Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 der jüdische Arbeiter 10. März 1933 . Öffnung IVansjordaniens für Jüdische Siedlungsarbeit wirft für uns wichtige und keineswegs leicht zu lösende Probleme auf. In Westpaläistina glauben heute viele — zu früh und zu leicht — die „nationale" Kolonisation durch die kapitalistische Initiative ablösen lassen zu können. In Transjordanien, das heute nipht den Zustand Palästinas von 1918, sondern von 1880 zeigt, ist ganz sicher auf lange Zeit keine Möglichkeit für diese Initiative. Kein „Mittelständler", der sich ein Stückchen Pardeß kaufen oder in Tel Awiw Zimmer vermieten kann, wird sein Geld, in den Boden Transjordaniens versenken. Nur der Keren Hajessod, der Pionier, der Öhaluz, wird den Weg über den Jordan bahnen. Aber er wird diese Aufgabe nur erfüllen können, wenn er auch wirklich stark genug ist. Eigentlich klingt es heute wie Hohn, daß man neue große. Siedlungsgebiete aufschließen will zu einer Zeit, wo der Keren Hajessod nur mit äußerster Mühe seine ständigen Aufgaben erfüllen und die, begonnenen Arbeiten zu Ende führen kann, wo er zum Beispiel den neuen Siedlungen auf dem Boden des Keren . Kajemeth in Wadi Ohawarith, die eine ungeheure Zukunftsbedeutung haben, keinen Piaster zum Budget geben, kann. Wenn ein politischer Erfolg, den zu erhoffen und zu erwarten wir Anlaß haben, auch zu einem realen Erfolg werden soll, wird das am Palästinaaufbau interessierte Judentum auch die geeigneten Mittel herbeischaffen müssen.' jüdische Not ond jüdische Gemeinde Inden brauchen keine Nomine Berlin, 6. März. (J. T. A.) Sozialdemokratische Zeitungen bringen Auszüge aus' einem Geheimschreiben der NSDAP, Gau Groß-Berlin, an die Reichsleitung der Partei in München, in, dem u. a. die „Anregung" gegeben wird: „Über die Gewährung der Nothilfe entscheidet auf Vorsehlag der Gemeinde die zuständige Sektion der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, die die nötigen Erkundigungen einzuziehen hat. Juden, Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen sind grundsätzlich vom Bezüge der Nothilfe ausgeschlossen." Die Nothilfe soll anstelle der bisherigen Versicherung eine individuell gestaltete, den wirtschaftlichen Verhältnissen angepaßte Hilfe, darstellen, die widerruflich ist. Infolge der Wahlen findet die Beratung über das Budget der Wiener Kultusgemeinde für das laufende Jahr mit einer namhaften Verspätung statt. Das -soll wohl berücksichtigt werden, es soll aber festgestellt werden, daß Budgetprovisorien, die sich über den vierten Teil des Jahres erstrecken, unerwünscht sind und nach Möglichkeit vermieden werden sollten. Es ist unzweckmäßig über ein J a h r e s budget zu beraten, von welchem ein Viertel bereits erledigt ist. Diese im alten Vorstande der Kultusgemeinde zum „Brauch" gewordene Gepflogenheit sollte künftighin aufgegeben werden. Wir erwarten vom neuen Finanzreferenten auch, daß er sich mit den alten Mitteln der Fürsorge zur Linderung der furchtbaren jüdischen Not nicht begnügen wird. Wir wollen keinesfalls die Wirkung der Einzelgaben für die Linderung der Notlage unserer Gemeindemitglieder bagatellisieren,' aber sie ist beschränkt und muß in j e d e r B e z i e h u n g Stückwerk. bleiben. Es müssen Wege zu produktiveren Formen sozialer Vorsorge gesucht' und beschritten werden. ]] Hier schwebt uns vor allem die G r ü n d u n g ei n e r Da riehen skasse und die Schaffung eines Arbeitsamtes vor. Es gibt eine große Zahl kleiner jüdischer Existenzen, die durch die Gewährung zinsenfreier Darlehen in geringen Beträgen zu günstigen Bedin-: gungen über Wässer gehalten werden' könnten. Auch bei Berücksichtigung aller Risken, die damit verbunden sind, darf man sich von der Schaffung einer« solchen Institution nicht abhalten lassen, denn sie kann wirksamer werden als die bisherigen Mittel der Fürsorge und kann in einem gewissen Ausmaße das Fürsorgewerk der Kultusgemeinde; entlasten., Wir wjerden, deshalb auf der unverzüglichen Giiündung d}er Dlaarle-henskjas- ' se beharren. Von nicht geringerer Bedeutung für die Linderung der wirtschaftlichen Notlage scheint uns die Schaffung des Arbeitsamtes. Der [ Kampf um unser Recht auf Arbeit! duldet keinen Aufschub. Der Ungeist des Hakenkreuzes, die Bemühungen,v die Juden im Wirtschaftsleben völlig j zu verdrängen, verschärfen die Wir-, kungen der Wirtschaftskrise für die Wien, 7. Mäfz 1933. arbeitende jüdische Bevölkerung unermeßlich. Wir dürfen nicht länger untätig bleiben. Hier handelt es sich nicht darum, den Arbeitssuchenden Unterstützungen zu geben, sondern durch systematische Anstrengungen ihnen Arbeit zu verschaffen und Versuche der Selbsthilfe anzuregen und zu fördern. Wir machen uns keinesfalls Illusionen über das Ausmaß der Wirklingsmöglichkeit einer solchen Aktion in dieser furchtbarsten aller Wirtschaftskrisen, ab!er einem gewissen Prozentsatz der Arbeitssuchenden werden wir bei gehöriger Unterstützung seitens der maßgebenden Faktoren zu einer Arbeit verhelfen und das an ihnen als Juden begangene Unrecht gutmachen können. Das macht auch die Schaffung des Arbeitsamtes zur dringenden Notwendigkeit. Trotz der tristen finanziellen Lage unserer Gemeinde werden die . Geldmittel für diese beiden Gründungen sichergestellt werden müssen,. da wir sonst kein Recht hätten zu behaupten, daß wir ernstlich bemüht sind, die wirtschaftliche Not unserer Brüder zu lindern. Die wirtschaftliche Not der jüdischen Bevölkerung wirkt sich auch in furchtbarer Weise auf die bestehenden jüdischen Erziehungs- und Kulturanstalten aus. Die jüdischen Eltern, die ihre Kinder in jüdische Kindergärten und, :, Schulen schicken, konnten bis jetzt durch ihre Beiträge den Bestand dieser Institutionen zumindest zum Teile sichern. Die fast völlige Zerstörung des jüdischen'Mittelstandes macht es den jüdischen Eltern fast unmöglich, ihre Beiträge für diese Institutionen in demselben Ausmaße zu leisten, sie sind deshalb ernstlich gefährdet. Dasselbe gilt von den Kulturinstitutionen der jüdischen Arbeiterschaft und der Jugend. Die Arbeitslosigkeit nimmt ihnen jede Möglichkeit der Aufbringung eigener Geldmittel, sie sind also mehr als bis jetzt auf die finanzielle Unterstützung der Jüdischen Gemeinde angewiesen. Wir würden die Existenzberechtigung der Jüdischen Gemeinde untergraben, wenn wir nicht imstande wären, angesichts der Gefahren für unsere geistügen Inter eisten, die\ durch die Wirtschaftsnot noch größer geworden sind, das" Erziehungs- und Kulturwerk des jüdischen Wien vor ernster Erschütterung zu bewahren; Noch eine Verpflichtung harrt ihrer ungesäumten Erfüllung, wenn der Wahlausgang vom Dezember 1932 einen Sinn haben und die große Jüdische Gemeinde gegenüber der wichtigsten Erscheinung im jüdischen Leben gerecht sein soll; das ist die Einstellung zu Palästina. In der wirtschaftlich und politisch für uns Juden besonders unerträglichen Lage in fast allen Ländern der Welt bedeutet der bewundernswürdige Fortschritt des Aufbauwerkes in Palästina und der Strom der jüdischen Wanderer dorthin, den einzigen Lichtpunkt. In unserer Jüdischen Gemeinde hat man auch vorher das Palästinaaufbauwerk erfreulicherweise nicht als enge Parteiangelegenheit aufgefaßt. Dem muß aber heuer besonders Nachdruck verliehen werden. Der Palästinas beitrag darf nicht mehr wie bisher von der außerordentlichen Reserve bestritten, er muß vielmehr in das ordentliche Budget aufgenommen werden. Außerdem müssen die bewundernswürdigen Leistungen dter jüldifjehen Arbeiterschaft in Palästina in ausgiebigerem Maße berücksichtigt wer^ den.; Wir wissen wohl, was uns die Neunmalweisen auf diese unsere Forderungen zur Antwort* geben werden: Woher die Geldmittel nehmen? Dürfen wir uns in die Gefahr einer Defizitwirtschaft begeben? Kommen wir hiemit nicht den geheimen und auch öffentlich geäußerten Wünschen der püutokratischen „Union" entgegen, wenn wir mehr ausgeben als wir einnehmen? Auf diese Fragen wollen wir in einem zweiten Aufsatze versucheni, eine Antwort zu geben. M. S. Plscafor Leiter des Moskauer jiddischen staatstlieaters Moskau, 4. März. (J. T. A.). Erwin Piscator, der bekannte Berliner Theaterleiter und Regisseur, ist von der Sowjetregierung zum Leiter und Hauptregisseur des Moskauer Jiddischen Staatstheaters berufen worden. Dieses Theater wurde als »Jiddisches Künstlertheater« von Alexis/ Qranowsky begründet und mehrere Jahre geleitet.4 (Piscator, ein kühner, aber stark umkämpf ter Neuerer in der Bühnenwelt, ist nicht Jude.) Setzungen das Schönste und1 Wertvollste geboten, was die Literatur aller Völker enthält; gerade in der Übersetzungsliteratur spricht sich die Ehrfurcht aus, mit der Übersetzer sowohl wie auch Herausgeber die Sprache ihres Volkes von allem Unechten und! Unschönem reinzuhalten trachten. Eine ganze Reihe von Verlegern wie „Omanuth", „Moriah", „Dwir", „Ophir", auch der Keren Kajemeth haben ein© Fülle von allerwertvollsten Jugendschriften — original hebräische und übersetzte — herausgegeben. Schon die Literatur des Kleinkindes zeugt von einer innigen Beziehung des Volkes zu seinemi Buch; die unordentlich gedruckten, mit karrikaturhaften Illustrationen „geschmückten" hebräischen Bilderbücher und Lesefibelni, die früher in Osteuropa herausgegebein' wurden, sind fast verschwunden, und statt dessen erhält das Kind Erzählungen unserer ersten Schriftsteller mit teilweise entzückenden Bildern in die Hand; einige der letzthin erschienenen Lesefibelm basieren auf den allermodernsten Unterrichtsmethoden, bei denen das Kind! Lesen undl Schreiben1 fast als ein Spiel erlernt. Und1 dann tut sich vor dem Heranwachsenden der ganze Garten der Jugendliteratur aus allen Sprachen auf; denn kleineren Kinde werden neben Erzählungen von Bialik, Fischmann, Steimberg und anderen hebräischen Erzählern die Märchen von Andersen, Hauff und Grimm/ erschlossen, „Alice im Wunderland" undl „Dr. Poojittie", die berühmten englischen Kinderbücher, dann Robinson Crusoe, Münchhausens Erzählungen, die Sagen europäischer, und exotischer Völker, die Sagen der Griechen und Römer, 1001 Nacht; dann Onkel Toms Hütfce, Walter Scott'», Jules Verne's und1 Dickens' Erzählungen, „Der kleine Lord", die Geschichten von Rosegger, Hector Mallot, Sonnleitners „Höhenkinder"', „Kapitän Grant",. „Gullivers Reisen" und alle die lieben Freunde aus unserer Kindheit in Europa. Der heranwachsende Palästinenser aber findet sich in Gesellschaft der höchsten Schätze der Weltliteratur: von der Ilias und denn Gilgamesch zu Werken von Shakespeare, Goethe, Tolstoi, Dostojewsky, Rolland, Gandhi, Schiller. Daneben werden ihmi die Werke "Unserer eigenen Geistesgrößen geboten: Bialik, Tschernichowsky und der ganzen Schar hebräischer Schriftsteller unserer und früherer Generationen. Auch die bedeutendsten Bücher der Weltliteratur, die das Judenschieksal Zum Thema haben «der von berühmten Juden geschrieben wurden: von Flavius Josephus über Uriel Acosta und Disraeli's „Tancred" bis zu Feuehtwangers „Jud Süß". Zur Verbreitung der wertvollen Jugendliteratur tragen auch die in Palästina erscheinenden Jugendzeitschriften bei: „Itonenu", die" sehr geschmackvolle Kinderbeilage der Arbeiterzeitung „Dawar" und die Zeitung der Arbeiterjugend „Bemaalah". Vielleicht ist nie zuvor eine junge Generation mit besserer Literatur aufgewachsen als die der jungen Palästinenser. Auch für die künstlerische Geschmacksbildung des jungen Palästinensers gibt es ganz .besondere Möglichkeiten. Fern von Europa, ist er dem Lebensstrom der Kunst ein wenig entrückt, vielleicht auch widmet man der Entwicklung seines ästhetischen Sinnes nicht so viel Beachtung, daß in ihm eine intensive Sehnsucht nach künstlerischem Genuß und künstlerischem Produzieren erwacht. Was ihm aber'in Schule und Haus -—• durch Reproduktionen — an Kunst geboten wird, sind 'die reifsten Meisterwerke aller Zeiten und Völker. Der jüdische Geschmack scheint es besser ertragen zu können, vier kahle Wände um sich zu haben, als diese Wände mit den fragwürdigen Kunstwerken zu behängen, die man in so vielen europäischen Häusern findet. Ebenso wie vor kitschigen Bildern ' bleibt der junge Palästinenser bewahrt vor unzüchtigen Darstellungen in zweideutigen Büchern und Zeitschriften, wie sie den jungen Europäer gefährden. Illustrationen in hebräischen Büchern sind1 manchmal naiv und etwas grob, aber niemals sentimental und obszön. Das Gleiche — wenige, aber einfache große Linien — findet sich in der Musik, die der junge Palästinenser hört. Es gibt hier keine Singspielhallen und Operetten mit weichlichen oder frechen Schlagern, die von Mund zu. Munde gehen. In den Liebhaberbonzerten, die in palästinensischen Städten veranstaltet werden, wird nur edelste klassische oder beste moderne Musik gespielt. Und ist auch die Ausführung dieser Konzerte nicht von vollendeter Meisterschaft, so wird das ausgeglichen dadurch, daß ab und zu einer der Größten in der Musikwelt — ein Cheifetz oder Hubermann — herkommt und1 Spitzenleistungen bietet. Das höchste Verdienst an der Veredlung des Geschmacks hat aber die großartige Landschaft, die uns un> gibt. So mag vielleicht eine Aufführung der Haydn'schen „Schöpfung", die im Naturtheater auf dem ölberg veranstaltet wurde, technisch noch1 unzulänglich gewesen sein, aber jungen Palästinensern, die diese Musik im Angesicht der nahen Berghänge uridi der ' fernen Felsen von Moab, des Toten Meeres und der Jordanmündung tief unter der wolkenna^en Höhe des Ölberges' hörten, muß' sie' in unvergleichlicher Deutlichkeit das Bild der aus den Urnebein des Tohuwabohu auftauchenden Erde hervorgezaubert haben. Auch die palästinensische Bühne bemüht sich, das Prinzip des „Wenig aber gut" zu wahren. Das palästinensische Kind hat nicht sehr oft Gelegeinheit, ins Theater zu gehen, aber wenn es geht, so sieht es eine der hochkünstlerischen Aufführungen der „Habimah" oder eine aus ernstem und reinem Wollen hervorgegangene Aufführung der Arbeiterbühne „Ohel". Dagegen sieht es weder Sittenstücke noch' Schwanke noch Varietedarbietungen. So ist denn bisher in Palästina eine Jugend aufgewachsen, die fern von Schund und Schmutz einige wenige, aber dafür umso tiefere künstlerische Eindrücke empfing und von der wir erwarten dürfen, daß ihr unverbildeter Geschmack eines Tages in sich selbst die Kraft zu reinen, ursprünglichen Kunstleistungen finden wird. Das einzige, was diese Hoffnung letzthin gefährdet, ist das Eindringen des europäischen und amerikanischen Film®' in unsre Geschmackswelt. Wohl bemühen sich unsere Kinotheater, uns die besten Filme der Welt zu beschaffen, aber die Lücken zwischen den wirklich' guten Filmen müssen sie mit demselben Kitsch füllen, der Europa überschwemmt. Doch schon bilden sich Gruppen von Lehrern und Eltern, die. auf eine strenge Filmaensur nicht nur nach moralischen, sondern auch nach ästhetischen Gesichtspunkten „dringen und die besonders dahin streben, wertvolle und wirklich schöne Kulturfilme ins Land zu bekommen, die den Geschmack einer bisher nur mit bester Geisteskost genährten Jugend unversehrt lassen. Helene Hana Thon (Jerusalem).