Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 11-12 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 t>m jüdische MßErriEä i7. mi im Das selbständige Vorgehen der 8. A, gegen jüdische Itaufleute hält weitet att. In Essen ist heute nachmittag aueli eine Anzahl kleiner Geschäfte geschlossen worden. Die S. A. hat an den Je^ SChlossenen .GeschäftslokaJen Plakätö mit der Aufschrift „Deutsche, kauft in deutschen Geschäften!" angebracht. Von den zuständigen Berufsvertretiuigen hören wir, daß in der augenblicklichen Situation mit einer Wiedereröffnung der Geschäfte nicht zu rechnen ist. Die Regierungsstellen in Berlin sind durch die zuständigen Iridustrie- und Handelskammern von dem Vorgehen unterrichtet worden. Joden und Juden Unser Berliner Mitarbeiter stellt uns einen sehr interessanten Bericht zur Verfügung, dem wir entnehmen: Die neue Epoche im Leben der in Deutschland befindlichen Juden wird durch die neuerdings wieder aktuelle Betonung ■ der Unterschiede zwischen deutschen und nichtdeutschen Juden und durch die Tendenz der Mimikry und A s s i m i 1 a t i on gekennzeichnet, abgesehen von den wirtschaftlichen •Folgen des neuen Regimes, über die noch einiges zu sagen sein wird. Der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"1 hat sich in diesen schweren Tagen gewiß mutig verhalten, sowohl in seiner Erklärung, die er unmittelbar nach dem Amtsantritt Hitlers veröffentlichte, als a,uch bei der Haussuchung in Berlin und während der Unterhaltung mit Goering, dem kommissarischen preußischen Innenminister, die auf dessen ausdrücklichen Wunsch kürzlich stattfand. Aber all das darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß gerade von dieser Seiteein scharfer Trennungsstrich zwischen , Juden und Juden gezogen wird. Es ist auch hier ein Unterschied, ob man 'die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder nicht. Und auch regierungsseitig wird so unterschieden. Beir spiele für?, diesen-Tatbestand könnten zur Genüge1 angeführt werden, auf die wir aber des beschränkten Raumes wegen verzichten müssen. Die deutschen, bürgerlichen Juden, distanzieren sich recht wahrnehmbar von ihren ausländischen „Glaubensgenossen". Die hinter der Regierungstehenden „nationalen Verbände" betreiben im besonderen eine Ausweisungspr opaganda gegen nichtdeutsche Juden, die nur durch außenpolitische Erwägungen in ihrer vollen Entfaltung gehemmt wird. In einem Fäll — ein persönliches Erlebnis des Schreibers dieser Zeilen — wurde von S. A. erklärt, es werde dafür gesorgt werden, daß sein Posten im Büro von einem Deutschen , besetzt Werde. Eine entsprechende Noim'nierüng Werde an zuständiger Stelle erfolgen. Gerade diese Zeiten erbringen recht deutlich den Nachweis der Unrichtigkeit jener bekannten Annahme, daß wirtschaftliche und politische Verfolgungen den Zionismus fördern'. Das Gegenteil ist der Fall. Der Zionismus wird geschwächt. Das Bestreben, sich anzugleichen und anzupassen, unauffällig zu werden und unterzutauchen, ist stärker als der Wille, sich moralisch zu behaupten. Ein Beispiel für viele: Ein nichtjüdischer Friseur berichtete, daß sein Geschäft noch nie so geblüht habe wie jetzt. Der Grund? Zahlreiche „Damen" seiner Kundschaft ließen sich ihr Haar blond färben. Deutlicher kann Mimikry schon nicht sein.- Jude sein ist sehr unzeitgemäß. Man versteckt sich und bekennt sich nicht. Das ist in Horthy- Ungarn so gewesen, und jetzt erleben wir es wieder in Deutschland. Kommt noch hiezu, daß der Zionismus international ist, daß er Geld im Ausland investiert, das jüdische Volk aller Länder mobilisiert und sich an fremde Regierungen und Parlamente wendet. Der „Völkische Beobachter" und auch assimilierte jüdische Kreise sprechen eine sehr beredte Sprache. So wird der Zionismus diffamiert, den man fürchtet, weil er all das scheinbar beweist, was der regierungsfähige Antisemitismus behauptet, und den Prozeß, untertauchend sich zu verbergen angeblich hemmt. Die Zeiten Herzischer „Protestrabbiner" dauern noch an. Wirtschaftlich sind wir mitten im Boykott jüdischen Kapitals und jüdischer Arbeit. Sicherlich werden sich die Formen dieses Boykotts noch ändern. Der Boykott selber besteht und wird auch vorläufig nicht verschwinden. Ganz abgesehen von offiziellen Maßnahmen — Kauf in „christlichen" Geschäften — nimmt dieser Boykott im Augenblick fast ausschließlich terroristische Formen an. Warenhäuser und Einheitspreisgeschäfte werden ,besetztV die Kundschaft wird gewaltsam vom Einkauf abgehalten, häufig genug die Schließung erzwungen. Kleinere jüdische Läden, Caf6s, auch Restaurants werden von SA-Truppen „besucht". Jüdische Büros und Angestellte werden von SAbgebeten" für verschiedene nationalsozialistische Fonds zu „spenden". Die „Legitimation" war oft zweckentsprechend. Dieser offene Terror wird verschwinden. Die Polizei ist schon eingeschritten. An diesen Wildwestzuständen ist der Regierung nichts gelegen. Sie will und wird sie wohl auch beseitigen. Aber hiermit ist der Boykott nicht aus der Welt geschafft, der ja seine Ursachen nicht allein in einer wüsten Propaganda, sondern vor allem in der Not, der bitteren Not des Mittelstandes und des kleinen Gewerbes hat. Der allgemeine ökonomische Druck setzt sich immer in einen speziellen nationalen Druck um. Diese nationale Konkurrenz wird das Kennzeichen der kommenden Zeit sein. Fraglos ist auch, daß die allgemeinen wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung den Juden besonders wenig helfen werden, nicht weit sie Juden, sondern weil sie Städter, Großstädter und soziologisch eigenartig und einseitig zusammengesetzt sind. Der landwirtschaftliche Vollstreckungsschutz ist eine solche Regelung, die den städtischen Handel schwer trifft. Da aber das eigentliche Wirtschaftsprogramm der Regierung noch nicht bekannt, vielleicht sogar umstritten ist,- läßt sich hierüber zur Zeit nichts aussagen. Jedenfalls werden wir Juden auch noch hiezu Stellung nehmen müsisen. Wir unterliegen nicht allein den Bedingungen der nationalen Konkurrenz, sondern auch allgemeinen Tendenzen, auf die wir als soziologische Gruppe und reagieren. besondere Berufgebilde Max Müller. X Arbeiter-Sanatorien. In den Siedlungen Tel Josef, Kfar Jecheskiel, Waadi Chawarith wurde durch eine Anleihe, die die Arbeiter-Krankenkasse auf 3—4 Jahre aufnahm, die Erbauung von Arbeitersanatorien ermöglicht. Die Arbeiten sind bereits in Angriff genommen worden. X Neue Schule in Haifa. Infolge einefc Zustroms von 140 neuen Schülern mußte für das hebräische Realgymnasium in Haifa ein neues, drittes Gebäude errichtet werden, das dieser Tage eingeweiht wurde. X Habimah in Ägypten. Das hebräische Theater Habimah befindet sich derzeit auf einer Tournee durch Ägypten, wo es in Alexandrien und Kairo einige Stücke aufführt, u. a. „Der ewige Jude", Dybuk, Uriel ,d'Acosta usw. X Weizmann in Palästina. Dr. Chaim Weizmann wird die Pessach-Tage in Palästina verbringen. X Geburts- und Sterbestatistik. Laut amtlicher Statistik (wurden i. J. 1932 in Palästina 5281 Juden und 34.505 Moslems geboren; in dem gleichen Jahre starben 1746 Juden und 18.542 Moslems. X Zum Regierungsbudget. »Dawar« beschäftigt sich mit der Frage des Budgets der Palästina-Regierung, die sich in der einzigartigen Lage befindet, einen jährlichen Überschuß buchen zu können (man rechnet für 1933 mit einem Uberschuß von ca, 900.000 Pf.!) diesen zum größten'. Teil' verwendet jedoch, um die ohnehin unverhältnismäßig hohen Gehälter der britischen Beamten aufzubessern. (Der britische Kolonialbeamte in Palästina erhält höhere Gehälter, als er in England, in irgendeinem Mandatland oder einer Kronkolonie erhalten würde.) Hingegen'hat die Regierung kein Geld für Straßenbauten, jüdische Krankenhäuser werden nicht unterstützt, das Sanitätswerk unter den Arabern wird vernachlässigt und Juden müssen aus eigenen Kräften ihre Schule erhalten, ganz abgesehen'da- ^^^^^Mw^M^M^Imrap^w ~ V "^-^-v , -V ~vL " Geschäftszentrum im 1929 zerstörten Safed, dessen Wiederaufbau' * in vollem Gange ist. Das großartige Freilichttheater in Haifa. wände. Das weiß, das beobachtet dear Fred. „Und deswegen hatte ich seit sechs Wochen jeden Morgen, wenn ich um die Ecke kam, Todesangst, die Vorhänge möchten heruntergelassen sein." Am 14. März 1883 kam Engels mittags um 2'30 Uhr wieder. Er fand das Haus, Eleanor Marx und Helene Demut, in Tränen. Marx hatte eine kleine Blutung, war plötzlich zusammengesunken. Lenchen Demut erzählte es und ging sogleich wieder zu Marx hinauf. Sie kam zurück: „Er ist halb im Schlaf, kommen Sie hinauf." — „Als wir eintraten, lag er da, schlafend, aber um nicht wieder aufzuwachen. Puls und Atem waren fort. In den zwei Minuten war er ruhig und schmerzlos entschlummerte In diesen zwei Minuten war Karl Marx gestorben. Er hatte das Schlafzimmer verlassen. Er war in die Studierstube getreten. Er hatte sich in den Lehnstuhl gesetzt wie sonst in einer Pause zwischen einem Diktat. Wäre er heute nicht ein wenig müde, gern wollte er auf und ab schreiten wie sonst bei der Arbeit. Zieht nicht ein Streifen von der Tür bis zum Fenster durch den Teppich? Wie ein Fußpfad durch eine Wiese. Alle seine Werke sind auf dem Weg dieser kleinen Spur entstan den. Gruß und Dank dir, liebe Teppichwiese, gute Teppichspur. Hatte er noch einmal durchs Fenster gesehen? Auf die Bäume im März? Gestern hatte die erste Amsel gepfiffen. War sein Blick noch' einmal über die tausend Bücher geglitten, über die geliebten Manuskripte? In dieser Woche, flüsterte er, in dieser Woche noch einmal arbeiten! Was willst du noch arbeiten, pere Marx? Was ich noch arbeiten loill? Den zweiten, den dritten, den vierten Band des „Kapitals". Auch eine größere Arbeit über Balzac. Endlich das Drama „Die Gracchen". Alles noch in dieser Woche? Er war sehr heiser. Er flüsterte nur: In dieser Woche. Diese Woche geht zu Ende, lieber pere. Erinnere dich, Mohr! Wenn du die Bücher und Hefte zuschlugst, da war Sonntag da. Die Ausflüge! Jenny neben dir, die Kinder mit Liebknecht vor dir, hinten trabt Helen mit dem Eßkorb. Den gab sie nicht aus den Händen. Abends saß .man zu Hause, alle rings um dich herum. Deine Augen, Mohr, die schwarzen, von den dichten Brauen überwölbt, funkelten voll Witz. Du erzählst, alle lachen. Jetzt wieder die Bücher und Hefte zuschlagen, Sonntag abend kommt. Da sitzt ja gar deine Mutter mit einem neuen Kleid und Jenny ist da, schön wie in Trier, alle Kinder sitzen vor dir. Wo ist Engels? Er kommt gleich. Heine ist da, salut! Freiligrath, Liebknecht. Hier links Leßner. Weißt du es noch, daß er das Kommunistische Manifest zum Drucker getragen hat? Neben ihm Dietzgen. Und unbekannte Arbeiter sitzen im Halbkreis, aus Belgien, aus Deutschland, aus Rußland, aus Amerika, aus Indien. Das ist ja wie in einem großen Hörsaal. Da setzt sich Karl Marx im Lehnstuhl zurecht, schmunzelt und flüstert: Ihr > habt alle das „Kapital" gelesen?' Da habt Ihr das Kapitel über die Produktion des relativen Mehrwertes gelesen? ■ Wer war Bill Sikes? Niemand weiß es? Jenny lächelt. Sie weiß es. Er hat ihr das Kapitel diktiert, aber sie meldet sich nicht, sie lächelt nur. Marx fragt: Engels noch nicht da? Er kommt gerade? Ja, wir hören die Schritte des Generals. Er wird tms Bills Rede köstlich deklamieren. „Meine Herren Geschwornen, diesem Handlungsreisenden ist allerdings die Gurgel abgeschnitteri worden. Diese Tatsache aber ist nicht meine Schuld, sie ist die Schuld des Messers. Sollen wir wegen solcher zeitweiliger Unannehmlichkeiten den Gebrauch des Messers abschaffen?" Das ganze Auditorium lacht, Engels tritt ein. Erinnert er sich an den Gurgelschneider Bill Siker? Marx lächelt. Marx schläft ein. In diesen zwei Minuten. Für immer. :fs Friedrich Enqels überlebte diesen Tag nur durch Arbeit für Karl Marx. Er "sieht ihm abends noch einmal i?is bleiche, leichenstarre Gesicht. Dann geht er heim und schreibt stundenlang. Das sind die großen Briefe und Telegramme an die Freunde. Es wird Mitternacht und Engels schreibt noch. An Bernstein, noch einmal: „In zwei Minuten hatte dieser geniale Kopf aufgehört zu denken." An Sorge: „Die Bewegung des Proletariats geht ihren Gang weiter, aber der Zentralpunkt ist dahin." An Wilhelm Liebknecht: „Was wir alle sind, wir sind es durch ihn." Und plötzlich zum Schluß, wie alltäglich zum Schluß, ein neuer Bogen und Friedrich Engels schreibt: „Lieber Mohr!e\ Er irrt sich. Er schreibt an Marx, an den toten Freund. Und jetzt, jetzt, weiß er es erst, wie einsam er geworden ist, er, der Dreiundsechzig jährige. Er erhebt sich. Er bläst die zwei Kerzen an. Eine erlischt. Eine flackert weiter. An dem Grabe, in das neben Jenny v. Westphalen Karl Marx gesenkt^ wird, stehen auf dem Friedhof zu Highgate Samstag den 17. März ohne Zeremoniell — Jenny: „Wir legen keinen Wert auf die Außenseite!" — acht Männer: Friedrich Engels und Wilhelm Liebknecht, die Schwiegersöhne Lafargue und Longuet, die Arbeiter Leßner und Lochner, die Gelehrten Schorlemmer und, Ray Lancester. In englischer Sprache hielt Friedrich Engels mitten im Nebel jene wunderbare Rede, die mit den Worten begann: „Am 14. März nachmittags ein Viertel vor drei hat der größte lebende Denker aufgehört zu denken." Und die Rede schloß: „Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk."