Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1933)
- Date
- 1933-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2641551-2641667-2641703--817-2642854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V« b« fc>* DER Erscheint jeden Freitag JÜDISCHE ARBEITER Organ flv Vereinigten zionisfisdissozialisfiscfien Rptteiteporganisafion Peale Zion-Hitatfiöufh in Oesterreidi Redaktion und Administration Wien, II, Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.- 10. Jahrgang. Kampf um Arbeit Die ungeheure antisemitische Welle, die gegenwärtig über ganz Europa hinweggeht, hat auch vor der österreichischen; Republik nicht Halt gemacht. Dem Antisemitismus in seiner geistlosesten' Form, in! Gestalt der Rassendieologie, sind hierzulande gewisse' Grenzen gezogen: der Katholozisrnus müßte sich durch Annahme des nationalsozialistischen1 Rassendogmas selbst aufgäben, und schließ]ich ist die Verbreitung der nordischen Rassenideen in einem Lande, dessn Bewohner in ihrer überwiegenden Mehrheit die •wesentlichsten Merkmale der alpinen Rasse aufweisen, einigermaßen gehemmt. Mit umso stärkerer Vehemenz tritt in der letzten Zeit der ökonomische; 'Antisemitismus innerhalb der rot-weiß,-i~oten Pfähle) auf, der zwar .nicht 'die moralische itnld geistige Minderwertigkeit der Juden; zum Grunddbgma hat, aber laus seiner Behauptung der wirtschaftlichen Ueberiegenheit des Judentums die Konsequenzen' zu ziehen; bereit ist! Aus diesem geistesgeschichtlich'en und ethnographischen Gründen hat der österreichische; •Antisemitismus in .Oesterreich' eine spezifisch religiös- Inationale Ideologie, die Idee des ch'ristlich-d'eutsch'en Staates ist aber nicht um ein Jota weniger gegen die politischen, ökonomischen und sozialen Interessen' der Hüdischen Massen Oesterreichs gerichtet als das Ideal des rassisch reinen dritten Reiches! Die Gefahren, die aus dieser Entwicklung der •politischen Verhältnisse der Juden unseres Landes: drohen, haben; in hohem Grade die Verhandlungen 'unserer heurigen Parteitägung bestimmt. Der Wirtschaf tsantisemitismus, die Bestrebungen innerhalb der privaten und öffentlichen Wirtschaft, den! Juden aus dem Wirtschaftsleben herauszudrängen, waren' das Thema, das immer wieder von den Genossen aufgegriffen wurde, und immer wieder konnten .wir erkennen, daß die jüdischen Arbeiter, Angestellten und Mittelschichten; mit tiefster Besorgnis; der Zukunft entgegensehen. Daß, eine Eingliederung arbeitssuchen;-* der, erwerbsloser Juden in1 die öffentlichen Betriebfe) und in die Hoheitsverwaltung nicht in' Frage Kommt, ist eine Erfahrung!, an cfie w!ir so gewöhfnt smicf, claBi sie in uns kaum mehr Erregung über diese Verletzung unserer verbrieften Rechte auf Gleichheit zu erwecken vermag! Für viele junger christlicher Arbeitsloser bildet die Aelnderung der österreichischen' Wehr Verfassung einen Ausweg, eine Rettung von Not •■und Elend und moralischem Niedergang, denn wie Swir auch1 sozial, politisch und ethisch zu der Institution des Militari'sim'us stehen mögen — es ist (Unzweifelhaft, daß ein Leben mit tagtäglichen Aufgaben und Pflichten innerhalb einer sozialen Orgatnisation dem Einzelnen jenes Selbstbewußtsein gibt, das für ihn ein geistiges Rückgrat ist, ohne das' ein normales Leben einfach' unmöglich ist. Dieser} [Weg ist natürlich iauch für die jüdische Jugend nicht gangbar, vor dem Weltkriege aber hat die allgemeine Wehrpflicht auch' einen Teil der jüdischen Reservearmee aufgenommen. Mit der Tatsache also, daß die öffentlich-rechtlichen Körperschaften auf die Arbeitsleistung jüdischer Staatsbürger, deren Steuern einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen bilden, vern zrchten, hat sich die jüdische Bevölkerung wie mit einem natürlichen Schicksal abgefunden. Nunmehr ist aber im österreichischen Wirtschafts- und Gesellsch'aftslebeni eine Wendung eingetreten, die die jüdischen besitzlosen, von ihrer Arbeit lebenden Menschen! in ihren Existenzgrundlagen bedroht. Wir haben in iitnserem Blatte schon vor Jahren die Tendenz der österreichischen (Wirtsch'aftselntwicklung aufgezeigt,;die auf das Ziel gerichtet ist, di'e Juden! aus dem Wirtschaftsleben auszuschalten;; wir h'abien des weiteren an dieser Stelle auf die Tatsache hingewiesen, daß, nunmehr auch die Privatwirtschaft ihre Tore vor den jüdischen Arbeitnehmern verschließt, daß, auch' aus diesem Bereich des österreichischen: Wirtschaftsn lebens die Juden immer mehr hinausgedrängt werden. Es sind im' Wesentlichen zwei Faktoren, die diese ver-^ WäWgnisvolle Gestaltung der jüdischen Bevölkerung! Oesterreichs bewirken. Auf der einen Seite die ungeheure Zunahme des Einflusses der politischen Faktoren auf die Wirtschaft, jene Entwicklung des Wirt-, sch'aftsrechtes, die den öffentlichen Instanzen das Entscheidungsrecht über das Schicksal der Menschen' 29. September 1933 Die Sabotage beginnt „Dawar" v,eröffentlieht ein offizielles Communique der Landwirte-Vereinigung in Palästina (ZI. 4017 v. 6. 9. 1933). Darin würden sämtliche landwirtschaftlichen Ausschüsse durch den üeneralsekretär namens des Herrn Smilansky aufgefordert. Vertretern der Jewish Agency oder der Arbeiterschaft keine Daten über erforderliche Arbeitskräfte im Zusammenhang mit dem Zertifikats-Schedule zu liefern, sondern das dies bezügliche Material der genannten Vereinigung zur Verfügung zu stellen. Kriegserklärung des „Misrachi" Dem Ultimatum des „Misrachi" Polens folgte die Kriegserklärung des palästinensischen „Misrachi". In einem Kongreßbericht in Tel-Aviv schlug Rabbi FJischmann ungemein gehässige Töne gegen die Arbeiterfraktion am Kongreß an und schloß seine Rede — dem „Dawar" zufolge — mit folgenden Worten: „Der ewige Krieg Gottes gilt Amalek, der des Misrach — der Linken, bis zu ihrer völligen Niederringung." Nach Grusenberg — Einstein Wie „Dawar" meldet, versuchte Jabotynski sein Glück bei Professor Einstein, indem er unter Hinweis auf den Fall Sacco-Vanzetti das Ansuchen an ihn richtete, dem Komitee zum Schutze Stawskis beizutreten. Prof. . Einstein .•lehnte dieses Ansinnen , ab, und ,erklärte., mit der Partei Jabotynskis nichts'zu tun haben zu wollen. Das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Palästina „Dawar" bringt in seiner anläßlich Rosch Haschana herausgegebenen umfangreichen (36 Seiten) und sehr interessanten Sondernummer u. a. eine Uebersicht über die Bevölkerungsbewegung Palästinas im abgelaufenen Jahr 5693. Danach weist die jüdische Bevölkerung Palästinas in diesem Jahre einen Zuwachs von 32.000 Seelen auf, den größten Jahreszuwachs seit 1925/26, der 32.700 Seelen betrug. Mit Jahresschluß betrug die Gesamtzahl der Juden 227.000 Seelen oder 21.1 Prozent der Bevölkerung, (die arabische Bevölkerung zählte 900.000 Seelen). In diesem Jahre erhöhte sich sonach der Prozentsatz des jüdischen Jischuw um rund 2 Prozent. in weitestem Maße gibt; man denke an das System, der Einfuhrbewilligungen, an die jüngste im Verordnungswiege erlassene 'Gewerbesperre, die durch ihre Ausnah'msbestimmungen es den erwähnten Stellen ermöglicht, auch für Selbständige den Zutritt] zur Wirtschaft in positivem 'und negativem Sinnej zu entscheiden'. Daßi eine Wirtschaftspolitik, die ihrer! 'Grundrichtung nach an dem Ideal des christlichdeutscheri! Gemeliniwesen orientiert ist, von den ihr so reich gebotenen Marfdmitteln den entsprechenden Gebrauch macht, ist selbstverständlich. Andererseits! ■wirkt sich die Tatsache aus, daß die antisemitische! Gesinnung immer größere Teile der Bevölkerung er- 'greift. Aus der amerikanischen Prosperitätssprache hat man auch' in: Mitteleuropa das Schlagwort vom Dienst ton Kunden, von der Majestät des Konsumenten! übernommen. Allerdings, wer die Handelspolitik der letzten Jahre verfolgt, wird einigermaßen darüber zwei-; fein, ob dieser waröniverteuernde Protektionismus viel von besonderer Rücksichtnahme auf die Konsumenten- Snteressen zeigt. Aber in einem hat der Konsument Igjesiegt: die Wirtschaft erkennt sein Recht an, die Auswahl jener Menschen zu beeinflussen, auf deren Dienstleistungen er als Käufer Anspruch1 hat. Der Unternehmer zieht also aus der antijüdischen Einstellung der breiten Konsumentein —' beziehungsweise! 'Käuferschichten die Konsequenz, entledigt sich der Sjüldischfejn Angestellten und vermeidet es, neue in seinem Unternehmen (anzustellen! Wir haben vor einem Jahre darauf hingewiesen, daß sich1 die Fälle Mehren, daß Arbeitgeber von den staatlichen Arbeitsvermittlungen ausschließlich Jiich'tjüdische An- Nr. 39. Keine Ablehnung seitens Ussischkin Gleichzeitig mit der Bekanntgabe der Namen der Mitglieder, die vom Aktionskomitee in die Untersuchungskommission gewählt wurden, teilte die Ita mit. daß Ussischkin diese Waht abgelehnt habe. Auf die diesbezügliche Anfrage unseres Mitarbeiters in der Wiener Pressekonferenz erklärte Ussischkin, daß diese ihn betreffende Meldung nicht zutrifft. Utbrigens, fügte er hinzu, habe das Aktionskomitee, dem der Kongreß diese Angelegenheit übertragen hat, hierüber noch keine definitive Entscheidung getroffen und auch niidits vcrlautbart. Die Histadruth fordert offene Jore nach Palästina ' Üas:i Arbeitsbüro der Histadruth hat eine Sitzung abgehalten, diei di^M;Lage des" Ar^esitsmarktes! in Palästina) behandelt hat. Die Verhandlungen zeitigbell das Ergebnis, daß in (Palästina ein großer Mangel an Arbeitskräften! herrscht, der die Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft aufs Ungünstigste beeinflußt. Bei der Beratung wurde der Bedarf nach Arbeitskräften in der Bauindustrie!, Landwirtschaft, beim Wegbau, den Melorationsarbeiten' in! Wadi Chavarit, untersucht, und schließlich! wurde auch, festgestellt, daß in den Kolonien Raum! für jüdische Arbeiter ist. Die Erweiterung der Pflanzungen; in der nächsten Zeit wird 5.000 MenschenArbeit.geben. Diej Kistenindustrie wird 2.500 neue Arbeiter brauchen und auch1 die Pika wird 1000 neue Arbeiter beschäftigen. Diö jüdische Landwirtschaft kann allein 10.000 neue unqualifizierbare Arbeiter beschäftigen. Nach einem Bericht geht in der Bauindustrie viel Kapital und Zeit infolge des Mangels an Arbeitern verloren. In Tel-Awiw fehlen einige Tausend Bauerbeiter. In Haifa werden 750 Häuser gebaut werden, der Bau von Hunderten Häusern wird auf dem Karniel geplant. Auch die Industrie hat unter 'Mangel an Arbeitern zu leiden. Die Regierung plant öffentliche Arbeiten, infolge des Mangels an jüdischen Arbeitern kann siej aber, ihr Versprechen, ein Drittel der Arbeitsplätze Juden zuzuteilen, nicht einhalten. Eine Verstärkung delr Nachfrage nach Arbeitern wird auch seitens der internationalen Unternehmungen, z. B. der Irak-Petroleum-Company erwartet. Zum Schluß der Sitzung wurde eine Resolution angenommen, die feststellt, daß die Begrenzung der jüdischen Einwanderung die Aufbauarbeit außerordentlich' hemmt und freie Einwanderung fordert. gestellte anfordern: es war einer der Höhepunkte iim'sere Parteiberatung, als ein Genosse, der innerhalb! einer bedeutenden Gewerkschaft von Angestellten die höchste Funktion bekleidet, die diese zu vergeben! 'hat, unsere Behauptung bestätigte, ja, aus seiner •reichen Praxis heraus dieses Vorgeben! als Massenersch'einung bezeichnete. Der Kampf gegen diese Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben1 muß die dringendste Aufgabe der jüdischen Interessenvertretungen, aber auch unmittelbar der jüdischen Bevölkerung sein. Mit aufriChtigier Freude habem wir bei unserer Parteiberatung) die Mitteilung unserer Vertrauensmänner, die wir 'in die jüdische Gemeindestube entsandt haben1, begrüß t„ daß das wichtigste Instrument in diesem Kampfe der. jüditscrfen Massen um Arbeit, das Arbeitsamt, in Gründung begriffen ist, Ueber diese organisierte Gemeiuschaftshilfe für ihre arbeitsh ungrige Jugendl darf die jüdische Oeffejmtlichkeit aber nicht 'des Weges der Selbsthilfe versessen. Nicht nur der antisemitische Bevölker.ungsteit dieser Stadt, auch die jüdische Beivölkeruing verfügt über eine Kaufkraft, die richtig 'angewendet ein wirtschaftspolitisches Kampfmittel! darstellt. Die jüdische Bqvölkjerung wird sich ihrer! Macht als Käuferschjchte besinnen müssen, und von ihr den entsprechenden Gebrauch1 im Interesse deil ijüdisChen, Arbeitsuchenden machen müssen1. Selbsthilfe und Gemeinschaftshilfe, diese beiden Prinzipien! standen in der modernen Sozialpolitik mehr als einmal in Widerstreit; von ihrer harmonischen Anwendung in der jüdischen Arbeitsmarktpolitik' hängt das; Schicksal unserer Jugend ab. , . ,