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Der Jüdische Arbeiter · 1933-03-17 · Heft 11-12 (17.3.1933) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 11-12 (17.3.1933)
Date
1933-03-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite. 2 DER JÜDISCHE ARBEITER 17. März 1933 Dl\ Max Pllzer: Marx und die In diesen Tagen, da Karl Marx'Name zum Kampfruf in den gewaltigen innenpolitischen Auseinandersetzungen Europas geworden ist, da. in Rußland in seinem Zeichen eine neue Gesellschaftsordnung aufgebaut wird, in Asien, von seinen Losungen gespeist, die erwachenden Völker das Herrschaftssystem des Kolonialimperalismus zertrümmern, die Lebendigkeit seines historischpolitischen Wirkens auch für die Gegenwart beweisen zu wollen, hieße wohl eine Kette von Banalitäten abrollen lassen. Nicht von Marx, dem Schöpfer der modernen sozialistischen Bewegung, wollen wir heute sprechen, sondern von Marx, dem, Denker, der im Reihe der Wissenschaft schöpferisch gewirkt hat. Heute, da die Irrlehren des Nationalsozialismus zur tragenden Ideologie der erfölgreichsten Bewegung der Geschichte geworden sind, erkennt jeder, daß die agitatorische Wirkung einer Idee noch lange nicht ihren Wahrheitsgehalt beweist. So haben sich denn die Erkenntnisse des Forschers Marx vor der uns nahen sozialen Wirklichkeit zu bewähren; wir haben zu fragen, ob sie der so gewandelten Wirtschaft, der Gegenwart standhalten, ob die Sozialwissenschaft der Gegenwart das Werk Marx' in ihr System eingebaut oder es als zeitbedingt aus dem sozialen Weltbild der Gegenwart ausgeschaltet hat. Es ist für die historische Leistung Karl Marx' charakteristisch, daß er die Soziologie und die ökonomische Theorie zur Einheit verknüpft hat, daß er die Bedeutung der Klassendifferenzierung der bürgerlichen Gesellschaft für den ökonomischen Prozeß des Kapitalismus entdeckt hat. Im Zentrum seines wissenschaftlichen Systems steht die Ausbeutung s 1 e h.r e, die zum ersten Male die Einkommensströme des Lohnes, Zinsen und : Unternehmergewinns c a u s a 1 er? klärt. , Gewiß Jst diese Lehre mit den Denkmiftelil der heule so ernst umstrittenen klassischen Wertlehre begründet. Aber nicht jenes auf der Arbeitswerttheorie beruhende Schema des »Kapitals«, ist die entscheidende wissenschaftliche Tat .Marxens: diese besteht vielmehr darin, daß er aufgezeigt hat, welches die Ursachen der Bereitwilligkeit der Arbeiterschaft sind, auf einen ihrer Leistung entsprechenden Anteil am Produktionsertrag zu verzichten. Das ist Marxens koperriikanische Tat: er hat erstmalig die spezifische Eigenart des Arbeitsmarktes dargestellt, und die klassische Illusion der Gleichheit von Arbeitnehmern und Unternehmern zerstört.' Karl Marx' Verdienst ist es, das soziale Machtverhältnis als die wichtigste Voraussetzung der konkreten Gestaltung des Arbeitsmarktes entdeckt und den Einfluß der Überlegenheit der kapitalbesitzenden Unternehmer über den besitzlosen Arbeiter auf die Verteilung des Sozialprodukts dargestellt zu haben. Die moderne Grenznutzenlehre hat in ihren bürgerlichen Vertretern die Ausbeutungslehre als Zinstheprie abgelehnt, ohne daß diese sich bisher über eine ökonomische Erklärung des Zinses geeinigt hätten. Ist es ein Zufall, daß die einleuchtendste moderne Zinstheorie vom sozialistischen Theoretiker Emil Lederer stammt, und ihrem Wesen nach eine auf der modernen Wertlehre aufgebaute Ausbeutungslehre ist? Darüber hinaus hat aber auch die bezügliche Nationalökonomie die Bedeutung des sozialen Faktors bei der Einkommenverteilung erkannt. »Bei dem gegebenen Schwächezustand der Arbeiterschaft vist der auf die genossenschaftliche Solidarität gestellte Klassenegoismus höher einzuschätzen als der auf die eigene Bewegungsfreiheit gestellte persönliche Egoismus«: mit diesen Worten hat der hervorragende bürgerliche Repräsentant der modernen Nationalökonomie Friedrich Wieser eine marxistische Grundlegung des gewerkschaftlichen Klassenkampfes gegeben, in der Anerkennung des Einflusses der sozialen Macht auf die Verteilung des Sozialprodukts geht die Ökonomie der Gegenwart den Weg, den ihr Marx gewiesen hat. Bedarf es .beim Nachweis des Einflusses der Ausbeutungstheorie auf die moderne Wirtschaftswissenschaft der Loslösung des Marxschen Gedankenganges von seiner Ausdrucksform, seine Konzentrationstheorie kann angesichts ihrer empirischen Bewährung als Gemeingut der heutigen Volkswirt*» schaftslehre bezeichnet werden; sie findet in dem wichtigen Kapitel »Organisationsformen der modernen Wirtschaft« ihre Anwendung. Die wirtschaftsgeschichtlich so bedeutungsvolle Tatsache des Monopolkapitalismus, die das Ergebnis der Betriebs- und Unternelnrumgskonzentration ist, die Beherrschung der Arbeiter und Konsumentenmassen durch ein paar Finanz- und Industriemagnate zeigt die Bewährung des wissenschaftlichen Seherblicks von Karl Marx. Die Sozialstatistik der Gegenwart bestätigt die Richtigkeit der Marxschen Proletarisierungstheorie, der Prognose, daß das Proletariat die Mehrheit innerhalb aller Völker erlangen werde. Die Arbeiter und Angestellten bilden heute in den wichtigsten Kulturländern die Majorität; mögen sich heute noch gewisse Angestelltenschichten »als der neue Mitelstand« fühlen, die Mechanisierung der geistigen Arbeit, die stete Verringerung der Aufstiegsmöglichkeit bahnt dem proletarischen Klassenbewußtsein den Weg auch in ihre Reihen. Der einst gegen die V e r e 1 e n d u n g st h e o r i e erhobene Einwand, daß die Verdrängung der Arbeiter durch die Maschine dank der bewirkten Kostensenkung durch die so ermöglichte Produktionserweiterung kompensiert werde, ist durch die Ergebnisse der letzten Rationalisierungsepoche t widerlegt, und auch von den objektiven bürgerlichen Theoretikern aufgegeben. Und schließlich wandelt auch die moderne Konjunkturtheorie in Marxschen Fußstapfen: das langsamere Wachstum der Löhne im Verhältnis zur Steigerung der Besitzeinkommen in der Zeit des Aufschwungs als Ursache der Übefkapitalisierung und Krise — dies ist in einer neuen Gestaltung marxistisches Gedankengut! Das Marxsche System — sägten wir oben — stellt eine Synthese soziologischer und ökonomischer Einsichten dar, eine strenge Scheidung ist hier kaum möglich. Die Ausbeutungslehre stellte die Anwendung der wichtigsten soziologischen Erkenntnis Marxens, der Klassens lehre, auf die Wirtschaft dar: ihre. Auswertung innerhalb der Gesellschaftslehre selbst hat zur Formulierung des historischen Materialismus geführt, dessen theoretische Fruchtbarkeit wir gerade heute deutlich erkennen. Der neueste Zweig der Soziologie, die »Wissenssoziologie«, ist nichts anderes als die umfassendste Fruchtbarmachung des Grundprinzips der marxistischen Geschichtstheorie, die Zurückführung der Erzeugnisse des menschlichen Geistes auf ihren sozialen Standort. So ist Karl Marx der Anreger der jüngsten und zukunftsfreudigsten Disziplin der Soziologie! Daß die Staatsauffassung Marxens die nichtmarxistische Staatslehre außerordentlich stark beeinflußt hat, zeigt das Standardwerk der modernen Gesellschaftslehre, die Soziologie Franz Oppenheimers! Der »Antimarxismus« der Straße und Lehrkanzeln .verbreitet die Legende von der Marxistischen Unterschätzung des geistigen Schaffens. Das ist eine böswillige Mißdeutung der Lehre von Karl Marx. Aber auch objektiv ist das Werk des Schöpfers des wissenschaftlichen Sozialismus ein erhebendes Zeugnis für die sieghafte Macht des menschlichen Geistes: fünfzig Jahre nach seinem Tode steht es trotz der Fortschritte der sozialwissenschaftlichen Forschung in seinen Hauptlehren unerschüttert da, und beeinflußt die wissenschaftliche Arbeit der Gegenwart aufs nachhaltigste! Gesetz der Serie: In Fetach-Tikwah ist ein Streik-aller Bauarbeiter ausgebrochen, der darauf zurückzuführen ist, daß die Bauunternehmer keine Lohnverträge schließe^ wollten und die organisierten Arbeiter durch unorganisierte zu verdrängen suchten. Die Unternehmer drohten, im Falle eines Streikes die Arteil durch Mitglieder des Brith- Trumpeldor aufrecht zu erhalten. Die Histadruth richtete in einem Schreiben an den Brith die Aufforderung keine Streikbrecher zu entsenden und den gerechten Kampf der Bauarbeiter für bessere Lebensbedingungen nicht zu sabotieren. Trotzdem fanden sich acht „Brith"arbeiter (größtenteils Neueingewanderte), die nach Ausbruch des Streikes mit Hilfe einiger Handwerker die Arbeit auf zwei Bauten aufnahmen. Das Sekretariat des Arbeiterrates in Petach- Tikwah und das Sekretariat des Hapoel- Hamisrachi (religiöse Arbeitergewerkschaft) gaben einen gemeinsamen Aufruf an die Arbeiter heraus, in dem die Einzelheiten des Lohnstreites dargestellt, die Schandtat der Revisionisten angeprangert und die Unterstützung der Streikenden gefordert wird. Nach einer späteren Meldung sind 9 von den Streikposten der Histadruth verhaftet worden. Auch in diesem Fall deckt die Polizei, wie schon früher bei ähnlichen Vorkommnissen die Streikbrecher in unerhörter Weise. Andauernder Arbelterinaiigel in Palästina Jerusalem, 8. März (J. T. A.). Um dem Mangel an Arbeitern in den jüdischen Kolonien abzuhelfen, hat der Waad Leumi die Rektoren aller hebräischen Schulen in Palästina ersucht, bis nach den Pessachtagen sämtliche Schüler von, 16 Jahren aufwärts vom Schulbesuch zu beurlauben, damit sie sich den jüdischen Kolonisten als Arbeiter zur Verfügung stellen können. Auch die Der malerische Hafen von Jaffa steht jetzt im Zeichen der Orangen Verladung. Lehrerseminare wurden geschlossen, die Studierenden begaben sich, als Arbeiter in die Kolonie. Ebenso haben viele Jeschiwoth hunderte ihrer Zöglinge beurlaubt, damit sie sich in den Kolonien betätigen können. * Diese Nachricht wird in weiten Kreisen unserer jüdischen Arbeiterbewegung Verwunderung und Befremden auslosen. Die Maßnahmen des Waad Leumi .erinnern stark an den in Deutschland eingeführten »Freiwilligen Arbeitsdienst«, der vom sozialistischen Standpunkt aus kategorisch abgelehnt werden muß. Auch in Palästina wird die Einstellung von Schülern in den Arbeitsprozeß, selbst wenn es sich um eine saisonbedingte Maßnahme handelt, ein" gefährliches Präjudiz schaffen, insbesondere in einer Zeit, in der von der Palästinaregierung 15.000 neue Einwanderungszertifikate verlangt werden sollen. Die Histadruth wird nicht übersehen können, daß wie in anderen Ländern diese Arbeitshilfe auch die Gefahr einer allgemeinen Lohnsenkung in sich birgt und im Kampf um die Arbeit unter Umständen ein Instrument in der Hand der Bourgeoise werden kann. Aut>io\ fädtiefen *NeU § Lehman Finanzdiktator' von New York. Der Gouverneur des Staates New York Herbert H. Lehman hat von der Gesetzgebenden Körperschaft des-Staates für die Dauer der Finanzkrise weitgehendste Vollmachten zur Regelung und Kontrolle des Finanzwesens erhalten. Er ist faktisch Finanzdiktator des .Staates und ermächtigt, Gesetze betreffend Bank- und Versicherungswesen, außer Kraft zu setzen. § Wer sind die „Zionisten"? Der unlängst in Wien verstorbene New-Yorker Zahnarzt Dr. Ernst Karmann hinterließ' sein Gesamtyermögen, darunter wertvollen Wiener Hausbesitz, den Zionisten als Universalerben. mit der Bestimmung, daß aus dem Ertrag jährlich Stipendien an zionistische Studenten gewährt werden sollen. Da er in seinem Testament die allgemeine Bezeichnung „Zionisten" gebrauchte und keine bestimmte zionistische Stelle nannte, besteht die Befürchtung, daß die Hinterlassenschaft dem österreichischen Staat zufallen wird. Das Zionistische Landeskomitee Österreichs übernahm die Vertretung dieser Erbschaftsangelegenheit als anspruchsberechtigter Universalerbe im eigenen Namen wie im'Namen der Zionistischen Weltorganisation: § Leib Jaffe passierte auf der Reise von London nach Palästina die Tschechoslowakei. Der führende Direktor des Keren Hajessod wird sich, wie verlautet, auf eine Tournee nach Kanada; begeben. . § Um den Kongreß-Ort. Das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" berichtet über im Züge befindliche Verhandlungen hinsichtlich der Abhaltung des Zionistenkongresses in Züric h. An zuständiger Stelle wird uns erklärt, daß diese Nachricht nicht bestätigt werden kann. § Sokolow nach Hitler. Nach dem sozialdemokratischen ,,Hlas vyctiodu" wurden an der staatlichen Bürgerschule in Tiaöevo 344 Kinder befragt, welche der lebenden Persönlichkeiten sie für die größte hielten. An erster Stelle steht Ma^aryk, für den 249 Kinder stimmten. Ihm folgt Hitler in allerdings weitem Abstand, 25 Kinder" gaben ihm ihre Stimme, darunter bezeichnender Weise auch einige jüdische. An dritter. Stelle steht Nahiirn Sokolow, für den 16 Kinder votierten. Ein 12 jähriger Knabe schrieb: „Ich schätze Sokolow deshalb so hooh, weil er dafür Sorge trug, daß die'Juden in Palästina die Felder bearbeiten können," Dann kommt der Vater, Bafa, Sonja Hennie, Beneä und erst an 10. Stelle Musolini mit ganzen 4 Stimmen. Amerikanische Bankenkrise in Palästina. Mehrere hundert-jüdische Touristen aus Amerika, die gerade in dieser Woche in Palästina eintrafen, wurden von der gegenwärtigen amerikanischen Finanzkrise schwer betroffen, da die palästinensischen Banken amerikanische Schecks nicht honorieren und auch nicht zum"*Inkasso übernehmen. Man befürchtet, daß die amerikanische Finanzkrisis das palästinensische Kolonisationswerk insofern empfindlich treffen könnte, als das Verbot der Geldausfnhr aus Amerika die Einwanderung vön" zahlreichen Personen der Kapitalistenklasse, die bereits ihre Übersiedlung nach Palästina vorbereitet hatten,, sowie sonstige amerikanische Investierungen in Palästina verhindern könnte. Ferner haben viele Unternehmungen in Palästina leitende amerikanische Kapitalisten noch ihre Kapitalien in den Vereinigten Staaten und können sie bis auf weiteres nicht herausziehen. i

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