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Der Jüdische Arbeiter · 1933-08-04 · Heft 31 (4.8.1933) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 31 (4.8.1933)
Date
1933-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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.Seite, 2, ^Die Aufgaben des XiottisfctikongrcMes Ein Interview mit D. Ben Gurion. Genosse D. B. Gurion, der Führer der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas, der nach den; polnischen Wahlen auf der Durchreise einige Stunden in Wien weilte, hatte die Freundlichkeit, einem Mitarbeiten unseres Blattes seine Ansichten über die wichtigsten Fragen des Kongresses mitzuteilen. Frage: Werden die Arteiter eine Exekutive mit den Revisionisten bilden? Antwort: Nein, wir werden mit einer Partei, die die Arbeiterfront zu spalten versucht und Streikbrecher fördert, in keine Koalition treten. Wir sind aber bereit, mit allen aufbauenden Parteien im Zionismus eine Exekutive zu bilden, weil wir alle Volkskräfte mobilisieren müssen, um die zionistische Bewegung zu erneuern. Wir sind für eine Koalition! aller jener Parteien, die willens sind, sich mit uns auf der Grundlage eines gemeinsamen konstruktiven; Arbeitsplanes für die nächste Zukunft zu vereinigen. Wir werden für eine solche Koalition auch dann' eintreten, wenn wir die Majorität des Kongresses! bilden sollten! Frage: Was verstehen Sie unter einem konstruktiven Arbeitsplan für die nächste Zukunft? Antwort: 'Die Ermöglichung der Einwanderung einer großen Zahl von Chaluzim als der wichtigsten Voraussetzung des Aufbaues. Sicherheit für den Jischiw, die Absiedlung der jüdischen Arbeiter unter solchen Bedingungen, die es ihnen ermöglichen sollen, ihre Eltern ins Land zu bringen. Volkseinwanderüng des jüdischen Mittelstandes mit geringem Kapitalbesitz,, der sich im Lande auf Grundlage der Eigenarbeiti ansiedeln will, und von der Histadruth' und ihren Institutionen weitestgehend gefördert werden soll. Erwerb nationalen Bodens für die Mittelstandskolonisation. 2. Unterstützung der privaten Initiative, unter der Bedingung, daß diese jüdischen Arbeitern Beschäftigungsmöglichkeit schafft. 3. _ Die Führung eines politischen Kampfes mit dem Ziele, eine Aenderung der Einwanderungspolitik der Palästinaregierung zu bewirken. Es soll eine Massenimmigration ermöglicht werden, die der Not der jüdischen Massen in den Gastländern und der großen1 Aufnahmsfähigkeit Palästinas entspricht. Eine verstärkte Aktion zwecks nationalen Bodenkäufs muß im Mittelpunkt der Arbeit in der nächsten Zukunft stlehen. 4. Wir erwarten die Mithilfe der gesamten zionistischen Bewegung in unserem Kampfe um die jüdische" Arbeit. Energische Bekämpfung aller, . die die jüdische Arbeit boykottieren. Anerkennung des Prinzips der organisierten Arbeit als eines der wichtigsten Mittel zur. Stärkung 'der jüdischen Arbeitsposition.. Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen für die jüdische Arbeiterschaft. 5. Förderung des Abschlusses von Verträgen zwischen Arbeitern und Unternehmern zum Zwecke der Sicherung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in den Grenzen des in der Industrie und Landwirtschaft ökonomisch Möglichen'. 6. Weitgehendste Bemühung, das jüdische Problem vor dem internationalen Forum, dem Völkerbund und vor Großbritannien aufzurollen. Es soll von1 der Mandatkommission die Mithilfe bei der Aufnahme einer nationalen Anleihe gefordert werden, deren Ergebnis zur Finanzierung der Kolonisierung des freien, Bodens auf den beiden Seiten des Jordans, verwendet werden soil. Nur eine solche kolonisatorische Tätigkeit im größten Maßstabe kann den verschiedenen Schichten des Judentums im Galuth und insbesondere des deutschen Judentums Rettung bringen! 7. Sanierung und Verstärkung der zionistischen Bewegung. Aufbau einer einheitlichen zionistischen Organisation! in allen Ländern auf demokratischen Grundlagen. Durchführung einer energischen Erziehungsarbeit unter den jüdischen Volksmassen, insbesondere aber unter der jüdischen Jugend, die in den Galuthländern keine Ziikunftsaussichteni hat und deren einzige Rettung ein Arbeitsleben in Palästina ist. Verstärkung der^ Chaliizb'ewegung, Schaffung von Mitteln für die Berufsausbildung: der Chaluzim. 8. Die Gründung einer Treuhandstelle, deren Aufgabe es sein soll, Juden, die nach Palästina übersiedeln wollen, bei der Liquidierung ihrer Betriebe zu unterstützen. 9. Intensivierung der politischen Arbeit der zio nistischen1 Organisation im Nahen Orient, insbesondere aber in den arabischen Ländern, Aufklärung der fortschrittlichen arabischen Schichten über Sinn und Bedeutung der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina. Anbahnung freundschaftlicher Verhältnisse zwischen Arabern und Juden in Palästina und den Nachbarländern. Frage: Werden die Arbeiter die Kandidatur Weizmanns für die Wahl des Präsidenten der zionistischen Organisation unterstützen? (Antwort: Die Frage kann heute noch nicht beantwortet werden. Gegenwärtig lehnt Weizmann seine Kandidatur aus verschiedenen Gründen selbst ab. Weizmann ist gegenwärtig mit einer Erfindung Der j ü d is ch e Ar b e i t e r. beschäftigt, die der zionistischen Bewegung einen großen Nutzen bringen wird. Aus diesem und auch aus anderen mit Palästinafragjen zusammenhängenden Gründen ist Weizmann gegenwärtig nicht geneigt, die Wahl zum Präsidenten der zionistischen Weltorganisation anzunehmen. Die jüdische Arbeiterpartei Palästinas ist bereit, eine jede schaffende Kraft in den Dienst des Zionismus zu stellen, sie glau,bt aber nicht, daß die Präsidentenfrage die zentrale Frage des Zionismus im gegenwärtigen Augenblick ist! Peter Thalheim: Produktive Emigrantenhilfe Aus Emigrantenkreiseri wird, uns folgender Artikel zur Verfügung gestellt, der unseres Wis- < sens zum ersten Malie die Frage der produktiven Emigrantenfürsorge aufrollt. Die Redaktion. Viele Tausende deutscher Juden' haben unter Preisgabe ihrer bürgerlichen Existenz und unter Zurück lassung ihrer Flab'e aus der Fleimat flüchten) müssen. Mehr werden folgen, durch den langsam würgenden Wirtschäftskampf aus Deutschland verdrängt. Als Ziel ihrer Flucht wählen sh, von Ausnahmen abgesehen, die Hauptstädte der benachbarten Länder. Die Gründe hiefür sind leicht erkennbar. Ein Großteil der Emigranten war Stadtbewohner und versprach sich von dem Aufenthalt in den Zentralen' der Wirtschaft und de.5 Verkehrs einen. Jeichterep Aufbau neuer Existenz. Die aus organisatorischen Gründen notwendige Zentralisierung der Emigrantennilfe tat ein übriges, um die Massen der Flüchtlinge in einigen Städten zusammenzudrängen. Oesterreichs Hauptstadt hat aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nicht in dem Maße wie andere! Städte den Flüchtlingsstrom auf sich gezogen. Zwar gibt es auch in Wien eine große Zahl dieser Heimatlosen; aber besonders in Paris, Prag und in den; Großstädten Flollands haben sich umfangreiche Kolonien geflohener Deutscher, insbesondere deutscher! Juden angesammelt. Jetzt, nachdem die meisten dieser Opfer eines ungeheuerlichen Raubüberfalls sich seit Wochen und Monaten an ihrem neuen Wohnort aufhalten, dürfte es ihnen klar geworden' sein, daß der Aufbau einen neuen Existenz mit den größten Schwierigkeiten verbunden, wenn nicht vollkommen unmöglich ist. Die Wirtschaft der Asylländer, selbst in argen Nöten, ist nicht in der Lage, den: plötzlichen Zustrom so vieler Abreitskräfte aufzufangen und widerspruchslos zu verwerten. Ueberangebot eigener Arbeitskräfte, in Warenierzeugung Und Warenverteilunig sind kaum übers teigbare Hindernisse. Auch ein Abweichen vom gewohnten Beruf hilft nicht. Die „guten Zeiten", da ein russischer Gardeoffizier Taxichauffeur in London oder eine abgedankte Großfürstin. Modedirektrice in Paris werden" konnte, sind vorbei. Die notwendige und in dankenswerter Weise so großzügig wie möglich eingesetzte Hilfsaktion mußte sich aus diesen Gründen; bisher darauf beschränken, die Flüchtlinge, die nicht einmal die Mittel zur primitivsten Lebensfristung haben, vor dem Verhungern' zu schützen. An' eine organisierte Ueberleitung zu neuer Existenz, an eine planmäßige Arbeitsvermittlung ist gar nicht zu denken. Die Hilfsstellen mußten es jedem einzelnen überlassen, von sich aus auf gut Glück zu versuchen, einen Platz für neues Leben, zu finden. In den wenigsten Fällen werden diese! Versuche Erfolg haben. Zudem muß. die Frage erwogen werden, wie lange es denn praktisch möglich sein wird, eine Riesenmasse von Menschen mit Almosen auszuspeisen. Wird nicht eines Tages die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Hilfe und damit der Hilfsfonds erschöpft sein? Was dann? Aus diesen Verhältnissen entsteht eine neue Tragik der Emigranten und eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die in den Asylländern einheimischen! Juden, ebenso aber auch1 für die ausgeglichene politische Atmosphäre in den Asylländern überhaupt. Sehr viele Flüchtlinge werden nicht in der Lage sein, sich wirtschaftlich und moralisch im Rahmen des bürgerlichen Daseins zu erhalten. Das Versinken in die Unterweit des Lumpenproletariats, die Abwanderung in die Kriminalität liegen nahe. Aus der Mentalität des Emigranten, dem die bisherige bürgerliche Existenz geraubt und dem der Aufbau einer neuen Existenz gesperrt ist, wird gewiß, eine asoziale Stellung verständlich. Wird aber die Gesellschaff des Asyllandes dieses Verständnis aufbringen wollen und können? Kaum! Für sie ist dann der Fremde, der Jude, als asoziales Element Gegenstand der Abneigung und des Hasses. Einer kleineren Gruppe von Emigranten wird es vielleicht gelingen, sich dank besonderer Regsamkeit und persönlicher Beziehungen eine Position zu schaffen. Bei der jetzigen Wirtschaftslage wird eine solche Position wohl stets auf Kosten; einheimischer; Arbeitskräfte erreicht werden. Auch diese Konstellation ist geeignet, dem Antisemitismus, aus rein; wirtschaftlichen Gründen, Nahrung zu verschaffen. Widerstand gegen den Eindringling, der dem Hausbewohner das knappe Brot streitig macht. Das eben ist die größte Tragik des jüdischem Emigraiitentums. Wie die Katze — man; verzeihe den Vergleich —, der rohe Burschen brennendes! 4, Augüst 1§33 Papier an den Schwanz gebunden haben- und die nun, in Angst fliehend, überall, wo sie hinkommt,, das Feuer verbreitet, wird die Masse der jüdischen!' Emigranten den Antisemitismus vielleicht iii Bezirke verpflanzen, wo er bisher noch nicht bodenständig, war. Die Gefahr verbreitet sich1 damit von den deutschen emigrierten Juden auf die in den Asylländern einheimischen Juden. Jedenfalls ist der Gedanke; an diese Gefahr nicht ganz auszuschalten. Die Weltgeschichte hat bisher gezeigt, daß der Antisemitismus nicht nur keine mildernden Umstände und wohlwollende Bewertung der Ursachen gelten läßt, sondern sich in schärfster Form auch gegen Unbeteiligte richtet. Damit wird das hier angeschnittene Problem nicht nur eine Frage der emigrierten, sondern der Juden aller Länder. Wer hilft, der Gefahr vorzubeugen, hilft sich selbst, verhütet einen Angriff, der ihn morgen ebenso treffen kann, wie er heute die deutschen Juden trifft. Denn auch diese sind an sich nicht schlechter und hassenswerter als ihre Brüder in anderen Ländern, sondern ein Opfer der Stimmung in ihrer Umwelt. Wie aber helfen? Es wäre natürlich vollkommen widersinnig, in Furcht vor der Gefahr die helfende Hand von den Emigranten abzuziehen und ängstlich die Berührung mit ihnen zu meiden. Meines Erachtens muß die heute auf ein Verteilen, von Almosen abgestellte Unterstützung — das soll kein absprechendes Werturteil.sein — diese Unterstützung, die den Einzelnen über Wasser hält, während er sich, meist vergeblich, nach einer neuen Existenz: umschaut, in eine nach kollektiven Gesichtspunkten; geformte produktive Aufbaustütze umgewandelt werden. Und zwar unter positiver Mitarbeit der Emigranten, selbst. Naheliegend wäre eine noch großzügigere Vorbereitung der Aufnahmefähigkeit Palästinas als Heimstätte. Das dürfte jedoch auf organisatorische Schwierigkeiten stoßen. Es muß also eine Zwischenstation geschaffen werden: Ich denke, um einmal einen! praktischen Vorschlag zu machen, zunächst an Frankreich1. Es müßte möglich gemacht werden, an Stelle der unproduktiven, über kurz oder lang versiegenden Untierstützung den Willen zur Produktivität zu setzen und mit Hilfe des freiwilligen: Arbeitsdienstes! den Emigrantenstrom in Siedlungen abzulenken.'Wie ich weiter unten darlegen werde, muß die französische Regierung an der Lösung des Problems ein so großes Interesse haben, daß sie sich durch Hergabe von Boden und Krediten an der Aktion beteiligt. Wenn die Durchführung in Frankreich selbst nicht möglich ist, dann vielleicht in den nordafrikanischen Kolonjen. Das wäre .übrigens auch aus klimatischen Gründen eine günstige Ueberleitung nach Palästina. Man sage nicht, daß dieser Plan phantastisch sei. Er ist nicht phantastischer als die Tatsache,' daß heute in Paris und in anderen Städten etwa hunderttausend Menschen rettungslos festgefahren und früher oder später völliger Verelendung und gesellschaftlicher Deklassierung ausgeliefert sind. Finanziert muß und kann der Plan werden. Ebenso wie man heute Millionen über Millionen in unproduktiver Unterstützung zerfließen läßt, wird man die gleiche Summe oder mehr, was per saldo sich wieder ausgleichen würde, in einer nutzbringenden und gefahrabwehrenden Aktion investieren. Schwieriger fast erscheint mir die Frage des Menschenmaterials. Die Ueberzahl der Flüchtlinge besteht aus Intellektuellen, aus Stadtbewohnern. Sie werden sich umstellen müssen. Ich glaube sogar, daß sich ein großer Prozentsatz von ihnen freudig umstellen wird, nachdem mau sich unfreiwillig! hat auf ein Bettlerdasein umstellen: müssen. Wer indessen) weiterhin glaubt, sein Heil zu finden in den Versuchen1, in einer bürgerlichen Gesellschaft, die keinen Platz mehr für ihn hät, Fuß zu fassen, der wird das auf eigene Gefahr tun müssen. Es ist eine) Erfahrungstatsache, daß hartnäckige Selbstmörder nur in den seltensten Fällen von ihrem Vorhaben abzubringen sind. Ich komme noch auf das Interesse zu sprechen, das die Regierungen der Asylländer an der Mitarbeit, bei einer produktivem Hilfsaktion; haben müssen. Wenn diese nämlich. unterbleibt, erwächst die geschilderte Gefahr einer Mißstimmung mit ausgeprägt faschistischer Tendenz, die Gefahr des Anwachsens radikal nationalsozialistischer Strömungen. Was eine solche politische Tendenz für ein Land bedeutet,, hat Deutschland soeben bewiesen. Nichts anderes als das Herausschleudern der Politik und der Wirtschaft aus dem demokratischen Gleichgewicht, falsch verstandenes Nationalgefühl, Fremdenhaß, politische Reaktion, wirtschaftliches Chaos, Freude an mangelhaft durchdachten phrasenhaften Parteiparolen, Sieg der Gefühle, und nicht immer der edelsten, über den Verstand. Es gilt für jedes Land, eine solche Gefahr rechtzeitig abzuwehren. Einzelheiten der Durchführung können in diesem engen Rahmen nicht besprochen werden. Es sollte sich aber für die Siedlung oder eine analoge Aktion eine Form finden lassen, die eine Benachteiligung der Wirtschaft des Asyllandes ausschließt. Man streite nicht über Einzelheiten meines als Beispiel gedachten Vorschlages, sondern erfasse den grundlegenden Gedanken, diskutiere ihn und führe ihn zu einer helfenden Tat.

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