Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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&ite 4 DER JÜDISCHE ARBEITER 12. Mai 1933 Es gibt heute sehr wenige Teile der Arbeiterbewegung, die mit der Politik der SPD vollkommen zufrieden sind. Ihre Taktik hat schon immer eine starke kritische Beleuchtung in der sozialistischen Arbeiterinternationale hervorgerufen. Es handelt sich also nicht darum, daß wir sie von jeder Schuld freisprechen wollen. Heute geht es vielmehr darum, die Ursachen der schrecklichen Niederlage aufzudecken, die die. ganze Arbeiterklasse in Deutschland erlitten hat. Alles, was die KPD in Deutschland getan hat, selbst das Gute, kann den ungeheueren Fehler nicht maskieren, der in ihrer Spaltungstaktik lag. Die Hauptfrage ist ohne Antwort geblieben. Aber das hilft über eine Tatsache nicht hinweg: Die Klage über die Spaltung der deutschen Arbeiterklasse seit dem ersten Tage der Revolution zieht sich wie ein roter Faden durch Artikel und Erklärungen . der Komintern. Die Zersplitterung schwächte die Kraft des Proletariats, sie entfernte die schwankenden Elemente vom Sozialismus, sie bewirkte, daß das Städte sehe Kleinbürgertum und die Bätfern nicht durch das Proletariat in den Kampf gegen die Bourgeoisie einbezogen wurden — es wuchs der Einfluß des Faszismus und, was wir noch hinzufügen möchten, die SPD wurde von den revolutionären Elementen entblößt — das alles führte zum vollen Sieg der größten Feinde der Arbeiterklasse. Glaubt die Komintern wirklich, daß sie alles getan hat und jetzt noch tut, um diesen gewaltigen historischen Fehler der Arbeiterbewegung zum Verschwinden zu bringen, damit er ihre Kräfte nicht paralysiert und damit sie von dem aufrichtigen Willen beherrscht wird: Vor allem die Einheit des Proletariats!? Alle Meinungsverschiedenheiten sollten innerhalb des Proletariats ausgetragen werden; nach außen hin aber, dem Feind gegenüber, muß eine einheitliche, kampfbereite und kampffähige Front geschaffen werden! Zionistische Arbeit in Hitlers Reich Der nachstehende Brief eines "Ge- . . nossen aus Berlin, den wir. natürlich nur auszugsweise wiedergeben, I wird sicherlich allgemeines Interesse erwecken. . Man kann nichts Klares sagen... es ist noch ungewiß, ob Kongreßwahlen stattfinden werden. .Erst vor einigen Tagen begann man mit systematischen ^Hausdurchsuchungen, so z. B. im Hechalüzheim im Westen. Eisenstadt wurde verhaftet, nach einigen Stunden aber wieder entlassen. Große Hausdurchsuchungen gab es auch in der Grenadierstraße. Es wird Euch interessieren, daß am Boykott-Tag, als man auf jedes Firmenschild die Boykott - zeichen anbrachte, die Zionistische Organisation davon freiblieb. Natürlich wurde auf die jüdischen Organisationen ein Druck ausgeübt, entsprechende Mitteilungen über den Boykott ins Ausland zu machen. Für den Kongreß ist großes Interesse, trotzdem man nicht weiß, ob er beschickt wird. Es ist auch 'zweifelhaft, ob es einen 'Wahlkampf geben wird. Ein Qhawe(r, der Schekalim verkaufte, wurde verhaftet, nachher allerdings wieder freigelassen. Es gibt heute in Deutschland auch keine Möglichkeit, sich der Argumentation gegen die Revisionisten zu bedienen. Ferner: Die Chawerim, die jetzt zu uns kommen, Stehen meist ohne alle Mittel da. Die Hauptschwierigkeit jeder Propagandaarbeit besteht darin, daß man keine v großen Volksversammlungen mächen kann. Die Zionistische Organisation hat wohl ihre Veranstaltungen, aber, die öffentlichen sind nur für geladene Gäste., Den Revisionisten wird die Wahl leicht fallen; sie sind zwar nicht besonders stark, zählen in ganz Deutschland etwa 600 Mitglieder, die Mehrzahl Erwachsene. Früher waren sie Lichtheim zugeneigt, heute stehen sie, dem Zug der Zeit entsprechend, hinter Jabotinsky. In ihren Mitteln sind sie nicht wählerisch. Das gilt besonders vom Betar. In Berlin gibt es ein Jugendheim, in dem sämtliche Organisationen untergebracht sind. Der Betar hat kein Lokal, was gewiß ein Fehler ist, aber er hielt das für eine Provokation von unserer Seite, während in Wirklichkeit unser Vertreter in der Jüdischen Gemeinde, wo die Betarim sich großer Unbeliebtheit erfreuen, dafür stimmte daß ihnen ein Lokal zugeteilt werde. Um sich zu „rächen", schrieb eine Abteilung des „Betar" unter dem Namen „Zeew" einen mit Zwi Brest gezeichneten Brief an den jüdischen sozialistischen Jugendbund Kadimah, in welchem es (trotzdem sie wußten, daß die für die Meinekestraße [Die zionistischen Büros, Anm. d. Red.] bestimmten Briefe alle geöffnet werden) heißt: ,jWir werden aus Eurer roten Organisation Mitglieder zum Austritt bringen und werden auch sonst wissen, wie wir Euch zu bekämpfen haben." Dann riefen sie (trotzdem sie auch wissen mußten, daß die Telephongespräche abgehört würden) den Jugenddezernenten der Kultusgemeinde an und behaupteten, daß die Kultusgemeinde nur die roten sozialistischen Bewegungen unterstütze, so . daß . der Jugenddezernent das Gespräch abbrechen mußte. Der oben erwähnte Brief wurde Kalisky. und Lichtheim übergeben und die Revisionisten gaben eine Erklärung ab, daß dies ein „privater Akt einer Abteilung sei". und daß; sie dies niemals getan hätten----; Die Hauptfrage ist, was mit der „Judengasse" sein wird. Es herrscht eine zionistische Atmosphäre. Die Kluft zwischen den Alten und den Jungen ist größer geworden. Die Liberalen haben versagt und schweigen nun. Aber die älteren Menschen haben daraus noch nicht die richtigen Lehren gezogen. In den Hechaluz sind viele neue Menschen gekommen. Als Hitler die Herrschaft antrat, zählte er?>600 Mitglieder, heute sind es 1600. — Täglich werden 50 neue Menschen aufgenommen. Zertifikate werden znrüchbeltalten! Jerusalem, 29. April. (J. T. A.). Das Int« migratiorts-Departement der Palästina« regierung hat beschlossen, nicht alle für das kommende Halbjahr bewilligten Zertifikate auszugeben, sondern 850 Zertifikate als Reserve zurückzubehalten. Die Erregung der jüdischen Bevölkerung Palästinas über die ungenügende Berücksichtigung der jüdischen Forderungen bei der Festsetzung der Zahl der für das nächste Halbjahr auszugebenden Zertifikate wurde durch diesen Beschluß der Immigrationsabteilung noch gesteigert. Ruhiger l. Mal in Palästina Jerusalem, 2. Mai (J. T. A.). Die Maifeier wurde in Palästina durch allgemeine Arbeitsruhe der jüdischen Arbeiterschaft begangen und ist vollkommen ruhig verlaufen. In Haifa haben sich Hunderte von Arabern der jüdischen Maifeier angeschlossen. Auf einer Massenversammlung traten auch zwei Araber als Redner auf. Für Proportionalwahlen in Jerusalem Jerusalem, 2. Mai (J. T. A.). Als Vertreter der Jewish Agency sprach Herr Emanuel Neuman zusammen mit dem Vertreter des Waad Leumi Ben Zwi beim Distriktskommissar von Jerusalem vor, um ihm die Forderungen der jüdischen Bevölkerung betreffend die kommenden Wahlen zum Stadtrat von Jerusalem zu überbringen. Die jüdische Delegation verlangte Maßnahmen zur Sicherung einer ihrer zahlenmäßigen Stärke entsprechenden Vertretung der Judenheit von Jerusalem in der künftigen Stadtrepräsentanz. Arbeiterraf wn M-iM»lw gegen Terrorschuld-LUgc Der Arbeiterrat von Tel-Awiw brachte in einer Erklärung, deren wichtigste Teile wir reproduzieren, seine Meinung über die Ereignisse ^om letzten Pessachtag in Tel-Awiw und über die Hetze gegen den jüdischen stehen plötzlich als Verfolgte und Opfer da... Keiner von denen hat das Recht, im Namen der Gerechtigkeit und der Ablehnung des Terrors zu protestieren, die one Widerspruch zugesehen haben, Arbeiter, die sich seit damals verstärkt wie in Ness-Ziona und Chedera hat, zum Ausdruck' In den Tagen der Greueltaten;: in Deutschland, während jedes jüdische Herz durch die Nachrichten über die Zerstörung des Judentums durch Hitler und seine, Bewegung, .tief verwundet wurde, wo das Herz jedes jüdischen Arbeiters durch die Nachrichten über den Vernichtungskampf der tobenden Nazi gegen die deutsche Arbeiterbewegung ' und alle Errungenschaften der Demokratie doppelt erregt war, gerade in den Tagen, in denen die ersten Flüchtlinge vor dem wildgewordenen faschistischen Antisemitismus die Ufer des Landes erreichten — veranstalten die Träger der faschistischen Fahne im Judentum, die Organisatoren des Streikbruches, die die Histadruth zerstören und Hitler-Methoden und Gebräuche ins Land verpflanzen wollen, eine Konferenz, nach welcher sie in Hitleruniform im Herzen des jüdischen und arbeitenden Tel-Awiw einen Umzug veranstalteten. Es kann niemanden wundern, wenn diese aufreizende und beschämende Demonstration von Pfui-Rufen taitsender Arbeiter empfangen wurde, die sehr gut wissen, was für Los ihnen die Ableger des Faschismus im Lande bereiten würden, wenn sie stark genug wären. Es ist sehr zu bedauern, daß dieser Protest in eine Schlägerei ausartete. Die Feinde der Arbeiterschaft benützen diese Gelegenheit, um den Charakter der Arbeiterbewegung umzufälschen und sie als die Trägerin terroristischer Methoden im Leben des Jischuws darzustellen. Diejenigen, die in die palästinensische Öffentlichkeit Gewaltmethoden und Streikbruch eingeführt haben, das Blut jüdischer Arbeiter vergossen wurde, weil sie ihr Recht auf Arbeit forderten, der ruhig mitansah, wie die Bauunternehmer in Tel-Awiw mit Hilfe des Betar jeden jüdischen Arbeiter, der Mitglied der Histadruth ist, boykottierten, der es mitaiisah, wie die Hooligane des Betar eine öffentliche Versammlung zu Ehren Brailsfords mit Steine bombardierten, wie eine Betargruppe einen Umzug von Arbeiterjugend zu Chanukka überfiel, wie Mitglieder des „Egrof" einzelne Arbeiter in den Straßen Tel-Awiws tätlich angreifen — wer dies alles mitansah und nicht protestierte, hat jetzt am allerwenigsten das Recht dazu. ... Wir werden es verstehen, unser Werk wie ein Mann zu schützen und jeden Angriff zurückzuweisen! Um die Frage der Siaaisbeiiräge Jerusalem, 9. Mai. (J. T. A.) Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister empfing im Regierungsgebäude zu Jerusalem eine Deputation des Waad Leumi unter Führung von Ben Zwi. Die Deputation überbrachte dem Kolonienminister die Forderungen des Waad Leumi in der Frage der Staatsbeiträge für die öffentlichen Einrichtungen der palästinensischen Judenheit. Der Waad Leumi fordert insbesondere Erhöhung der im Regierungsbudget vorgesehenen Beiträge für das jüdische Schul- und Gesundheitswesen, sowie die Einsetzung eines Beitrages zur Erhaltung der rabbinischen Gerichte in einer dem für die mohamedanischen Gerichte bewilligten Beitrag proportionell entsprechenden Höhe. X Neues Afbeiterheim. Der Arbeiterrat von Kfar Saba hat eine Bodenfläche zur Errichtung eines Arbeiterheimes erworben. X „Geserd" hat Angst. Der Sekretär des „Geserd" in Palästina schrieb in einem Brief nach Rußland, der von der palästinensischen Behörde beschlagnahmt wurde, u. a.: „Laßt Auswanderer aus Palästina, die nach Biro Bidschan gingen, nicht wieder nach Palästina zurückkehren. Sie beeinflussen die in Frage kommenden weiteren Kandidaten für Biro Bidschan in sehr unangenehmer Weise. Diese " wollen dann nicht mehr nach SSSR auswandern." X 25 Jahre EJri Ganim. Die Siedlung Ejn Ganim feiert eben das 25 jährige Jubiläum ihres Bestandes. X Welche neue Industrien werden errichtet? Es bestehen Aussichten zur Errichtung einer großen Glasfabrik, ferner .einer Fabrik für Glühbirnen, eine Säckeerzeugung und einer großen Eisen und Stahlgießerei in Ramath Gan. X Bilanz der Arbeiter-Krankenkassa. Die Arbeiter-Krankenkassa (Kupath Cholim) hielt, wie bereits berichtet, ihre Tagung ab. Sie zählt gegenwärtig 21.857 Mitglieder und besorgt die Hilfe für 40-000 Seelen. Interessant ist, daß die Beiträge der Arbeit g e b e r zu den Krankenkassen sinken; 87% der Gesamteinnahmen werden von den Arbeitern selbst getragen. Die Subventionen der „Hadassah" und der „Jewish Agency" sind beträchtlich zurückgegangen. — Bei der Konferenz war die Vereinigte Partei mit 38, der Haschomer Hazair mit 7 und die linke Poale Zion mit 5 Mandaten vertreten. X Dawar erscheint auch Jiddisch. Die „Liga für das arbeitende Palästina" . in Riga begann mit der Herausgabe einer Wochenschrift „Die Woche in ^Palästina",die in „ jiddischer :,^pw?he erscheint und eine Übersetzimg des Nachrichten- und publizistischen -Teils des Dawar darstellt. Die erste Nummer erschien in einer Auflage von 3000 Exemplaren und wurde völlig ausverkauft. X Verhaftung von Juden an der syrisch-palästinensischen Grenze. In . Semach an der syrisch-palästinensischen Grenze wurden 46 Juden verhaftet, die versucht hatten, illegal nach Palästina einzuwandern. X Verlegung der Ämter der Agency-Exekutive und des Waad Leumi. Die Exekutive der Jewish Agency und der Waad Leumi haben ihre Amtsräume in neues auf Nationalfondsboden in der Nähe des Verwaltungsgebäudes des Keren Kajemeth errichtetes Gebäude in dem "neuen Jerusalemer jüdischen Viertel Rechawia verlegt. Das Gebäude enthält 39 Zimmer, von denen 24 der Jewish Agency und 15 dem Waad Leumi zugeteilt wurden. X Zentralkomitee für deutsche Juden in Palästina. In Jerusalem wurde ein Zentralhilfskomitee der palästinensischen Judenheit für deutsche Juden gebildet. Dem Komitee gehören die Herren Ussischkin, Emanuel Neuman, Dr. Arlosoroff, Ben Zwi, Di*. Hantke, Mosche Smiliansky, Berl Katzenelson, der PJCA-Direktor Dr. Cohn und Eliahu Berligne an. X Bankgründungen. In letzter Zeit wurden in Palästina einige neue jüdische Bankinstitute gegründet. So wurde vor kurzem in Jerusalem ein kleineres Bankinstitut, die Mamlufacturers Bank, eröffnet. Mit Unterstützung des Pälestine Economic Board in London, wurde eine Kolonistenbank gegründet. Sir Robert Waley-Cohen und Herr Walter Cohen haben anläßlich ihres vor kurzem erfolgten Besuchs in Palästina die weitere Hilfe des Board beim Ausbau der Kolonistenbank zugesagt. Der Verband der Allgemeinen Zionisten hat beschlossen, eine eigene Bank zu eröffnen, die zur Förderung der Ansiedlung von Mitgliedern des Verbandes Allgemeiner Zionisten bestimmt ist.