Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DER «JÜDISCHE ARBEITER 12. Mai 1933 Dr. Chaim Arlosoroff kommt in die Tschechoslowakei and wird am Wahlkampf der Linken teilnehmon. n tionaAisierung, Vergenossenschaftlichung und ein bescheidener, aber zielbewußter Antisemitismus sind am Werk. All' dies hat auch zu einer gewissen ideologischen Desorientierung geführt. Zur Demokratie stehen sie alle, unsere Juden, aber ein entscheidendes Wort gegen ihren blutrünstigen Feind, „Reaktion" und „Fascismus", eine entscheidende Tat durch Stützung der sozialistischen Partein zu tun, scheuen sie. Vielleicht, denken viele, wird der Fascismus morgen siegen. Soll es uns ergehen wie den fortschrittl. Menschen in Deutschland? Und sie übersehen, daß auch die Formaldemokratie sie im Falle solchen Umschwungs nichtschützenkann, wenn die Arbeiterklasse nicht stark genug' ist, sich gegen den Ansturm der Reaktion zu wehren. Der feste Punkt in der Stimmungen Flucht ist das starke, oft kindliche Vertrauen zu Palästina), das in diesen Massen aufwächst, eine warme, wachsende Sympathie für den Zionismus. Unausgegoren, bilden diese brennenden Hoffnungen in die jüdische Zukunft, die sich heute an Palästina knüpfen, ein unendliches, schöpferisches Reservoir zur Belebung und Erweiterung unserer zionistischen Bewegung, die eine wahre Massenbewegung werden kann. Schon heute ist Palästina zum geistigen Zentrum, zum Mittelpunkt der Sehnsucht eines Volkes geworden. Notwendig ist, diese heiße Welle des Drangs nach neuem Leben, neuem Erkennen, geistig zu bewältigen und zu lenken, organisatorisch zu erfassen. Notwendig ist auch, vor großen Illusionen zu warnen, die an das Palästina von heute geknüpft werden. Massensiedhmg gewiß! Die Arbeiterschaft Palästinas fordert sie zum Unterschied von den bedächtigen Pflanzern und „nationalen" Bauern, die nach dem Geldbeutel den Immigranten schielen. Lösung der Judennot? Sicher, im breitesten Rahmen der Möglichkeiten. Gleichzeitig aber: Aufbau in der ökonomischen Substanz. Errichtung jener großen sozialen Pyramide, die mit dem jüdischen Arbeiter und Bauern beginnend, Schicht um Schicht eines sozial gesunden Volkes darstellt, das durch vorübergehende Erschütterungen in seiner Entwicklung nicht zurückgeworfen werden kann. Sozialistisches Palästina — sozialistisches Wirken in der Gallith, Klassenkampf auf beiden Seiten des Mittelländischen Meeres, auf beiden Seiten auch ein gesundes Volk der Arbeit, — das ist ist die Losung, mit der wir zum 5. ordentlichen Parteitag gehen. Seine Aufgabe wird sein, zu zeigen, welche Pflichten der Poale Zion in dieser Stunde erwachsen. Die arbeitenden und proletarisierten Massen erkennen die Bedeutung Palästinas, die Bedoutung des des Kampfes der Arbeiterklasse überall in der Welt. Das Problem in seiner Totalität erfassen, das ist die Aufgabe der Tagung; wird die Partei das Steuer fest in die Hand nehmen, dann kann sie auch in diesem Lande eine Massenbewegung schaffen, tausende um sich scharen mit der Sehnsucht nach Arbeit, Freiheit, Fortschritt und — Erez Israel! K. B. (Schluß von Seite 1.) wissenschaftlichen Einrichtungen und ganz besonders auf dem Gebiete der Experimentalwissenschaft führend für die ganze Welt waren. Major Tulloch und die übrigen Mitglieder des Direktoriums der Gesellschaft, S. A. van Vriesland, Green und Horowitz, führten die Besucher durch die Anlagen und erklärten, demnächst werde mit dem Bau eines großen Hotels begonnen werden, in dem Touristen und Kurgäste aus dem In- und Auslande billige Unterkunftsmöglichkeiten finden sollen. Die Gesellschaft habe es sich zum Ziel gesetzt, die gegenwärtige dreimonatige Reise-Saison in Palästina auf sechs bis sieben Monate zu verlängern, indem zu dem Besuch der heiligen und historischen Stätten des Landes auch Fahrten durch das Jordantal mit seinen landschaftlichen Schönheiten und die Einführung einer Badesaison ani Toten Meer, dessen Wasser heilkräftige Wirkung besitzt, treten sollen. Die Gesellschaft werde ein 80 bis 100 Passagiere fassendes Dieselmotorboot in Dienst stellen^ Auf den täglichen Rundfahrten dieses Bootes sollen reoelmäßig eine Reihe landschaftlich besonders bemerkenswerter Punkte an den Ufern des Toten Meeres angelaufen werden. Letzte Nachrichten immer noch Sondergerichte Berlin, 8. Mai (J.T.A.). Das Berliner Sondergericht verurteilte den 37jährigen Immobilienmakler Ernst Bendix 2u eir nem Jahr und drei Monaten Gefängnis, weil er am 1 April in einer Konditorei in Erkner auf die Frage des Wirts nach seinem Befinden geantwortet hatte: »Da fragen Sie noch bei diesem Boykott?!« und daran Beleidigungen des Reichskanzlers geknüpft hatte. Auch sprach er von durch SA zerstückelten Judenleichen. Von dem 52 Jahre alten Butterhändler Theodor Fons, der u. a. erklärt hatte, in den Zeitungen werde zwar viel geschrieben, aber nichts davon, daß Hunderte von Juden in Berlin totgeschlagen und erschossen wurden und in den Kellern liegen, nahm das Gericht an, daß er seine Behauptungen weniger aus Böswilligkeit, als aus Klatschsucht aufgestellt hatte, und verurteilte ihn zu bloß einem Monat Gefängnis. Vom Frankfurter Sondergericht wurde ein Angestellter, der die Erzählung von dem angeblich in Worms aufgehängten Juden weitergegeben hatte, zu sechs Monaten Gefängnis, ein 22jähriger Viehhändler" aus Selters im Westerwald gleichfalls zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er erzählt hatte, ' in Westerburg sei ein Jude verhaftet worden, weil einem Bauer Munition angeboten habe. Ferner fragte er, ob es nicht bekannt sei, daß 20 uniformierte SA- Leute am Bett eines Viehhändlers in Koblenz mit Revolvern erschienen seien, um die Unterschrift dreier Quittungen zu erzwingen. Der Fall eines Schlossers, der erzählt hatte, sechs uniformierte .SA- Leute seien in Köln in die Wohnung eines Juden gedrungen, hätten ihn mit dem Revolver bedroht und zwingen wollen, einen Scheck über 12.000 Mark zu ^unterschreiben, wurde zwecks eidlicher Vernehmung des Kölner Einwohners vertagt. Wassermann und Werfet aus der preuft. Dichferahodemie „ausgeschieden" Berlin, 8. Mai (J.T.A.). Jakob Wassermann, Franz Werfel, Alfred Döblin, Ludwig Fulda und Alfred Mombert, sowie acht nichtjüdische Dichter und Schriftsteller wurden als Mitglieder der preußischen Dichterakademie gestrichen. Arlosoroff in Europa Wien, 5. Mai (J. T. A.). Der Leiter der Palästina-Exekutive der Jewish Agency Dr. Chaim Arlosoroff ist in Wien eingetroffen, wo er in einem engen Kreise führender Zionisten akute Probleme der palästinensischen Einwanderungspolitik besprach. Dr. Arlosoroff befaßte sich unter besonderer Berücksichtigung der tragischen Situation der deutschen Juden mit der Einwanderungspraxis der palästinensischen Behörden und stellte fest, daß die wider Erwarten beschränkte Zertifikatsanzahl der von der Palästinaregierung vor kurzem bewilligten Arbeiter- Schedule und die einschränkenden Einwanderungsmaßnahmen der palästinensischen Immigrationsabteilung in schroffem Gegensatz zu den gegenwärtigen Absorptionsmöglichkeiten des Landes stehen. Dr. Arlosoroffs Europareise hängt mit einer überaus wichtigen zionistischen und allgemein jüdischen Mission zusammen. In seiner Begleitung befindet sich der Chefredakteur der palästinensischen Tageszeitung „Davar", Beilinsohn. Dr. Arlosoroff ist inzwischen nach London abgereist und wird Ende Mai in der CSR. eintreffen. Regierung gegen araDische Sabotage Jerusalem, 4. Mai (J. T. A.). Die Palästina-Regierung1 hat eine neue Verordnung erlassen und in einer Sonderausgabe des palästinensischen Amtsblattes veröffentlicht, durch die die Anstiftung) zur Nichtzahlung oder zur Verzögerung der Zahlung öffentlicher Abgaben unter schwere Strafsanktion gestellt wird. Welche Abgaben unter dem Schutz dieser neuen Verordnung stehen, soll jeweils im Amtsblatt bekannt gegeben werden. Als Anstiftung slollen entsprechende Aufforderungen durch Wort öder Schrift, ja selbst durch Zeichengebung verstanden werden. Die Bestimmungen des neuen Ge setzes sind so gefaßt, daß sie nicht nur bei ausdrücklicher Aufforderung zur Steuerverweigerung, sondern auch bei einer irgendwie implicite geschehenen Anstiftung zur Steuerverweigerung angewandt werden können. Als Strafe für Zuwiderhandelnde ist Gefängnis bis zu sechs Monaten oder eine Geldstrafe von 5 bis 50 Pfund vorgesehen. Geld- und Gefängnisstrafen können gleichzeitig verhängt werden. Jüdisches SfudenfenleDen In Warschau: 1200 haben Kein Geld auf Taxen Warschau, 5. Mai (J. T. A.). 1200 jüdische Studenten der Warschauer Universität, die die Studiengebühren für das zweite Quartal nicht erlegen konnten, wurden aus der Matrikelliste gestrichen. Die betroffenen Studenten stammen zumeist aus der Provinz. Die Warschauer jüdische Studentenorganisation hatte sich an die Jüdische Gemeinde Warschau mit der Bitte um Gewährung einer Subvention von 30.000 Zloty zwecks Erlegung der fälligen Studiengebühren gewandt,- hatte jedoch nur 2500 Zloty bekommen, die ausschließlich Studenten aus Warschau zugeteilt wurden. In Jerusalem: Sfarher Andrang Jerusalem, 27. April (J. T. A.). Im Laufe des ersten Vierteljahres 1933 haben sich jüdische Studenten aus 17 Ländern um Aufnahme in die Hebräische Universität Jerusalem beworben. Von den 135 eingelangten Aufnahmsgesuchen stammte die größte Anzahl, nämlich 57, von Studenten aus Polen, an nächster Stelle stand Amerika, an dritter Deutschland. Mehr als die Hälfte der Bewerber suchte um Zulassung zur geisteswissenschaftlichen Fakultät an. Von den 73 Kandidaten für die Aufnahme in diese Abteilung wurden 36 zum Sommersemester aufgenommen. Weitere Anmeldungen liefen aus Italien, Algier, Südafrika, Belgien, Ungarn, Jugoslawien, Lettland, Ägypten. Irland, Tschechoslowakei, Frankreich, Rumänien und der Schweiz ein. AraDische Siedler wollen nicht räumen Jerusalem, 2. Mai (J. T*. A.). Einer Mitteilung der arabischen Tageszeitung „Falastin" zufolge haben die auf dem Gebiet von Kakoon (Wadi Hawarith) siedelnden Araber von den Behörden die Verständigung erhalten, daß sie das von ihnen besetzte Gebiet zu räumen und nach Tel-Suk im Bcisan-Distrikt, wo für sie durch das Landentwicklungs. Departement Boden zur Verlügüiig gestellt wurde, überzusiedeln haben. Die arabischen Siedler weigern sich, den vdn ihnen besetzten Boden in Wadi Hawarith zu räumen. Die Nachricht des »Falastin« bezieht sich auf die 3000 Dunam, die vom Jüdischen Nationalfonds im Winter 1932 dem Landentwick- Iungs-Departement für einen Zeitraum von etwa 2 Jahren verpachtet wurden. Später verpflichtete sich die Regierung, die Araber von dem Nationalfonds-Boden in Wadi Hawarith bis spätestens Oktober 1933 zu entfernen. Reglerungsnoden ihr indische Legionäre Jerusalem, 3. Mai (J. T. A.). Anläßt lieih! seines Besuches in den jüdischen Kolonieini Recthioiboth undi Beer Tuvia erklärte der Eroberer Palästinas Feldimarschall Lord Afllenby den zu seimemii Empfang erschienenen ehemaligen Mitgliedern der jüdäschen Legion, er werdle sich; bei den maßgebenden Stellen najchdirücklich für düe Forderung d!er jüdischen Legionäre, Grundstücke aus dien Bodenreserveri der Palästinai^egierung zu Siedllungtszwecken zugeteilt zu bekommen1, einsetzen. In Teili Awiw teilte der Bürgermeister Meir Dizengoff Lord Allenby mit. daß die Stadt Tel Awiw ihn zu ihrem Ehrenbürger ernannt habe. Tschechoslowakischer Unterrlchfsmlnlster weist antisemitische Forderungen zurücK Prag, 4. Mai (J. T. A.). Der deutschnationale Abgeordnete und Bürgermeister von Neu-Titschein, Dr. Schollich, hat an den Unterrichtsminister Dr. De*rer ein Schreiben gerichtet, in dem er sich gegen die angebliche „Vefjudung" der Mittelschulen durch Ernennung von Lehrern und Leitern nichtarischer Abstammung wendet und die Ausschaltung jüdischer Lehrer fordert. In seinem Antwortschreiben hat Unterrichtsminister Gen. Dr. Derer diese Forderung entschieden zurückgewiesen und erklärt, die Unterrichtsverwaltung lasse sich „ausschließlich von den Grundsätzen leiten, die die Grundlagen des demokratischen Staates bilden. Daher werden bei der Besetzung von , Stellen keine Unterschiede bezüglich Abstammung, Rasse oder Konfession der Bewerber gemacht. Die Regierung wird sich auch in Zukunft von diesem Standpunkt nicht abbringen lassen". Arbeiter-Sieg in Nesiier Die Aussperrung in der Zementfabrik „Nesher", über die wir in der letzten Ausgabe berichteten, ist nach einem vor Blattschluß eingelaufenen Telegramm aufgehoben worden. Der Solidaritätskampf der jüdischen mit den arabischen Arbeitern endete so mit einem vollen Sieg der Arbeiterschaft; alle 70 Ausgesperrten wurden bedingungslos wieder aufgenommen. Der High commlssloner von Palästina beim Oberhommlssär von surlen Jerusalem, 7. Mai. (J. T. A.) Der High Commissioner von Palästina Sir Arthur Wauchope hat eine Reise nach Beirut unternommen, wo er sich mehrere Tage als Gast des französischen Oberk'ommis sars für Syrien Ponsont aufhielt. Wie die arabischen Zeitungen berichten, wurden anläßlich dieses Besuches Besprechungen über einen neuen syrischpalästinensischen Zolltarif abgehalten. Beduinen ani Haifa Dan-Boden Jerusalem, 7. Mai (J. T. A.). Hirten des Beduinenstammes AI Kamel haben ihre Herden auf bearbeiteten Boden, der zum Arbeiterviertel an der Haifa Bay gehört, zur Weide getrieben. Jüdische Wächter wurden beim Versuche, die Beduinen zum Verlassen des Weidelandes zu bewegen, von diesen angegriffen, wobei einer der Wächter am Kopfe,, ein anderer an den Annen verletzt wurde. Auch einer der Beduinen wurde verwundet. Die später eintreffende Polizei verhaftete zwei Beduinen, Vergrößerung von Dein Chanan Jerusalem, 7 Mai. (J. T. A.) Die Siedlung bulgarischer Juden- Beth Chanan wird vom Juni d. J. an bedeutend erweitert werden. Zugelassen werden nQue Siedler mit einem Eigenkapital von mindestens. 300 Pfund. Der Verkauf der Kolonieerzeugnisse wird auf kooperativem Wege vorgenommen.