Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1933)
- Date
- 1933-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2641551-2641667-2641681--697-2642730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V« Iii b* Erscheint jeden Freitag Organ der Yereinigten Zionismen soziaJislisciien Arbetteroraanisatton Poaie Zion - mtachdotn in Österreich Redaktion und Administration: Wien IL, Blumauergasse I — Postscheckkonto Nr. 17.878 Tschechosl. Redaktion: Brünn, KoliStö 19, Tel. 35.398, Postscheckkonto Brünn Nr. 100.145 Bezugspreis: ganzjährig S 12— halbjährig S 6*- Einzelne Nummer 30 Groöcheh 10. Jahrgang Wien, 29. April 1933 Nr. 17 Am 1. Mai 1933 veranstalten wir im Hotel Post I. Me^chmärkt 24 ,. . eine .....-, grosse Maifeier Programm; Doppelquartett; des jüdisehen G e s a n g s v e r e i n s Leitung: Israel Brandmann . Ani Klavier: Rudolf Beck r . Festrede: Genosse Dr. S.'Sokal Sulamith Silber: Violine Josefine Jedlitzer: Gesang Kurt Riegelliaupt: Rezitation Vereinigte Poale Zion-liitachduth Aui m^cknJKU § Einsteins Kapriolen. Im, Zitöaimimßra- "luuig mit dien Meldungen üben* einen ausblieb an Prof. Altert Einstein ergangenen Ruf di&r Universität Jerusalem (dien Prof. Einstein „abgelehnt'' hait) teilt cleir Kanzler der Hebräischen Universität .Di-. J. L. Magines, die Hebräiscfe Univea-sität habe Pirofesor Einstein vorläufig n och keine präzisen , Vorschläge gemacht, sondern ihm bloß telegraphisoh den Besuch Dr. OhaimWedzmiaains angekündigt, der mit Einstein über die Möglichkeit einer wissensichaftlichen Tätigkeit aii der Universität Jerusalem!. in irgendeiner Form Besprechungen alb^ halten wird. §Herr Gömbös fordert Harmonie. Ministeroräsident Gömbös hiedt in der Generalversammlung des Verbandes gesellschaftlicher Vereinigungen eine Ansprache, in der er u.a. erklärte, seine Verkündigung der christlichnationalen Weltanschauung als Regierungsprogramm bedeute nicht, daß irgendjemand von der gemeinsamen nationalen Arbeit ausgeschlossen werden solle. Wir sind geneigt, sagte der Ministerpräsident, jeden als unseren Bruder zu achten, der mit uns für die glücklichere Zukunft des Vaterlandes zusammenwirken will. § Jüdisches Städtchen in Litauen abgebrannt. Das in der Nähe von Schaulen gelegene, jüdische Städtchen Ligum ist einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Zwei Drittel des Ortes einschließlich ' des Geschäftsviertels wurden zerstört. 500 Häuser sind abgebrannt, viele Hunderte jüdische Familien sind obdachlos geworden. § Bestrafung antisemitischer Excedenten in Lodz. Das Lodzer Kreisgericht hat bisher insgesamt 52 Personen wegen Teilnahme an den in letzter Zeit dort gegen Juden verübten Ausschreitungen zu Gefäncrn'"strafen von einer .Woche bis mehreren Monaten veruurteilt. lim den Ort des Zionlstenftongresses f Zu den verschiedenen, in der Presse veröffentlichten Nachrichten über die Abhaltung des XVIII. Zionistenköngresses in Karlsbad bezw. Brünn wird uns von bestens informierter Seite mitgeteilt, daß sämtliche definitive Verr off entliehungen in dieser Angelegenheit als verfrüht angesehen werden müssen; bisheu besteht nur. eine große Wahrscheinlichkeit .daf^^^ daß der Kongreß in der Tschechoslowakei statte finden wird. Jüdische Arbeiter.« Angestellte! Genossen lind Genossinent Der 1. Mai, der Kampf- und Feiertag des internationalen Proletariats, ist wieder da. Der 1. Mai ist der Meilenstein auf: dem Wege der proletarischen Revolution. An diesem Tage müssen wir unseren bisherigen Weg auf seine Richtigkeit hin prüfen und die Kampfparolen für das nächste Jahr ausgeben. Wir feiern diesmal den 1. Mai in einer der letzten Festen demokratischer Freiheit in Mitteleuropa. Die deutsche Arbeiterschaft ist geknechtet und versklavt. Die größte Arbeiterpartei Europas ist zerbrochen und geschlagen. Hunderttausende schmachten, in den Kerkern und Konzentrationslagern Hitlers, Mussolinis, Pilsudskis. Die braune Pest des Faschismus schreitet fort von Land zu Land, holt zum entscheidenden Schlag in Österreich aus, hebt ihren Kopf in der Tschechoslowakei, in England, in der Schweiz, und1 selbst in unseren Reihen, innerhalb der zionistischen Bewegung. Und trotz alledem und gerade darum: Wir müssen vorwärts! Genossen und Genossinnen! Wir wissen, daß der Faschismus der letzte Schützengraben des untergehenden Kapitalismus ist. Wir wissen, daß, wenn der braune Schrecken zusammenbricht, rote Fahnen über den Ländern Europas wehlen werden. Wir feiern heute das Fest der internationalen Solidarität. Wir sind im Herzen bei unseren geknechteten und gequälten Brüdern in Deutschland und in Italien, die heute ohnmächtig, morgen die Macht bilden werden, die eine neue Welt aufbaut. Unser ist auch der Kampf des österreichischen Proletariates, das in heldenmütiger Abwehr die Positionen unserer Klasse verteidigt. Genossen und Genossinnen! Mit Genugtuung und Freude erfüllt es uns, daß es gerade in dieser Zeit dem jüdischen Arbeiter gelungen ist, neue Kampf- und Lebenspositionen in Palästina zu erobern. Zum erstenmal ist es unf gegeben, wie die Proletarier anderer Nationen eine entscheidende Rolle in der Produktion eines Landes zu spielen. Zum erstenmal haben auch wir die Kampf mittel in der Hand, die das internationale Proletariat zum Siege führen.;:< Genossen und Genossinnen! Trotz aller Niederlagen sind wir erfüllt von dei ^Zuversicht, daß unser Sieg kommen muß. Nieder mit der faschistischen Sklaverei! Nieder mit der revisiöhistlschrrfäjSiQhiistischen Schändung des Zionismus. Es lebe der Aufstieg der jüdischen Arbeiterklasse I Es lebe der Kampf des internationalen Proletariats! Es lebe der Sozialismus! 1. Mai 1933 Um es gleich vorwegzunehmen; Wir feiern diesmal den 1. Mai auf den letzten Inseln proletarischer Kampfesfreiheit nicht ganz frei von einem -Gefühl; def Resignation. Nicht r etwa" darum, Weil große Teile der Arbeiterschaft,, unter ihnen die best organisierte und sozialistisch geschulte ArbeiterschaftDeutscht Iands, den proletarischen CWeltfeiertag nicht mitfeiern k a n n. ,Nein, .diese:Tatsache aliein; hätte bei uns nur, eine^Emi pörung hervorgerufen, eine Empörung, die zur stärksten Triebfeder für. ein'/revolutionäres Denken und Handeln d geworden .wäre. Aber .schmerzlich, ist die Frage, ob die große •: Masse;der deut^ sehen Arbeiterschaf t \ diesen - proletarischen Weltfeiqrtag. noch " ernstlich' zurückerobern will,' ob;' wir , uns wirklich in der, Periode'des* heroischen-und militanten Sozialismus , liefinden,; von der unlängst Sollmann, >der sozialdemokratische; Führer in , Deutschland, sprach. : , r ■ ' r ' , - Man verstehe uns recht: Wir wollen nicht, fern vom Schuß, die Radikalen spielen und der Arbeiterschaft, die im faschistischen Käfig gefangen ist, billige Ratschäge geben. Die Frage ist aber, wie die Arbeiterschaft drüben auf die Geschehnisse reagiert}' wie1 sie' "die Greuelwahrheiten, die die fascistische Presse selbst verbreitet, aufnimmt. Was tun die Arbeiter, die noch am 5. März sozialdemokratisch oder kommunistisch gewählt haben: Ballen sie» die Faust, wenn auch nur in der Tasche, wenn sie lesen, daß hunderte Arbeiter „auf der Flucht" erschossen wurden, Tausende in; Folterkammern, Zehntausende in Konzentrationslagern schmachten? Bewahren sie sich das Gefühl der Empörung oder nehmen sie die Nachrichten über die fascistischen Bluttaten ohne innere Auflehnung auf, ohne Hoffnung, das fascistische Joch einmal abschütteln zu können? ' - '■ Das ist die'Frage, die wir gerade heute, am Tage, der die internationale Solidarität der Arbeiterschaft demonstrieren soll, stellen müssen. Leider können wir von drüben keine klare Antwort auf diese bange Frage bekommen. Ein Schweigen, ein unheimliches Schweigen, erdrückt das proletarische Deutschland. Soweit sich die Situation vom Weiten beurteilen, läßt, scheint eine Willehslänmung die große Masse der deutschen Arbeiterschaft erfaßt zu haben. Diese Willenslähmung ist aber nicht einfach das Bewußtsein der Niederlage, das Bewußtsein, daß der Gegner jetzt stark genug ist, um jede Auflehnung schon im Keime blutig zu ersticken. Nein, was heute die deutsche Arbeiterschaft lähmt, scheint vielmehr das Bewußtsein zu sein, daß die Fascisten kampflos gesiegt haben, daß gar nicht der Versuch einer Abwehr unternommen worden ist. Es nützt nicht, heute darüber zu diskutieren, ob am 20. Juli die Kräfte noch gereicht h'ätten, siegreich den Abwehrkampf gegen die Fascisten durchzuführen. Aber zweifelsohne hätte schon dieser Versuch der Abwehr genügt, um den Kampfgeist der Arbeiterschaft zu j erhalten, um in ihr das Bewußtsein zu stärken,, daß der Fascismus, ,,die letzte Phase einer untergehenden Gesellschaftsordnung ist,r,daßr die Arbeiterschaft aüc^ diesen'. Terror überleben wird, ' ';