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Der Jüdische Arbeiter · 1933-06-02 · Heft 22 (2.6.1933) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 22 (2.6.1933)
Date
1933-06-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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2. Juni 1933 Der judisCihfe Arbeiter. Seite 3. Die entscheidende Lehre Es ist Zeit, daß wir uns nach dem furchtbaren Schlag, den wir Sozialisten durch den Sieg des Faschismus in Deutschland erhalten haben, wieder erheben, und statt in unserer Mutlosigkeit zu verharren, uns die Frage stellen, warum es so kommen mußte. Wir wollen es nicht leugnen: wir haben uns zutiefst in unserem Glauben, in den geistigen Grundlagen unserer Existenz erschüttert gefühlt, als die Ereignisse in Deutschland über uns hereinbrachen. Der Zusammenbruch des deutschen Sozialismus bedeutet für uns den Zerfall unseres sozialen Weltbildes, in welchem die deutsche Sozialdemokratie einen unlösbaren Bestandteil gebildet hat. Nicht in der Niederlage der sozialistischen Bewegung an sich, in ihrer völligen Ausschaltung aus dem politischgeistigen Leben des oO-Millionen-Volkes, das im Herzen Europas eine weltpolitische Schlüsselstellung einnimmt, liegt die Tragik der deutschen Geschehnisse, das Erschütternde liegt vielmehr in der Form dieses katastrophalen Zusammenbruches. Aussprechen was ist, dieser kategorische Imperativ der sozialistischen Politik, zwingt uns heute festzustellen, daß wir auch in Stunden trübsten Pessimismus nicht befürchtet haben, daß sich der so machtvoll scheinende Bau des deutschen Sozialsmus als — sagen wir es nur gerade heraus — Kartenhaus erweisen wird, das fast widerstandslos dem faschistischen Sturm zum Opfer fallen wiri. Diese Ohnmacht, diese Wider&tandslosigkeit, die von den Führern der Konterrevolution mit leider nur zu verständlichem Hohn quittiert wurde, ist es, die uns aus unserem seelischen Gleichgewicht gebracht hat und die Erkenntnis ihrer Ursachen bildet die wichtigste Voraussetzung der Wiedergewinnung unserer Fähigkeit, wieder in voller Aktivität dem sozialistischen Ideal zu dienen! Dii Parole der deutschen Reaktion lautete seit Jahren „Tod dem Marxismus!" und höhnisch haben wir stets auf diesen Schlachtruf mit der Erklärung reagiert, daß unsere Gegner vom wahren Gehalt der marxistischen Lehre keine Ahnung haben. Unsere Selbstüberhebung war absolut unberechtigt. Marxismus ist nicht nur ein System theoretischer Lehrsätze, er enthält auch Grundsätze politischen Handelns. Uniter diesem Gesichtspunkte waren die deutschen Reaktionäre stets bessere Marxisten als die deutschen Sozialdemokraten. Marxist sein heißt, seine Politik ausschließlich auf die realen Grundtatsachen des gesellschaftlichen Lebens zu gründen, sich dessen bewußt zu sein, daß das Klasseninteresse ausschließlich die politischen Handlungen der Parteien und Gruppen motiviert. Die deutsche Reaktion hat immer nach diesem Prinzip gehandelt, sie hat die entscheir aber unwillig machte, -für die Erhaltung der Demokratie Opfer zu bringen. Damit sind aber die Gründe der deutschen Katastrophe nkht erschöpft. Neben den historisch politischen Ursachen der Zertrümmerung der deutschen Arbeiterbewegung hat uns diese auch die innere Schwäche derselben offenbart, die in schreiendem Gegensatz zu ihrer quantitativen und organisatorischen Entfaltung steht. Aus dieser Tatsache werden die noch intakten Teile der Internationale die entscheidende Lehre für die Gegenwart und Zukunft schöpfen müssen. Wer kennt nicht als Poale Zionist jene mehr oder minder ve r h üllt e Ge r i n gsc h ä t z umg, d i e manche Funktionäre unserer großen Landesparteien den kleinen sozialistischen Parteien gegenüber zur Schau trugen, stolz pochend auf die großen Zahlen ihrer Parteistati strk. Müßte nicht aber jedem, der nicht tatsachenblind aus Prinzip ist, klar werden, daß die Zahl an sich keine Machtquelle darstellt? Noch niemals in der Geschichte hat sich die sozialistische Grundwahrheit, daß eine soziale Gruppe, sofern ihr überhaupt Realität zukommt, mehr sein muß, als eine Summe von einzelnen so:, bewährt wie heute. Dieses Mehr ist nichts anderes als der revolutionäre Geist, der die Parteimitgliedlschaft erfüllen und sie befähigen sollte, sich in Stunden' der Gefahr zu einer, einheitlichen handelnden Gemeinschaft zu vereinigen. Dieser Geist kann nur das Produkte einer zielbewußten Erziehung im weitesten Sinne des Wortes sein'. Niemand wird leugnen wollen, daß es in der großen deutschen Partei eine Erziehungsarbeit gab, die sich aber ausschließlich an den Intellekt wandte, während die Auslösung einer gefühlsbetonten sozialistischen Gesinnung in ihrer Bedeutung für den Klassenkampf außerordentlich unterschätzt wurde. Selbstverständlich kann im Wege intellektueller Ueberlegungen nur1 ein Interessensozialismus gerechtfertigt werden, der Weg zur Aufnahme des moralischen Gehaltes der sozialistischen Idee führt über den Appell an das Gefühl. Es liegt in der Richtung dieser einseitigen Auffassung des Sozialismus als eines nur mit Vernunftgründen rechtfertigenden Zieles,, wenn man unsere Meinung, daß es Fehler der sozialistischen Efziehungspotitik waren, die in Deutschland die Katastrophe herbeigeführt haben, als „naiv" und „un* materialistisch" bezeichnen wird; es müßte äbef jenen, die das seelische Element innerhalb der sozialistischen Bewegung unterschätzen, vor ihrer „wissenschaftlichen" Gottähnlichkeit bange werde», wenn sie die letzten Gründe des Versagens der deutschen Partei erforschen. Der mangelnde Kampfwille ist die letzte Ursache der Kette der Versäumnisse, unter günstigen Bedingungen den Kampf um die Demokratie aufzunehmen; dieser Wille zur Behauptung der Macht hätte sich auch gegen die Führerschaft durchgesetzt, wenft er tief im Bewußtseinder Masse verwurzelt gewesen wäre. So muß denn eine grundsätzliche Umwertung der Werte innerhalb der sozialistischen Bewegung in der nächsten Zeit unsere wichtigste Forderung sein. Die Ueberschäzzung der Quantität, der Pflege des organisatorischen Apparates, dessen Hypertrophie allen politischen Aktionen die Unmittelbarkeit nimmt, hat zur Lähmung der Initiative des sozialistischen Menschen geführt. Aus der sozialistischen Idiologie muß wieder die sozialistische Idee werden, die dem sozialistischen Menschen zum Lebensinhalt, zum Sinn seines Lebens werden kann. Eine mißverständliche Popularisierung des historischen Materialismus hat zur Folge gehabt, daß imnerhailb unserer Reihen eine panökonomische Lebensanschauung Raumi gewonnen hat, die die Ausschließlichkeit des wirtschaftlichen Motivs; für das politische Handeln behauptet. Eine solche Geisteshaltung muß jede Opferbereitschaft ertöten. Nur eine grundsätzliche Umkehr von der sozialistischen Erziehung der Gegenwart kann eine fruchtbare Konsequenz der deutschen! Katastrophe sein. Ein optimistisches Verharren in den ausgetretenen Wegen wird zu neuen Niederlagen des Sozialismus führen; denn der Mensch ist nur dann fähig, für eine Sache freiwillig sein Leben hinzugeben, wenn diese ihm mehr ist, als das Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung; sie muß ihm die Erfüllung des. Sinnes seines Lebens, der Erhebung über das Fatum der individuellen Vergänglichkeit sein! M. P. Liga für das arbeitende Palästina Samstag, den 10. Juni 1933 um 7 Uhr abends am Konstantinhügel,II.Hauptallee GARTENFEST unter Mitwirkung prominenter künstlerischer Kräfte. Kartenvorverkauf: IL, Blumauergasse 1 dereden Schritte zum Faschismus stets unter dem Gesichtspunkt der Wahrung ihrer Klasseninteressen getan. Brüning wurde davongejagt, als er eine verwässerte Grund besitzreform befürwortete, die Gegensätze innerhalb des bourgeoisen Lagers waren in dem Augenblick aufgehoben, als das Klassenprestige der mit dem Bürgertum verbündeten Aristokratie durch den OsthJlfeskandal gefährdet war. Der deutsche Sozialismus war unmarxistisch genug, daran zu glauben, daß es innerhalb des Bürgertums Gruppen gebe, die um des Ideals der demokratischen Regierungsform willen auf die rücksichtslose Verfolgung ihrer Interessen verzichten würden. Die deutsche Sozialdemokratie hat geradezu einen symbolischen Akt „antimarxistischer" Gesinnung gesetzt: die Kandidatur Hindenburgs entsprang ja dem Glauben, daß dieser Repräsentant der Junkerklasse es ablehnen werde, der Partei der braunen Barbaren die Macht auch dann in die Hände zu spielen, wenn die Einbeziehung des 9lationalsoziaüsmus im Interesse der Erhaltung und Festigung der bestehenden Gesellschaftsordnung liegen würde. Hindenburg hat sich als der bessere „Marxist" erwiesen: kühl bis ans Herz hinan, stellte er alle kulturellen und außenpolitischen Bedenken zurück, als es galt, sich zum Zwecke der politi sehen Stabilisierung des bürgerlichen Regimes dem offenen Faschismus in die Arme zu werfen. Der deutsche Sozialismus hat der demokratischen Gesinnung des Bürgertums zu sehr vertraut, und hat es versäumt, die wehrhafte Vorbereitung der Abwehr der Konterrevolution in die Wege zu leiten. Allerdings war die Möglichkeit dieser Abwehr begrenzt genug, da ein großer Teil des deutschen Proletariats die Demokratie abgelehnt hat und sich selbst in seiner gesamten Politik weigerte, das Notwendige zur Erhaltung der Demokratie zu tun, im Gegenteil für die Institutionen des Parlamentarismus nur Hohn und Verachtung übrig hatte. Die Demokratie wurde nicht nur von dem Bürgertum aufgegeben; auch ein wichtiger Teil der Arbeiterschaft hat sich gegen sie gewendet, nicht ahnend, daß die Untergrabung der Demokratie für die Gesamtarbeiterschaft die völlige Ausschaltung derselben aus dem politischen Leben zur Folge haben wird! So ist denn der Zusammenbruch der deutschen Demokratie im Wesentlichen in zwei Momenten begründet: in der sozialdemokratischen Ueberschätzung der demokratischen Einstellung der Bourgeoisie, die die psychologische Grundlage der Politik des kleinen Uebels war und in der Verne in u n g der Demokratie durch den Kommunismus, die große demokratisch gestimmte Teile des Kleinbürgertums dem Faschismus in die Arme trieb, große Teile des Proletariats Wird den deutschen Juden geholfen werden? Ein U/elthflfsfond für die deutschen Süden London. Ein Komitee prominentester jüdischer und nichtneue Hilfsaktion müßte einsetzen. Die alten Einwariderungsjüdischer Persönlichkeiten erlließ einen Aufruf zur Schaffung eines Welthilfsfonds für deutsche Juden nach Palästina. Es wird1 eine großzügige Aktion eingeleitet, welche sich über alle Länder erstrecken, soll. In,- dem- Aufrufe wird darauf hingewiesen, daß Palästina mit seiner dauernd steigenden Aufnahmsfähigkeit deutsche Juden in immer wachsender Zahl aufnehmen und ihnen undi ihren Kindern dauernde Heimat werden kann. Komitees in den einzelinen Ländern müssen sioh konstituieren und unverzüglich in Aktion tretem. Aus den Mitteln dieses Fonds soll im Zusammenwirken mit den bestehenden Finanzinstitutionen der zionistischen Organisation und der Jewish Agency Boden in Palästina erworben und durch deutsche Juden besiedelt werden, sollen handwerkliche und industrielle Unternehmungen gefördert, es soll überhaupt alles unternommen werden, was deutschen Juden in Palästina den Uebergang zu neuen Berufen ermöglicht und ihnen den Aufbau eines neuen Lebensi in Freiheit und Ehre sic'hert. Den Aufruf haben bisher von nichtjüdischer Seite Lord Robert Cecil, D. Lloyd George und. General Smuts unterzeichnet. Er so! ferner die Unterschriften von Sir Herbert Samuel, Prof. Weizmann, Cyrus Adler, Nahum Sokolow und Felix Warburg tragen. Die Stimme der englischen Juden Die große Sammelaktion für den Zentralhilfsfonds der englischen Juden wurde in einer von 500 geladenen Gästen besuchten Versammlung im Saale des Londoner jüdischen Gemeindehauses feierlich, eröffnet. Den Vorsitz führte Anthony de Rothschild, neben dem Lord Rothschild, Lionel Cohen, Leonard G. Montefiore und Prof. Samuel Alexander auf der Tribüne Platz genommen hatten. Die Reihe der Ansprachen wurde durch den Vorsitzenden eröffnet, der u. a. erklärte, in der Beurteilung der gegenwärtigen Lage sei man eher zu wenig weit als zu weit gegangen. Das gesamte englische Judentum müsse zur HiMsarbeit herangezogen werden. Man müsse für die Auswanderer aus Deutsichland in verschiedenen Ländern Existenzmöglichkeiten finden. Insbesondere müsse jede Möglichkeit, Auswanderer in Palästina anzusiedeln, ausgenützt werden. Rede Dr. Weizmanns: Dr. Chaim Weizmann hielt eine großangelegte Rede, in der er erklärte, man solle nicht Anklage erheben, sondern mit der tragischen Realität einer plötzlichen Katastrophe rechnen. Es handle sich bei den Geschehnissen in Deutschland nicht um ein lokales Ereignis, vielmehr sei die ganze Judenheit durch sie betroffen. Tragisch sei die innere Situation des deutschen Judentums. Die russischen Juden hätten in ihrem Ghetto als stolzes Volk gelebt, erfüllt von moralischer Kraft. Das Judesein des deutschen Juden sei, in vieler Hinsicht ausgehöhlt. Die Juden sagen ihm „Du bist kein Jude"', der Deutsche sagt ihm „Du bist kein Deutscher". Unmittelbare Nothilfe und Wanderfürsorge biete nur den Teil einer Lösung. In den Jahren 1920 bis 1923 seien 80* Millionen Dollar für das osteuropäische Hilfswerk aufgebracht worden. Ein neuer politischer Umschwung und eine länder seien verschlossen. Unter solchen Umständen gewinne Palästina, wohin der Jude nicht als Flüchtling, sondern kraft seines Rechtes komme, besondere Bedeutung. Palästina werde in den nächsten Jahren eine große Zahl deutscher Juden absorbieren können. '; , Ansprache Claude O. Montefiores Dr. Claude; G. Montefiore führte aus, die oft bewunderte deutsche Gründlichkeit habe sich diesmal darin gezeigt, wie ein großer Tei'l einer Bevölkerung von 600.000■ Seelen in Unglück und Armut gestürzt wurde. Im Hinblick: auf die Größe der Katastrophe wäre eine Summe von einer halben Million Pfund für das Hilfswerk nicht mehr als ange'J messen. Nur ihrer Not könne man abhelfen. Es sprachen noch Chief Rabbi Dr. Hertz, Simon Marks und der Vorsitzende des Board of Deputies Nevillle Laski. Spendenliste: 62.000 Pfund Der unter dem Präsidium Lord Readings, Lionel de Rothschilds, Dr. Chajim Weizmann, Nahum Sokolows und des Chief Rabbi Dr. J. Hertz stehende „Britische Zentralfonds für die deutsche Judenheit" hat soeben den angekündigten „dringenden Appel" an die englische Judenheit, der von einer t ragisehen Katastrophe betroffenen deutschen Judenheit zu Hilfe zu kommen, veröffentlicht. Gleichzeitig wurde die erste Liste der bisher für den Fonds eingegangenen Spenden veröffentlicht. Ihre Summe beträgt annähernd 62.000 Pfund1. Lord Melchett über die Rolle der Arbeiterschaft Palästinas Was „Die Stimme" unterdrückt In ihrer vorwöchigen Folge vermittelt „Die Stimme' ihren Lesern den Inhalt eines interessanten Gesprächs, das Lord Henry Melchett (der Sohn Sir Alfred Monds) dem Pariser Korrespondenten des Warschauer „Hajnt" gewährt hat. Nach einer überaus scharfen Stellungnahme gegen das heutige Deutschland, unterstreicht Lord Melchett die Bedeutung Palästinas im Zusammenhange mit der Hilfsaktion für die deutschen Juden und bezeichnet es als für den gegenwärtigen Moment besonders dringend, Dr. Weizmann wieder an die Spitze der zionistischen Weltorganisation und der Gewish Agency zu stellen. Bemerkenswert sind die folgenden Schlußworte Lord Melchetts, die „Die Stimme" bezeichnenderweise unterdrücken zu müssen glaubte. Lord Melchett sagte wörtlich: „Und wenn behauptet wird, daß Prof. Weizmann zu starke Sympathien für die Arbeiterschaft in Palästina hegt, so antworte ich darauf: Ich selbst gehöre der konservativen Partei in England an. In Erez Israel wäre ich aber Sozialist. Das Stärkste, was wir in Palästina besitzen, ist die Histadruth, sie hat das größte Verdienst um den Aufbau Erez Israels und sie ist berufen, auch weiter eine große Rolle im Aufbau des Landes zu spielen".

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