Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1933)
- Date
- 1933-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Universitätsbibliothek 1.Universität DER Erscheint Jetten Freitag Organ Oer Vereinigten zionisfiscfi^sozialisfisdien Arbeiterorganisation Peak Zion — Hifadidufii in Oesferreiä Redaktion und Administration: Wien, II, Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjährig S 6.- 10. Jahrgang. 4. August 19I3 Nr. 31. Jiskor Es ist eine tragische Fügung des Schicksals, daß es Sommertage sind, die wir der Erinnerung an die blutigsten Opfer der Menschheit und unseres Volkes weihen müssen. Neunzehn Jahre sind vergangen, seitdem eine Welt, die nicht wußte, was ein moderner Krieg ist, eine Kriegserklärung, nach der anderen! über sich ergehen ließ, in einen Krieg hineinschlitterte,, von dem sie geglaubt hatte, daß; er eip Turnier sein werde, und der in Wirklichkeit nichts anderes war, als eine raffinierte Ausrottung und Verstümmelung, der gesündesten», stärksten und nur zu oft auch menschlich wertvollsten Männer aller Völker durch Technik und Chemie ... Neunzehn Jahre ..., so langer Zeit hat es bedurft, bis unsere Hoffnung, daß' die Blüte der Menschheit nicht vergeblich hingemäht wurde, daß eine Nachkriegswelt fähig sein werde, dem sinnlosen Morden und Töten einen Sinn zu verleihen, zu Nichts geworden istl ,,Es war der letzte Krieg", diesen Schwur, den wir im Jahre 1918 bei den Gebeinen unserer Väter und Brüder geschworen, haben wir nicht erfüllt: wir haben die Wahrheit vergessen, daß der Friede ein Gut ist, das erkämpft werden muß, — jmr eine endgültige Abrechnung mit den Trägern eines Systems, das seinem Wesen nach stets Kriege auslösen: muß, wäre eine endgültige* Friedenstat und Sicherung "'des Weltfriedens geworden. Heute sind sie überall wieder am Werke, jene' Kräfte, die uns einst ein Stahlbad bereiteten, und heute es wagen, einer Jugend zu: verheimlichen, was das Heldentum, zu welchem sie eine traditionslüstenrq Erziehung „emporführen" will, in Wirklichkeit bedeutet. Nur zu leicht vergißt der Junge von heute beim Klang der nunmehr so beliebten Regimentsmusik, daß; diese im Ernstfalle die Ouvertüre 'zu einem Schauspiel ist, dessen Helden schließlich vom Schicksal der Blindheit, des Wahnsinns und der Verkrüppelung ereilt werden. Angesichts der Restauration1 der kriegsbejahenden Mächte in Europa gilt es heute vor allem, die Gestaltung der .außenpolitischen Verhältnisse wachsam zu verfolgen, die Massen darüber aufzuklären, welche Gefahren sie bedrohen, ihnen alle explosionsbereiten politischen Gegensätze zum Bewußtsein zu bringen'. Die Erkenntnis einer bestehenden Gefahr bedeutet einen wichtigen Teil ihrer Abwehr. Darüber hinaus müssen wir versuchen, der Jugend das wahre Antlitz des Krieges zu zeigen, alle von der Reaktion genährten, aus der Antike und dem Mittelalter bezogenen Vorstellungen des Krieges zu zerstören, ihr die Illusion zu rauben, daß der Krieg ein, Feld für die Bewährung wahrer Heldengesinnung ist. Die wichtigste Aufgabe aber, dies uns angesichts der drohenden Kriegsgefahr auf erlegt ist, ist die Erfüllung der Massen der Arbeiterschaft mit dem sozialistischen Klassenbewußtsein, das sie befähigt, in der Stunde der höchsten Gefahr, di|e zugleich die Stunde der größten Möglichkeiten: sein wird, das alles nachzuholen, was wir im Jahre 1918 versäumt haben: die Errichtung der Sozialist!-1 sehen Gesellschaft ist der einzige Weg zur endgültigen Befreiung der Menschheit von der Kriegsfurie. In diesen Tagen allgemeiner Erinnerung an die Tage des Grauens gedenkt das jüdische Volk auch jener Opfer, die in den Augusttagen des Jahres 1929 in Palästina fielen. Auch sie fielen auf dem Opferaltar eines Systems, das den herrschenden Klassen erlaubt, arbeitende Menschen gegen ihre Klassengenossen aufzuhetzen, zu dem alleinigen) Zwecke der Erhaltung des Ausbeutungsverhältnisses! Arabische Großgrundbesitzer . und ihre religiösen. Helfershelfer waren es, die unter die ausgebeuteten' und ausgewucherten arabischen Massen Haß, gegen das jüdische Aufbauwerk und seine - wichtigsten Exponenten säten; sie waren vom der bewußten Absicht getragen, den Fetlachen und arabischen Arbeiter gegen die von den jüdischen Arbeitern vorgelebte! Idee des Sozialismus immun zu machen, Die Frucht dieser Saat war der Tod hüniderter jüdischer und ambischer Proleten ,.. Es wurde während des Krieges oft von jüdischer Seite behauptet, daß das jüdische Volk von jeder Kriegsschuld frei sei: wir hielten das immer für eine historische Lüge, denn zu viele Juden waren an der Schaffung und Verbreitung der Kriegsideologie beteiligt, als daß man die föie Zionistische ftaekufave Anleihe d die <§cilcssf In einer Unterredung äußerte sich Profi. Brodietzky, Mitglied d,er Zionistischen Exekutive, über die Palästina- Anleihe wie folgt: Die Anleihe von zwei Millionen Pfund, die der Minister für Kolonien angekündigt hat, ist nicht identisch mit der geplanten Anleihe, über die der Unter9taätssekretär Dr. Shels in der Debatte über das „Weißbuch" im . englischen Parlament gesprochen hat. , Der Anleihepllan des Dr. Shels lehnte sich an den Simpson-Bericht an und sollte ausschließlich für landwirtschaftliche Zwecke verwendet werden. Dieses Programm ist nur reduziert und geändert worden. Diesmal! sollte nur der achte Teil — 250.000 Pfundi — dafür verwendet werden, um die „verdrängtem Araber" anzusiedeln. Es scheint mir, daß aufi den Vorteil der Juden keine Rücksicht genommen wurde. Das befindet sich im Gegensätze zum früheren Plane und zur klaren Feststellung im Macdonaldi-Briefe, daß vom Entwicklungspläne Juden und Araber gleichmäßig bedacht werden sollen. Die Agency verhandelt gegenwärtig mit der Regierung über die Verwendung der Anleihe und verlangt, daß ein bedeutender Teil derselben für die Befriedigung der landwirtschaftlichen und städtischen Bedürfnisse der Juden verwendet werden soll. Es soll festgehalten werden, daß die Haftung der englischen Regierung für diese Anleihe nur eine formelle ist, daß sie den britischen Steuerträger nicht belastet. Die ganze Last wird Palästina zu tragen haben und hier leisten bekanntlich schon jetzt die Juden 40 Prozent aller Steuern. Es ist deshalb gerecht und selbstverständlich, daß die jüdische Landwirtschaft im gleichen Ausmaße, wie die arabische bedacht werde und die jüdische städtische Notlage befriedigt werde. Ich nehme an, daß m;i[t dier Erklärung des Ministers für die Kolonien im Parlamente die French-Untersuchung beendet erscheint. Die Worte des Ministers sollten wohl bedeuten, daß die ursprüngliche Idee des Entwicklungsplanes abgelehnt wurde, mit Ausnahme der „Wiederansiedlung" der „verdrängten Araber" und daß die Empfehlungen French zum Ausdrucke kamen, din dem Regierungsbeschlusse über die Verschärfung der gesetzlichen. Vorschriften des Boderopachtschutzes. Wir dürfen wohill hoffen, daß die Projekte der Gesetze über diie Kontrolle des Bodenkauifes nunmehr verstummen werden. Wir akzeptieren alle Maßnahmen, die die jüdischen und die arabischen Pächter schützten sollen. Die letzte Erklärung hat aber eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen und wir wollen hoffen, daß die neuen Bestimmungen die wirklichen Pächter schützen, daß sie nicht die Araber ermutigen werden, fremden Boden zu besetzen und erdichtete Forderungen auf jüdischen Boden zu erheben. Die Jewish Agency-wird sich jedem Gesetze, welches d'ie jüdische Siedlungstätigkeit erschweren wollte, entgegenstellen. Kommunisten ermorden zionisten einen Poale Die Kommunisten in Polen, insbesondere ihre jüdische Sektion, haben in den politischen Kampf der proletarischen Parteien mazedonische Methoden verpflanzt. Diese Methoden erforderten schon manches Opfer an Menschenleben. Vor wenigen Tagen fiel ein junger Genosse aus Warschau, Abraham ROsenberg, dem Treiben' der kommunistischen Mordb'uben zum Opfer. Die Kommunisten überfielen eines Tages das Borochow-Heim der Poale Zion; in Warschau und inszenierten eine Prügelei. Es ist nur selbstverständlich'/ daß sich die im Borochow-Heim anwesenden Genossen zur Wehr setzten. Der Kampf endete mit Verletzten auf beiden Seiten und einem Einschreiten der Polizei. Einige Stunden später begab sich Genosse Rosenberg vom Borochow-Heim nach Hause. Einige kommunistische Mordbuben' lauerten ihm auf, überfielen ihn mit Messern und ermordeten ihn meuchlings. Am nächsten Morgen prahlten noch die Messerhelden über den Denkzettel, den sie in feigester Weise diesem 17jährigen Proletarier gegeben haben. In Kreisen der jüdischen Arbeiterschaft in Warschau herrscht große Aufregung. Die Mordbuben, die den proletarischen Gedanken und die proleta^ rische Solidarität entweihen, werden allgemein verachtet und verurteilt. Dem Märtyrer unserer Bewegung, Abraham Rosenberg, werden wir ein treues Andenken bewahren. Verflechtung des Judentums als Ganzes mit der Weltkriegs-Welt ignorieren könnte. Aber auch das jüdische Volk als solches war ja durch1 die Legion: eine „kriegführende" Macht! Geht es nicht an, von einer absolut pazifistischen Haltung] des gesamten jüdischen Volkes während des Weltkrieges zu sprechen, es wäre eine Geschichtsfälschung, wenn wir heute, da wir auch der jüdischen und arabische'n! Augustopfer gedenken, die Feststellung unterlassen würden, daß nicht nur die arabischen Großgrundbesitzer die wahren Schuldigen! an: dem Unheil sind, das über Palästina in jenen Tagen' hereinbrach, daß es vielmehr auch jüdische Schuldige gibt! Jene jüdische Partei, die seit ihrer Entstehung der Idee! des Militarismus huldigte, die die Jugend zum rabiatesten Chauvinismus erzog, die in den Tagen den größten Spannungen die nationale Disziplin gebrochen hat und gegen den Willen der nationalem Körperschaften sich auf Demonstrationspolitik verlegte, die Revisionisten mit einem Worte werden ihre Verantwortlichkeit für die blutigen Ereignisse nie und nimmermehr von sich abstreifen können. Damals haben sie schon ihren faschistischen Charakter offenbart, dessen wesentlichstes Merkmal es ist, Katastnophenipolitik als das zweckmäßigste Mittel zur „völkischen Erneuerung" zu betrachten! Nicht steinerne Denkmäler sollten wir den Kriegsopfern bauen, ihre einzige würdige Ehrung ist1 der Kampf um den Frieden! Die allweltliche zionistische Arbeiterschaft darf von sich behaupten, daß sie sich unserer Märtyrer würdig erwiesen hat! Wir haben innerhalb unseres Lagers den Gegner der friedlichen Gestaltung der Beziehungen zwischen dem jüdischen und arabischen Volke frühzeitig erkannt und uns bemüht den zionistischen Faschismus im Keime zu ersticken. Der geschlagene Revisionismus, der entlarvte jüdische Faschismus ist die schönste Ehrung der Toten des August 1029. Mögen die arabischen Arbeiter sich am jüdischen Proletariat ein Beispiel nehmen, mögen sie ihren Klassenfeinden, denen die Solidarität der Werktätigen beider Völker ein Dorn im Auge ist, eine ebensolche Niederlage bereiten, wie wir sie unseren Faschisten in der Kongreß wahlbewegung bereitet haben, dann wird aus dem vergossenen Blute der jüdischen undarabischen'Opfer der Friede des Landes hervorgehen! M. P.