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Der Jüdische Arbeiter · 1933-05-06 · Heft 18 (6.5.1933) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 18 (6.5.1933)
Date
1933-05-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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6. Mai 1933 DER JOBISCHE ARBEITER Seite 8 aus einem jadischen Alltag ß (Ein Brief ans dem „Neuen Deutschland") Leipzig, Ende April 1933* Lieber Freund, seit Du meinen letzten Brief erhalten hast, sind nur wenige Tage vergangen. aber in dieser Zeit hat sich wieder manches abgespielt, das gar nicht geeignet aufriß. Dann sollte A. den S. schlagen. Wieder wollte er nicht und wieder forderte S. selbst ihn auf, es zu tun, damit noch Ärgeres verhütet werde A. gab ihm einen Schlag ins Gesicht. »Ne, Aron, so wird nicht geschlagen!« hieß es da. Und man schlug den A., um ihm zu zeiist, Lebensmittel oder gar die staatlich gen> wie majl schlägt' und was man anbefohlenen Hoffnungen zu rechtfertiunter Schiagen versteht. Er flog in eine gen. Ecke und blieb dort liegen. Aber S. war Es heißt zwar, keinem Juden sei ein n0ch nicht »fertig«. Den bearbeitete man nicht wie viele Tausende andere. Er ist Reisender — auf Jiddisch sagt man: »Hausierer«. Vorsichtshalber ging er aus der Stadt heraus. Unterwegs, beim Türeabklopfen, kam >er auch zu einem Nazi. Das Ende war, daß man ihn ins Krankenhaus transportierte. Jetzt braucht er nicht mehr auf Tour zu gehen, jetzt hat er für einige Zeit Brot und ein ordentliches Bett. Er konnte es nicht so machen wie reiche Juden, die sich in die Bahn Haar gekrümmt worden und im Großen mit Peitschen und Gummiknüppeln, bis setzen und wegfahren, denn er hat ja Ganzen mag das auch stimmen. Du staunst? Aber es stimmt fast ganz. Die Hitler machen einem Juden selten etwas — sie verhauen ihn nicht — sie arrangieren das so, daß sie sich untereinander ihm die Kopfhaut sprang. Dann wurde er sauber verbunden. Du weißt doch: In Deutschland wird alles ordentlich und korrekt gemacht. Er wurde genäht — alles schön sauber und fachgemäß. Als verkeilen müssen. Das spielt sich z. B. das fertig, war, mußte er die »raffgierigen« folgendermaßen ab: Hier in der F.¬ Straße wohnt ein Jude, streng orthodox, polnischer Staatsangehöriger, Du wirst wissen — S. Vater von unberufen 8 Kindern. Du kannst Dich wahrscheinlich auch noch an den Direktor A. erinnern, aus dem Kaufhaus. Ein streng Deutscher. Vertreter der Liberalen in der Kultusgemeinde. Mit diesen beiden hat sich nun ' folgendes ereignet, das beweist, wie wenig einem Juden ein Haar gekrümmt wird. Montag, den 20. April, gegen Abend, wurde Direktor A. plötzlich von S. A.-Leuten verhaftet. Warum? Das wird ein Rätsel bleiben. Er wurde in die Leipziger S. A.-Kaserne, in das Volkshaus, gebracht. In derselben Nacht, so gegen ein Uhr, faßten sie auch S. Er ist in den Jahren nach dem Umsturz in Polen und Rußland nach Deutschland gekommen und hat mit dem Rest seines Vermögens in der F.-Straße ein Haus gekauft. Er wollte sicher gehen, sein Geld nicht verlieren. Um 1 Uhr Nachts klopft es: »Polizei, öffnen!« Seine Frau antwortet durch die verschlossene Türe: »In der Nacht öffnen wir nicht, kommen sie morgen früh wieder!« Kaum ist sie zu Ende, fliegt die Türe schon aus den Angeln. Kunststück, wenn sich 5 uniformierte S. A.-Leute und zwei in Zivil gegen eine einfache Wohnungstür werfen! Selbst-die Vorlegkette nützt da nichts. Nun stell Dir mal vor: Ein chassidisches Ehepaar mit acht Kindern — diese Angst, dieses Geschrei! Frau und Kinder wurden im Nebenzimmer eingeschlossen, er mußte sich ankleiden und wurde ins Volkshaiis. gebracht. Vorher wurde die ganze Wohnung auf den Köpf gesteh und nach Waffen und kommunistischer Literatur. (!) durchsucht. Natürlich vergebens. Unterwegs fragte man ihn, ob er wisse, weshalb man ihn verhaftet habe. Als er verneinte, erklärten sie: »Wart Jude, wir werden es Dir heimzahlen, das Herumprozessieren mit einer deutschen Frau!« Du mußt nämlich wissen--er hatte einen Streit mit einer Mieterin, der sich jahrelang hinzog. Hände ausstrecken, die man bearbeitete, bis das Blut in Strömen floß. Dann wieder: Verband, Sauberkeit. Schließlich wurde er entlassen. Als er fortging, hörte er das Schreien des A., den sie nochmals in Arbeit genommen hatten. Jetzt liegt A. im Krankenhaus, mit schweren Kopfverletzungen, grün und blau, mit gebrochenem Arm... Nach dem Boykott ist es hier verhältnismäßig ruhig geworden. Die Juden, die man verhaftete, darunter mehrere große Pelzhändler, sind, nachdem man sie entließ, mit Frau und Kind weg und die Armen, wie immer auf dieser schönen Welt, dürfen in Angst und Schrecken weitervegetieren. Denn verdienen kann man ja unter solchen Verhältnissen nichts, man hungert langsam, aber sicher zu Tode. Arme — die gibt es so viele auf der Welt, daß es auf ein paar mehr oder weniger nicht ankommt. Idh weiß, ihr alle werdet mitleidig die Schultern hochziehen und Euch doch das Essen gut schmecken lassen. Wenn es Euch aber besonders zu Herzen geht, werdet ihr einen rechten jüdischen Seufzer ausstoßen. Ja, unsere Gesetze sind schön, sie verbieten den Reichen wie den Armen, unter Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen.... Unser Freund Mendel ist nach längerer Zeit wieder einmal auf Tour gegangen. Schlecht hin, schlecht her — der Mensch muß doch leben! Geld, um Brot zu kaufen, ohne zu arbeiten, hatte er mitunter nicht einmal das Geld für die Straßenbahn. So ergeht es vielen, vielen anderen. Ich habe mit unzähligen jungen Leuten gesprochen, die noch immer nicht zu Hause schlafen, seit 4, 6, 8 Wochen. Sie befürchten, in der Früh aus den Betten geholt zu werden. Laufen herum, hungern, können nicht fort, weil sie kein Geld haben. Für diese Menschen ist Deutschland das furchtbarste Gefängnis geworden, das man sich ausdenken kann. Ich habe bisher noch keinen Fall gehört, daß ein Reicher solch einem armen Burschen, der in Gefahr war, verhaftet zu werden, das Geld gegeben hätte, damit er fortreisen kann. Viele wüßten aber auch gar nicht, wohin zu fahren. Hier sind sie arbeitslos und leben irgendwie. Anderwärts hätten sie auch keine Arbeit.... In der Stadt vegetieren die jüdischen Armen, der verelendete Mittelstand — aber in den Kleinstädten, auf den Dörfern, werden sie nach allen Regeln der Kunst ausgehungert. Da, wo es zwei, drei, fünf jüdische Familien gibt, sieht es sehr bös aus. Hunderte sind in ihren eigenen Wohnungen von den Nazi eingeschlossen. Nichts darf zu ihnen, nichts darf hinaus. Im eigenen Haus eingeschlossen, zum Hungertod verurteilt.... Vielen beginnen die Lebensmittel auszugehen. Post dürfen sie keine verschicken. Ich habe einen Brief gesehen, den man durchgeschmuggelt hat, den ein Nachbar beförderte, den Du kennst (ich fürchte seinen Namen zu nennen) da bitten und betteln jüdische Menschen, man möge sich ihrer erbarmen, sie nicht verhungern zu lassen, die Kinder retten, wenigstens die Kinder. Elend und Not. Es wird sobald nicht besser werden. Wer kann uns helfen? Ein neues großes Paläsfina-Projehf: Selbständige Arbtitersledlang Schaffung einer Arbelferholonlsaflonsgesellschaft mit 25.000 Pfund Kapital. — lenlrallsleruug der Arbelferwlrlstiiallen. - Die neue Gesellschaf „Nlr" mit ihren 53 Töchtern". Unser palästinensischer Mitarbeiter in Erez Israel zu dem Bewußtsein geberichtet im Nachstehenden über die langt, daß sie nicht nur Arbeiter, sondie er schließlich aus der Wohnung großzügigen Pläne der Gesellschaft dern auch selbständige Bauern hinausklagte, einen Streit, wie er sich „Nir", die unter den gegenwärtigen Versein müssen. Das Streben nach kolonizu Hunderten zwischen Hausherrn und hältnissen sicher auch in den Ländlern satorischen Schöpfungen mit den selb- Mietern abspielt... der Galuth das weitgehendste Interesse ständigen Kräften der Arbeiter und auf Im Volkshaus wird er in den Keller der breitesten jüdischen Schichten finder Grundlage von selbständiger wirtgeworfen. Wen findet er da? Dir. A. Ja, den werden. Die Projekte zeigen, wie schaftlicher Leitung hat seinen Ausdie Nazi kennen in solchen Augenblicken trotz des heftigen politischen Kampfes, druck gefunden in der Gründung der keine Unterschiede, keine Staatszugein welchem sich die Arbeiterschaft Paersten Arbeiterwirtschaften in der Pelästinas befindet, Initiative undl Verantriode der „zweiten Alijah", einige Jahre wortungsbewußtsein ungebrochen und vor dem Kriege. unaufhörlich am Werk sind, die wahr- Die finanziellen Mittel zur Errichtung haft nationale Siedlung zu vergrößern der Wirtschaften wurden damals beneue Positionen zu schaffen und dabei kanntlich durch den KKL, den Bodenhörigkeit, es ist gleich, ob es sich um einen deutschen Juden oder einen polnischen handelt. Nach einigen Augenblicken kamen die wilden Horden, um ihrer persönlichen Rache freien Lauf zu lassen; außer Gummiknüppeln und gleichzeitig auch die strategische Basis besitzer, hergegeben und nicht durch die D/i!^„l,--1____1 i___ - ____h. •___ /-. i_____ r\aa TTamnfaa rlof iiirl!Q/ihon \ rVlöitor. A —1--*__J! _ ___ Ji____7-!i -"-1___ Peitschen brachten sie auch eine Schere mit. S. trug als frommer Jude einen schönen roten Bart. Man forderte Dir. A. auf, ihm den Bart abzuschneiden. Der wollte erst nicht, aber auf Zureden des S. tat er es doch. Und zwar nur an der untersten Spitze. »Ne, Aron,« sagten die les Kampfes der jüdischen Arbeiter- Arbeiter, die zu dieser Zeit über keine schaft durch größere Unabhängigkeit eigenen Mittel verfügten. Auch als nach von den Instanzen der Jewish Agency zu stärken. dem Kriege zionistische Kolonisation in einem breiteren Maßstab eingeleitet wurde, hat die Kooperation zwischen den Siedlern und! den zionistischen Fonds, die den Boden und die Produktionsmittel für die Einzelsiedlungen und die Kwuzoth zur Verfügung stellten, Tel Awiw, 24. April 1933. ____F_____ _____,_________0_______ ,,Nir" wird! die Kolonisationsgesell- Nazi, »so nicht, weiter oben!« Er weischaft genannt, die vor einigen Jahren gerte sich, sie drohten mit Schlägen, durch die Organisation der landwirt- S. gab ihm zu verstehen, daß er es maschaflichen jüdischen Arbeiter in Erez fortgedauert, chen möge. Als er aber die Schere weiter Israel gegründet wurde. Der Name Diese Kooperation zwischen dem KH oben ansetzte, bekam er von einem der wurde bei den jüdischen Arbeitern Erez und KKL auf der einen Seite und den Nazi einen Schlag von hinten, so daß er Israels bald populär. Siedlern auf der anderen Seite hat trotz nach vorne flog und dabei dem S. die Noch vor dem Weltkriege sind die aller Mühsale, die sowohl das nationale ganze Halspartie unterhalb des Kinns landwirtschaftlichen jüdischen Arbeiter Kapital als auch die Siedler im Laufe der Gründungs- und Konsolidierungsjahre ihrer Wirtschaften zu überwinden hatten, gute kolonisatorische Resultate gezeitigt. Die gesunden Tendenzen der arbeitenden Kolonisation haben den Sieg davongetragen. Verlanget tiberall unser Blatt! DER NEUE WEG ist an allen ZeUungssf änden - in Prag und Brünn zu haben! Aber schon bei Beginn der Arbeiterkolonisation, die mit Hilfe des nationalen Kapitals ohne materielle Teilnahme seitens der Ansiedler an den ersten Investitionen verwirklicht wurde, haben dieser Kolo* nisation sehr ernste Gefahren gedroht, Hindernisse, die geeignet waren, im Laufe der Zeit die Arbeitersiedlung zu gefährden. Immer mehr Probleme tauchten auf: Es war fraglich, ob die zionistische Öffentlichkeit im Laufe vieler Jahre die Summen beistellen wird, will und kann, die für die Erweiterung der arbeitenden Kolonisation in einem ihren Bedürfnissen entsprechenden Maßstab erforderlich sind. Werden nicht viele der Spender ermüden? "Werden nicht viele der besten Spendler verarmen? Werden nicht viele nach einiger Zeit ihre Stellungnahme zum Werke ändern, bevor sie noch seine volle Bedeutung für die Belebung der Wüsten unseres Landes und für die Errichtung der Basis der nationalen Renaissance erkannt haben? Und wenn auch der Strom der nationalen Gelder nicht aufhören wird, wird sich nicht das Verhalten der ausführenden Institutionen zu den Ansiedlern ändern, wenn sie in den Wirtschaften ihre Arbeit, ihre Energie und ihre Initiative investieren, aber nicht ihr Vermögen? Wird nicht die Kooperation zwischen den Siedlern und den Kolonisationsinstanzen dadurch beeinträchtigt werden? Können nicht andereHerren die öffentlichen Gelder in die Hand bekommen, die dieselben unter Bedingungen werden investieren wollen, die in anderen Ländern herrschen, die aber für unsere Verhältnisse nicht angepaßt sind? Und es ist nicht möglich, daß wieder eine Periode von Kolonisatoren kommt, die d'er Periode der „Administration des Baron" ähnlich ist? Wird nicht wieder der Herrschaftstrieb auftauchen, der über den landwirtschaftlichen Jischuw wird herrschen wollen? Werden nicht Versuche auftauchen, Hände und Füße der Arbeiter mit Verträgen zu b i n dl e n, die es ihnen unmöglich machen, ihre Bestrebungen zu verwirklichen? bdamm d&ümal pw&i&ete, tüctrum linnüt? Seit bergeuben, toertrt bte fertigen $ertenan3üge unb 3Jtäntel be3 ßauföaufeS SJInöeE ttie augegojfen fifcen unb Raffen, als toenn fic für jebermann gcnäljt mären? Sic Süorflüge moberner $ertigEIeibimg, beteint mit erftfloffiger ©tfjnciberar&cit: btefem Sbeat jebe§ <£errn fjnt ba§ ^auf^auS 5ßInceE nun auü) in Ijerborragenber SBeife UJccIimtng getragen. MteiZung, füc (1604'c) mödecHZ Ueccenldeiduug. jlau(Uau$ P,tafok. Schon vor mehr als zehn Jahren haben sich die großen Gefahren gezeigt, die der arbeitenden Kolonisation bevorstehen, aber auch die großen Perspektiven, wenn diese Gefahr beseitigt werden kann. Schon damals war auch das Heilmittel gegen diese Gefahren klar. Das Heilmittel ist — die volle Selbständigkeit der Arbeitersiedlungen und diese Selbständigkeit muß durch ein selbständiges autonomes Instrument in der Form einer „Gesellschaft für Arbeiterkolonisation" gesichert werden. Diese Gesellschaft wird die eigenen finanziellen Mittel der Arbeiterschaft, die Mittel der Ansiedlungskandidaten und der Freunde der Arbeiterkolonisation in ihren Händen konzentrieren. Diese Gesellschaft, eine Gründung der Arbeiterorganisation, wird die Wirtschaften nach allmählicher Befreiung von Schuldenlasten in ihrem zentralen Besitz haben; sie wird Aufsichtsrechte erwerben und so die Arbeiterwirtschaften gegen die Aufsicht anderer zu verteidigen haben; sie wird die wirtschaftliche Instruktion organisieren und Aufsicht über die ökonomischen und gesellschaftlichen Ziele einer planmäßigen landwirtschaftlichen Siedlung, die sowohl mit dern Einzelnen als auch mit der allgemeinen Arbeiterschaft verbünden ist, führen. Diese Prinzipien wurden als Grund-

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