Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2, Der jüdische Arbeiter. 14, Juli 1933 hat, aber \yir müssen lernen, auf dieselbe Weise zu sehen*. Das heißt: rational, sachlich, nüchtern, nicht von Wünschen bestochen, sondern von der Realität geleitet, mit einem Wort, wissenschaftlich. Das ist das Große an ihm, daß. er zur Judenfdrage kam aus verletztem Stolz, daß er sie lösen wollte,, durchaus nicht zuletzt aus Mitleid und Liebe zu seinen unglücklichen Brüdern („sein Mitleid war stark und tief erregt, es gab Augenblicke, da es wirklich die Millionen umfaßte", sagt Buber von; ihm), und daß, er sie trotz dieser aufwühlenden Affekte kühl und klar betrachten konnte, so kühl und klar, daß er den Weg, zu ihrer Lösung fand. Diese Lösung; äst heute mehr denn je eine Lebensnotwendigkeit für uns alle. Sie wird ims nur dann gelingen, wenn neben Herzls glühendem Willen auch sein Geist in unseren Menschen lebendig bleibt. Ruth Weiß. %ei tu olizean „Aus bekannten Gründen.. Bisher ein bedeutungsloser Phrasenbestandteil, sind diese drei Worte heute zum Symbol der Tragödie des deutschen Judentums geworden. Auf der Annoncenseite der „Frankfurter Zeitung" häufen sich die Inserate hochqualifizierter jüdischer Menschen, Juristen, Aerzte, Röntgenassistentinnen, Volkswirte, die „aus bekannten Gründen" existenzlos geworden sind, und „irgendeine Stellung" suchen. Unvorstellbare Fülle von Opfern und Leistungen sind durch die deutsche Barbarei um ihren Sinn gebracht worden. Männer und Frauen., die durch jahrelanges Studium und jahrzehntelange praktische Betätigung über ein geistiges Kapital höchster Ordnung verfügen, das sie vom volkswirtschaftlichen Standpunkt zu unersetzlichen Leistungen fähig macht, werden aufs Pflaster geworfen, auch dann, wenn diese Ausschaltung notwendig zu einer Senkung des kulturellen Niveaus führen muß. Die Abstammung hat über die Leistung gesiegt, die Natur über den Geist, der Zufall) der Geburt ist zum Leitpriinziip der gesellschaftlichen Auslese geworden. Ein Jahrzehnt Hitlerregime wird die Früchte dieser Revolution der gesellschaftlichen Struktur des deutschen Staates der Kulturwelt zum Bewußtsein bringen: Der kulturelle Verfall Deutschlands als Folge der Depossediierung des deutschen Judentums ist für uns ein trauriger Trost. Mag man kulturelle Güter noch so hoch werten: die physische Vernichtung der jüdischen Jugend,, das katastrophale Einzeischicksal derselben, der fürchterliche Zusammenbruch aller Zukunftsperspektiven der deutschen Judenheit lassen uns unsere Zeit als die schwärzeste Epoche der an Martyrien so reichen jüdischen Geschichte erleben, als tragische Wiederholung der spanischen Katastrophe. Zahlen muß man auch? Nichts liegt uns ferner als jene jesuitische Heuchele«, auf dien Interessenzionismus der in der letzten Zeit zu unserer Bewegung stoßenden proletariisierten Schichten des Judentums mit Skepsis oder Hohn herabzusehen! Genosse Soka.t hat in seiner großen Rede bei der letzten Wahlkundgebung gezeigt, wie gerade diese Verbindung des Zionismus mit der Lebensjnot des jüdischen Volkes der zionistischen Bewegung den Rang einer wirklich geschichtlichen Bewegung gegeben hat, sie herausgehoben hat aus der Sphäre einer idealistischen Zielsetzung einer kleinen Minderheit des jüdischen Volkes: heute erst kann man den Zionismus sozialgeschichtlich mist der Emigration nach Amerika mit gutem Gewissen in eine Linie stellen. Wir wissen, daß es ein geschichtliches Gesetz ist, daß jede soziale Idee und Bewegung das Stadium der Vorbereitung passieren muß, in welchem sie erst theoretisch begründet und organisatorisch vorbereitet werden muß. Der Zustrom der Massen bedeutet erst die geschichtliche Bewährung, die historische Rechtfertigung des geistigen und politischen Strebens der Pioniere. So müßten wir denn eigentlich all jenen, die sich anschicken unserer Bewegung de^ Stempel einer Massenbewegung aufzudrücken, sie erst recht für die vielzitierte Zeit der Verwirklichung reif zu machen, dankbar sein! Aber ebenso, wie es gilt, einen gewissen Hochmut innerhalb der Gesinnungszionisten zurückzuweisen, muß auch festgestellt werden, daß die Einstellung manches Juden, der in diesen Tagen des schrecklichen Zusammenbruches aller Illusionen der Assimilation den Weg beschreitet, den ihm zionistische Generationen während eines 'MenschenaTters ge> bahnt haben, nur zu oft eine grundsätzlich verfehlte ist. Wir denken da mit Genossen Gelles (siehe „J. A." Nr. 24) an jene, die da zu uns mit einer Geste kommen, als ob wir die Nehmenden und sie die Gebenden wären. Zahlen muß man auch noch, fragte mich eine junge Dame, die der Poale-Zion beitreten wollte, als ich ihr die Höhe des Mitgliedsbeitrages nannte. Man sage nicht, daß es ein Einzelfall war: zu sehr ist die Meinung unter den Neuzionisten verbreitet, daß es ein natürliches Recht eines jeden Juden gebe, die Früchte der zionistischen Arbeit zu genießen. Es ist notwendig, dieser Einstellung durch eine bewußte Erziehungsarbeit zu begegnen, die nicht nur die objektiven Möglichkeiten der Kolonisationsmöglichkeiten Palästinas zum Gegenstand haben müßte, wie es Genosse Gelles mit Recht fordert, um die Ungeduld der jüngsten Chaluzim zu zügeln , sondern versuchen müßte, den sich in unsere Bewegung Eingliedernden eine Vorstellung der geistesgeschichtlichen und organisatorischen Entwicklung unserer Bewegung zu geben. Gewiß ist uns zionistisch-sozialistisches Bildungsgut auch ein Wert an sich; wenn wir aber heute es als besonders notwendig und dringend empfinden, unseren neuen Genossen klar und eindringlich den Zionismus als etwas Gewordenes zum Bewußtsein zu bringen, so ist dies darin begründet, daß wir bei manchem von ihnen das Gefühl der; 1>.r W-Mousgo-g I„ 0..l.rr.SJ. Die Resultate der Wahlen zum Zionistenkongreß in Oesterreich liegen nun vor. Im Vergleiche zu den? Kongreß wählen vor zwei Jahren haben wir nahezu 1000 Sümmern gewonnen, weit mehr als die doppelte! 7nh\ erreichte unsere Liste heuer im Verhältnis zu' dem Wahlresultate zum siebzehntem Zionistenkon-' greß. Die Revisionisten erlitten, eine schwere Niederlage. Vor zwei Jahren erreichte ihre Liste fast) 41 Prozent der abgegebenen Stimmen, heuer ab^r. nur gegen: 31 Prozent, auch wenn man die Stirn-* men beider Listen (Stricker und Jabotinsky) zusammenfaßt. Die Revisionisten büßten also den vierten) Teil ihres prozentuellen Anteiles an den Stimmen! ein. Sie mußten auch eines der zwei Mandate, die' sie vor zwei Jahren erhielten, an die Allgemeinen.' Zionisten abgeben. Herr Jabotinsky erlitt in Wien/ seine erste Niederlage, seine Liste ging' leer aus Das ist die eindeutige Sprache der nacktem Ziffern' Wenn man aber bedenkt, unter welchen Umständen/ sich' dieser Wahlkampf abspielte, erhöht sich nocH mehr die Bedeutung unseres großem Erfolges und der Niederlage des Faschismus. Die Faschisten segelten unter der Flagge des „Antimarxismus", der gegenwärtig auch unter den Juden groß:e A;n!ziehungslcraft besitzt. Sie bemühten sich', bedlenkemlos die Einschüchterung gewisser jüdischer Kreise vor Sozialismus und Klassenkampf auszunützen. Sie scheuten auch nicht davor zurück, dir Arbeiterschaft als Feinde des verarmten jüdischen Mittelstandes zu verleumden. Und — was gewiß nicht weniger ist — ihre reichen: Juden sparten nicht mit Geld, um a u f er 1 a u b t ein und unerlaubten Wegen dfe zionistischen Wähler zu gewinnen. Den dritten Teil seiner Stimmen: hat Jabotinsky in deni kleineren Provinzorten erhalten, wo der persönliche Einfluß seines reichen Häutehändlers genügte, um Niichtzionisten mit Schekel zu beteilen unef sie für Jabotinsky stimmen zu lassen. In Wien, wo mara solche „ethische Mittel" nicht ausgiebig anwenden konnte — wir verfügen über Beweise, daß sie sich4 auch' hier unsauberer Mittel bedienten; — erhielt die Jabotinsky-Liste nur 765 Stimmen. Auch die Stricker-Revisionisten! waren in ihrem Kampfe gegen uns nicht wählerisch. In ihrer schriftlichen timd mündlichen Propaganda scheuten sie vordem niedrigstem Verleumdungen gegen die jüdische Arbeiterschaft nicht zurück und auch ihr Warenhaussbesitzer verteilte Schekel nach Herzenslust, um mit Hilfe von unaufgeklärten Nichtzionisten den „Marxismus" des arbeitenden Palästina zu besiegen. Wir wichen den Herausforderungen der Arbeiter» feinde nicht aus. Außer der großen Versammlungs*- tätfgkeit versandten wir 30.000 Exemplare unseres* Blattes, in welchen wir den: Sinn des Wahlkampfes erörterten! und den: „nationalen Patriotismus" der3 Arbeiterfeinde demaskierten. Wir führten den Hauptstoß gegen den Revisionismus und von dieser Aufklärungsarbeit profitierten auch die „Allgemeinen Zionisten". Viele hunderte! Wähler, die wir über den: wahren: Charakter des! Revisionismus aufklärten!, die "aber bürgerlich gesinnt sind, haben für die „Allgemeinen" gestimmt. Daher der besonders große Gewinn: 'ihrer Stimmen. Entscheidend ist, daß unsere von Begeisterung und Verantwortungsgefühl getragene Aufklärungsarbeit die Revisionisten zurückgeworfen und die Position des arbeitenden Palästina gefestigt hat. Der Wahlkampf ist zu Emde. Nun beginnt vom neuem die tägliche Kleinarbeit für unsere Idee und Bewegung, für das arbeitende Palästina. Wir kennen keine Arbeitspausen. Die stets wachsende Not der jüdischen Massen drängt uns zur Intensivierung unseres Kampfes. Ehrfurcht vor der Fülle geistiger, organisatorischer und physischer Arbeit vermissen, die innerhalb des Zionismus ir den Jahrzehnten seiner Entwicklung geleistet wurde. Un sere Genossen werden erkennen müssen, welch' unendliche Arbeit in tausendfacher Art notwendig war, um der zionistischen Bewegujng jene Reife zu geben, die es uns allen heute ermöglicht, von ihr eine Linderung der konkreten Judennot zu erwarten, während doch vor einigen Jahrzehnten eine solche Erwartung schlechthin unvorstellbar gewesen wäre und ins Reich der Illusionen verwiesen hätte werden müssen. Es muß all jenen, die heute den Zionismus für sich entdeckt haben und morgen schon von ihm die Lösung ihrer Judenfrage erwarten, klar gemacht werden, daß an der Unzulänglichkeit der zionistischen Organisation nicht zuletzt sie selbst die Schuld tragen: die zionistische Organisation hat nur einen relativ kleinen Teil des jüdischen Volkes erfaßt, und dementsprechend sind die Fortschritte des Aufbaues des Jischuv und der Kolonisationsinstrumente. Die Gegenwartsleistung des Zionismus hängt von seiner bisherigen Akkumulation an geistiger und materieller Kraft ab. Die Tragik des Zionismus, die Discrepanz zwischen der inneren Bereitschaft der Judenheit zur zionistischen Tat ujnd den engen Grenzern, die uns heute aus innerzionistischen Gründen gezogen sind, wurzelt in der Vergangenheit: nicht jene, die seit Jahrzehnten über alle Krisen hinweg der zionistischen Idee die Treue hewahrten, sondern diejenigen, die unserer Bewegung stets kühl bis ans Herz gegenüberstanden und die erst die Katastrophe der Gegenwart sehend/ gemacht hat, haben sich heute ob der geringen Kapazität Palästinas und der geringen Leistungsfähigkeit der zionistischen Organisation reuig in die Brust zu schlagen. Was wird aus diesen Kindern werden? Die furchtbare Wirrtschaftskrise der Gegenwart läßt immer mehr die Frage aktuell werden, von, wem die Bettler Almosen bekommen werden, wenn wir alle zum Bettelstab greifen werden müssen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es ziemlich gleichgültig, daß die Zahl der Kinder, die von ihren Eltern auf den Bettelweg mitgenommen werden (es müssen nicht immer die Eltern sein) erschreckend wächst. Wer aber einen Weg noch zu sehen vermag, der zu erneutem Aufstieg führt, der müßte sich die Frage nach der Zukunft dieser Kinder stellen, die da Tag für Tag am Straßeinrand um Mildtätigkeit der Menschen bitten. Der Zyniker könnte sagen, daß sie dadurch zu Menschenkennern erzogen werden, — da sie ja täglich, stündlich ins wahre Antlitz der Menschheit blicken, denn niemals verstellt sich der Bürger weniger, als wenn er in die Tasche greifen soll! Aber es scheint uns, als ob diese pädagogische Weisheit des Zynismus nicht der Standpunkt des roten Wiens sein sollte: bei aller Anerkennung der schweren finanziellen Lage der Gemeinde scheint es uns eine dringende Forderung zu sein, daß sich der Fürsorgeapparat um die Kinderbettelei kümmert. Es ist das wesentlichste Ergebnis der modernen Psychologie (vom pädagogischen Standpunkt), daß die Kindheitseiindrücke für die Entwicklung des Menschen von schicksalsschwerer Bedeutung sind; Passivität dem Kinderbettel gegenüber bedeutet nichts weniger als bewußte Zerstörung der seelischen Lebensfähigkeit dieser Kinder, ihre endgültige Ausstoßung aus der Gesellschaft! Erotik, Geschäft und zionistischer Idealismus. Man muß nicht seine Einstellung zum Problem der Presse von der „Fackel" ableiten, um jede Gesinnungszeitung danach zu beurteilen, ob sie für eine durchgehende Uebereinstimmung des Inseraten- und Textteiiles sorgt. Es ist leicht, vorne Wasser zu predigen und hinten Wein zu trinken. Leider muß festgestellt werden, daß die bürgerlich-zionistische Presse durchaus geneigt ist, sich auf den Boden, der doppelten Moral " zu stellen; dies und nichts anderes ist es, wenn ein Blatt, das vorgibt, der Renaissance des Judentums zu dienen, die Funktion der schändlichsten Institution des alten Judentums, der Ehevermittlung in „modernisierter" Form des Inserates wieder aufnimmt. Man weiß, wieviel verkrüppelte Ehen, wieviel Frauenunglück (insbesondere diese erotische Geschäftstätigkeit verursacht hat, man weiß, daß die so zustandegekommene Vernunftehe von den Beteiligten schließlich als eine Gefängnisstrafe empfunden wird, zu der man lebenslänglich verurteilt ist. Emanzipation des Judentums bedeutet vor allem seine Emanzipation von Lebensformen, die dem Lebensgefühill des Menschen der Gegenwart widersprechen; und so fremd der Mehrheit der jüdischen Jugend jedes religiöse Gefühl ist, eher ist sie imstande, die Ehe als ein Sakrament zu empfinden, als in ihr eine geschäftliche Transaktion zu sehen. Kann aber die bürger,lich-zionistische Presse auf ihre Kuppelinserate nicht verzichten — wobei wir nicht verhehlen wollen, daß uns die Massageinserate im Vergleich zu Eheinseraten als das kleinere Uebel erscheinen —, möge sie für eine nüchternere Abfassung derselben Sorge tragen: es map; zum Geschäft gehören, daß wir in einem „Stimmeinserat" lesen, daß ein großer, sehr schlanker, bemittelter Wiener eine junge, hübsche und sehr schlanke, etwas Kapital besitzende Frau sucht. Gleiches mit Gleichem paart sich gern, warum also nicht zwei sehr Schlanke und Bemittelte? Daß aber über diese äußeren Qualitätsbezeichnungen hinaus auch noch der zionistische Idealismus des jungen Mannes strapaziert wird, der, um nach Erez auszuwandern, gar „eine sichere Existenz aufgibt", macht aus der Synthese von Liebe und Kommerz' eine Angelegenheit» die als vorzügliches Brechmittel bestens empfohlen werden kann. M. P. t^. u^*;Jö**y ifllllllii!;H!n!h;:!;iiiiii'j.::<iiiiiiih:!;iiiiiiii;. Reiset in Oesterreich! Unsere Abteilung für Fremdenverkehr erteilt und besorgt im Inlande und in 20 Ländern Europas und des Orients Auskünfte für Reisen und Aufenthalt in -Oesterreich und steht Gemeindeämtern und Vermietern von Sommerwohnungen sowie Sommerfrischlern und Touristen völlig kostenlos zur Verfügung. Zuschriften erbeten an 6e&ensoerfkberangssGelellfctiaft Phönix. Wien, I., Wallnerstraße 6, Graz, Jakom'niplatz 5 — Linz, Landstraße 63, — Klagenfurt, PauIHschgasse 15 — Innsbruck, Meranerstraße 7 — Salzburg, Kapitelgasse 9 — Eisenstadt, Cermayerstraße 356, •«ii!iiii*;;;iiiuiii*; i;:!MiHiK;i«iiuM;i» .........................MMM>.