Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der judisehe Arbeiter, 30. Juni 1933 D. Ben »Gurion Ich klage an! Die Ermordung Arlosoroffs hat keine persönlichen Ursachen. Diejenigen, die bösen Gewissens verbreiten, daß dieser Mord von der privaten Sphäre her motiviert ist, lügen. Als einer der besten und intimsten Freunde Arlosoroffs erkläre ich: er hatte keinen persönlichen Feind. Der Mord war eine politisch-terroristische Tat! Ich habe sofort, als die furchtbare Nachricht mich erreicht hat, den Verdacht gehegt, daß eine blutige jüdische Hand diese Tat vollbracht hat. Die Erklärung des Führers der Revisionisten, daß ein Jude eine solche Tat nicht begehen könne, hat meinen Verdacht nicht verkleinert. Im Gegienteil: Jener Artikel Jabotinskys, in welchem er gleichzeitig den Mörder verflucht und die jüdische Arbeiterbewegung Palästinas als „roten Wahnsinn" bezeichnet, hat nieinen Verdacht verstärkt, denn diese hetzerische Schreibweise schafft die Atmosphäre, in der politische Morde gedeihen. Es ist eine nationakhauvinistische und heuchlerische Lüge, daß es innerhalb des jüdischen Volkes keine terroristischen Mörder gibt — solche Terroristen gibt es, und wir alle wissen, in welchem Lager sie sich befinden, mit welchen Mitteln säe erzogen und vorbereitet werden zur Anwendung verbrecherischer Kampfmethoden gegen politische Gegner. Es ist die Aufgabe der Regierung, den Mörder auszuforschen, das Gericht wind seine Schuld festzustellen haben, es ist die Aufgabe der öffentlichen Meinung, die verbrecherischen Methoden des politischen Kampfes aufzudecken, die von gewissen „Führern" propagiert werden. Es ist unsere heilige Pflicht, uns scharf von jener Gruppe abzugrenzen, die sich in ihrem Kampfe vergifteter Waffen bedient, und damit den Boden für politische Mordtaten verbrecherischer Elemente, die sich hinter „Ideale" verschanzen, vorbereitet. Ich klage in aller Oeffentlichkeit und Offenheit den revisionistischen Führer Jabotinsky und seine nächsten Mitarbeiter an, daß sie sich jener Methoden bedienen. Ich klage dem „Chasit Haam", das offizielle Organ des Brith Trumpeilidor in Palästina an, daß er in den letzten zwei Jahren, seit der Wahl Arlosoroffs zum Leiter des politischen Bureaus in Jerusalem, eine niederträchtige Hetze gegen die Person des ermordeten Arbeiterführers geführt hat. Der „Chasit Haam" hat Arlosoroff beschuldigt, jüdische Kinder aus Deutschland zum Zwecke der sozialistischen Taufe nach Palästina hinüiberzubringen. Einen Tag vor dem Mord hat der Chaisit Haamj geschrieben: „Das schmutzige Blatt Laiufbahs — gemeint ist der „Hapoel Hazair" — veröffentlicht ein Gespräch mit Mister Arlosoroff, den wir noch aus der Zeit kennen, da er als Assistent der Wilkanskvschen Versuchsstation ein fettes Gehalt bezog. Uniter dem Unsinn, den dieser rote Führer da produziert, finden wir den Gedanken, daß einer Lösung der Judenfirage in Deutschland nur ein Vertrag mit der Hitlerregierung den Weg bahnen kann. Selbst die deutschnationalen Juden Naumann und Konsorten könntennicht so vor dem Hitlerregime kriechen wie dieser rote Arbeiterdiplomat. Diese Niedrigkeit der jüdischen Arbeiterpartei, die sich für Geld verkauft, hat nichts gleiches in der jüdischen Geschichte. Es ist ein zwingender Gedanke, daß dieser Vertrag, den Arlosoroff und Ben Gurion anstreben, nichts anderes ist als eine Nachahmung des Vertrages zwischen Statin und Hitler, und daß Stalin ihnen diesen Weg gewiesen hat." Nach dem Tode Arlosoroffs weint der „Führer" Krokodilstränen über den Tod „des ehrlichen Dieners des Volkes" — meint er wirklich, daß sich das Volk so leicht täuschen lasse? Ich klage Wolfgang von Weisl, den Hauptassistenten des „Führers" an, daß er gegen Arlosoroff, als den Leiter der zionistischen Politik, eine hysterische Hetze im Galut getrieben hat. Er hat Arlosoroff als Schurken bezeichnet und kliipp und klar erklärt, daß er vors. Kriegsgericht gehöre und die Todesstrafe verdiene. Wohin sollte diese Hetze „nationale" verbrecherische Naturen führen? Ich klage Jabotinsky und seine Freunde an, daß sie, als die furchtbare Nachricht nach Warschau kam, versucht haben, den großen Toten zu beschmutzen und seine Ermordung zu einer romanM&chen Angelegenheit stempeln; wollten. Im Haint vom 21. Juni hat Jizehak Grünbaum folgendes festgestellt: „Die Nachricht, daß der Mord romantische Ursachen hatte, ist von revisionistischen Politikern verbreitet worden, die die Nachricht in der Gesellschaft Jabotinskys erreicht hat; da haben sie auch die romantische Deutung des Ereignisses übernommen." Was war die Ursache der Verbreitung dieser Gerüchte? Warum haben die Revisionisten sie verbreitet? Ich klage den Führer des Brith Trumpeldor an, daß er in der revisionistischen Presse dien von einer Chaverah des Brith Trumpeldor in Warschau versuchten Anschlag gegen das Leben eines Führers,der palästinensischen Arbeiterschaft verschwiegen hat, daß er diese Verbrecherin nicht aus der Organisation ausgeschlossen hat, daß er die revisionistische Jugend vor solchen Untaten nicht gewarnt hat. Ich klage die Leitung der revisionistischen Partei Polens mit Jabotinsky an der Spitze an, daß sie den Wahlkampf mit einem verleumderischen und blutrünstigen Aufruf eröffnet hat, der nur zu leicht zu UeberfäUen und Blutvergießen führen kann. Dieser Aufruf enthält folgende Sätze: „Verbreitet in Städten und Städtchen die Nachricht von den Greueltaten der aufgehetzten Histadruthleute. Erzählt von den schändlichen blutigen UeberfäUen auf kleine Kinder, und fordert alle auf, die rote Herrschaft in der jüdischen Gasse zu zertreten." Ist das nicht ein Ruf nach Pogrom und Mord gegen die Arbeiterschaft? Ich klage die Revisionisten Deutschlands an, daß sie unter dem Hitlerregimte in Deutschland zionistische Institutionen beschuldigt haben, nur Marxisten und Kommunisten Hötfe zu leisten, und damit diese Anstalten und ihre Leiter in Lebensgefahr gebracht haben. Es ist mir heute aus »aheföegcnden Gründen, unmöglich, alle diese Dokumente zu veröffentlichen, ich werde sie dem Kongreßgericht vorlegen. Aber eine dieser Denunziationen, — die gefährlichste — ist vom Führer der deutschen Revisionisten Dr. Hans Eger im der deutschen revisionistischen Presse, dem „Jüdischen Wort" veröffentlicht worden. Diese Denunziation ist in der Nummer vom 2. Juni veröffentlicht und hat folgenden Wortlaut: „Das Palästinaamt gibt der kommunistischen Borochovjugend Zertifikate". Dazu wurden die Namen der drei Mitglieder des Palästinaamtes angeführt, die diese kommunistische Politik im Berlin treiben. Ist sich der Führer Jabotinsky und die Redaktion des Revisionistenblattes bewußt, daß sie mit dieser Denunziation/ sowohl das Palä&tinaamt als auch . das Leben der Leiter desselben dem hitlerischen Vernichtungswillen preisgegeben haben? Ja oder nein? Das offizielle Organ der palästinensischen Revisionisten hat nach der Wahl Jizehak Grünbaums zum Präsidenten des Palästinaamtes in Warschau erklärt, daß man nunmehr den englischen Konsulaten mitteilen müsse, daß das Palästinaamt eine rein sozialistische Institution ist. Ist das nicht eine Denunziation, und wie hat Jabotinsky auf dieselbe reagiert? Ich klage Jabotinsky an, daß er nach der Machtergreifung durch Hitler eine Hetzrede gegen die Marxisten und Kommunisten innerhalb des Zionismus hielt. War er sich dessen nicht bewußt, welche Gefahr nach einer solchen Rede allen nichtrevisionistischen Parteien innerhalb des deutschen Zionismus droht? Ja oder nein? Ich klage die revisionistische Bewegung Palästinas an, die Methoden des deutschen Nationalsozialismus zu kopieren. Der Führer des palästinensischen Brith Trumpeldor Achi Meir, den Jabotinsky als „Morenu und Rabenu" bezeichnet hat, spricht nunmehr nur noch vom dritten Zionismus. Hat der „Führer" nicht diesen Hitlergeist gezüchtet? Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas und ihre Genossen in den Ländern der Galut haben sich durch die Ermordung ihres Führers nicht provozieren lassen, sie erwarten ruhig und diszipliniert die Bestrafung des Mörders durch die berufenen Instanzen ab. Sie haben sich auch nicht provozieren lassen durch die Pogrom- und Bluthetze des revisionistischen Führers und seiner Adjutanten. Die entschiedene und endgültige Antwort werden diesen Hetzern, Denunzianten und Mördern die jüdischen Massen geben, die im Arbeiterzionismus, ihre große Befreiungsbewegung sehen, und Palästina und den Zionismus von der .politischen und moralischen Gefahr dies Revisionismus befreien werden! Zum Tode von Arlosoroffs Inimitteni eines ., Chaotischen, kapitalistischem „Boom", wie er im Palästina von! 1933 herrscht, einer 'Konjunktur, deren Horizont wir noch1 nicht atiteckleni, deren " Ergebnisse wir noch' durchaus nicht lüberblickani 'können—inmitten eines planlosen: u'n'd zufälligem Aufbaues, der, im1 kleinen palästinen^- säsdhien Maßstäbe von: Raum |unid: Zeit der Nach- 'krie'gs'konijunta Europas rund1 Amerikas entspricht,, besaßieini wir einen; systematischen, ordnenden, konstruktiven!, planimä'ßiglani 'Kopf ohnegleichen' in Doktor Arlosoroff, einen! der 'ganz •wenigem1, deren; durChdrilnlgender 'und sozialistisch geschulter Verstand es versucht hätte, Ordnung in; den Chaos m bringen. Denin jetier planlose kapitalistische' Aufbau auf Grund eilner \wrfschatlichen: 'Könijuntur erzeugt notwendig Chaos, wie die Wirtschaft der altern und der neuen Welt dies heute beweist. Ich neige nicht zu der Ansicht, daß Arlosoroff der ieiilnizige könstrutive Geist im unseren' Reihen in> Palästina gewesen; sei. Aber ich bin1 sicher, daß: in der jüngere« Generation keiner außer ihm 'die so seltene,, damalige, weil scheinbar paradoxe Mischung widerstrebönlder Eigenschaften besäß;, wie vor ihm wohl triur inlodh1 Dr. Weizmann in' der älteren! Generation:, Chaiin Victor Arlosoroff umfaßte, wie schon seine Vornamen] ausdrücken, den Osten iund den Westen1; er war Ixt hohem' Mäße' national, wissenschaftlich! exakt 'unld fundiert, wie jeder weißl, der ihn! im A. C., Kongreß! oder Exekutivkomitee iü'ber Politik, ökonomische oder soziale Probleme referieren1, hörte, wozu Sdhreiberin' dieser Zeilen wiederholt Gelegenheit 'hatte. Aber zu alldem 'kam etwas Undefinierbares, Irrationales dazu, eini Etwas, das ich1 „das Geheimnis! des Erfolges" nennen möchte. Arlosoroff kam 1931 id die Exekutive der JewisW Ageney, zu einer Zeit, als die äußere. :und die innere Lage, Politik und Wirtschaft des Zionismus, gleich' verworren waren'. Und doch, welche Erfolge kouinte dieser junge Mamni, dieser Benjamin der zionistischen: Politik er-- zielen! Man' denke an die außerordentliche Besserung der Beziehungen zur englischen Regierung in' jeru-' salem, an die günstigen! Fäden, die er zu den transjordanischeni Arabern spann, man' denke ait seine konstruktiven Ideen zur Uebersfedlung deutscher Juden mach Palästina, zur Errichtung von' Schursiedlungen) in Erez Israel, man studiere seine Vorschläge zur Reform der zionistischen Administrative,; des Kongresses usw. Welches Gebiet er im Angriff nahm, er errang Erfolge, weil' ein! 'Kern absoluter Wahrheit und Sachlichkeit wie Eisern eingegossen war. Er schien ein Kind des Glücks, was für einen' Politiker auch1 eine Art Berufung bedeutet — die einzige etwa, die Dr. tWdzmanini abzugehen! schien. Und muri — dieser jähe, tragische, dieser schdnbar so sinnllose Tod — sinnlos wie das Fällen; eines herrlichen, starken, Jblütentragenden Baumes, ehe er seine reifsten1 Früchte spenden; konnte. Doch', Arlosoroff hat uns — danik seinem „Fleiß des Genies" — auch1 schon Früchte beschert, wenn diese jugendwerke luns auch1 erst dem Vorgeschmack der zukünftigem gebenkonnten. Dennoch, es wird sich' w seinem Nachlaß vieles finden, das wert ist, gut unld treu bewahrt und — befolgt zu werden. Vor 13 Jähren ist ein1 anderer, gldchfalls herrlichter, sozialistisch^äonistischer junger Führer tragisch gefallen: Josef Trumpeldor. Sein Name ist mißbraucht, sein Erbe verfälscht wortfeni Laßt uns sorgen, daß Chaim Arlosoroffs Name und Erbe, des bedeutendsten! zionSstischSsozialistischien Führers der Nachkriegszeit, voll ausgeschöpft und1 in1 seinem Geiste verwaltet werde! Dr. Martha' Hüfhranin1. Der zionistische Kongreß in Gefahr! Im Zentrum der Fragen, die der nächste Kongreß zu entscheiden haben wird, steht die Frage der Institution des Kongresses an sich: wird der Zionistenkongreß das gesetzgebende Organ der zionistischen Organisation bleiben, das die Palästinapolitik des jüdischen Volkes bestimmt und der Träger der öffentlich-rechtlichen! Funktionen der zionistischen Organisation ist, oder soll der Kongreß zu einer wertlosen Versammlung degradiert werden, die keine bindenden Beschlüsse zu fassen1 vermag, und weder von der Mandatarmacht noch vom arabischem Volke alslegitime Vertretung des jüdischem Volkes anerkannt werden kann? Die Diasporageschichte des jüdischen' Volkes' kennt dieses nur als passives Objekt, niemals als aktives Subjekt der Politik'. Mögen die Juden als Einzelne die Politik großer Länder beeinflußt haben, mag das jüdische Volk hervorragende Staatsmänner wie Disraeli und Trotzki hervorgebracht haben: diese großen Juden haben1 keine Politik des jüdischen Volkes gemacht, das jüdische Volk war niemals im Galut Träger eines Staatswi Heins, einer Staatspolitik. Jüdische Politik als kollektiver Willensausdruck und als Zielsetzung des jüdischen Volkes hat erst wieder mit der zionistischen: Bewegung eingesetzt. Die Ansicht jener Kritiker, des Zionismus, die da. meinten, ein' staatsloses Volk könne kein' selbständiger Faktor der Weltpolitik' werden1, ist vorn der Geschichte widerlegt. Das jüdische Volk ist völkerrechtlich als der Träger des international garantierten Rechtes auf An alle Freunde des arbeitenden Palästina! Nur wenige Tage stehen noch für die Agitationsarbeit zur Verfügung. Nützt sie voll aus! Die Wahlagitation muß mit größter Energie aufgenommen werden. Stellet Euch zur Verfügung. Um uns die Möglichkeit zu geben, alle Freunde des arbeitenden Palästina für unsere Liste zu erfassen, fordern wir Sie auf, in den nächsten Tagen eine Sichtung der in unserem Sekretariate, II., Blumauergasse 1,, aufliegenden Wählerliste vorzunehmen. Sekretariatsstunden: von 10—13 Uhr von 14—22 Uhr BHnHBHHDHHnBnRgHnBffiBHBffl Palästina anerkannt worden. Die freiwillige zionistische Organisation wurde international legalisiert und als Vertreterin des jüdischen1 Volkes anerkannt. Man! mag welcher Meinung auch immer über den Wert des Völkerrechtes, des Völkerbundes und der Weltpolitik sein : es ist unbestreitbar, daß das jüdische Volk durch Jahrhunderte nicht in der Lage war, seinen Volks1willen und seine Forderungen auf legale Weise zum Ausdruck zu bringen, und daß es dank des freiwilligen Zusammenschlusses in der zionistischen Organisation*- zum Träger des international garantierten Rechtes; auf Palästina geworden; ist. Der vierte Punkt des Palästinamandates stellt fest, daß die zionistische Organisation in allen Fragen des Aufbaues des nationalen Heims das Recht der Mitentscheidungi hat. Das bedeutet auch einen Funkrionswandel des Zionistenkongresses. Dieser hatte bisher einen demonstrativen Wert nach außen und einen konstruktiven Wert nach innen. Der Kongreß hat die politischen Forderungen: und die kolonisatorischen Pläne des Zionismus formuliert, er war der Sammelpunkt des zionistischen Strebens und der Ausgangspunkt der zionistischen Tat. Nunmehr, nach der Anerkennung der zionistischen Organisation im Palästinamandat ist der Kongreß der Träger der-