästinareise Geld eingezahlt und die Veranstaltung — blieb aus. Die Revisionisten scheinen das Geld im Wahlkampf verpulvert zu haben. Die mit Recht empörten Leute haben die Absicht, die Angelegenheit dem Gericht zu übergeben. jüdisch-deutsche Beamte im Ausland Es wurde in Berlin von,.,offizieller Seite ein Beschluß der deutschen Regierung veröffentlicht, daß auch nichtarische Beamte ihre Funktionen behalten dürfen, falls es schwer ist, den entsprechenden .Ersatz, für diese zu finden. Es handelt sich hauptsächlk>h , um Beamte im Auslände. Auch jüdische Witwen sollen nicht gekündigt werden, wenn ihre Männer im Krieg gefallen sind. Verschärfte Judenhetze der russischen faschU sten in der Mandschurei Die russischen Faschisten in Charbdn haben begonnen, eine große Tageszeitung herauszugeben. Die erste Nummer der Zeitung ist voll mit Abdrücken von Reden der deutschen Naziführer und hetzt außerordentlich stark gegen die Juden. Russische Faschisten haben eine jüdische Druckerei überfallen. Eine Anzahl von Juden wurde schwer verwundet.. Konsolidierung der jüdischen Kolonien Die südafrikanische zionistische Föderation hat für den Keren Hajessod eine Anleihe von 10.000 Pf. aufgenommen, die für die Konsolidierung der jüdischen Kolonien beim Kfechon bestimmt ist. Rutenhergs Plan zur industriellen Kolonisation Rufhemberg ist nach halbjähriger Abwesenheit nach Palästina zurückgekehrt. Ruthenberg will in Palästina mit der Verwirklichung des Induatrialisderungsplanes beginnen. Jüdische Arbeiterbewegung im Bericht der Internationale Im Bericht des Sekretariats der sozialistischen Internationale werden der jüdischen Arbeiterpartei Palästinas folgende Zeilen gewidmet: „Die Bemühungen der Partei, den sozialistischen Gedanken in Palästina zu propagieren, fanden ihren Ausdruck im Arbeitersemiinar. Die Parteikonferenz fand vom 16. bis 20. Oktober 1932 statt. Bei der Wahl zur Konferenz der allg. Arbeiterorganisation erhielt die Partei SO Prozent der abgegebenen Stimmen. Einen großen Erfolg hatte die Partei bei den Kongreßwahlen — in Palästina erhielt sie 28.000 Stimmen von 42.000. Anfang 1933 hat die sozialistische Wochenschrift das 25jährige Jubiläum gefeiert. Einen schweren Verlust hat die Partei durch den Tod Dr. Arlosoroffs erlitten, der bis. zu seiner Wahl in die zion. Exekutive das wissenschaftliche Organ derselben (Achdut-Avodah) i edigierte. Arlosoroff war auch Mitglied der Kommission der sozial. Internationale." lieber den „Bund" berichtet die Internationale: Der Bund, der sehr schwer unter dem Terror der Regierung zu leiden hat, feierte im Jahre 1932 sein 35jähriges, Jubiläum. Der Bund hat die Einberufung eines allgemeinen, sozialistischen Kongresses in Polen angeregt. Antisemitismus in Amerika Brief aus New York., Der deutsche Konsul in Amerika gab vor einiger Zeit die Erklärung ab, daß sämtliche Naziorganisatibnen in Amerika aufgelöst wären, da .die Machtüberniahrne Hitlers in Deutschland, jede hitlerische Propaganda im Ausland als überflüssig erscheinen lasse. * Wie ies sich1 aber später erwies, stimmte diese Erklärung mit der Wahrheit keineswegs überein, ihre Aufgabe bestand darin, die Verantwortung für die von den Nazi entfaltete antisemitische Tätigkeit vom' offiziellen Vertreter Deutschlands abzuwälzen. :An Stelle der einzigen nationalsozialistischen Organisation, die vor der offiziellen Auflösung bestanden hatte, existieren jetzt d re i Naziorganisationen, die eine sehr rege antisemitische. Agitation entfalten. Die erste' dieser Organisation besteht aus den Mitgliedern der „aufgeklärten" Nazipartei und führt den: unschuldigen Namen „Freunde des neuen Deutschland". Di|e Namen der faktischen Führer, dieser Organisation! werden geheimgehalten, während nach außen, gleichsam als Frpntfigtir, ein gewisser Erich1 Wiegend, ehemaliges S. A.-Mitglied, der erst vor zwei Jahren nach Amerika einwanderte, als Führer erscheint. Diese Organisation erklärt offen, sie sei antisemitisch und ihre Aufgabe bestehe darin, den Antisemitismus unter der deutschen BeVölkern wg Am erikas zu verbreiten. Eine zweite Organisation, die ins Leben gerufen wurde, führt den Namen „Freunde Deutschlands". Sie steht unter Führung des bekannten amerikanischen! Schriftstellers Konowel Edwin1 Emersoon und treibt ihre Agitation ausschließlich luniter der amerikanischen Bevölkerung. Dieser Organisation gehörten bis vor kurzem Persönlichkeiten wie Koronel' Wiliam Doneven, der bei den letzten Wahlen von der Republikanischen Partei für das New Yorker Bürgermeister-Amt kandidiert wurde, und der bekannte liberale Schriftsteller, Prof. Robert Mois Lowet aus Chicago, an. Man staunte in Amerika! darüber, daß solche Persönlichkeiten1, die keineswegs anitisejmitisch gesinnt sind, sich an die Spitze einer ausgesprochein antisemitischen und hitlerfreundlicheni Organisation gestellt haben. Wie es sich1 aber später herausstellte, wurden sie vom Emerson irregeführt, und als sie den wahren Charakter dieser Organisation erkannten', erklärten sie öffentlich ihrenf Austritt aus der Organisation. Die dritte antisemitische Organisation führt dem Titel „Deutsche Legion" und besteht aus deutschen und österreichischen' Kriegsteilnehmern. Das Ziel1 Ziel dieser Organisation besteht in der Bekämpfung der antihitlerischen; Boykottblewegung in Amerika. Unter der Losung „Deutsche Abwehr" verbreiteten sie hunderttausende antisemitische Flugschriften und! Aufrufe über ganz Amerika. Jüngst begannen sie so- 'gar mit der Herausgabe einer eigenen Zeitung „Die Brücke". Wer steht hinter dieser Organisation und wer fi~ inianziert ihre kostspielige Agitation? Darüber äußerte