Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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- Aleppo 1× ep/1047811
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10. März 1933 DER JÜDISCHE ARBEITER Seite 0 Dr. Hngo Herr mannt Zis und Trans Zwar besteht noch keineswegs Klarheit über die wahre Natur der Verhandlungen über eine jüdische Ansiedlung in Transjordanien, aber nach der. Analogie früherer Fälle, wo es in ähnlicher Weise Dementis und Gegendementis regnete, können wir mit einer gewissen Bestimmtheit annehmen, daß irgendwelche Abmachungen bestehen und sich ein verläßliches Bild der Lage in absehbarer Zeit wird gewinnen lassen. Ich will heute nicht die Geographie und Wirtschaft Transjordaniens behandeln, dieses großenteils fruchtbaren (jedenfalls erheblich fruchtbarer als Zisjordanien), aber sehr schwach bebauten und bewohnten Landes; auch nicht die historische Verknüpfung des Ostjordantaiuies mit dem Volke Israel, von dem sich einzelne Stämme drüben früher festgesetzt haben als diesseits des Jordans; ich möchte versuchen, anzudeuten, warum die Frage jüdischer Kolonisation drüben gerade jetzt aktuell geworden ist und welche Perspektiven sie heute eröffnet. Die beiden Winter auf 1932 und 1933 waren ungewöhnlich regenarm, spdaß der letzte Sommer schon von besonderer Dürre war und der kommende noch schlimmer zu werden verspricht. Weite Gebiete im Orient sind dadurch in schwere Not geraten. Schon im letzten Frühsommer wurde durch diese Not ein Beduinenstamm unter dem Scheich Ibn Rifada von seinen Weideplätzen im Sinaigebiet zu einem Streifzug quer durch den südlichen Zipfel Transjordaniens nach dem Hedschas getrieben, wo ihn allerdings die Miliz des Wahabitenkönigs Ibn Saud sogleich vernichtete, ein im Beduinengebiet alltägliches Ereignis, das von den sensationsgierigen Pressetigern in Jerusalem maßlos aufgebauscht wurde. Notsignale kamen im letzten Winter aus dem nördlichen Syrien (Gebiet von -Aleppo), wo halbbeduinische Stämme ihre Dörfer, in denen. sie verhungerten, verließen und in. die Steppe hinausgingen, wo sie etwas Futter für ihr Vieh zu finden hofften, aus dem nördlichen Irak (zwischen Mosul und Bagdad) und aus Trans jordanien, wo die Weiden so arg verdorrt waren, daß die britische Palästinaverwaltimg für Herden und Hirten den Übertritt auf das westliche Jordanufer mit seiner etwas besseren Steppe freigab. Ganz kürzlich erst kam eine erschütternde Nachricht aus Amman, der Hauptstadt Transjordaniens: Auf Meldungen von auffälligen Ansammlungen wähabitischer Beduinenstämme an der Wüstengrenze (Meldungen, die von den schon erwähnten Pressetigern in Jerusalem zu einer Kriegsdrohung Ibn Sauds gegen Emir Abdallah umgedeutet und flugs so in alle Welt telegraphiert wurden) fanden ausgesandte Gendarmeriepatroiiillen zwar Zeltlager, deren Bewohner aber spurlos in die Wüste hinaus verschwunden waren; in den Zelten aber eine Unmenge von Kindern jeglichen Alters, die von den hungernden Stämmen ausgesetzt worden waren und nun in einigen Lastautoladungen nach Amman gebracht und in Fürsorge genommen wurden. Solche Not zwingt zum Nachdenken über Mittel und Wege der Abhilfe, und es ist kein Wunder, daß dieses Nachdenken gerade in Transjordanien Überlegungen, die längst latent vorhanden waren, an die Oberfläche brachte, Westpalästina hat eine Million Ein- wohner (darunter 200.000 Juden), Transjordanien auf dem doppelten Gebiet 300.000 bis 350.000 Einwohner. Im Jahre 1931 waren die Einnahmen der Regierung in Westpalästina 2% Millionen Pfund, etwas über zwei Pfund pro Kopf der Bevölkerung, die der transjordanischen Regierung 230.000 Pfund, etwa 3A Pfund pro Kopf der Bevölkerung. Palästina blüht, Transjordanien stagniert. Dabei besteht weitgehende Verwaltungseinheit, keine Zollgrenze, kein Paß- und Visumzwang zwischen beiden unmittelbar benachbarten, unter der gleichen britischen Mandatsverwaltung stehenden Ländern, die daliegen wie etwa Mähren und Böhmen. Nur ein wesentlicher Unterschied ist'da: die für Westpälä-* stina geltenden Bestimmungen des B/Icler der Woche EINE JÜDISCHE STADT WÄCHST Tel Awiw wird in den letzten Jahren zu einer richtigen Großstadt, znm finanziellen und kommerziellen Mittelpunkt Palästinas nnd ist dabei Kur-ttnd Badeort, Industriezentrum, Zielpunkt des Touristenverkehrs. Wir zeigen heute: Neubau der Anglo-Palestine-Bank (oben), Hotel San Remo am Strand von Tel Awiw. Mandats ,über die Errichtung eines jüdischen ' nationalen Heims sind in Transjordanien unwirksam, daher gibt es in Westpalästina jüdische Einwanderung, Kolonisation, Kapitaleinfuhr, in Transjordanien nicht. Und da auch die besser entwickelten Länder des Mittleren Ostens,. Ägypten, Syrien und Irak, schwer unter der Weltwirtschaftskrise leiden, Palästina aber. eine Hochkonjunktur hat, gehörte kein besonderer Scharfsinn dazu, um zu erkennen, daß die jüdische Arbeit und der jüdische Aufbau die Ursache dieser Blütte sind, und daß Transjordanien, um vorwärtszukommen, diese jüdische Arbeit einladen mußte, sich auch östlich des Jordans zu betätigen. Es war keineswegs Liebe zu den Juden, die diesen Entschluß reifen ließ. Die erste' Einladung ging von dem wichtigen Scheich Mithgal Pascha der Beni Sachr-Beduinen aus, von dem zufällig soeben ein. aus nächster Nähe geknipstes Porträt veröffentlicht wurde*). Der Anthropologe Clauss -^schildert ihn als einen brutalen, verschlagenen, listenreichen, unaufrichtigen und unverläßlichen Stammes- und Familiendespoten und behauptet, daß Mithgall und seine Beduinen es waren, die 1929 „die galiläischen Städte" (gemeint ist wohl Safed) plünderten. Auch die hedschasischen Scherifiden, die *) L. F. Clausa: Als Beduine unter Beduinen, . Freiburg i. B., 1933. Familie des Emirs Abdstllähj haben sich den Juden gegenüber immer sehr kühl gezeigt. Aber man versteht auch in Arabien, eine Grenze zu ziöhen zwi* sehen Neigungien und Interessen. Und nun kommt die Tragikomödie des Protestes der westjordanischen arabischen Nationalisten gegen die ausschließlich vom Interesse Transjordaniens diktierten Bestrebungen. Unter den Führern der palästinensisch-arabischen Exekutive mag kein einziger sein, der sich durch den jüdischen Aufbau Palästinas direkt bereichert hat; indirekt taten und tun sie es weiterhin alle. Sie müssen einfach Nutznießer der gewaltigen Entwicklung des Landes sein. Vor der britischen Besetzung waren die arabischen Notabelnfamilien Palästinas treue Untertanen des Sultans, der ihnen Ehren, Stellen, Pfründen gab; sie rührten keinen Finger zur Befreiung des arabischen "Volkes. Sie überließen _diese undankbare und vor ' allem gefährliche Aufgabe den Scherifiden und ihren Beduinen, zusammen mit den Engländern. Heute,' wo sie befreit sind, führen sie das große Wort und wollen dem Emir Abdallah erklären, was die arabische Freiheit von ihm verlangt. Den Engländern gegenüber sind sie weitaus nicht so loyal wie den Türken gegenüber; weil sie wissen, daß die Engländer Rebellen und Protestanten sehr sanft zu behandeln pflegen, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze. Sie, die in dem aufblühenden Palästina des von ihnen bekämpften jüdischen nationalen Heimes reich geworden sind und die Annehmlichkeiten zivilisierten Lebtens lieben lernten, sie wollen jetzt, daß ihre transjordanischen Brüder in Armut und Primitivität, ja in Hunger und Elend verharren, um des gemeinsamen Ideals willen. Sie hetzen nach allen Regeln der Kunst. Freilich weiß (der Emir sich zu wehren, und die Meldung über Steinwürfe gegen seinen Wagen in Es Salt war nur ein Phantasiepro-: dukt des jüdisch-faszistischen „Doär Hajom", der natürlich tiefstes Verständnis für seine arabischen Sinriesgenossen hat und gern einen Erfolg der von ihm bekämpften zionistischen Leitung auf,dem Boden des angeblich von ihm so brennend ersehnten Trans jordanien zunichtegemacht sähe. Irrwege unernster Menschen... Wir aber hoffen, daß in absehbarer Zeit dieser Erfolg erreicht sein wird. Aber unsere Freude soll keine leichtfertige und chauvinistische sein. Die Palästinensische Jugend ist heute nach keineinheitlicher Begriff; zwischen dem Arbeiterkinde, daß in einer Kvuzah aufwächst, fern der Stadt, ein Teil der Jugendgemeinschaft, der es angehört; zwischen dem Kinde ehassidischer Eltern, das in einem abgeschlossenen; chassidischen Stadtviertel seine Tage in der trüben Enge des Cheders und der trüben Enge der elterlichen Wohnung mit ihren strengen Religionsgesetzen verbringt; und zwischen dem sephardischen Jungen, der auf den Märkten eine Verdienstmöglichkeit zu erspähen sucht und das Erworbene im Würfelspiel mit dem Gefährten an einer Straßenecke einsetzt — zwischen ihnen liegen noch immer Welten, über die kaum noch Brücken geschlagen wurden. Die außerordentlich große Verschiedenheit der einzelnen s Schultypen verstärkt die Gegensätze: der Unterschied zwischen einer Kolonieschule in Emek Israel, einer Talmud Thorah in der Jerusalemer Altstadt und einer Privatschule für Tel Aviver Bürgerkinder ist so gewaltig, daß aus ihnen durchaus verschiedene Judentypen hervorgehen müssen. Und doch gibt es drei Elemente, welche die jüdische Jugend in Erez Israel verbinden und in ihr eine gemeinsame, höchst charakteristische Individualität ausprägen; diese drei Elemente sind: die heroische, von tausend Erinnerungen belebte und verklärte Landschaft rings um sie her, die hebräische Sprache, und die Bibel, mit deren Vorstellungen und Begriffen sie aufwächst. Die übermenschlichen Dimensionen, in denen die Menschen der Bibel erscheinen, die großen, ungebrochenen Linien, in denen , hier die Schicksale, Gedanken und Empfindungen verlaufen, geben dem Geschmack , der jungen Palästinenser für immer eine . Richtung zum Wahren und Großen, lehren : ihn von vornherein, die größten Maßstäbe , an die Erscheinungen der Welt zu legen. Wohl wachsen auch in Osteuropa Tausend'e jüdischer Kinder von ihren ersten Lebensjahren ab mit. der Bibel auf, aber dort ist ihnen die Welt dieses Buches eine ferne, in Zeit und Raum entrückte Fabelwelt. Der : junge Palästinenser dagegen lebt mit den kaum veränderten Bergen, Tälern und Flüssen, den nur wenig veränderten Dörfern biblischer Zeit, und die Klarheit und Größe der Landschaft und der aus ihr erwachsenen Überlieferung muß seinem Geschmack für immer die Richtung geben. Zu den Lebenserscheinungen, die das Bibelstudium dem jungen Palästinenser frühzeitig erschließt, gehört die Beziehung der Geschlechter zu einander; es ist sicherlich von höchster Bedeutung, daß diese Seite des Lebens dem jüdischen Kind zuerst in der urmenschlichen Auffassung der Bibel eröffnet wird: als eine Naturgewalt mit ihren eigenen Gesetzen, jenseits von Gut und Böse, die. nicht durch scheues und heimliches Herumstöbern ergründet werden kann. Ebenso ist es für den jungen Palästinenser sicherlich von entscheidender Wichtigkeit, daß die Sprache, in' der die Begebenheiten der Bibel erzählt werden, in der die biblischen Menschen zueinander sprechen, seine eigene, die hebräische Sprache ist. Alles was ferner dem palästinensischen Kinde zur Ausbildung «eines Geistes geboten wird, steht ein wenig unter der Wirkung dieser elementaren Werte. Es gibt heute schoo eine große hebräische Kind'er- und Jugendliteratur, die teils aus Originalwerken, teils aus Übersetzungen besteht. Bei einem Überblick über, diese Literatur nun will es dem Betrachter scheinen,-daß, niemals eine Jugend mit kostbarerem Geistesgut aufgewachsen ist als die hebräische Jugend in Erez Israel. Sicherlich sind unter den hebräischen Original werken nicht lauter Meistorwerke der Jugendliteratur; aber es istr unter den vielen Werken, von denen ein großer Teil seinen Stoff aus der jüdischen Volksgeschichte schöpft, kaum ein einziges, das ohne jeglichen Wert wäre. Von der Pseudoliteratur, die sich mit vergiftendem Hauch an unsere Jugend in Europa herandrängt, bleibt der junge Palästinenser bewahrt: keine läppischen Kleinkindorbücher, keine blutrünstigen Indianer- und Detektivgeschichten, keine zucken süßen und tränenreichen, Backfischn>- mane. Und später, im Alter der beginnenden Sinnlichkeit, keine Kolportage, keine oberflächlichen und lüsternen. Omnibusromane, keine mit bewußtem Zynismus die Sinnlichkeit kitzelnde Schmutzliteratur. (Ein oder zwei Ausnahmen, der lüsterne Roman eines jüdischen Mädchens in einem christlichen Kloster und eine Detektivgeschichte in Fortsetzungen, die letzthin von geschäftstüchtigen Leuten in Umlauf gebracht wurden, fanden wenig Anklang.) Der junge Palästinenser bleibt auch bewahrt vor den sensationell zurechtgemachten und mit allen Detaüs ausgeführten Presseberichten über Morde, Liebestragödien, unnatürliche Beziehungen, die europäische Kinder alltäglich in der Zeitung finden; die palästinensische Presse ist zwar in der politischen Polemik nicht immer zurückhaltend und geschmackvoll, hält sich aber von erotischer Neugier und Zwei* deutigkeit fern. Dafür wird ihm in hebräischen Über»