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Der Jüdische Arbeiter · 1933-03-17 · Heft 11-12 (17.3.1933) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 11-12 (17.3.1933)
Date
1933-03-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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11 März 1933 DEfe JÜDISCHE ARBEITER Seite 3 Land unter Terror Ein Genosse stellt uns diesen von einem deutschen Chawer stammenden Brief zur Verfügung, der mehr als lange Aufsätze die politische und osychologische Situation des deutschen Proletariates und der Juden in Deutschland beleuchtet. Leipzig, 10. März 1933. .... es ist sehr bitter. Wir laufen alle herum wie erschlagen und sind es auch. Schade, daß Bernstein nicht mehr lebt — damit er sehen kann, was er mit seinem reformistischen Gedanken und Lehren angerichtet hat. Am Mittwoch sind... und ich von Pontius zu Pilatus gelaufen und haben erreicht, daß unser Heim wieder eröffnet wurde. Die Polizei hat in meiner Gegenwart das Siegel abgenommen. Trotzdem halten wir das Lokal vorläufig noch geschlossen. Die Gründe der Schließung könnten wir nicht in Erfahrung bringen, — scheinbar war es ein Irrtum. Was kann man wissen — was weiß man? Mittwoch war es hier überhaupt sehr lebhaft. An diesem Tage wurde unter Assistenz der Polizei auf allen staatlichen und städtischen Gebäuden die Nazi-Fahne gehißt, mit Musik und dem nötigen Klamauk. Da konnte man manchen Juden sehen, der den Hut abnahm und die Hand zum Fascistengruß hob. Manche haben es nicht getan — vielleicht aus Unkenntnis — die hat man verhaut, besonders in der Gegend der Nordstraße und beim Finanzamt. An diesem Tag auf dem Polizeipräsidium herumzurennen, war nicht gerade angenehm, ich muß aber sagen, daß alle Beamte im Präsidium, mit denen wir es zu tun hatten, sehr höflich und zuvorkommend waren. Trotzdem, mein Herzklopfen — — " Montag,. den 6. so gegen sechs Uhr abends fanden in Chemnitz kleine Pogrome statt. Die Juden wurden auf. der Straße angepöbelt. Beim jüdischen Bäkker Federmann wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Hier ist es in dieser , iBeziehung,, abgesehen jvoji ..einzelnen Änpöbeiungeh auf der Straße, .dari'k, de r Messe sehr, ruhig,, was > aber nächste Woche sein.wird, nach der Messe, weiß man nicht. Alle erwarten etwas. Hoffentlich bleibt es nur bei den Befürchtungen. Eigentlich sieht es aber nicht darnach aus. S. A. und S. S. ist doch »Polizef«. Auf dem Augustusplatz wehen Nazi- und schwarz-weiß-rote Fahnen, ebenso auf der Universität, am Arbeitsamt, auf, den Finanzämtern und Rathäusern. Gestern nachmittags wurde unser schö% nes Volkshaus von den Nazi unter Beihilfe der Polizei besetzt. Das ganze Viertel ist von ihnen abgesperrt. Sie laufen mit geladenen Gewehren und aufgepflanztem Bajonett herum. Die Leute, die gerade im Volkhaus waren, mußten heraus, durften nicht, einmal ihre Sachen mitnehmen, keine Fahrräder, nichts. Die Ober im Frack, die Köche in der Kochschürze —---- raus! (Anm. der Redaktion: Im großen Leipziger Volkshaus, dem schönsteh Bau der deutschen Sozialdemokratie, befindet sich eine Gastwirtschaft.) So ist es in ganz Sachsen .gegangen. Außer in Würzen wurde nirgends Wideiv stand geleistet. Dort gab es zwei Tote und einige Verwundete. Sonntag ist Volkstrauertag für die Gefallenen des Weltkrieges angesagt. Beflaggung: Schwarz-weiß-rot. Fast jeden Tag finden die berüchtigten Erschießungen wegfen Fluchtverdacht statt. Es handelt sich um Leute, die in Schutzhaft genommen waren. Bei der Besetzung des Gewerkschaftshauses in Bitterfeld wurden alle, die bei der Besitznahme durch Nazis gerade drinnen waren, elend mit Gummiknüppeln verprügelt, selbst Frauen und Mädchen, Die Schlägerei, bei der nur die Nazi eine aktive Rolle spielten, wurde auf der Straße fortgesetzt — die Polizei stand dabei und tat nichts — außer Spalier bilden! Die Arbeiterschaft steht da, zertreten, machtlos und darf höchstens mit den Zähnen knirschen, aber auch das nur, wenn esN keiner hört. Wir erleben schöne ' Zeiten, aber es kommt noch schlimmer. , .... etwas habe ich noch Gelegenheit gehabt, in diesen Tagen zu bewundern: Die Feigheit mancher Menschen. Sonst — konnten sie die Klappe nicht genug weit aufreißen, aber jetzt, wo es Not tat, ein bischen gerade zu stehen, z. B. auf die Polizei zu gehen, da war es aus. Viele haben die Mitgliedsbücher der SPD verbrannt. Besonders die Intellektuellen sind sehr feig. Dieser Tage haben wir einen Akt bei der Polizei eingetragen. Man rät mir, auf einige Zeit zu verschwinden. Wohin? Ich werde es darauf ankommen lassen, daß es Hals über Kopf geschieht. Ich habe wirklich alle Sachen, die begehrenswert sind: Jude, Marxist, polnischer Staatsbürger. Herz, was begehrst Du mehr? Nach den Zeitungsmeldungen, die Du sicher auch gelesen hast, soll die S. Ä. P. (Anm. d. Red.: Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) liquidiert sein. Dies Aus dem driften Heidts Verhaftete werden wegen „Fluchiversnches" erschossen, Juden grüßen tascisftseh. — Nachrlehfenkonfrolle unmöglich. ist aber nicht der Fall. Außer Seydewitz, August Siemsen, Frankenthal, Portune und Ziegler ist niemand zur SPD gegangen. Die SAP besteht noch. Warum die Genannten zur SPD gingen, kann man nicht erfahren, weil ja alle linken Zeitungen verboten sind und man zur Zeit auf bürgerliche Zeitungen angewiesen ist. Kontrollierbar ist keine Nachricht. Vorige Woche wollten einige Leute Eure Zeitung abonnieren, manche haben es auch getan. Nun fürchten sie sich aber, Die, die abonniert haben, haben Angst, das Geld zu überweisen. Schön sieht es aus! Alle Genossen sollen sich klar machen, was Fascismus bedeutet! Seht zu, daß wenigstens dort eine Einigung zustandekommt, damit der heutige Zustand in Deutschland wenigstens in dieser Beziehung etwas Gutes hervorbringt. Das nächste Land ist Österreich — und Ihr seid nicht weit davon! Damen-Mäntel - Kostüme Trenchcoats - Kamelhaarmäntel | WEISS & HAMMERSCHLAG | Brünn ZEILE 12 im Hofe Gipfelleistung der Assimilation: Jüdische Filiale der NSDAP gegründet! Berlin, 9. März (J. T. A.). Am 25. und 26. Februar erfolgte in Kassel die Gründung des „Deutschen Vortrupp" (Gefolgschaft deutscher Juden). Der „Deutsche Vortrupp" besteht aus nationaldeutsch gesinnten jungen Juden. Die politische Richtung entspricht der des Naumann'schen Verbandes nationaldeutscher Juden. Der „Deutsche Vortrupp" wird versuchen, gemeinschaftlich mit anderen, deutschen, rechtsigeilieil^teten, bündischen Kreisen an der Wiedererstarkung des Vaterlandes mitzuarbeiten, und erläßt einen Aufruf, in welchem es heißt: „Wir fühlen uns in dieser Notstunde unseres Vaterlandes einig und verbunden niit allen Kräften der jungen, nationalen. Erneuerungsbewegung. Unsere bündischsoldatische Haltung weist uns auf die Seite der jungen deutschen Rechten,, die freilich heute nicht mehr durch di& alten' Parteibezeichmmgen eingegrenzt werden kann . . . Damit der Wille und die Kraft des Teils der deutschen Judenheit, der nicht erst, spit gestern nationaldeut sc h fühl t, bei der künftigen Neuordnung d e r d e u t s c h e n D i n g e zum Einsatz komme, schließen wir uns zum Deutschen Vortrupp, Gefolgschaft deutscher Juden zusammen. Gez. Dr. phil. Hans Joach. Schoeps." lestscfktnsfci ausgewiesen! Berlin, 12. März. Der Korrespondent der in Neüyork erscheinenden jiddischen sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts", Dr. Lestschinski, wurde zur Polizei gebracht, wo ihm der Ausweisungsbefehl zugestellt wurde. Es ist der erste Fall, in welchem die Regierung ihre Drohungen gegen die Auslandskorrespondenten wahr macht — bezeichnenderweise an einem Juden und Sozialisten! ■ . , 1 t . ... . •■ Das deutsche Judentum wird ausgehungert Berlin, 10. März (J. T. A.). In einer Reihe' von Städten des Industriegebietes sind ' am Dienste^ abend und im Läufe des' Mittwoch vormittag zahlreiche Warenhäuser und jüdische Geschäfte An den Toren, und Eingängen ' zahlreicher jüdischer Geschäfte, . der , Karstadt-Warenhaus Althöff, äu€*äl.m"emWma^lÄ'euz- •Fähne weht, den Epa-. lind Woölwörth- Eirineitspreisgeschäfteh hätten sich große Menschenmengen" angesammelt. Starke SA-Posten verhinderten mit dem Hinweis „D e u t sehe, k.a u f t i n deutschen Geschäften" ein Betreten der, Geschäftshäuser. Die von diesem Vorgehen betroffenen Kauf- und Warenhäuser, habien ebenso wie die übrigen jüdischen Geschäfte angesichts dieser - Lage ihre Verkaufsräume geschlossen,, das Personal einstweilen nach Hause geschickt und sich beschwerdeführend an .die zuständigen .Stellen g;e- 1 wandt. ' , ' ' .-r . , Der .„Yossischen Zeitung" wird aus Essen gemeldet:/ Remington SCHREIBMASCHINEN amerikanische Qualität - hiesiges Erzeugnis. PrelS? 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So auch war das Leben, das Denken, das Schaffen von Karl Marx. „Ich habe mit ihm gearbeitet," berichtet Paul Lafargue. „Ich war mir der Schreiber, dem er diktierte; aber ich hätte dabei Gelegenheit, seine Art zudenken und zu schreiben zu beobach-. ten. Die Arbeit ging ihm leicht und doch wieder schwer vonstatten" Tatsachen . und Gedanken traten beim ernsten Anstoß in Fülle vor sein inneres. Gesicht. Aber diese. Fülle machte vollständige Darlegung langwierig, schwierig. 0 Mischung von Buntheit und Ordnung, von Heftigkeit und Ruhe, von Schnelligkeit und Tiefe. Es war in die-« sem Manne alles zweimal da: für den\ Augenblick und für . die Jahrtausende. Kann man verstehen, wenn nun angedeutet wird: so habe Karl Marx nicht nur gelebt, so sei er auch gestorben. Er ist zweimal gestorben. Einmal langsam, jahrzehntelang, in Stüöken. Und, einmal kurz, sogleich, in Minuten. Der jahrzehntelange Kräfteverbrauch, das stille, fast unsichtbare Schwinden des Lebens, das war das Schicksal seines Aufstieges als Gesellschaftsforscher lind Massenerioeckef. Revolutionär und ■ Emigrant zu sein, vor Gerichten zu stehen, durch Europa gehetzt zu löörden, zu überleben , die Demütigungen freigewählter Armut, die Scham der Schulden und. der Pfändungen, den. Ärger des Mißverstanden- und Totgeschwiegenwerdens, die Krankheiten der geliebten, aber der ungesicherten Familie, für die lebenden Kinder keine Schuhe.zu haben und für das tote Kind keinen Sarg — so stirbt man langsam, sehr langsam. Und dazu als Forschungsgebiet nichts andres als das menschliche Elend selbst. Tag um Tag und bis in das Morgengrauen gebeugt zu sitzen über den Notberichten der Menschheit, über den Gewerbeinspektor atsberichten. die Schilderungen, der vergeudeten, der mißbrauchten Kräfte der Proletarier, ihrer Frauen, ihrer Kinder herauszuheben -- wer stellt einmal die Wirkung dieser Arbeiten auf Karl Marx selbst 'dar? In den Briefen von Karl und Jenny Marx, in den Erinnerungen von Eleanor und Lafargue, von Liebknecht und Leßner, in den Biographien von Mehring, Rjazanow und Vorländer wäre viel zu finden. Es wäre alles: Beschreibung d> s einen großen langen Sterbens. ... * Im Dezember 1881 ging Jenny Marx dahin. Durch Scherze hatte sie die Furcht der Familie zerstreut. In großen Schmerzen hatte sie Heiterkeit bewährt, ihre Äugen waren schöner geicorden als je, zum Dank oder zur Ermunterung drückte sie die Hand ihres Mannes. „Karl!" war ihr letzter Ruf. Und Engels; der große Kenner des Lebens, sagte sogleich: ,?Nitri ist auch Marx gestorben." Marx selbstschreibt damals einem Freund nach Newyork von seiner doppelten Verkrüppelung. Es ist . nicht nur die .Verdickung des Brustfelles, es ist ebenso die große Einsamkeit. „Er war gebrochen," bemerkt seine Tochter Eleanor. Aber „er versuchte, sein großes Werk zu vollenden". So preßt er sich noch Leben ab, so läßt er sich nach Südfrankreich, nach Nordafrika, auf die Insel Wight bringen. Im Jänner 1883 tritt in sein Hotelzimmer Eleanor, die Tochter, sie bringt kein Wort hervor, aber ihr Gesicht verrät ihm alles:, daß Jenny Longuet, die Erstgeborene, sein Ebenbild, gestorben xoar. Er verließ das fremde Hotel, War nicht alles ein fremdes Hotel geworden? „Mohr kehrte heim — um zu sterben." Diese Monate, diese Jahre 1882, 1883! Schienen sie ihm so? Waren sie so? „Kalt und regnerisch bei Tag, windstürmisch bei Nacht." Und wenig Schlaf. Zur Bronchitis treten Lungengeschwüre, tritt Kehlkopfentzündung. In diesen Tagen sitzt Friedrich Engels zu Hause, vor ihm steht ein Mikroskop, Er untersucht Lungengewebe. Eitert es, so bjechen die Blutgefäß-

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