Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1933)
- Date
- 1933-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 DER JÜDISOSE ARBßlTEE 29. April 19& Nun, die Führer der deutschen Sozialdemokratie haben Fehler begangen, fe^»nfft n auch die Position der S; P. D. berücksichtigt, die einen schweren Kämpf mit den Kommunisten führen mußte und deren Gewerkschaften eine Armee von 6 Millionen Arbeitsloser iie* hen sich hatten» Das geben heute die Führer der deutschen Partei selbst zu. Aber für die Arbeiterschaft der anderen Länder, die den Freiheitskampf noch führen können, erwächst die Pflicht, aus den verhängnisvollen Folgen dieser Fehler zu lernen und die Mittel, das sozialistische Ziel zu erreichen, klar zu erkennen. Worin liegt eigentlich die Bedeutung des 1. Mai, den die Arbeiter unter schwersten Opfern erkämpfen mußten.? An diesem Feiertag des Proletariats zeigt sich über die Verschiedenartigkeit der Produktionsbedingungen in den einzelnen Ländern hinweg die Gleichartigkeit der Lage aller Arbeiter, die Einheitlichkeit ihrer Interessen, die sie zwingt, auch den gemeinsamen "Weg zu gehen, den Weg des Klassenka m pfe8. Erst die Tatsache, daß die Arbeiterschaft in einem jeden Lande in der kapitalistischen Klasse (ganz gleich, mit welchen politischen Aspirationen diese auch gerade auftritt), ihren Gegner sieht, den sie bekämpfen muß, erzeugt das internationale Solidaritätsbewußtsem der Arbeiterklasse. Der Klassenkampf innerhalb der eigenen Nation ist also die Voraussetzung für die internationale Verbrüderung des .Weltproletariats. Der 1. Mai weist gleichzeitig aber auch auf die Möglichkeit hin, die Interessen der Arbeiter erfolgreich durchzukämpfen. An diesem Tage, wo alle Räder stillstehen, weil es die feiernden Arbeiter so wollen, kommt nämlich die Unentbehrlichkeit des Proletariats zum Ausdruck. Deshalb ist der 1. Mai für. uns jüdische Sozialisten von besonderem Interesse. Er zeigt uns, daß es keinesfalls revolutionär ist. den Hürrahschreiber beim; proletarischen Klassenkampf a nderer Nationen zu spielen. Aufgabe der jüdischen Sozialisten ist es vielmehr, im eigenen Lager, innerhalb der eigenen Nation, den Klassenkampf zu füh- ,ren. Nur dann können wir gemeinsam mit7 dem allweltlichen Proletariat für das gemeinsame Ziel, für den Sozialismus, kämpfen, Erste Voraussetzung hiefür ist aber, daß die jüdischen Arbeiter wirklich .unentbehrlich sind. Das heißt: Wir müssen dafür kämpfen, daß sie in die wichtigsten Produktionszweige eindringen und ein unersetzlicher Faktor im jüdischen 4 nationalen Leben werden. Daraus ergibt sich für uns ganz eindeutig'die Parole für den 1. Mai: Gegen Reaktion und Fascismus! Gegen nationalistische Verhetzung und die blutige Internationale der Rüstung! Für Freiheit und sozialistische Ordnung! •Für die Einheit des Proletariats in den Ländern und in der Internationale! Für die freie nationale Entwicklung des jüdischen Volkes! Für den sozialistischen Aufbau Palästinas! Wir eröffnen die Könäreßdftlflission: Vor i fott Dr. M<Ö ''''' 1 ' - Wenn wir dara-n gehen, uns ideologisch und materiell für den kommenden Ziönistehkongreß zu rüsten, so ist & wohl unsere erste Aufgabe, uns: de^ Eigenart der Situation bewußt zü werden, in welcher der kommende Wahlkampf vor sich gehen wird. Die Läge der zion. Bewegung im gegenwärtigem Augenblick läßt an Kompliziertheit nichts zu wünschen übrig, sie wiederspiegelt treu das Bild des gesamten jüdischen Lehens, das sich heute in einer unerhörten inneren Gärung befindet. Der Sieg des deutschen Nationalsozialismus hat wohl endgültig, jedenfalls aber für Jahrzehnte sozial und ökonomisch die Scheidüngslinie zwischen dem Ost- und Westjudentum aufgehoben, der Deklassierungsprozeß, der immer als typisch für die Judenheit der östlichen Massensiedlungen betrachtet wurde, ist nunmehr zum Schicksal des deutschen Judentums geworden. Der ökonomische Niedergang der deutschen Judenheit ist aber wesentlich verschieden vom sozialen und wirtschaftlichen Auflösungsprozeß des Ost- Judentums. Vor allem ist das Tempo vefr schieden; während" die ostjtidischeh Massen immerhin Atem hatten, sich der neuen Lage anzupassen und sich auch seelisch auf den neuen Lebensstandard umzustellen, hat für das Westjudentum die Ausstoßung aus dem Wirtschaft& prozeß katastrophale Formen angenommen und kommt fast einem Sturz aus den seit der Emanzipation erklommenen Positionen gleich. Hierzu kommt noch, daß die soziale Stufe, die ein großer Teil des deutschen Judentums vor dem Ausbruch der nationalistischen Verdrängungspolitik eingenommen hat, außerordentlich viel höher war, als die des Ost Judentums: es bedeutet etwas wesentlich anderes, ob ein gehobener Mit> telstand, der in nicht geringem Maße intellektuelle selbständige Erwerbstätige umfaßt, die eine sozial hoch gewertete Stellung einnehmen, die Existenzgrundlage seines Wohlstandes zusammenbrej chen sieht, oder ob mehr oder minder proletarisierte Schichten des Kleinbürgertums in das Luftmenschentum gestoßen werden. Schließlich ist die Depossedierung der deutschen Juden in viel höherem Grade eine gewaltsame, als es die des polnischen Judentums jemals war. Selbstverständlich ist auch der Anteil der automatischen Kräfte an der Gestaltung der ökonomischen Lage der deutschen Juden nicht zu unterschätzen, die Monopolisierung des deutschen Wirtschaftslebens, die Wirtschaftskonzeiitration in ihien veirscliiedeinen Formen hat auch an sich die dem Liberalismus entspireohendedi ökonomischen LebensfoiTDien des deutschen; Judentums un,tea"höhlt; trotzd'emi kann nicht bezweifelt werden, daß noch niemals und in keinem östlichen Land der Konkurenzkampf gegen das Judentum in dem Maße mit politischen Mitteln ge-' führt wurde, wie in Deutschland in den letzten Jahren, denn man ^vergesse nicht, daß der heutige Boykott nur den Piiier (Wien) Höhepunkt dleö ykalten" ökonomischen Pogroms darstellt, der im Lande des Volkes der Denker und Dichter unter dem Druck des Nationalsozialismus schon lange verübt wurde. Fassen wir zusammen: Das Schicksal, das heute insbesondere das mitteleuropäische Ju^ djentwn an Leib und Seele erfährt, ist in seiher Tragik unvergleichlich und es ist hur zu verständlich, daß die Keaktion des jüdischen Menschen auf diese fortgesetzte Kette von Attentaten auf sein Lebensrecht, das von seinem Wirtsvolk angezweifelt, ja verneint wird, nichts anderes sein kann, als heilloser Schrecken und ziellose Panik. Diese Seelenlage des jüdischen Menschen haben wir vor allem in Betracht zu ziehen, wenn wir die Frage unserer Taktik beim kommenden Wahlkampf erörtern. Gewiß ist das oberste Ziel, mit dem wir in die Wahlarena gehen, einen möglichst großen Wahlerfolg zu erringen, die Macht des proletarischen Zionismus innerhalb des Kongresses zu verstärken. Dartiber wollen und dürfen wir nicht vergessen, daß jede Machtsteigerung für uns nur sinnvoll ist, wenn sie für die Förderung des, Wöhles der jüdischen Massen fruchtbar gemacht werden kann, daß hingegen jeder Machtgewinn,, der um den Preis einer noch so geringfügigen Schädigung ihrer Lebensinteressen erreicht würde, für uns sinnlos wäre, dem Wesen unserer Bewegung widersprechen würde. Ziel und Methode unseres Wahlkampfes lassen wir uns nicht von unseren Gegnern, den Revisionisten vorschreiben, für uns ist der Wahlkampf ein Werben um den jüdischen Menschen, für unsere Idee, damit unserer W a h r h e i t die Macht und sie zur Wirklichkeit werde, nicht aber ein Anlaß, der Demagogie freien Lauf zu lassen. Nichts anderes als Demagogie, und zwar gemeingefährliche Demagogie ist. es, wenn sich die Revisionisten anschicken, ins Zentrum ihrer Wahlparolen die Forderung . nach der freien Einwanderung nach Palästina zu stellen., Wir wollen nicht davon sprechen, daß es Jabotinsky war, der das auch heute zu Recht bestehende Weißbuch Churchils unterzeichnet und so die rechtliche Grundlage aller späteren Einwanderungsbeschränkungen geschaffen hat. Nicht um diese formelle Frage geht es heute. Es gilt vielmer zu erkennen, daß die Forderung der absoluten Einwandenin^freiheit, Iii1 der heuti|*em Situation eärhöibew, nichts anderes bedeutet* als in den zu tiefst aufgewühlten jüdischen Massen Illusionen zu wecken, den Glauben, als ob heute Palästina die Möglichkeit böte, ihre Nöte zur Gänze zü beheben. Gewiß, wir wissen, daß in Palästina heute schon Tausende von arbeitsfähigen Menschen eine Lebensgrundlage finden können, daß das Land nach Arbeitskräften lechzt, -•' daß auch für die Anlage rentabilitätsheischender Kapitalien Räum ist. Nicht um jüdische Kapitalisten und nicht um jüdische Arbeiter handelt es sich heute, sondern um jene Masse verarmter Mittelständler, die infolge ihres Alters den Weg zhr physischen Arbeit nicht mehr gehen können. Die Verzweiflung dieser Menschen erreicht heute ihren Höhepunkt, und es besteht die Gefahr, daß sie durch eine die absolute Einwanderungsfreiheit fordernde Kongreßagitation verleitet werden könnten, den Lebenskampf, den sie unter so furchtbar schweren Bedingungen zu führen verurteilt sind, im Hinblick auf Palästina vorzeitig aufzugeben, darauf zu verzichten, alle noch bestehenden Möglichkeiten der s Fortführung ihrer wirtschaftlichen Existenz auszuschöpfen. Was das angesichts der Unmöglichkeit der Verwurzelung dieser Einwandererkategorie in das palästinensische Wirtschaftsleben bedeutet, zeigten uns die Folgen der vierten Alijah: Vermehrung des Luftmenschentums innerhalb des jüdischen Volkes, Vergrößerung der Zahl der gescheiterten jüdischen Existenzen. Der Zionismus, der hinausging, die jüdischen Massen der Produktivierung zuzuführen,, würde in diesen seinen Auswirkungen das Gegenteil seines Zieles bewirken. Was ein in Palästina enttäuschter Rückwanderer für den Zionismus bedeutet, wissen wir aus der Erfahrung der letzten Jahre zur Genüge. Selbst wenn den Revisionisten das Schicksal des jüdischen Einzelmenschen gleichgültig ist, sollten sie sich dessen bewußt sein, daß die politischen Auswirkungen einer bedenklosen Ausnützung der Verzweiflung des verarmten Mittelstandes im Wahlkampf zum Kongreß auf weitere Sicht betrachtet, den Zionistmus selbst gefährden würde. Daraus erwächst für uns in den nächsten Monaten eine wichtige Aufgabe: Unerbittlicher Kampf gegen die revisionistische Demagogie, die über Leichen hinweg ziur Macht, zum „dritten Zionismus", wie das revisionistische Zentralblatt in Palästina kürzlich die Hitlersche Ideologie akzeptierend schrieb, strebt. Sandbiichsen - ein Warschau, 19. April (E.D.). Gestern Sprach der Führer der palästinensischen Arbeiterschaft D. Ben Gurion in Warschau über das Thema „Was wollen wir in Erez Israel?". Mehrere Tausend Zuhörer folgten seinen Ausführungen. Während seiner Ansprache wurde vom II. Balkon des Saales eine schwere, mit Sand gefüllte Blech- Arbeitermangel in Palästina Infolge des starken Hangels an Arbeiterh&nden werden in Palästina Mittelschüler au den Feld-, Garten* und Pflanaungwrhetten herangezogen. Gymnasiastinnen arbeiten in der Baumschule von Giwath Baschloscha, büchse auf die Tribüne geworfen, die Ben Gurion zum1 Glück nur am Fuß trat Es entstand eine Panik, das Referat mußte unterbrochen werden. Als Täterin wurde ein junges Mädchen Namens iPotschafofska festgestellt, die dem Brith Trump eldor angehört. Sie wurde verhaftet. Ben Gurion konnte nach diesem Zwischenfall, der leicht in der tragischesten Weise hätte enden können, sein Referat fortsetzen und war Gegenstand stürmischer Ovationen. * Zu dieser Meldung erübrigt sich eigentlich jeder Kommentar. Der Vorfall illustriert, in welch gemeingefährlicher Weise die Anhängerschaft Jahotinskys die Jugend verhetzt. Die Methoden, mit denen man glaubt, die > Arbeiterschaft unschädlich machen zu können, unterscheiden sich in nichts mehr von den Praktiken der deutschen fascistischen Verbrecher. Vermerkt soll noch werden, daß in diesem Fall die sonst so fixe Berichterstattung der ITA. versagte. Vorbereitungen zum 18. Zionisfen- Kongreß London, 25. April. Das Zionistische Zentralbureau meldet: Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zum 18. Zionistenkongreß hat die Exekutive Herrn D!r. Franz Kahn zum Leiter des Kongreßbureaus und Herrn Dr. Fritz Ulimann zum stellvertretenden Leiter und Sekretär des Kongreßbureaus ernannt.