Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 11-12 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 beb Jüdische Arbeiter 17. März 1933 und liege demnach auf dem Wege „historischer Entwicklung". Dagegen sei der Anspruch der „kleinen Nationen", Schiedsrichter über ihr eigenes Schicksal sein zu wollen, ein Widerspruch gegen die allgemeine-Entwicklungsrichtung, die auf die Zusammenfassung und Assimilation solcher „Völkerabfälle" hinausläuft3). Von dieser Betrachtungsweise aus .wird es uns verständlich, daß im Kampfe zwischen Amerika und Mexiko in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, wo Amerika Texas und andere Provinzen annektierte, Marx ganz auf der Seite der Amerikaner stand, die den Krieg „einzig und allein im Interesse der Zivilisation" geführt •haben sollten4). Aus derselben Anschauung heraus leugnete Marx das Recht der nationalen Befreiung der Tschechen, Kroaten, Slowaken und Ru — wie Engels* im Falle Polen glaubte — eine sich auflösende Nation. Andererseits wurde die Selbständigkeitsbestrebung einer Nation bekämpft mir aus dem Grunde, weil sie nicht auf dein Wege der „historischen Entwicklung" gung" zu schließen, womit sie dann lag. Dabei verfallen Marx und ebenso ihre p o 1 i t i s c h e Einstellung zur be¬ Engels häufig m. den Fehler, aus der treffenden Nation zu begründen verwirtschaftspohtischen Situation einer suchen. So spricht Marx in dem oben- Nation auf ihre allgemeine „Veraniaerwähnten Artikel über Mexiko Mareen Lew (Berlin): Man' Stellung zur Jodeiifroge i. Die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatten für die deutsche Judenheit eine eigenartige Bedeutung. Die Frage der bürgerlichen Gleichberechtigung — der politischen Emanzipation, wie man es damals nannte — war für sie in doppelter Hinsicht aktuell geworden. Auf der einen Seite erlangte der in äußerte, so war es naheliegend, diese Kritik auf das Attribut, das Christentum auszudehnen. Diese Kritik wiederum nahm nun naturgemäß allgemeineren Charakter an; sie wurde zur Kritik der Religion überhaupt, in die das Judentum, als die jüdische Religion, ebenso wie das Christentuni, mitbezogen wurde. So entstand ein eigenartiger Problemkomplex: Staat, Judentum, Christenein gewisses Endstadium getriebene As- . ____________________ similationsprozeß der Juden seine öffent- J_u™> .der seme innere Bindung in der thenen in Österreich, denen, er allsamt lieh rechtliche Legitimation. Sie konnten Religionsfrage-fand* Im Jahre 1843 verdas Recht, als nationale Sondergruppen nicht mehr warten. Zwar hatten einzelne, öffentliche Bruno Bauer seine Schrift zu existieren, absprach. Maßgebend für unter anderen auch der Trierer Anwalt »»?ie Judenfrage", in der er sich sowohl Ainon ^fn»..«^!!..»« HT____ ____J ~\r~ ^„ II______'.___-ss TT____J.-U J ._• 1 .i _ „ mit. rlPTYl. -Tll f\Otl tlt m «11 Cä Olinll m?f A am geschaffen. hat. Damals kämpften nämsung, die nur wenigen Reichen vorbe IJ/Ok /ISn, „1 „ 1 _ L -'Vr-_J_I___•_ X_.i_ '1__Ii.' __* 1___1 - T\* __ ,1__ lieh die v slawischen Nationen Österhalten sein konnte. "Die Gesamtheit bereichs, aus der Befürchtung, unter die durfte allgemeiner, nicht individueller Fremdherrschaft der neu zu errichten- Mittel. Jene Zeit war auf der anderen den Nationalstaaten zu fallen, gegen die Seite von einer sehr - tief wirkenden Zerreißung ' des Nationalitätenstaates Staatskrise bestimmt, die von Fichte Österreich. Dies mußte sie auf die Seite der Reaktion führen, was für Marx und Endels- Anlaß genug war* um ihre nationale Existenz möglich keit zu leugnen. Diese ausschließlich politische Betrachtungsweise; der nationalen Frage brachte es gezwungenermaßen mit sich, daß Marx und Engels auch gegenüber ein und derselben Nation eine widerspruchsvolle Haltung einnehmen. So traten Marx und Engels für die Einimehr vorausgeahnt, als philosophisch be wältigt, in Hegel erst ihren eigentlichen Sprecher fand. Der. wirtschaftliche und politische Feudalismus wurde vom erstarkenden Kapitalismus abgelöst. Mit dieser Umordnung der Verhältnisse, mit der Verdrängung des Feudalherrn durch den Bürger war auch die staatliche Organisation problematisch geworden. Inhalt und Begriff des Staates standen plötzlich im Mittelpunkt der Diskussion. Die moderne Staatsphilosophie vom religiösen Attribut, des Staates aus. Der christliche Staat war die Organisationsform des bisherigen Regimes. Er stand einer Neuordnung im Wege und hatte sich vom Christentum zu befreien, zu „emanzipieren". Die Religion müßte aus der öffentlichen, iri.'iqiie 'private Sphäre verlegt, der,.S^aatV.selber entchristlicht werden, um den ider^wirtschaftlichen Entwicklung angepaßten bestimmt durch seine. Geldmacht das Geschick des. ganzen Reiches," meinte Bruno' Bauer. Ebenso-wurden dann bestimmte Wirtschaftszweige nur dem Jupolitischen -Zustand zu erreichen. „Die ^Jude, der in Wien z..B. nur toleriert ist Dislokation der Religion aus dem Staate in die bürgerliche Gesellschaft ....' ist die Vollendung der politischen Emanzipation", schrieb Karl Marx in seinem Artikel „Zur Judenfrage". Aus der Forderung der Aufhebung des christlichen Staates ergab sich die dör bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden. So betrachtet, war die Judenfrage gung. und Befreiung Italiens mit großwurde damals geboren. Die Debatte ging ter. Entschiedenheit ein, was sie aber --------j —-----~ nicht hinderte, 1859 sich gegen das mit Napoleon verbündete Italien zu; erklären5). Besonders! deutlich ist ihre widerspruchsvolle Haltung, gegenüber Polen zu konstatieren. In einem Artikel im „Commonwealth'' nannte Engels Polen eine „große, wohlbekannte historische Nation", deren nationale Befreiung , vom Proletariat unterstützt' werden müsse0). Uiid auch Marx schreibt in-seiner Polemik gegen Rüge, daß Polen schon seit jeher der Herd der europäischen Demokratie geworden wäte, ' der revolutionäre1 Teil von Rußland und ' Österreich sei und sogar sein Adel ■ ,,schloß sich' mit einer beispiellosen Aufopferung der demokratisch-agrarischen Revolution an"7). Dagegen kimL rien wir in einem an Marx gerichteten Engeischen Brief . vom 23. Mai 1851 lesen: > "• - „Je' mehr ich ■ über die Geschichte nachdenke, je klarer wird es mir, daß die Polen eine ,natioh fondue' (sich auflösende Nation) sind, die nur so -länge als Mittel zu brauchen sind, bis- Rußland selbst in die agrarische Revolution hineitigerissen ist. Von dem Moment * an hat Polen absolut keine raison: d'etre (Daseinsrecht) mehr. Die Polen haben nie in der Geschichte etwas anderes getan als tapfere, krakeelsüchtige Dummheit gespielt. Auch nicht ein einziges Moment ist anzugeben, wo Polen, selbst nur gegen Rußland, den Fortschritt repräsentiert oder irgend etwas von . historischer Bedeutung hat8)." . Aber auch noch im J. 1863 schrieb Engels über den . polnischen Adelsaufstand: „Ich muß sagen, für die Polakken von 1772 sich zu begeistern, dazu gehört ein Büffel0)." Wir sehen also, Befreiungskampf der Nation und ihre „raison, d'etre" sind bei Marx und Engels nicht gegenseitig bedingt. 3ofern die politische Selbständigkeit einer Nation in die gesamtpolitische Konstellation hineinpaßte, wurde sie unterstützt, unbekümmert darum, ob wortete ein Jahr später Karl Marx mit seiner Abhandlung „Zur tfudenfrage". Hier liegt also ein Moment, das den religiösen Respekt des Problems bedingte. •Ein anderes war die spezifische wirtschaftliche Situation des deutschen westelbischen Judenturas in jener Zeit. Mit dem erwachenden Kapitalismus war seine soziale Position verbessert. Es war Pionier einer neuen Wirtschaftsordnung geworden und hatte davon profitiert. Das hatte verschiedene Folgen. Der gut .situierte deutsche Jude verlor, nach einem Wort von Adolf Böhm, sein Galuthbewußtsein, er assimilierte .sich. Er' kannte keinen Zusammenhang mehr, leugnete jede Verbindung mit dem ausländischen Judentum, sah nur sich und seine Lage und nahm sich damit die Möglichkeit, unter' weiteren Perspektiven, sein Schicksal zu erkennen und zu fnieisterrt. Der allerdings noch'nicht komplette Staatsbürger jüdischer Konfession löste den schlichten Juden ab. Die deutsche. Umgebung ihrerseits nahm eine allgemeine Identifikation* vor. Der Exponent des Judentums wurde der reiche .Bankier. Rothschild und die Juden wurden.;, zu-synonymen Begriffen. „Der von den „faulen Mexikanern", die Slawen Österreichs bezeichnet er als „Völkerabfälle" und die Türken haben „weder Temperament noch Disposition zur kapitalischen Produktion10)". Dagegen sind bei ihm die Juden der Kapitalismus schlechtweg. Tatsächlich hat uns die Geschichte bewiesen, wie sehr Marx und Engels Unrecht hatten, wenn sie aus der unterdrückten Lage der slawischen Völker heraus auf ihre kulturelle Unfähigkeit schließen zu können und ihnen a,us diesem Grunde die Existenzberechtigung absprechen zu müssen glaubten. Aber Marx und Engels übersahen den soziologischen Gehalt der Nation. Sie übersahen die Nation als Kollektiven, als .Gesellschaftsformation, die — gerade nach marxistischer Gc Schichtsauffassung — nie untergehen kann, bevor sich nicht alle in ihr schlummernden- Möglichkeiten des gesellschaftlichen Lebens ausgewirkt haben. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob ihre Existenz in die jeweilige politische Konstellation paßt oder, nicht: Eine politische Konstellation kann die Entwicklung einer Nation fördern oder hindern, sie kann eine Nation auch in eine zeitweilige Geschichtslosigkeit versetzen; daß aber eine Nation untergeht, ist abhängig von einer ganzen Reihe soziologischer Gesetze, die im Rahmen dieses Artikels nicht behandelt werden können. Am allerwenigsten ist der „Tod" einer Nation an den Machtspruch eines noch so großen Theoretikers gebunden! ■ " Diese politisch einseitige Einstellung von Marx und Engels zur nationalen Befreiung ist unter anderem auch dä-rin begründet,'daß zu ihren Zeiten die allgemein soziale Revolution in kürzester Zeit erwartet wurde. Aus?diesem Grunde glaubten sie-; dem nationalen Problem nur eine" untergeordnete Bedeutung beimessen zu können. Die Befreiung der unterdrückten Nationen wurde von ihnen-.-nur; dort: unterstützt^ wö^sie auf dem Wege < der,^historischen*- «Entwicklung" lag, das heißt dort, wo durch sie eine, Förderung und Beschleunigung der Entwicklung zur sozialen Revolution erwartet werden durfte. Wo dies aber nicht unmittelbar der Fall war, sollten sich nach Marx und Engels die unterdrückten Nationen" (auch wenu ihre Existenzberechtigung '' von ihnen, anerkannt wurde) bis zur .Befreiung des Proletariats gedulden; die gleichzeitig dentum. gleichgesetzt. Karl Marx hatte im Grunde die gleichen Anschauungen. Auch ihm war das Judentum Religion, äüch: er sah nur das deutsche Jirucii >ju ucuiwudi wcvi viic Uu^uLi«fiv deritum, und dieses wiederum nur als ..... nur'ein Teit der allgemeinen Staatsfra|e -Träger" und Exponenten/ des modernen die nationale Befreiung mit sich bringe überhaupt, war sie im wesentlichen für Kapitalismus, den er so verachtete und Ganz-deutlich treffen wir diese Aufviele, auch für Karl Max, nur eine Mebekämpfte. V fassung in einem /Briefe von Engels an thode, das Problem des Staates selber Fassen wir all das bisher Geschilderte Bernstein aus dem Jahre 1882 an. Anerst darzustellen und aufzuzeigen.., In zusammen-, so sehen wir, wie sich Marx läßlich des Auf Standes in Dalmatien der. Forderung der bürgerlichen Gleichin natürlicher sAbhängigkeit von. seiner äußerte sich dort Engels, daß wir „am " ö ■ ~" Zeit die Judenfrage in zwei Probleme berechtigung waren damals zwei Elemente enthalten, die spezielle jüdische Notwendigkeit, die Assimilation durch einen politischen Schlußakt zu krönen und das allgemeine, staatliche Erfordernis, die Grundlagen ..des Staates zu verändern. . Der getaufte Sohn eines getauften Vaters wußte sehr (gut um das Wesen dieser doppelten Problematik Bescheid. Während er aber als Wissenschaftler die eine, staatliche, Seite der Frage objektiv durchforschte und so der Welt neue Erkenntnisse vermittelte, stand, er der anderen, jüdischen, Seite des Problems sehr subjektiv, voreingenommen, im Grunde hilflos gegenüber. Die psychologischen Hintergründe dieser Erscheinung sind wiederholt, unter ande- . *b* zergliederte,.in das Problem des christlichen Staates, .von dem man sich zu emanzipieren hat, und in das Problem cles Kapitalismus, der nur der Freiheit der Menschheit willen überwunden werden muß. D(er christlich e Staat muß verschwinden. Insoweit bedarf die Judenfrage einer- Lösung. Der Kapitalismus muß bekämpft, werden; insoweit auch das Judentum, das einer seiner tätigsten Pioniere und Träger ist. Schluß folgt: Der Jischuw gegen Bodenspekulanten. Vorabend einer sichtbar heranziehen den Revolution" stehen und in dieser Zeit dürfen die unterdrückten Nationen dem kämpfenden Proletariat „nicht in die Parade fahren11)". Der;,Vorabend der sozialen Revolution dehnte sich aber zu einer langen, düsteren Nacht aus. Die unterdrückten Nationen konnten sich nicht „gedulden". Allmählich begann man, auch die Bedeutung des nationalen Befreiungskampfes für die soziale Revolution einzusehen. Der naive kosmopolitische Staub, der durch den spontanen Anlauf des internationalen Proletariats Jea-usalem, 26. Februar (J. T. A.). In aufgewirbelt wurde, zerstob. Nach einer den* jüdischen Öffentlichkeit Palästinas Zeit des vulgär-sozialistischen Vorurherrscht große Eimpörung über Machina tio'niem des kanadischen jüdischen Anem von Salman Rubaschow daa-gestellt walts Philip Joseph, durch die der Jüdi worden. Wir werden in diesem Zusammenhang auf sie nicht eingehen. Jedenfalls brachte die Eigenart der Verhältnisse es mit sich, daß der innere Aspekt der Judenfrage ein rein religiöser war. diese Nation eine lebensfähige war oder . Nicht das Wirtschaftliche, nicht das Na —:—— tionale oder das Kulturelle galt. Nur der religiöse Tatbestand war maßgebend. Entsagte man der jüdischen Religion, ließ man sich taufen — einen anderen Ausweg gab es naturgemäß im christlichen Staate nicht—, so war man entjudet. Der konsequente Assimilant wurde zum religiösen Renegaten. Daß die Judenfrage die der jüdischen Religion war, hatte bestimmte Ursachen. Wenn die, Staatskrise sich in der Form der Kritik am c h r i s 11 i c h e n Staat 3) Siehe Grünbergs »Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung«, 6, Jahrg., S. 214 ff. *) In einem Artikel in der »Neuen Rheinischen Zeitung« unterm 14. Feb. 1844. 8) Siehe Neue Zeit, XIV. Jahrg., II. Bd., S. 520. - 4 8) Grünbergs Archiv a. a. 0, 7) Aus dem Uterarischen Nachlaß, herausgegeben von Franz Mehring, Bd. III, S. 173 f. 8) Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx, I. Bd., S. 173 f. 9) A. a. 0., III. Bd., S. 129. siehe Nationalfonds daran gehind'ea't wird, eine große Bodentransaktion abzuschließen, über die die Nationalfoiidsledtiung seit miehreren Jahren Verhandlungen führt. Joseph behauptet, er habe als Vertreter einer aimerikanisch-en.glisohen jüdischen Gruppe eine Option, auf den Boden erhalten. Der Jüdische Nationalforndiä ersucht in eineT offiziellen Mitteilung Juden in Palästina und außerhalb Palästinas, sich mit Philip Joseph in keinerlei Verhandlungen über Bod.enka.uf emzuilasisein, bevor niöht die Ansicht des Jüdischem Natioealfonds hierüber eingeholt wird. Die hebräische Presse weist auf diesen Fall als auf ein eklatantes Beispiel, einer die öffentlichen Interessen schädigenden Bodenspekulation hin. teils begann man auch in sozialistischen Kreisen den soziologischen Gehalt der Nation wissenschaftlich zu untersuchen. Als einer der ersten auf diesem Gebiete ist zweifelsohne B e r Borochow zu nennen, der gerade mit der Methode des marxistischen Denkens diese Lücke im gigantischen Marxschen Werke ausfüllte. In einem weiteren Artikel wollen wir die Einsteilung von Marx zur jüdischen Frage im besonderen behandeln und in diesem Zusammenhange die Bedeutung von Borochow als Bahnbrecher des Marxismus auf flem Gebiete der nationalen Frage untersuchen. 10) Marx, Theorien über den Mehrwert, III. Bd., S. 519. — Allerdings fügt Marx dort hinzu, daß dies bloß eine Ausnahme sei. .") Zitiert nach Kautsky, Befreiung der Nationen, S. 9.