Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1933)
- Date
- 1933-09-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2. Per jüdische ArfreHer. 2P. Sentembef 1933 Jüdische Inqttisiton. Es gehört zu dem eisernen Bestandteil der legendären Behauptungen des jüdischen politischen Lebens, daß es bei uns keinen „Klerikalismus" gebe, daß dieser ein Monopol der christlichen Völker sei! Wir jüdischen Sozialisten, die wir uns zu .einer weltlichen Erneuerung des jüdischen Kulturleben« bekennen, und die jüdische Religion als e i n Element der jüdischen Kultur anerkennen, keineswegs aber als ein zentrales oder gar ausschließliches — wir wissen es seit jeher, daß der jüdische Klerikalimus existiert, und daß er den christlichen in jeder Hinsicht übertrifft. Die jüdische Religion ist eine Gesetzesreligion — sie greift tief ins menschliche Leben ein: def jüdische Klerikalismus, intolerant wie jeder andere, ist eben deshalb so gefährlich, weil er den frei denkenden jüdischen Menschen» zwingen will, sich in seiner tagtäglichen Lebensführung seinen Gesetzen zu unterwerfen! Es gibt areligiöse Zionisten, die immer geneigt waren, um des Aufbaues der jüdischen Heimstätte willen, mit den zionistischen Klerikalen, dem Misrachi, Burgfrieden zu halten und ihnen möglichst entgegenzukommen — nicht zuletzt in der Hoffnung, daß es der zionistischen Orthodoxie gelingen werde, die religiösen jüdischen Massen dem Zionismus näher zu bringen. Die Ergebnisse der Kongreßwahlen, die lächerlich kleine Mandatszahl, die der Misrachi aufgebracht hat, haben klar bewiesen, daß er diese Aufgabe nicht erfüllt hat, daß es ihm nicht gelungen ist, eine Bresche in die Organisation der Agudah zu schlagen. Ihr totales, hundertprozentiges Versagen in ihrer historischen Funktion suchen die Misrachisteji durch einen Machtdünkel und eine Herrschaftesuclrt zu kompensieren, die schlechthin ans Pathologische streift. So haben sich denn die Vertreter des Misrachi am 18. Kongreß nicht damit begnügt, kulturkämipferisehc Reden zu halten, sie haben durch ihr Bfisrreben, innerhalb des Zionismus der Geistesfreiheit ein Ende zu bereiten, uns alle geistig zu unterjochen, die Bildung .einer großen Koalition unmöglich gemacht, was ihnen allerdings erst gelang, als die sogenannten freisinnigen allgemeinen Zionisten ihnen Schützenhilfe leisteten. Im folgenden veröffentlichen wir die Forderungen, des Misrachi, von deren Annahme er nicht etwa nur die Teilnahme an der zionistischen Leitung, nein, die Beteiligung an der zionistischen Arbeit schlechthin abhängig gemacht hat: * „Di: religiöse ZügeHosigkeit in Erez Israel und die Entweihung des Sabbat und der jüdischen Feiertage, die eine tägliche Erscheinung in unserem heiligen Lande geworden sind, zwingen den Misrachi, von der Kongreßtribüne mit einem scharfen Protest gegen diesen traurigen und schändlichen Zustand aufzutreten, und er fordert vom Kongreß, die Aenderung dieses Zustandes durch Annahme .folgender Beschlüsse zu sichern: a) Der Salbbat und die jüdischen Feiertage sind Ruhetage für den gesamten Jischuw, an dienen keine .Arbeit, kein Handwerk und kein Handel betrieben werden darf. b) Infolgedessen macht es der Kongreß der Leitung des Koren Kajemeth zur Pflicht, in die Verträge mit den Ansiedlern auf Keren Kajemeth-Boden einem besonderen Paragraphen als Bedingung zur Einhaltung dies Vertrages wegen der Einhaltung der Sabba/truhe und des Verbotes jeder Arbeit auf den Feldern und im Weingarten am Sabbat und am den Feiertagen aufzunehmen. c) Der Kongreß verpflichtet alle zionistischen Gruppen, daß die von ihnen erhaltenen oder ihren Namen tragenden öffentlichen Küchen in der Stadt und in den Dörfern und Kollektiven koscher nach den Vorschriften jüdischer Religion verwaltet werden. (Bemerkung: Die erwähnten Paragraphen in bezug auf Einhaltung der Sabbatruhe, der jüdischen Feiertage und der koscheren Küche gelten auch für die Hachscharahgruppen aller zionistischen Parteien' in der Diaspora.) d) Der Kongreß verbietet allen zionistischen Parteien und ihren Vereinen, am Sabbat oder an den Jüdischen Feiertagen Zusammenkünfte, Ausflüge oder öffentliche Spiele vzu veranstalten. e) Der Kongreß macht es der Zionistischen Exekutive zur Pflicht, von der Palästinaregierung zu verlangen, daß sie die Juden, die in der Regierung als Beamte tätig sind oder bei öffentlichen Arbeiten der Regierung beschäftigt sind, am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen von der Arbeit befreit werden. i) Der Kongreß macht es der Zionistischen Exekutive zur Pflicht, von der Palästina-Regierung zu verlangen, daß sie die Forderungen des Jischuw wegen der Bestätigung der Sabbetverordnungen im Gebiet der jüdischen Siedlungsorte erfülle Die Misrachi-Fraktion auf dem 18. Zionistenkongreß erklärt, daß von der Annahme dieser Beschlüsse und von ihrer Verwirklichung die Teilnahme des Misrachi an der zionistischen Arbeit abhängt.!' Wir bemühen uns immer, uns in unserer Sprache Mäßigung aufzuerlegen: hier aber muß von einem Schanddokument gesprochen werden, in dem ein finsterer, jeder geistigen Freiheit feindlichen Klerikalismus seinen Niederschlag gefunden hat. Man will die jüdische Jugend, die jüdische Arbeiterschaft, die zu einem großen Teil ein Leben ohne religiöse Bindungen lebt, die ihr moralisches Bewußtsein nicht auf den .Schulchan Aruch begründet, in deren Weltanschauung die Lehren der Religion keinen Raum haben, die in keiner Stunde ihres Daseins Sehnsucht nach religiösen Heilswahrheiten empfindet — der Misrachi will uns mit Gewalt zwingen, unser Leben nach Normen einzurichten, deren Geltung wir nicht anerkennen. Angesichts dieses auch in dieser Zeit der Weltreaktion einzig dastehenden volksverräterischen Attentats gegen jede Freiheit des Denkens, erkennen wir erst, welche große historische Tat die jüdische Arbeiterschaft am 18. Zionistenkongreß vollbracht hat, als sie das Ultimatum mit einem entschiedenen und unerschütterlichen Nein beantwortete. Jene allgemeinen Zionisten, die nach diesem Forderungsprogramm der Orthodoxie deren Eintritt in die Exekutive zur Bedingung ihrer eigenen Teilnahme an derselben gemacht haben, haben sich als Helfershelfer der finstersten und schwärzesten Reaktion erwiesen. Kaum sind einige Wochen seit dem Kongreß vergangen, und schon hat der Misrachi begonnen, seine Abstinenzpolitik zu betreiben. Man wird diesen herrschsüchtigen, bc- Zur Aufnahmskraft der palästinensischen Pflanzungswirtschaft Die jüdische Wirtschaft in1 Palästina hat in den letzten Jahren eine sehr große "Entwicklung durchgemacht. Es gibt Kreise, die sich mit dieser Tatsache lischt abfinden können. Jedes Wachstum, um? ■mag es noch so sicher sein;, erscheint ihnen als eine Konjimkturerscheinung, die man1 genau zu untersuchen hat in bezug auf den zn erwartenden; Nieder-, gang. Hauptsächlich werden; diese Dinge als Grund für die Beschränkung der jüdischen Einwanderung anigleführt. Man sorgt sehr dafür, daß nicht in Bälde! eine Massenarb'eitslosigkeiit entstehe, hemmt aber dafür die Entwicklung der jüdischen Wirtschaft dadurch, da ßraaiif ihr einen entsprechenden Zustrom nicht ermöglicht. Sicherlich gibt es 'niemanden, der es leugnen würde, daß, es i'n der jüdischem? Wirtschaft unerwünschte Erscheinungen; gibt. Die Bodenspekulation ist sicherlich eine der traurigsten Erscheinungen. Der Mängel an: genügendem jüdischen; Nationalkapital 'und das Fehlem einer planmäßigem1 wirtschaftlichen' Nationälpolitik nimmt uns die Möglichkeit, die großen' dingten Zionisten nicht nachweinen, man kennt ihren geringen Anteil an der praktischen zionistischen Aufbauarbeit zu gut. Aber selbst wenn die Sabotage der zionistischen- Klerikalen den Aufbau Palästinas verlangsamen würde, — die Abwehr ihres Vorstoßes macht den vielkritisierten Kongreß zu einem historischen Kongreß: denn Zion bedeutet uns nicht einen jüdischen Kirchenstaat, sondern eine Heimstätte freien Schaffens des von allen Fesseln emanzipierten jüdischen Geistes. jüdischen Geldmittel und die Arbeit, die jetzt ins La'n'd hineingesteckt wjertiien, im vollen Maße auszunützen. Aber es ist auch1 notwendig, klar auszusprechen!, daß all 'das Gerede über die „aufgeblasene" Wirtschaft und das Gerede über die großen Krisen, und Arbeitslosigkeit, die anscheinend unbedingt zu? erwarten! sind, keine wirkliche Grundlage in der jüdischen Wirtschaft Palästinas hat. i Untersuchen wir nun einmal die Situation im jüdischen Dorf. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung, die sich im Jahre 1927 in der Landwirtschaft befand, betrug 30.520, das waren! 20.5 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Heute sind1 ungefähr 56.000 Seelen, das; sind125 Prozent der Juden inj der Landwirtschaft tätig. Dazu muß hinzugefügt werden, daß viele Arbeitsmö^lic'hkeiten! den Juden in' den letzten, zwei Jahrein infolge mangelnder Einwanderung entzogen wurden. Die Zahl 'der jüdischen Arbeiter in der Landwirtschaft war im Jahre 1926 ungefähr 8.000 (zusammen mit den landwirtschaftlichen Eigene betrieben). Das waren 31 Prozent der Gesamtzahl der 'jüdischen Arbeiter. Derzeit befinden sich in den Mosch'awoth und in den landwirtschaftlichen; Mescnakim, Ussiscbkin-Tage in Wien Empfang am Bahnhofe Sonntag, den 24. September abends, traf Ussischkin in Wien ein. Am Bahnhof wurde er von einer großen Zalil von Freunden herzlich begrüßt. Namens der Juden Wiens richtete Oberrabbiner Dr. Feuchtwang und Präsklent Dr. Friedmann herzliche Ansprachen an den Vertreter der zionistischen Tat. Oeffentlicher Vortrag ienslag abends sprach Ussischkin vor einein großen Publikum im Musikvereinssaale. Der Vortrag wurde mit einer Würdigung Ussischkins anläßlich seines 70. Geburtstages eingeleitet. Es sprachen Dr. Rothblum, der Präsident der Histädruth Iwrith; der in einer formvollendeten hebräischen Rede insbesondere; die Verdienste Ussischkins um die Belebung der hebräischen Sprache? schilderte und Adolf .Böhm, der sein. allgemeines' zionistisches Wirker* und sein Schaffen als1 Leiter des Nationalfonds: hervorhob. Das zahlreiche Publikum feierte den Gast mit großer Begeisterung. Hierauf ergriff Ussischkin unter tosendem Beifall der Versammelten das Wort zu seinem Vortrage, in welchem er sich bemühte, die triste' Lage der Juden in Europa dem aufblühenden jüdischen Palästina gegenüberzustellen. Er weist auf die Wandlung der Welt und der Völker dem Zionismus gegenüber hin. Wie mußte Theodor Herzl in aller Welt und auch in dieser Stadt kämpfen, um sich' Gehör zu verschaffen, und mit welcher Aufmerksamkeit verfolgt jetzt alle Welt unsere Idöe und unsere Bewegung. Der Erfolg in Palästina ist vor allem darauf zurückzuführen, d a ß w i r d a s j ü d i s c h' e Palästina n i c h t n u r auf unserem B o d e n, s o n' d e r n mit unserem Schweiße und unserem Blute Errichten. „Um Geld," meinte Ussischkin, „kann man Boden kaufen, mit Mitteln der Wissenschaft kann man ihn assanieren und anbaufähig machen, aber PIerr des Bode1 ns' bleibt nur jener, der ihn im' Schweiße seine /Angesichts bebaut." „Nur 6 Prozent der Bodenfläche Palästinas! sind in' jüdischem' Besitze, nun 220.000 bis 2301000 Jaden leben heützxitage in Palästina, nur wenige Städte, wenige Industrien besitzen wir im Lande, die hebräische Sprache und, Literatur hat Avohl große Fortschritte aufzuweisen, aber im jüdischen Leben herrscht noch immer Vielseitigkeit vor. Daran kann man ermessen, ewlche ungeheure Aufgaben unser noch harren." Ussischkin weist auf-den Beschluß des XVIII. Kongresses hin, in Palästina eine Kolonie auf den Namen v o n . C h a i m Arlosoroff zu schaffe n. Arlosoroff ist ein Opfer der z i o n i s t i si c h e n Bewegung und es ist unsere Pflicht, ihm in Palästina ein lebendiges De n k m a 1 zu errichte n. Ussischkin warnt vor einer Hinausschiebung der zionistischen Tat, da die Zeit und die Entwicklung aller Völker und Länder mit riesigen Schritten vor sich geht. Er schließt mi dem folgendetn schönen Gleichnis: Bei den Ausgrabungen in Aegypten wurde vor Jahrzehnten ein Kistchen mit Weizenkörnfern gefunden. Diese Körner brachte man in den königlichen botanischen Garten, setzte sie in den Boden und es geschah.' ein Wunder: Die Jahrtausende alten Saatkörner gingen auf und es' erblühte prächtiger Weizen. Vor 50 Jahren verließen einige Auserwählte — die Biluim — das enge Ghetto und gingen nach Palästina. Und auch hier geschah ein Wunder. Die herrliche Saat ging auf. In unserem Lande erblüht neues' Leben — für hunderttausende von Juden. Das Publikum nahm die Ausführungen Ussischkins mit jubelndem Beifall auf. Der Abend wurde mit sehr gut vorgetragenen Gesangsnummern des Jüd. Gesangvereines unter Leitung des Dirigenten Brandmann eröffnet und geschlossen. Empfang in der Wiener Kultusgemeinde Mittwoch, den 27. September mittags, wurde Herr Ussischkin im Festsaale der Kultusgemeinde vom Präsidium feierlich empfangen. Präsident Dr. Friedmann würdigte hier die Leistung Ussischkins für das jüdische Volk und schilderte die Bemühungen der Wiener jüdischen Gemeinde für den Palästinaaufbäu. Ussischkin dankte für den Empfang und die herzlichen Begrüßungsworte. Er hob' hervor, wie wichtig es ist, daß eine Jüdische Gemeinde an ihre Verpflichtungen für die jüdische Gesamtheit denke. Den Schluß der sehr wüdrigen Feier bildete die Uebergabe von Andenken der Wiener Jüdischen Gemeinde an den hohen Gast durch Herrn Vizepräsidenten Dr. Ornstein, der in sehr schönen Worten die Bedeutung dieses Andenkens erklärte. Bei den Mitarbeitern des Nationalfonds Montag abends sprach Ussischkin zu den Mitarbeitern des K. K. L. (Nationalfonds). Diese Ansprache gestaltete sich auch zu einer Feier des Leiters1 des K. K. L. in Oesterreich, Gen. Dr. Tartakower, der anläßlich seines 50. Geburtstages und in'Würdigimg seiner Verdienste um den Nationalfonds besonders ausgezeichnet wurde. Die Veranstaltung machte auf alle Anwesenden einen' tiefen Eindruck. Weitere Vorträge bssischkins Sonntag, den 1. Oktober, 10 Uhr vormittags, spricht Ussischkin im Saale der Zionistischen Bezirkssektion, II.,. Praterstraße 13, über die hebräische Weltbewegung. Eintritt nur für Hebräischsprechende. Ussischkin Menachem :Uss tisch kin verkörpert in seiner Person einen ruhmreichen Abschnitt der Geschichte 'des Zionismus und des Palästinaaufb'aues. Vom'!Kampife Ussischkins gegen den Territorialismus bis zur Erwerbung des Emek, die wir als seine zwei 'hervorragendsten Leistungen bezeichnen, zieht sich wie ein roter Faden1 durch das gesamte Wirken dieser} zionistischen1 Person lieh feit — die Ta't, die zionistriche Tat. Er ist Inicht der Mann, der Ver.- und Unterhandlungen, sondern der H an d 1 u n gen. „Niich'ts ist stärker als der Wille", war stets seine Parole und für Ussischkin'heißt: Wille nur "Willetzur Tat. Im stämmigen Körper Ussischkins haust eine vielleicht noch stämmigere Seele, eine nie erlahmende Energie. Der aufrechte, stolze Körper kennt keine andere Art als stolzes und' aufrechtes Auftreten. So; un'd nicht als Unterhändler, nicht als Kompromißler,, tritt er vor das jüdische Volk, tritt er aber auch! vor die Mächtigen der Welt. Wir freuen uns Menächem Ussischkin in seinem1 70. Lebensjahne frisch und arbeitsfreüdig! vor uns zu sehen. Wir freuen uns, daßl er sich' in den Dienst' des Arlosoroff?-Werkes gestellt hat. Das Mittun! Ussischkins verbürgt den: vollen Erfolg. Wir begrüßen ihn und geben der Hoffnung. Ausdruck, daß' er noch1 recht viele Jahre an der Spitze des Aufbauwerkes in Palästina wirken möge.