Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 11-12 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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.Universitätsbibliothek Wien,l. :> I Ehrt Marx durch Tat! Ve In« b erscheint jeden freltap Organ der Vereinigten zlonisUsch sozialistischen Arfidleroriianisallon Poale Zlon -nuachdafh in Österreich Redaktion und Administration: Wien II., Blumauergasse I — Postscheckkonto Nr. 17.878 Tschechosl. Redaktion: Brünn, KoliStö 19, Tel. 35.398, Postscheckkonto Brünn Nr. 100.145 Bezugspreis: ganzjährig S 12—, halbjährig S 6*— Einzelne Nummer 30 Groschen 10. Jahrgang Wien, 17, März 1933 Nr. 11/12 Friedrich Endels- Crabrede für Karl Mari .(Gehalten in Highgate am 17. März 1883.) Am 14. März, nachmittags ein Viertel vor drei, hat der größte lebende Denker aufgehört zu denken. Kaum zwei Minuten allein gelassen, .fanden wir ihn beim Eintreten in seinem Sessel ruhig entschlummert — aber für immer. Was das streitbare europäische und\ amerikanische Proletariat, was die historische Wissenschaft an diesem Mann verloren haben, das ist gar nicht zu ermessen. Bald genug wird sich die Lücke fühlbar machen, die der Tod dieses Gewaltigen gerissen hat. Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, . Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren, materiellen, , JL;eJbs^ ökohomiscne iEhtwicklurigssfüfe' eines Volkes oder eines Zeitabschnittes' die Grundlage bildet, aus der sich die, Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die. religiösen Vor-, Stellungen der betreffenden Menschen entwickelt: haben, und aus der sie1 daher auch erklärt werden müssen — nicht, wie. bisher geschehen, umgekehrt. Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung, des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker, inr Dunkel sich verirrt hatten. Zwei solche Entdeckungen sollten fürein Leben genügen.' Glücklich schon der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen. Aber auf jedem einzelnen Gebiet, das Marx der Untersuchung unterwarf — und dieser Gebiete waren sehr viele und keines h%. er bloß flüchtig berührt— auf jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat er ' selbständige Entdeckungen gernacht. So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe Mann* Die Wissenschaft war für Marx eine geschichtlich bewegende, eine revolutionäre Kraft. So reine Freude er haben konnte an einer neuen Entdeckung in irgend einer theoretischen Wissenschaft, deren praktische Anwendung vielleicht noch gar nicht' abzusehen, — eine ganz andere Freude empfand er, wenn es sich um eine Entdeckung handelte, die sofort revolutionär eingriff in die Industrie, in die geschichtliche Entwicklung überhaupt. So hat er die Entwicklung der Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrizität und zuletzt noch die von Marc Deprez1), genau verfolgt.; Denn Marjx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener Weise, am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen^Staatseinrichtungen, mitzuwirken an 'n) Erschienen im Züricher „Sozialdemokrat", Nr. 13, vom 22. März 1883. zJEP***" die des Deutschland steht inr Zeichen einer Barbarei, wie sie Europa kaum im finstersten Mittelalter gesehen hat. Tausende schmachten in den Kasematten des Dritten Reiches und werden von Hitlers und Görings losgelassenen Folterknechten gequält und bis, zum Zusammenbruch geprügelt. Dieses Schicksal trifft Männer, die für menschliche Gleichberechtigung gekämpft: haben! Deren Verbrechen darin besteht, sich für eine gerechte Weltordnung eingesetzt zu haben! Unschuldige Juden werden von S. A. - Horden in ihre Kasernen geschleppt und bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Gelehrte und Künstler von internationalem Ruf werden ihrer Lehensmöglichkeiten beraubt und auf die Straße gesetzt. Der stille Terror gegen den jüdischen Anteil am Wirtschaftsleben hat sich in einen offenen, mit den brutalsten Methoden geführten Kampf zur Aushungerung der Juden verwandelt. Familien verlieren ihre Ernährer, tausende fortschrittlicher Menschen, die sich nicht beugen wollen, sind dem Elend und Hunger preisgegeben! Nur die i wenigsten haben die Möglichkeit, über, die scharf bewachten Grenzen zu fliehen. Den Zurückbleibenden, muß geholfen werden! In Deutschland' selbst kann keiner es wagen, sich mit den Opfern der nationalsozialistischen Brutalitäten zu solidarisieren, ohne sich ernsten Gefahren auszusetzen. Unsere Aufgabe ist es, im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten unser Bestes zu tun! Den Beder Befreiung des modernen Proletariats, dem' e r zuerst das Bewußtsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das. Bewußtsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben hatte ^— das war sein wirklicher Lebensberuf. Der Kampf war sein Element. Und er hat gekämpft mit einer Leidenschaft, einer Zähigkeit, einem Erfolg wie wenige. Erste Rheinische Zeitung 1842, Pariser Vorwärts 1844, Brüsseler Deutsche Zeitung 1847, Neue Rheinische Zeitung 1848-49, New-York, Tribüne 1852 bis 1861 — dazu Kampfbroschüren die Menge, Arbeit in Vereinen in Paris, Brüssel und London, bis endlich die große Internationale Arbeiterassoziation als Krönung des Ganzen entstand — wahrlich, das war wieder ein Resultat, worauf sein Urheber stolz sein konnte, hätte er sonst auch nichts geleistet; Und deswegen war Marx der bestgehaßte und bestverleumdete Mann seiner ' Zeit. Regierung, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus, Bourgeois, Konservative wie Extrem-Demokratische* logen ihm um die Wette Verlagerungen nach. Er schob das alles bei Seite, wie Spinnweb, achtete dessen nicht, antwortete nur, wenn äußerster Zwang da war. Und er ist gestorben* verehrt, geliebt, betrauert von Millionen revolutionärer Mitarbeiter, die von den sibirischen Bergwerken an über ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin wohnen, und ich kann es kühn sagen: er mochte noch manchen Gegner haben, .aber kaum noch einen persönlichen Feind. Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk! troffenen über die erste schwerste Zeit hinwegzuhelfen. Keiner darf sich damit begnügen, mit Empörung die täglichen Zeitungsberichte zu lesen! Mit beiden Händen mfciß jeder zugreifen, um an dem Werk menschlicher und jüdischer Solidarität mitzuarbeiten! Im Zeichen des Gedenktages von Karl Marx leiten wir eine Solidaritätsaktion ein! Keiner schließe sich aus! Jeder erkenne die Bedeutung des Kampfes^ der im Herzen Europas geführt wird! Jeder gebe, soviel er kann, aber jeder gehe! Wir rufen die Sozialisten und fortschriftlich Gesinnten aller Nationalitäten zur Mitarbeit! Spenden mögen auf unser Postscheckkonto Brünn 122.224 durch Bianko-Erlagschein mit dem Vermerk „S o 1 i d a r i t ä t s;a k t i o n'f überwiesen werden. Wir werden sie, soweit dies nicht ausdrücklich verboten wird, fortlaufend in unserem Blatte ausweisen! Die Möglichkeit zu einer Überweisungder Beträge nach Deutschland ist gegeben. Über ihre. Verwendung v,wird genauest Rechnung- ■ig0fe^^erMüTu-'zr-1----'~ -----—--v-- r-'-' Kftrl Marx zu diesem Deutscliland! Die eiserne Hand einer gemieteten Soldateska mag das Proletariat für eine Zeitlang in gewaltsamer Unterdrückung niederhalten. Aber der Kampf muß aber und abermals ausbrechen, in stets wachsender Ausbreitung, und es kann kein Zweifel sein, wer der endliche Sieger sein wird -— die wenigen Aneigner oder die ungeheure arbeitende Majorität. Aus der „Adresse des Generalrats über den Bürgerkrieg in Frankreich 1871." B Poale Zlon-neim In Leipzig polizeilich geschlossen Anfang der Vorwoche würde das Heim' unserer Leipziger Genossen mit einem Besuch der Polizei beehrt und nach einer Durchsuchung geschlossen, nachdem man harmloses sozialistisches und zionistisches Aufklärungsmaterial weggeführt hatte. Einige Tage später wurde nach einer Intervention auf dem Polizeipräsidium die Versiegelung aufgehoben (siehe unseren Brief aus Leipzig). . „Der neue Weg" darf nicht noch Deutschland In der Woche seit dem 6. März sind wir gezwungen gewesen, die Versendung unseres Blattes zunächst an unsere Abonnenten in Thüringen und schließlich an unsere Empfänger" in ganz Deutschland einzustellen. Zahlreiche unserer Genossen haben uns darauf aufmerksam gemacht, daß der Bezug des „Neuen Weg" infolge seiner Haltung zu den Vorgängen in Deutschland die Empfänger in Gefahr bringe. Ein Versuch, die Zeitung im Kuvert zu versenden, ergab kein befriedigendes Resultat, da bekanntlich das Briefgeheimnis aufgehoben ist. Wir haben deshalb mit dieser Nummer die Versendung unserer deutschen Auflage einstellen müsset), um unsere Genossen in Deutschland nicht zu gefährden.