Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4, Der j üdische Arbefter. 2. Juni 1933 Grandioser Aufstieg unserer Bruderpartei in Polen "Stetes Wachsen. — Verdrängen der „Linken" und des „Biirtd". — Gemeinsames Vorgehen mit den polnischen Ge* hossen' — Einige Zahlen. — Wachsender Einfluß im jüdischen Leben. — Vor der Gründung einer Tageszeitung. — Uebertritte aus den Reihen des „Bund" zur Poale Zion. Die Poale Zion Polens erlebt gegenwärtig einen grandiosen Aufstieg. Sie wächst zusehends sowohl zahlenmäßig, als in ihrem Einflüsse im jüdischen Leben und in der sozialistischen Partei Pöltens. Die sogenannten linken Poale Zion werden immer mehr undi mehr zu einer lächerlichen Gruppe, aber auch der „Bund", der sich noch vor kurzem alte die führende Partei des jüdischen Proletariats in Polen betrachtete, verliert an Boden, da seine feindselige Einstellung, zum Palästinaaufbau Sinnlos geworden ist. Auch die Vertreter des polnischen Proletariats erkannten nun* mehr den wahren Charakter der Poale-Zion-Bewegung und machen mit ihr gemeinsame Sache, wobei der „Bund" isoliert bleibt. ' . f Einige Zahlen: Die Jugendbewegung („Freiheit") zähltv 10.000 Mitglieder, die Skaut-Gruppen 2500, 600 Mitglieder der Jugendgruppen befinden sich auf Hachscharah und warten■'■auf eine Möglichkeit nach Palästina zu gehen. Der „Der jüdische Arbeiter ist das Oel auf den Rädern der Revolution", meinte einst ein bekannter Bundist, aber wir wollen nicht Schmieröl auf den Rädern der Revolution sein, wir wollen Räder unserer Revolution sein. Das ist auch der" Sinn des historischen Prozesses, der mit eherner Notwendigkeit zu unserer sozialen und nationalen Befreiung führt, durch das Schaffen eines jüdischen Arbeitszentrums in Palästina. Genossen vom „Bund"! Gemeinsam mit' mir ■ habet Ihr eine Lösung für die in meinem Briefe aufgeworfenen Probleme gesucht und wir konnten nichts finden, das unseren Glauben an den „Bund" erhaltten könnte. Wir gelangten endlich zum Schlüsse, daß es keinen anderen Weg als den eines selbständigen Arbeitszentrums in Palästina gibt, den Weg des proletarischen Zionismus, müssen wir also den Mut aufbringen und erkennen, daß der „Bund", welcher für die vielen neuen tausenden jüdischen Arbeitsbrüder keinen Platz hat, auch für uns keinen geeigneten Boden mehr darstellt." Jüdisches Leben Genossen und Freuade! Wir haben nur noch vierzehn Tage für die Schekelagitation. Kein Genösse, kein Freund der Sache der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina darf verabsäumen, einen Schekel zu erwerben. Sportverband „Hapoei" zählt 5500 Mitglieder in 67 Ortsgruppen, 54 Prozenit seiner Mitglieder sind Arbeiter, 12 Prozent AngesteDlte. Der „Hapoel" ist im ständigen Wachsen begriffen.! Das große Borochow-Heim in Warschau ist zu einem Mittelpunkt vielseitiger politischer und kultureller Tätigkeit für tausende jüdischer Arbeiter geworden. Im „Schuiiikulit" hat sich die Partei eine Organisation geschaffen, die ihr die Möglichkeit bietet, Schul- und Kuliurtätigkeit in unserem Geiste, im Geiste des arbeitenden Palästina zu entfalten. Der „Schulkult", der bei seiner Gründung von den» Bundiisiten und linken Poale Zion verhöhnt wurde, hat stich im Leben der Juden in Polen eine ansehnliche Position errungen. Seine Institutionen sind in stetem Aufstiege begriffen. . i Im zionistischen Leben Pollena spielt die Poale Zion «ine hervorragende Rolle. Gemeinsam mit den zionistischsozialistischen > Jügendgruppen besitzt sie den entscheidenden Einfluß auf «den Chaluz und die Alijah nach. Palästina, sie ist auch lührend Am Auffctärungskamipfe gegen den Revisionismus und kann auf namhafte Erfolge hinweisen. Für die Führung dieses Kampfes auf den vielen Gebieten bedarf unsere Brudeipartei in Polen eines. Instrumentes, welches ihr eine Steigerung der Intensität ihres i Wdrkens . ermöglichen soll, — eine eigene Tageszeitung. Mit der Schaffung dieses Organs befaßt sich die Parteilleitung 'seit einigen Monaten. Es wäre sehr zu wünschen, daß ihre Bemühungen zu einem raschen Erfolge führen, insbesondere angesichts der bevorstehenden Kongreßwahlen, die alle Gruppen des arbeitenden Palästina in Polen vor verantwortungsvollen Aufgaben stellt. Der grandiose Aufstieg der Poale Zion Polens im letzten Jahre berechtigt zur Hoffnung, daß sie auch hier ihre Aufgabe voll erfüllen wird. Es häufen sich die Fälle, daß führende Genossen des „Bund" mit vielen Anhängern zu unserer Bruderpartei übertreten. Das war in einer Vorstadt von Warschau und in Wengrow der Fall. In letzterer Stadt vollzog sich der Uebertritt unter Führung des bundistisehen Gemeinderates Glasman, der folgendes Offene Schreiben an seine Genossen richtete: „Es wird auf Euch überraschend wirken, daß ich nach siebzehnjähriger aktiver Tätigkeit in den Reihen des „Bund" diese Bewegung verlasse, Aber, liebe Freunde, ich will bei dieser Gelegenheit wahrheitsgemäß aussprechen, daß ich die Inhaltslosigkeit des „Bund" in der gegenwärtigen Situation nicht länger ertragen konnte. Im Leben des jüdischen Arbeiters vollzieht sich eine ungeheure Umwälzung. In vielen Ländern wird die jüdische Arbeit offen boykottiert. Die ökonomische Struktur der jüdischen Massen ist nicht normal. Die jüdischen Massen sind gezwungen, sich unfproduktiven Berufen zuzuwenden. Der Wurzel der Wirtschaft •fern, vermag der jüdische Arbeiter nicht, das wirtschaftliche und politische Leben des Wohnlandes genügend zu beeinflussen und ein großer Teil der jüdischen Massen bleibt völlig 'deklassiert.-- Unter dem Drucke der tatsächlichen Entwicklung mußte auch der „Bund" zugeben, daß die jüdische Not besonderer Art ist, nur fehlt der Mut, aus dieser Erkenntnis die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Liebe Genossen! Könnet Ihr die Augen vor dem Prozesse der Regeneration, der immer mehr und mehr die jüdischen Volksmassen zum Bauen und .Schaffen hinreißt, schließen? Wollet Ihr das große Aufbauwerk des arbeitenden Palästina mit seinen 40.000 jüdischen Proletariern verleugnen? Könnet Ihr bestreiten, daß alle jüdischen Arbeiter (und unter ihnen auch viele Bundisten) ihre Hoffnungen an die jüdische Arbeiterschaft in Palästina knüpfen? Und diesen Drang werdet Ihr nicht aufhalten können, da auch Don Quichotte gegen elementare Kräfte nicht aufkommen können. nnlMllinMinil!ll||||IIMIIMtlllnMMnt>Mut<IMlHinMllMIMIIlMIIIIUIIMUIUluMUllMll|IIMIIUuMimMlUIIIUUUHMlU>l|llll|||llMlll ** Der Reichskommissär von Baden erließ eine Verordnung, derzufolge es Juden untersagt. ist, an öffentlichen Orten sich der hebräischen oder jiddischen Spräche zu bedienen. ** Die Direktion des Ullstein-Verlages hat aus ihren Betrieben sämtliche jüdischen Redakteure entlassen. Zu den Ul'ktein-Unternehmungen gehört unter anderen die „Vossische Zeitung" sowie „B. Z. am Mittag". ** Jüdische Fabrikanten in Deutschland haben von der Polizeibehörde den Befehl erhallten, sich zweimal täglich bei der Polizei zu melden, damit ihnen eine Einstellung ihrer Betriebe und eine Auswanderung ins Ausland unmöglich gemacht wird. ** In den. diesjährigen Berliner Ausstellungen der „Akademie", „Secessiion" und „Große :Berliner Kunstausstellung" darf kein jüdischer Maller, . Bildhauer oder Graphiker vertreten sein. Die jüdischen Mitglieder der „Secession" mußten den Verein verlassen. ** Im Rahmen der Weltausstellung von Chicago wird am 3. Juli ein „Jüdischer Tag" abgehalten. ** Im Wintersemester 1932/33 waren an der Wiener Universität 2400 Juden inskribiert. Bei einer Gesamthörerzahl von 12.159, also 19.7 Prozent. Von den jüdischen Studenten sind 1926 Inländer und 674 Ausländer. ** Antideutscher Boykott in England ab 15. Juni. Wie aus London herichitet wird, fand dort am 1. Juni ein großes Protestmeetiing gegen die fortdauernden Judenverfolgungen jn Deutschland statt, und zwar in der Albert- Hall. Bei dieser Gelegenheit sollen auch die definitiven Beschlüsse über den von dier,^ jüdischen Kaufmannschaft Englands vorbereiteten Boykott .deutscher Waren gefaßt werden, der am 15. Juni beginnen dürfte: ** Keine Untersuchung der Judenverfolgungen. Wie aus London berichtet wird, hat die deutsche Regierung den Vorschlag der „Sunday Referee", eine Untersuchung der Judenverfolgungen durch eine unparteiische Kommission in Deutsch land an Ort und Stelle vornehmen zu lassen, als indusku tabel abgelehnt. ** Albert Einstein — Ehrenpräsident des jüdischen Weltkongresses. Auf der Tagung des American Jewish Congress wurde bekanntgegeben, daß Prof. Albert Einstein sich bereit erklärt habe, das Ehrenpräsidium des bevorstehenden jüdischen Weltkongresses zu übernehmen. Nach Erörterung der politischen Weltlage wurde beschlossen, einen Fonds von einer Million Dollar zwecks Durchführung einer inten siven Aufklärungsarbeit zur Abwehr antisemitischer Strömungen in allen Ländern. ** Mord am jüdischen Kinde. Bei der Berliner jüdischen Gemeinde wurde von den Eltern von 6000 jüdischen Kindern eine Petition eingebracht, worin die Gemeinde aufgefordert wird, jüdische Schulen zu eröffnen. Die Eltern beklagen sich über den Antisemitismus in den staatlichen Schulen, der es den Kindern fast unmöglich macht, am Unterricht teilzunehmen. Die Lehrer sprechen die Schüler wie folgt an: Jude Kohn, Jüdin Spira usw. Der Terror der christlichen Mitschüler bringt die jüdischen Kinder zur Verzweiflung. Die jüdische Gemeinde hat bereits bei der Regierung um die Bewilligung angesucht, auf eigene Kosten jüdische Schulen eröffnen zu dürfen.' § Die Zementfabrik Nescher in Haifa weist eine Jahresproduktion von : 100.000 Tonnen auf, wovon 90 Prozent auf dem inländischen Markte Absatz fanden. Die Fabrik arbeitet in drei Schichten und hat die Preise reduziert. § Im Monat April 1$33 würden in Tel-Awiw 192 Bau* bewilligungen, darunter 66 für Neubauten, erteilt. Von" den Neubauten waren 13 dreistöckige Häuser. § Der Stadtrat von Tel-Awiw hat den Betrag von 5000 Pfund für den Bau billiger Wohnhäuser für deutsche Flüchtlinge bewilligt. § Das Borochow-Viertel in Tel-Awiw soll jetzt mit finanzieller Unterstützung einer Gruppe englischer Juden, die ein Kapital von 10.000 Pfund beistellen, um 40 neue Häuser erweitert werden. Die Rückzahlung der Anleihe soll im Laufe von sieben Jahren' erfolgen. § Eine Gruppe jüdischer Unternehmer in Tel-Awiw, der der frühere Inhaber einer großen Papierfabrik in Rußland und der Besitzer einer großen. Briefumscbtagerzeugung in Tel-Awiw angehören, hat die Errichtung der ersten Papierfabrik Palästinas beschlossen. § Zwei arabische Zigarettenfabriken in Sch'chem haben ihre Tätigkeit eingestellt. § Die jüdischen Druckereien in Palästina beschäftigen 527 Arbeiter und weisen ein Eigenkapital von 94.000 Lp. auf. § Brüder Jeruschalmi, Inhaber der Seilen- und Strickefabrik, haben eine Säckeerzeugung in Ramath Gan begonnen. Bisnun wurden diese Artikel im Betrage von 35.000 Lp. aus dem Ausland eingeführt. § Eisenwaren, die bisher hauptsächlich aus Deutschland importiert wurden, werden nunmehr in einer neuen Fabrik in Tel-Awiw" erzeugt. § Die Weinproduktion in Palästina ist im Jahre 1932 um 300.000 Liter auf 3,160.000 Liter gestiegen, § Bei den neuen Bauarbeiten für das Rockefeller-Museum werden unter 100 arabischen bloß 6 jüdische Bauarbeiter beschäftigt. § Anfangs 1933 waren 626 Aerzte in Palästina tätig. Von diesen 452 Juden; 62 waren bei der jüdischen Arbeiterkrankenkasse (Kupath Cholim), 36 bei der Hadassah, 76 bei anderen Institutionen angestellt. Dem Gesundheitsdepartement der Regierung gehören, bloß 7 jüdische Aerzte an. In Tel- Awiw praktizieren 192 jüdische Aerzte. Leben in Palästina lMlin!l<ll|l|IUlllll|l|lllllMl|||l||||ll|||ll||||lmillUinHII^ § Die Regierung hat beschlossen, 35.000 Pfund zum Ausbau der zum Hafen von Ja f f a führenden Straßen zur Verfügung zu stellen. Die Stadtgemeinde Jaffa hat ebenfalls 20.000 Pfund für diesen Zweck bewilligt. § In Haifa wurde eine Ziegelfabrik zur Erzeugung von Ziegeln aus Zement gegründet. Mit Rücksicht auf die hohen Transportkosten der Baumaterialien aus der Silikatfabrik in Jaffa dürfte die Erzeugung in Haifa gute Aussichten haben. Zion. soz. Arbeiterorganisation Poale Zion-Hitachduth. I Einladung zu der am Dienstag, den 6. Juni 1933, um 8 Uhr abends im Borochowheim, Wien, IL, Blumauergasse 1, stattfindenden MITGLIEDERVERSAMMLUNG Thema: Der Ruf der Arbeiterschaft in Palästina an uns. Referent: Gen. Mendel Singer. Genossen erscheint vollzählig. Amtliche Verlautbarungen der Israel. l£ultusffemeinde "Wien Die Kleider-Stelle de*r Fürsorge-Zentrale hittet dringendst um Zuweisung von brauchbaren Bekle idungsgegenständen jeder Art, Wäsche, Schuhe etc. für Männer, Frauen und Kinder. Telephonische oder schriftliche Benachrichtigung erbeten an die Fürsorge-Zentrale der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, I., Seitenstettengasse 2, Telephon U-25-5-85, welche die Abholung. veranlaßt. Israelitischer Jugendgottesdienst. Samstag, den 3. Juni 1933, findet in allen Gemeinde- und Vereins-Synagogen der Jugendgottesdienst um 3 Uhr nachmittag statt. Unser Ausflug nach Bratislava Die am Sonntag, den 28. Mai, veranstaltete Sonderfahrt nach Bratisiawa brachte einen vollen Erfolg. Die zahlreichen Genossen und Freunde, die an dieser Reise teilnahmen, werden sie in guter Erinnerung behalten. Den Genossen Samuel Leitner und Dr. Sehorr, die diese Reise mustergültig organisiert haben, verdienen den aufrichtigen Dank aller und die Anerkennung seitens der Leitung des Jüdischen Volksheimes. Jüdisches Volksheim, Wien, IL, Blumauergasse 1. Hebräisch-Unterricht. Der dritte Anfängerkurs wird dieser Tage eröffnet. Der Unterricht im Vorgeschrittenenkurs beginnt Donnerstag, den 1. Juni, von 8 bis 9 Uhr abends. Anmeldungen täglich im Sekretariat von, 6 bis 8 Uhr abends. Organisation Hechalüz, Wien, XX., Kluckygasse 7. Dienstag, den 6. Juni: Vortrag Prof. Dr. Horowitz: „Was bedeutet der Zionismus." Freitag, den 9. Juni: Vortrag Mendel Singer: „Der Zionismus im Stadium der Verwirklichung." Jugendvortrag. Samstag, den 3. Juni, d. J., um halb 8 Uhr abends, hält Dr. Viktor K e i 1 n e r, Direktor des Chajes-Realgymnasiums, im großen Saale des Mag. Bezirksamtes für den 1. Bezirk, Wipplinger9traße 8, einen Vortrag für die zionistische Jugend über: „Reiseeindrücke aus Palästina." Jüdische Mitglieder der sozialistischen Studentenschaft! Wir laden Euch alle herzlichst zu dem am Mittwoch, den 7. Juni 1. J., um 8 Uhr abends, in unserem Festsaale, Wien, IX., Alserstraße 26, stattfindenden VORTRAG des bekannten Führers der jüd.isoz. Arbeiterpartei „Poale Zion", Medel Singer ein. Thema: „Jude und Sozialist". Erscheint zahlreich und bringt Euere jüd. Kollegen mit! Höret, was Euch ein jüdischer Führer zu sagen hat. Mit kollegialen Grüßen! Jüdische Studentenschaft Oesterr. Eigentümer, Verleger, Herausgeber u. verantwortl. Redakteur: Jonas Jungermann, Maschinenbauer, Wien, XX, MeMemannstr. 19. — Druck: „Adria", Wien, II, Taborstr. 52 b.