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Der Jüdische Arbeiter · 1933-03-17 · Heft 11-12 (17.3.1933) · page 5

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 11-12 (17.3.1933)
Date
1933-03-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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17. März 1933 DM JÜDlSCfifi ABBEtflSR Seite 5 von, däß jährlich fausende arabischer Kinder aus Mangel ah Schulen auf der Straße bleiben. Kein Geld ist weiters für eine Agrarbank, für die Unterstützung der landwirtschaftlichen Kooperativen, der sich entwickelnden Industrie — der jüdische Arbeiter, der jüdische Lehrer ist zir teuer, aber die Riesengehälter der englischen Beamten werden skrupellos weiter erhöht. „ . . X Woche der Hilfe an die Judedhelt In der Sowjetunion. In Palästina wurde eine »Woche der Hilfe an die Judenheit in der Sowjetunion« proklamiert und auch in allen Synagogen ausgerufen. Uberall wurden Qeldsammlungen veranstaltet, die zur Anschaffung von , Nahrungsmitteln für die hungernden Juden in Sowjetrußland durch die Gesellschaft »Torgsin« verwendet werden. In Tel Awiw wurden zu diesem Zweck 1000 Dollar aufgebracht und der Föderation ukrainischer Juden in London überwiesen, die es unternahm, notleidende Juden in Sowjetrußland mit Mazzoth zu den'kommenden Pessachtagen zu versorgen. X Komitees zur Förderung der Hebräischen Universität. Zum ersten Mal seit Bestehen der Hebräischen Universität sind in Palästina Aktionen im Gange,' um der Universität aus dem Lande selbst Mittel zu verschaffen. Zwei pro University Committees, das eine in Jerusalem, das andere in Tel Awiw, wurden gebildet, denen jüdische politische Führer, Richter, Schriftsteller usw. angehören, und deren Ziel es ist, einen engen Kontakt zwischen der Universität und dem Jischuw herzustellen Der Kanzler der .Universität Dr. J. L. Magnes hielt, vor beiden Komitees Ansprachen, in denen er den Plan der Schaffung eines Universitäts-Krankenhauses für ärztliche Studien mit Hilfe der Hadassah entwickelte.' X Non-Cooperation-Bewegung in der Sackgasse. Die arabische Presse ist sich einig darin, daß von der für den 26. März einberufenen arabischen Konferenz kein bespnderer Erfolg in der Durchführung der tfon-Cooperation erwartet werden könne. Die Konferenz wurde bekanntlich unter dem Eindruck der Antwort des High Commissioner an die arabischen Führer am 24. Februar einberufen und sollte Richtlinien für eine Nichtzusammenarbeit mit der Regierung ausarbeiten. Die arabishe Presse bedauert, daß die -damals emporgekommene begeisterte Stimmung für Fortführung des. Kampfes gegen jüdische Einwanderung und jüdischen Bodenkauf heute beträchtlich abgekühlt ist. Die Presse befürchtet, daß diese Begeisterung bis zum Terminder Konferenz!ga^zUchv;.verpiif%feein^^w^f_r ,: Ein dringendes Erfordernis! ~ Demnächst erscheint unsere große Sondernummer Österreich - Deutschland Tschechoslowakei im Umfang von ca 20 Seiten und, einer außerordentlichen Auflage. Im Mittelpunkt der Darstellung steht Palästina als Land mit gesteigerten Importmögliehkeiten, Kreditsicherheit und günstigen ökonomischen Perspektiven. Ihre Mitarbeit ah dieser Nummer haben führende Wirtschaftler Palästinas und des Auslandes in Aussicht gestellt, u. a. der tschechoslow. Konsul Dr. Kadlec, Dr. Grünwald, Dr. A Bonne,. Walter Preuss, Dr. A. Ruppin u. a. m. Industrie und Gewerbe Palästinas, die kooperativen Institutionen der Arbeiterschaft werden durch unsere Sondernummer informiert, die eine englische Beilage führen wird. Im Augenblick verschärfter Absatzkrise eröffnen sich den Exporteuren neue Möglichkeiten. Wirladen zur Insertion ein! Fordern Sie unsere Spezialofferte. Unsere Sondernummer wird in großer Auflage in Palästina selbst verbreitet! Inseraten-Annahme bis zum 31. März. In den letzten Wochen werde ich und, wie eine Umfrage ergab, auch jeder andere, der im Gerüche steht, etwas von den Verhältnissen in Palästina zu wissen, geradezu überlaufen von Mertschen, die Auskunft, Rat und Hilfe für die Ausführung ihrer Absicht süchen, nach Palästina auszuwandern. Es sind fast ausschließlich junge Menschen, zum großen Teil Akademiker, die an der Aussicht verzweifeln, hier Arbeit und Verdienstmöglichkeiten zu finden, und die günstigsten Vorbedingungen dafür in Palästina vermuten. * Es ist leicht zu verstehen, daß es so ist. Die überaus krisenhaften Verhältnisse fast in allen Ländern Europas, die kaum einen Berufskreis verschonen, sind das" negative, abstoßende Moment; das positive, anziehende, ist gegeben durch die nicht nur in der jüdischen, sondern auch in der allgemeinen Presse jetzt schon häufig auftauchenden Meldungen und Berichte über eine beispiellose Prosperität in Palästina, diesem »Land ohne Krise«. Es gehört nicht im engeren Sinn zu meinem heutigen Thema, aber ich muß es doch erwähnen, daß meiner Überzeugung nach die Entstehung einer solchen übertriebenen Einschätzung, der palästinensischen Entwicklung oder, genauer gesagt, der Entwicklung innerhalb des 200.000 Seelen umfassenden palästinensischen Judentums für die Aufbauarbeit gewisse, gar nicht zu unterschätzende Gefahren mit sich bringt. Es ist natürlich sehr erfreulich, daß es in Palästina vorwärts geht, sogar sehr rasch und bedeutend vorwärts' geht, aber wenn nun hier von gewissen interessierten Stellen aus der Versuch gemacht wird, geradezu eine Art »Goldrausch« zu erzeugen und Vorstellungen zu erwecken, die, wenn sie realisiert werden sollen, sich als Täuschungen herausstellen müssen, die zu Enttäuschungen führen, so bringt diese Methode nur Menschen nach Palästinä, die entweder dort, oder nach ihrer Rückkehr hier, tief verbittert werden oder* Jenes unerwünschte vglement darstellen, tfas. die-übelste" Spekulation entwickelt Es ist meiner sehr. genau durchdachten Meinung nach die Pflicht aller, die:Jes mit Palästina gut meinen, diesen Auswüchsen mildernd, mäßigend, ja ernüchternd entgegenzutreten und die Dinge auf ihr wahres Maß zurückzuführen. * Wenn nun aber einmal die Meinung verbreitet ist, Palästina, das »Land ohne Krise«, habe Raum für alle Europamüden, und wenn hier und sicher auch ,in aride- ■ fen Ländern, wahrscheinlich sogar in ahr deren Ländern noch stärker, der »Run« der Interessenten eingesetzt hat, so scheint es mir eine unäbweisliche Pflicht der verantwortlichen Stellen, für eine richtige und vollständ-ige Informierung aller Anfragenden zu sorgen. Die Exekutive der Jewish Agency, ihr Wirtschafts- und ihr Einwanderungsdepartement, die Landesstellen der Zionistischen Organisation, die zionistinistischen Fonds, der Keren Hajessod und der Keren Kayemeth, jede einzelne dieser Stellen und alle zusammen haben die Pflicht und die Verantwortung, den jetzigen ganz unhaltbaren Zustand ehestens abzuändern. Dazu sind, wie ich glaube, in erster Linie folgende Maßnahmen zu treffen: Erstens soll die allgemeine unddje jüdische Presse regelmäßig und systematisch mit wirklich richtigen Informationen über die Verhältnisse in Palästina versorgt werden. Es soll nicht dem Zufall gelegentlich bestehender persönlicher Beziehungen zwischen einem Zionisten und einem Redakteur überlassen bleiben, wann und was publiziert wird. Insbesondere müssen die Bedingungen der Auswanderung, sowohl die von Seiten der tschechoslowakischen als von selten der Mandatsregierung aufgestellten, wiederholt in gewissen Zeitabständen ver-. öffentlieht werden. Zweitens sollen in allen größeren Städten Vertrauensmänner nominiert und in geeigneter Weise bekanntgemacht werden, die von zentraler Stelle sehr eingehend informiert und so instandgesetzt werden, dem Rat und Auskunft Suchenden das Gewünschte wirklich zu bieten. Sicher ist es nicht leicht, geeignete Menschen zu finden; sie müssen Zeit und Geduld haben, mit jedem Interessenten eingehend zu sprechen, müssen gleich weit davon entfernt sein, jeden nach Palästina locken und jeden von Palästina abschrecken zu Wollen, vör allem aber sollten es womöglich Menschen sein, die Palästina aus eigener Anschauung kennen (natürlich nicht von einem dreitägigen Trip mit einer Reisegesellschaft). Drittens sollten Merkblätter herausgegeben werden, die alles Wichtige enthalten und dem Anfrager zunächst zum eigenen Studium übergeben werden, bevor er die Sprechstunde des Vertrauensmannes in Anspruch nimmt. Diese Merkblätter müssen ganz klar, kurz und doch erschöpfend Auskunft geben über die wirtschaftliche Lage, Lebensverhältnisse, Einkommen und Geldbedarf in den verschiedenen Berufskreisen in Palästina, über gesuchte und überfüllte Berufe, über Investitionsmöglichkeiten, dann über die Einwanderungsbestimmungen, Paß, Visum, erforderliche Mittel, schließlich über die wichtigsten Reiserouten und Reisekosten* Ein besonderes Merkblatt sollte Ratschläge an den Einwanderer für die ersten Tage nach der Ankunft in Pälästina enthalten Ich bin mir klär darüber, daß letzten" Endes doch noch ein weiter Spielraum für persönlichen Takt, Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnisse des »Vertrauensmannes« übrig bleibt; aber so weit als möglich sollte man doch die Voraussetzungen für eine systematische Arbeit dieser Art schaffen, die heute sicher die wichtigste zionistische Arbeit ist. Natürlich wird der Vertrauensmann immer jedem Frager die zwei Grundtatsachen vor Augen führen müsseh: daß in Palästina jeder, der in einem Fach überdurchschnittlich tüchtig ist, bestimmt seinen Weg macht, während hier in Europa, wie die Dinge heute liegen, die größte Tüchtigkeit nichts nützt; und das zweite, daß jeder, der nach Palästina kommt, mit einer keineswegs kurzen Zeit rechnen muß, während welcher er sehr schwer arbeiten muß und nur sehr kümmerlich verdient. Dr. Hugo Herr mann. Dr. Eltser Srtiächfer (Leipzig): Plan und die nationale frage (Eine hrlilsche Befrachtung) Wir halten es für richtig, die. vorliegende Analyse, die (auch im Sinne des Autors} der Größe Marxens auf seinem eigentlichen Gebiet keinen Abbruch tun soll, zum heutigen Tage zu veröffentlichen. Will man die Einstellung von Marx zur nationalen Frage wissenschaftlich untersuchen, so muß man zunächst feststellen, daß in den Marxschen Schriften keine speziell dem Problem Nation gewidmete wissenschaftliche Untersuchung zu finden ist, und auch keine auf dieser beruhende allgemeine Begriffsbestimmung der Nation. Wir müssen uns schon auf die nur gelegentlich in Artikeln und Briefen anzutreffenden Äußerungen von Marx beschränken, die allerdings genügen, um sich ein Bild über; seine p r i n zip i e 11 e Einstellung. zur nationaler^ ^räger;^u mf^heji: Nöi>: wendig und sogar unerläßlich bei dieser Untersuchung ist es nur noch, auch die betreffenden Äußerungen von Friedrich Engels heranzuziehen, der auf diesem Gebiete, besser unterrichtet war und mit dem Marx hier meistens über: einstimmte. Zur Zeit des „naiven Kosmopolitismus" konnte man sehr oft die Meinung hören, daß Marx und Engels die Beseitigung der nationalen Unterschiede gefordert haben. Die bestehenden nationalen Unterschiede, so ließen sich damals einige marxistische Theoretiker vernehmen, seien lediglich eine Ausdrucksform des Konkurrenzkampfes der herrschenden Klassen und das Nationalgefühl sei ein Produkt bürgerlicher Interessen, das dein klassenbewußten Arbeiter fremd sein müßte. Dort, wo die Arbeiterschaft national eingestellt war, wurde sie als „unreif" bezeichnet. Die sozialistische Arbeiterschaft wäre dort noch nicht zur nötigen Reife gelangt, um ihr Nationalgefühl abzustreifen. Mit der zunehmenden Kapitalisierung aber, die ein fortschreitendes Klassenbewußtsein zur Folge haben müßte, prophezeite man weiter, würden die nationalen Unterschiede völlig verwischt werden1). Dabei berief man sich vornehihlich auf jene so oft zitierten Stellen im „Kommunistischen Manifest", wo es heißt: „Die Arbeiter haben kein Vaterland" und „Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit ... Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen." Da diese Stellen heute noch in gewissen Kreisen der jüdischen Kommunisten zitiert werden, um die nationale Einstellung großer Teile der jüdischen Arbeiterschaft als „antimarxistisch" zu verurteilen, so sei hier mit allem Nachdruck festgestellt, daß weder Marx noch Engels mit der fortschreitenden Entwicklüng sich eine allgemeine Gleichmacherei der Nationen vorgestellt haben. Engels betont mit allpr Schärfe, daß der Inhalt der sozialistischen Gleichheitsforderung einzig und allein die Abschaffung der Klasse ist. „Jede Gleichheitsforderung, die darüber hinausgeht, verläuft notwendig ins Äbr surde2)." Aber auch Marx spricht in dem eben zitierten Satz des Kommuni1 stischen Manifestes nur vom' Verschwinden der nationalen Gegensätze, nicht vom Verschwinden der nationalen Unterschiede. Die großen „Marxkenner" müßten sich nur bemühen, etwas weiter im Kommunistischen Manifest zu lesen, wo es erläutert wird: „In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben." Aber auch der oft zitierte und mißverstandene Satz: „Die Arbeiter haben kein Vaterland!" wird ja dort selbst gleich kommentiert: „Indem das Proletariat; zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst auch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie." Daraus geht' klar hervor, daß Marx mit jenör Wendung nur die Arbeiter jener Zeit (1848) meinte, die keinen eigentlichen Anteil am Leben der Nation hatten, von ihren materiellen und geistigen Gütern ausgeschlossen waren, also „kein Vaterland" hatten. . Aber wenn auch Marx und Engels die Uhterschiedslosigkeit aller Nationen keinesfalls gepredigt haben, so haben sie aber auch den s o z i o 1 o g ischen Gehalt der Nation keineswegs erkannt. Für den Geschichtsphilosophen Marx existierte überhaupt nicht der Begriff Nation als einer die Geschichte kon* stituierenden Kategorie. Für ihn bestanden nicht die nationalen Kulturen in ihrer Originalität und Besonderheit, in ihrer schöpferischen Individualität und Mannigfaltigkeit* Doch der revolutionäre Politiker Marx und ebenso Engels sahen die nationale Differenzierung in der Geschichte und konnten sie nicht völlig ignorieren. Da aber i;n ihren Augen die Nationen keinen historischen Eigenwert haben, waren^ für sie bei der Stellungnahme zur nationalen Frage maßgebend: die wirtschaftlichen E n t' w i c k l u n g s t e n d, e tatzen und die jeweilige g-esÄ-mfrpolitische Slituati'on. Unmaßgeblich für ihre politische Haltung hingegen und daher auch meist unbekannt waren ihnen die Entwicklungstendenzen der zu behandelnden Nation selbst. Aus diesem Grunde unterstützten Marx und Engels die. Tendenz der großen staatlich konsolidierten Nationen, große Nationalstaaten zu bilden. Denn die Verwirklichung dieser Tendenz führe zur Herausbildung immer größerer wirtschaftlichen und staatlicher Komplexe *) Siehe Neue Zeit, XI. Jahrgang, II. Band, 3) Friedrich Engels, Anti^Dührhig, Berlin. S. 833 und XIII. Jahrgang, II. Bd., S. 342. 1921, S. 104.

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