Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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16. Juni 1933 Der jüdische Arbeiter. Seite 3. D. Ben Gurion: In der Epoche der Verwirklichung*) Ein zionistisches Aktionsprogramm Was die nächste Epoche der Verwirklichung des Zionismus? Was ist die nächste Stufe, die wir bald, in 'dem mäch'stem Jahren erreichen müssen und die die größten Anstrengungen verdient, damit man sie sö rasch als möglich' erreicht? Wenn die zionistische Bewegung planmäßig arbeitet will (und1 falls sie Erfolg haben soll, m.ußl sie planmäßig arbeiten), ist es nötig, sich klare Rechen^ schaft abzulegen. Die Bewegung muß wissen, wo wir jetzt in Erez Israel stehen1, in welchem Gefahren wir :uns befinden!, welche Möglichkeiten (unmittelbare! Möglichkeiten) bestehen und nach all dem ihre Arbeit einrichten:.; Eine große Frage des Jischuw ist die Frage von Schlüte, Sicherheit und Verteidjgumg. Es hat lange1 Zeit jüdische Politiker gegeben, die zu beweisen versuchten1, 'd'äßf oh'ne jüdische Legion, ja selbst ohne eine Jüdische Legion1, 'die wicht unter englischem Kommando steht,!Mne Sicherheit für den Jischuw 'Besteht. Ja meffir: Sie haben versucnt, zu beweisen1,, daß;mani omne eine Legion eine Arüeit in £rez rsraer mcnT leisten'icann uri'GTnicfif reisten soTn önne'jregiön mögen! keine Immigranten: und kein Geld ins Land 'komment. Der Zionismus hat diesen: großen1 Weisen nicht gefolgt. Selbst die Legjiomäre, die freiwilligen! Legionäre, die aus Erez Israel mach1 Amerika gekommen waren!, alle die unzähligem! Chaluzim, die, noch vor dem Weltkrieg im Land gewesen waren! und mach dem Weltkrieg zurückgekommen' sind — haben auf die|se Neuitmalweisen nicht gehört, haben Wie Arbeit, iniicht umterbroch'en urtd an die zionisfi-i sehe Bewegung die Forderung gerichtet, die Arbeit fortzusetzen, obzwar es keine Legion gab. Und heute wird keiner (selbst keiner von: dem großen Weisen1 und Politikern) wagen: zu behaupten, daß die Chaluzim nicht Recht hatten. Das, was wir heute im Land haben, danken wir jener ch'aliiziscWeni Einstellung, die da sagte, daß wir Vor >a Ii! ei im unsere Arbeit fortsetzen müssen, vor allern und unter allem Bedingungen. Aber die Frage der Sicherheit bleibt offen' und ist erimst wlisa immer. Die Geschehnisse von 1929 ■können sich wiederholen, in einem größeren' und tragischerem Umfang. Und die große Aufgabe, die jetzt vor .uns steht, ist, eine solche jüdische Kraft im Land zu sch'affem, die sich aus eigener Energie verteildiige^m kafnfni. Das ist die nächste Etappe 'in der VerwirklichiijUg des Zionismus. Die Wirkliche Frage der Sicherheit ist nicht nur ein Problem von\ Militär, Gewehren! und Verteidigung im technischem! rSimm des 'Wortes. Es ist mehr eine Frage lebendiger, menschlicher jugendlicher Kraft,.,!die wiln im Lam.de toben1. Die Frage nach SicWer- 'hteit ka,nm ernsthaft nur dann beantwortet werden,, wenm wir .aus eigener Kraft stark gemug sein werden, dem Kampf zu bestehen'. Von' diesem Ziel sind wir jetzt mic'ht mehrso weit, wie man1 vielleicht denkt. Wenin wir fähig sein sollen, uns zu verteidigen, müssen! wir mit unseren! Nachbarn auf einer tSufe stehen, was' die Zahl der Mänmer in einem bestimmten Alter anlangt, sagen wir zwischen 20 und 40. Man muß! *) Siehe: Ein! zionistisches Aktionsprogramm, der „Jüdische Arbeiter" Nr. 23. sich vqr Augen h'altejn, daß die Zusammensetzung; (der jüdischem Siedlung als einer Siedlung von Ein-*' wandererim in) dieser Hinsicht besser ist als die einen* anderem Bevölkerung und vor allem günstiger als die Zusammensetzung der ansässigen1 nich'tjüdisch'en Bevölkerung. Wir h'abem prozentuell mehr Jugend als unsere 'Nachbarn1. Und damit der Ausgleich' vollkommen wird, fehlem uns vielleicht nur noch' 40.000 bis 50.000 junge Menschen. Deshalb ist die Einwanderung! vom 40.000 bis 50.000 Chaluzim im den allernächstem Zeit das große Bedürfnis und die hauptsächlichste Sorge des Zionismus. Mit >moch; 50.000 Chaluzim ist der jüdische jischuw, vom Standpunkt der Sicherheit, nicht mehr schwächer als seine nichtjüdischle Umgefbumg diesseits des Jordaim, Die Frage der Sicherheit im gam'zem Umfang wird auch1 dann mich't gelöst seim, denn: es besteht auch1 eine Gefährt vom einer anderen Seite des Jordan hier, aus Transjordanien. Aber ein: wichtiger Teil des Verteidigun'gsH Problems wird damit gebannt, die in jenem Teil des Landes vorkommen! könnten, in dem sich bisher die jüdische Einlwaihderiin'g und Kolonisation konzentriert hat. |Um diese wichitige. Stufe ziomiistis'cher Entwicklung! zu erreichen, bedarf es (von' Menschern abgesehen1) moeh einer Sache; und das ist die Konsolidierung unseres Landbesitzes und unserer Siedlung!. Wenin der Leser die Karte Erez Israels im die Hand nimmt, wird er seihen, daß die jüdischem Punkte, die städtischen ujnd lamdwirtschaftlich'elm Siedlungen, sich! einerseits voim Süden! nach Norden an der Küste Liga für das arbeitende Palästina Das Gartenfest, welches am Samstag, den 10. ds. hätte stattfinden sollen, mußte wegen schlechter Witterung verschoben werden und findet Samstag, den 24. Juni 1933 um halb 8 Uhr abends am Konstantinhügel, II., Hauptallee statt. Karten Buchhandlung Rath, II., Taborstr.20a I. Herschkovicz, I., Ruprechtsstiege 2 Poale Zion-Hitachduth, II., Blumauergasse 1 d'es mittelländischem Meeres, und anderseits von Westen mach Osten1, von Haifa über den Emek 'jesree'I' bis zum Jordan ziehen: Und schließlich1 von Metullah' bis zum Tote,m Meer bei Jerusalem. Die Siedlungen sind getrennt, eine von der anderen1, und deshalb' sind! sie .nicht ganz sicher. Diese Punkte dureh'neuen Landerwierb' verblnde(ni und eine neue Kette jüdischer Siedlungem' schaffen, —• das; ist die zweite Vorbedingung für die Sjchieriheit des jüdischem Jisch'Uw. 'Diese; zwei Bemümumgejn — die Einwanderung) einiefc ju|ngejn Elements und die Verknüpfung der jüdischen Sitedliumg] durch Bodeimerwerb und Konsolidierung bilde-m die Basis für ein zionistisches Aktionsprogramm iini elnier nahen und' sehr wichtigem Etappe auf dem Weg zu Auf blau und Verwirklich'iiing. An alle Genossen! Die Organisationsleitung hat den Beschluß gefaßt alle Genossen zu verpflichten, den „Jüdischen Arbeiter4* zu beziehen. Jene Genossen, die unser Blatt bis jetzt noch nicht abonniert haben, erhalten Probenummern und werden aufgefordert die Zeitung sofort zu abonnieren. Die Administration. Die amerikanische Poale-Zion beim Arbeiterkongress Am 6. und 7. Mai fand im Washington der amerikanische Arbqiterk'oingreßi statt. Aw diesem Kongreß! beteülfgten sich 41330 Delegierte, und zwar nicht nur aus Nlew-York und Pejnsilvanien, von w?o meistens} ausschließ lieh jü|d'is'ch|e Vertreter zu sozialistischen1 Ben ratungemi entsandt werden, sondern! auch1 von weit-* liegenderem! Städten. Unter den Delegierten waren; Farmer, Grubjenbesitzer, LokomiotMührer, Jugendliche, Frauen der verschiedenen Frauenorgjanfsationen!. Es war der erste sozialistische Kongreß! flu Amerika1,} der eine so starke Beteiligung aufweisen konnte. Um! so verwumdierlicher ist es, daß die Wiener sozialist-P Presse über diese bedeutsame Tagung nichts zu berichten wußte. Im1 der Eröffnungssitzung wurden vom den Führern der'sozialistischen1 Bewegung Amerikas! großangelegte Ansprachen gehalten, die gegen dem zierstöreinde(ni Kapitalismus und seine neueste politische Ausidrucksform gerichtet waren. Die eigentliche Arbeit wurde von Kommissionen geleistet, die sich mit folgerndem Fragen1 befaßt haben: 1. Arbeitslosigkeit und ökonomische Unsicherheit; 2. Agrarfragen; 3. Bürgerliche Rechte und Rassenprobleme; 4. interna tionäle Beziehungen; 5. Steuer-, Währmmgsumid Bainkfragen; 6. Oirgamisationsfragein. Die zionistisch1 sozialistische Fraktion 'hat Vertreter in die} Kommissionen! für internationale Beziehungen, Orgjamisationsfragen und Jugendprobleme entsjamdt. Mefnmmgsverschiejdenheiten 'herrschten am Kongreß im! der Frage der internationalen Beziehungen, der „Ei'nh heitsfront" und der Frage, ob der Kongreß: eine dauernde Institution werden soll. Es wurde schließlicht beschlossen!, die Regierung aufzufordern1,'- Sowjetriuß^ land endlich1 anzuerkennen, den Kongreß: als perma-, nlenfce Institution in die amerikanische' Arbeiterbiewer gumg eimzugliedern, und die „Einheifsfrönttaktik" d'erj Kommunisten zu verwerfen'. Schließlich wurde eine! Resolution gegen den Faschismus aller Länder, inä-' besondere aber gegen den deuts'cheni, angenommen. (Die zionistisch'-sozialistis'che Fraktifo'n! hat in einer Deklaration di|ej Bereitwilligkeit des zionistischen! Söl zialismus erklärt, an der sozialistischen! Aufbauarbeiij in Amerika aktivem Anteil zu nehmen, und auf die spezifische ökonomische Lage der jüdischem,1 Massen) hinge wiesen, sich in den1 landwirtschaftlichen und' industriellen Produktionspiiozeß! einzugliedern. Die Delegation hat auf die besondere Funktion der Jüdischem Gewerkschaften ''hingewiesen, 'dije darin begründet ist, daßi die Bedingungen der jüdischen Industrien besonders 'hygienisch' sind. Die Deklaration! hat die Aufmerksamkeit des Kongresses aucTf auf dfe Gefahr gelenkt, die der Hitlerjämus für die intern matiomale Arb[e|iteiibewegung, für das' jüdische Volk' und für die Menschheit mit sich bringt. Der Kongreß!" hat schließlich eine Exekutive von 26 Mitgliedern! ge-' wählt, i n welche alle Gruppen ihre Vertreter entsandten. Dien Kongreß bedeutet ein neues Blatt in der Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung. Aus dem Leben der Juden in aller Welt: *Dae 3«s«lem m de«» Surttet Man nimmt an, daß es in der Türkei ungefähr 80.000 Juden gibt, von denen 45.000 in Konstantinopel leben. Die wichtigste Gemeinde ist die sephardische, da es nur un gefähr 5000 Asehkenasim gibt. Von Jahr zu Jahr sinkt die Zahl der Juden in der Türkei. Ihr Lebensstandard sinkt ebenfalls. Sie sind zur Gänze Städter, und die neuen Steuern, die dem Lande als schwere Last auferlegt wurden, lasten auf den Städtern. Von den jüdischen Flüchtlingen aus Rußland blieben nicht viele im Lande. Der größte Teil von ihnen wanderte nach und nach aus. Aber auch vor den in der Türkei Zurückgebliebenen steht die Frage: wohin? Ein neues Gesetz trat am 6. Juni in Kraft, nach dem nur türkische Staatsbürger Arbeitsrecht haben, Nichtbürger dürfen weder Arbeit nooh Handwerk betreiben und in vielen Fällen auch kein Amt bekleiden; fremden Staatsbürgern ist es wohl erlaubt, Fabriken, Werkstätten und Handelshäuser zu begründen, da fremdes Kapital erwünscht ist, aber fremde Arbeit — verboten. Viele Juden würden sich gern naturalisieren lassen, aber es wurden so viele neue Hindernisse auf den Weg zur Einbürgerung gelegt, daß es für Fremde ungeheuer schwierig ist, das Bürgerrecht zu erlangen, aber fast unmöglich ist dies für russische Flüchtlinge. Auf Grund eines Vertrages zwischen der Türkei und Sowjetrußland ist es den Türken verboten, russischen Flüchtlingen mit Ausnahme dei Moslems Bürgerrechte zu verleihen. Viele Russen, wie auch einzelne Juden treten daher zum Islam über, um nur da? Bürgerrecht zu erhalten. Wohl gilt dieses [Gesetz pur für russische Staatsangehörige, während jeder Nichtrusse nach fünfjährigem Aufenthalt in der Türkei das Bürgerrecht erwerben kann — aber nur in der Theorie, in der Praxis werden die Ansuchen um Einbürgerung abgelehnt, ohne daß die Behörde verpflichtet wäre, die Ablehnung zu begründen. Dagegen wird den Moslems die Einbürgerung sehr erleichtert, was den Uebertritt vieler Nichtmoslems zum Islam zur Folge hat. Die Lage d;er türkischen Juden ist jetzt in vielfacher Hinsicht schlimmer, als vor dem Krieg. Das Gesetz macht zwar zwischen den Nationen und Konfessionen keinen Unterschied, aber in der Praxis sind die Rechte der Juden in der Republik in hohem Maße beeinträchtigt wordien. In der Monarchie war es eventuell noch möglich, jüdische Beamte im Zivil- und Militärdienst zu finden; heute gibt es keine Spur von jüdischen Beamten in den obenerwähnten Institutionen. Post und. Telegraph, Eisenbahnen und Stadtverwaltungen sind judenrein. Aber am meisten sticht die Zurücksetzung der Juden beim Heer hervor: Nicht nur, daß praktisch kein Jude Offizier oder auch nur Unteroffizier werden kann, auch als gemeiner Soldat wird er nicht zum normalen Dienst zugelassen; er darf kein Gewehr tragen und versieht bloß die Aufgaben eines Dieners: Tragen von Lasten, Wegebau, Stein,eklopfen, Reinigungsarbeiten u. dgl. Die Jahre des Militärdienstes werden für die Juden Jahre der Mißhandlung. Es ist daher kein Wunder, daß viele Juden nicht zu Bürgern minderen Rechtes werden wollen und es vorziehen, fremde Untertanen zu bleiben. Als Folge des neuen Gesetzes, das den Fremden das Recht auf Arbeit nimmt, werden viele jüdische Einwohner der Türkei existenzlos werden. Bis jetzt ging die jüdische Emigration aus der Türkei nach Latein-Amerika und Europa, besonders nach Frankreich. Da fast alle Sephardim Zöglinge der „AUiance" sind, verstehen sie französisch. Aber in d,er letzten Zeit trat auch Palästina als Emigrationsland auf den Plan. Man kann nicht behaupten, daßdie türkischen Juden besonders gern nach Palästina wandern, ihr nationales Gefühl ist nicht sehr entwickelt und Judentum ist für sie bloß eine Sache der Religion, diese aber verliert von Jahr zu Jahr an Bedeutung. Mischehen sind eine selbstverständliche Erscheinung. Der Zionismus ist an den türkischen Juden beinahe spurlos vorbeigegangen. Eime hebräische Zeitung ist im Lande fast unbekannt, ein hebräisches Buch ist eine seltene Erscheinung; die meisten Frauen kennen nicht einmal die hebräischen Buchstaben. Ein wenig Hebräisch lernen nur die Kinder der Armen, die die Talmud-Thora-Sehulen besuchen, wo ihnen einige Gebete und Segens&prüche beigebracht werden. In den Staatsschuten ist für Hebräisch kein Platz. Die Mittelschule, dier „Bene-Brith" in Konstantinopel, die als hochstehende Anstalt gedacht war und an deren Spitze ein nationaller und aufgeklärter Jude steht, widmet dem Hebräisehunterricht nur wienige Stunden; die Hebräischkenntnisse der Absolventen dieser Schulen sind gleich Null. In Konstantinopel gibt es keine jüdische Öffentlichkeit und kein jüdisch-nationales Leben. In einer Rede über die Lage der Juden in der Welt, der ich zufällig beiwohnte, und die von einer bedeutenden jüdischen Persönlichkeit in der Türkei gehalten wurde, wurde, der Name Palästina überhaupt nicht erwähnt. Die türkischen Juden sind nämlich im Irrtum befangen, daß sie den Namen Palästina nicht auf die Lippen nehmen dürfen, weil Palästina von der Türkei losgerissen wurde. Eine zionistische Organisation besteht nicht, aber der Name Palästina ist hier sehr populär. Viele türkischen Juden würden gerne nach Palästina auswandern, wiewohl ihnen die volle nationale Erkenntnis fehlt und ihr nationales Gefühl im Unterbewußtsein schlummert. Ist doch Palästina das Land, das im wirtschaftlichen Zusammenbruch der jüdischen Welt, eine Existenzmöglichkeit für hunderttausende Juden bieten könnte. Diese Erkenntnis wächst und weckt auch nationale Gefühle. -"d.- -'i-ömojik' '(KÖhsitatltfiiope-t)»