Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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3. Mär* 1933 BEB JÜDISCHE ARBEITER Seite 5 A Vorbereitungen zu den deutschen Wahlen. Der Sozialdemokratische Parteiauss chuß. hielt am 8. Februar in Berlin eine Tagung ab. Die ihm erstatteten Berichte zeugten übereinstimmend von der Kampfentschlossenheit in allen Bezirken der Partei. Vom einfachen Mitglied bis zum bekanntesten Funktionär steht die Gesamtpartei zum entscheidenden Kampfe bereit. Der Parteiausschuß beschloß einmütig, für den Reichstag die bisherige R e i c h s 1 i s t e, die von dem Parteivörsitzenden Otto Wels geführt wird, sowie für den' Preußischen Landtag die bisherige Landesliste, geführt vom Ministerpräsident Otto Braun, wieder aufzustellen. Um bei den bevorstehenden Wahlen keine republikanischen Stimmen verlorengehen zu lassen, stimmte der Parteiausischuß der U i s t e n! v/ e r b i n - düng, mit der Staatspartei bei den Wahlen zum Reichstag und zum Preußischen Landtag zu. Es handelt sich dabei um einen rein technischen Vorgang, jede Partei bleibt politisch völlig frei. A Große Werbeaktion der amerikanischen Sozialisten. Die Sozialistische Partei der Vereinigten Staaten hat einen Vierjahresplan der Organisation und Bildungsarbeit aufgestellt, um auf Grund der bei den letzten Präsidentschaftswahlen erzielten sozialistischen Stimmen eine starke Parteiorganisation aufzubauen. Der. Vierjahresplan teilt jedem Mitglied und jeder Zweigorganisation eine bestimmte Aufgabe und damit eine bestimmte Verantwortung zu. Für die Jahre 1933, 1934, 1935 und 1936 sind Ziele in der Verteilung von Literatur, der Werbung neuer Mitglieder, der Veranstaltung von Propagandakundgebungen und Studienklassen, der Herstellung engerer Beziehungen zu Gewerkschaften, befreundeten und bäuerlichen Genossenschaften durch Redner oder Literatur vorgesehen. So sollen 1933 10.000 neue Mitglieder gewonnen werden, 20.000 im darauffolgenden Jahre, 40.000 im Jahre 1935 und 80.000 im Jahre 1936. A Parteitage. Der Parteiausschuß der D e u t s c h! e n Sozialdemokratie hat am 8. Februar, gemäß einem Antrag des Parteivorstandes, beschlossen, den für den 12. März in Aussicht genommenen Parteitag um 14 Tage auf den 26. März zu verschieben. Tagungsort bleibt Frankfurt a./M. Für den 12. März sind bekanntlich die preußischen Kommunalwahlen angesetzt. — Der Generalrat der Belgischen Arbeiterpartei hat am 8. Februar beschlossen, den Parteitag, der für Ostern in Aussicht genommen war, auf den 27. Mai zu verschieben. Der Kongreß wird die Aufgabe haben, sich mit der Tagesordnung der Internationalen Sozialistischen Konferenz auseinanderzusetzen, deren Einberufung grundsätzlich von der Exekutive der S. A. I. beschlossen wurde. A Die Zerstörung der . Sozialversicherung in Polen. Die polnische Regierung ist daran, unter dem Titel einer „Zulsammtenfassung" der Sozialversicherung ihre Aufhebung durchzuführen. Die Parlamentsfraktionen der linksoppositionellen Parteien nehmen gegen diese Absicht aufs schärfste Stellung. In der Sitzung der Sejmkommission für Soziale Fürsorge am 1. Februar gab namens der Fraktion der Sozialistischen Partei Polens Abgeordneter Th. Reger eine längere Erklärung ab, die die wirklichen Absichten, die die Regierung mit dieser angeblichen „Zusammenfassung" der Sozialversicherung verfolgt, kennzeichnet. Die Vertreter der Arbeiter- und Bauernparteien nahmen zum Protest an _ der Abstimmung in der Sejmkommission nicht teil, Prag Verahstaltungskalender : 4. März: Purim-Karnev&l in allen Räumen des Cafe Aschermatra. 8. März: Gdud KKL.: Josef-Trumpeldor-Feier. 20 Uhr. Großer Saal d. Beth Haamw 11. März: OrtekomaniiSsion KKL.: Purim- Feier, 20 Uhr. Größer Saal d. Beth Haam. 16. März: KKL. Ortskommission: Vortrag ins. Pfister: Kraftquellen in Palästina. 25. März bis 3. April: Früfijahrsbazar des KKL. 1. Aoril Unterhandlungsabend der Poale Zion. Wintergarten des Kaffee Asciiermann. Unsere Marx-Feier. Im überfüllten Wintergarten des Kaffee Aschetmann fand am 22. Feber die von der Ortsgruppe der Poale Zion und der zion.^so>z. Jugend veranstaltete Feier zum 50. Todestag von Karl Marx statt. Die Feier wurde durch den Chor des Tcheleth Lavan mit' der Techsaknah eröffnet. Dann sprach Gen. Abg. Ing. Jaromir N e 5 a s von der tschechischen Partei. Er drückte seine Befriedigung darüber aus, daß ea ihm möglich sei, ,im Kreise jüdischer iSozialisten zu sprechen für die er großes Interesse habe. Neöas gab sodann ein Bild der geschichtlichen Entwicklung, die zu einer Erscheinung wie Marx geführt habe, dessen Bedeutung für das Wcltproletariat er in einer ausgezeichneten Analyse umreißt. Die Aufgabe der Anhänger dieses Revolutionärs sei dem Proletariat, seine Lage ins Bewußtsein zu rufen und die klassenlose Gesellschaft zu errichten. Miit einem Apell zu gemeinsamer Arbeit alle'r Sozialdemokraten ohne Unterschied der Nation schloß die glänzende Rede. Fach einem Sprechchor und sozialistischen Gesängen des Tcheleth Lavan nahm Gen. Karl Liebstein das Wort und führte aus, Marx seü kein Theoretiker und reiner Wissenschaftler gewesen. Die Bourgeoisie habe bald begriffe«, wie wichtig es sei. Abwehrkräfte 7,u organisieren. Marx fand1' die bürgerlichen Ideen, die seiner Zeit als revolutionär galten, zii eng und hat sein und das Bewußtsein der arbeitenden Klasse revolutioniert. Wir sind stolz, daß er Jude ist und daß wir auch nach Jesus noch der Welt einen großen Geist geschenkt haben. Zum Schluß sprach Liebstein über Borochows Analyse des jüdischen Problems. Die konsequente Anwendung der marxistischen Auffassung auf die jüdische Gesamtsitiuation führe zum Arbeiterwerk in Palästina. Abschließend rezitierte Gen. Arthur Heller Borochows .Terrorist und Wächter", Gedichte von Kästner und eigene Werke. Die Feier, die mit der Aibsingung der Internationale in hebräischer Sprache geschlossen wurde hinterließ bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck. ' % BANK- U. VERSICHERUNGSINSTITUT ng. J. REISSENZAHN u. Co. PEAHA II, 2itnä 27. Tel. 26477 HypotheJcarJcredite, Wechselu. Personalkredite, Lehensu. Elementarversicherung. — Realitäten al •teilung: Kauf, Verkauf und Umtausch von Realitäten aller Art. Besonders günstige Darlehen an Stints- und öffentliche Angestellte, Brünn Voransiattungskaiender: 5. März: Makkabi-Jubiläumsakademie, Stadion, unter Protektorat der Jüdischen Gemeinde. . 8. März: Konstit. Vers, des Spolek zid. medikü a veterianü Kgm. 18. März: 20 Uhr große Pur im- Akademie der Poale Zion! K1 e i n e r . D o p z s a a 1. 19. März: 15 Uhr Kinderpurimfest des Tcheleth Lavan, Sohubertbundsaal. Zur Aufklärung! Im Anschluß an den Bericht Über die Generalversammlung des Israelitischen Knaben,- freitischvereines hat sich die »Jüdische Volksstimime" prompt einen „Anfrager" bestellt, um in gewohnter Weise der Poale Zion in, einer Angelegenheit, die mit Politik aber schon gar nichts zu tun hat, eins am Zeug zu flicken". Wenn die Antwort an den anonymen Anfrager schon von "einer Besudlung öffentlicher Funktionäre spricht, hätte er wahrheitsgetreu auch die gleichzeitigen Vorwürfe gegen andere Personen, welche in der Jüdischen Fürsorge tätig sind, und die auch auf Diebstahl in eleganter Form lauten, anführen' müssen. Das hat der Antwortgeber wohlweislich1 nicht getan, weil es sich ihm gar nicht um die Sache selbst handelte, sondern darum, den Freitisch dafür zur Verantwortung zu ziehen, daß er seine Hilfe allen Personen'zuwendet und sicli auf eine Untersuchung-ihrer. Zugehörigkeit zu einer oder der anderen Weltanschauung nicht einlassen will. Diese Ansicht ist nicht allein die des gemeinten poalc-zionistischen Genossen, sondern sie ist die Ansicht des gesamten Ausschusses. w. Der Freitisch hat noch niemand wegen seiner Zugehörigkeit zu einer politischen Riohtung das Mittagsessen verweigert und wird dies insolange nicht tun, als keine . Betätigung dieser Weltanschauung in den Räumlichkeiten des Freitischvereines nachgewiesen wird. Der Antwortgeber ist offenbar unter dem Eindruck einer scharfmacherischen Rede irgendeiner klerikal eingestellten Person gestanden, von der er wohl auch seine Informationen erhielt. Es kann nicht wundernehmen, daß die Redaktion selbst sioh über die Debatte . nicht ein besseres Urteil machen konnte und sich von einseitig eingestellten Menschen Rat holen muß. Aber ganz besonders zu verwundern ist es, daß die Redaktion sehr schnell die Polizei anrufen will, um ja nur bald die ausländischen Studenten abzuschieben. Die Redaktion sollte in dieser Beziehung etwas vorsichtiger sein; man kann niemals wissen, wo die Ausweisung von Ausländern dann Halt macht. Es gibt auch unter anderen Berufszweigen, wie der genannten Zeitung bekannt sein sollte, Ausländer und ein jüdisches Blatt soll die Polizei nicht auffordern, die doch so gern ihre Ausweisungstätigkeit ausübt. ' Daß es dann schwer ist, auch Unschuldige, die von der Ausweisung betroffen wurden, zu retten und ihnen den weiteren Aufenthalt möglich zu machen, wird wohl die Redaktion der ,. Jüdischen Volksstimme" aus eigener Erfahrung am besten wissen. Das Anrufen der Polizei ist wohl das letzte und ungeeignetste Mittel, Menschen von ihrer Welt- C. V. Liebste deutsche Staatsbürger jüdi-: sehen Glaubens -^- während Hitler Reichskanzler ist, veranstaltet Üw Aufklärungsverv Sammlungen für die „christliehen Volksgenossen"! Ihr könnt Euch, wie man sieht, noch immer lächerlicher machen, als ihr schon seid, Ihr werdet auch noch mal Hitler einladen, zu einem kontradiktorischen Abend zu kommen, — wenn er soweit sein wird, an seine antisej mitischen Phrasen vergessen zu haben und. nur noch um seinen Karizlerstuhl zittern. Kauft Euch irgendwo Rückgrat. Selbst eine kleine Portion ist besser als nichts. Zionistische Organisation, Brünn. Eine MaskenberätungssteUe für den Purimball habt Ihr eingerichtet? Eine Berufiberatungsstelle wäre wichtiger! Ihr gebt vor, Sorge um die. Jugend zu haben und Euch mit ihr zu beschäftigen. Um die Jugend? Um die .Jeunesse doree"! ' Ortsgruppe Brünn. Du schreibst uns: „Zum humoristischen Leitartikel mit der Überschrift „Vor der Spaltung der csl. Poale-Zion". der in: der „Jüdischen Volksstimme" erschienen ist .und dessen unsachliche Angaben vollkommen ,erlpgen und erdichtet sind, nehmen wir selbstyerständlich keine weitere Stellung." Damit tut Ihr sehr recht. Dieses Blättchen hat letztens den Ehrgeiz, in den Fußstapfen eines „Völkischen Beobachters" zu wandeln. Da'es für nichts zu wirken hat, gefällt es sich in übelsten Vernaderungen und , Verdrehungen. Auch wir haben, obwohl der „Neue Weg" dort drüben jede Woche aktuell ist, noch nie reagiert. Das ist nichts, womit man sich auseinandersetzen kann. anschauung zu bekehren. Es bietet wohl keinen angenehmen und erfreulichen Anblick, wenn, wie es in den letzten Tagen geschehen ist, vier ausländische jüdische Studenten von der Polizei festgestellt wurden, von de-, nen noch nicht festgestellt werden kann, ob sie sich in irgendwelcher Weise vergangen haben. Aber die Tatsache der Abführung allein genügt und dies sollte sich , die Redaktion der „Jüdischen Volksstimme" gesagt sein lassen. Die Poale-Zipn hat sich den Kommunisten, nicht angebiedert aber sie wird sich niemals dazu hergeben, Menschen ihrer Weltanschauung wegen zu vernadern und ins Unglück zu stürzen. Eine solche Tätigkeit überlassen wir gerne jenen,, die sich dazu berufen und verpflichtet fühlen. Purim-Akademie der Poale Zion. Am Samstag den 18. d. M. findet, wie bereits mitgeteilt, unsere Purim-Akademie im kleinen Dooz- Saale statt. Die entsprechenden Komites sind bereits zusammengetreten und erstklassige Kunstkräfte haben ihre Mitwirkung zugesagt. Nach den Vorträgen ist Tanz; Tombola, Bridgestube, Palästinazelt, Konditorei etc. werden ebenfalls vorhanden sein, so daß für Alles vorgesorgt ist und jedermann bei uns einige vergnügte Stunden wird verleben können. Marx und die jOngere Generation Vortrag Max Adlers Seit langem wieder zum erstenmal konnte man den Wiener Ideologen und Führer der Marxistischen Studiengemeinschaft, den Gen. Max Adler in Brünn hören. Sein Vortrag vermittelte . in überaus leicht faßlicher Art die Auseinandersetzung einerseits mit denen, die Marx und seine Lehre als unzeitgemäß und veraltet betrachten, andererseits mit Anschauungen, die Sozialismus und Kultur als polare Gegensätze ansehen. Der reformistische Teil der Sozialdemokratie hat die Parole des Umlernens und der Abkehr vom orthodoxen Marxismus verlautbart. Er stellte fest, daß statt konsequenten Klassenkampfs des Proletariats eine Milderung der Klassengesetze eingesetzt hat und daher eine Zusammenarbeit des Proletariats mit dem Bürgertum möglich ist. Daher faßte er den Staat nicht mehr als Herrschaftsorganisation auf, sondern als Mittel, um auf dem Boden der Volksrepublik dem Proletariat zu seinem Recht zu verhelfen. Er lehnte auch die soziale Revolution als Mittel zur Erreichung der Diktatur des Proletariats ab und akzeptierte die gegebene gesellschaftliche Entwicklung auf demokratischer Grundlage, die seiner Ansicht nach zur Mehrheitsbildung auf soz.-dem. Seite führen müsse. Diese ideelle Abwendung von der Lehre Marx' hatte ihre Voraussetzungen in der ökonomischen Entwicklung der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die große Konjunkturphase, von der imperialistischen Wirtschaftstendenz der Großstaaten hervorgerufen und unterstützt, hatte Prosperität der Wirtschaft und Besserung der Arbeitsbedingungen zur Folge. Der Arbeiter dachte, daß es ihm so lange gut gehen werde, so lange es der heimischen Wirtschaft gut gehe, und deshalb müsse er sie stützen. Er bedachte nicht, daß imperialistische Wirtschaftstendenzen zum Zusammenstoß der Mächte auf dem Weltmarkt und letzten Endes zum Weltkrieg führen müssen. .,Der Arbeiter hat kein Vaterland." sagt Marx richtig im kommunistischen Manifest und es war falsch, den Feind im Klassengenosseh des fremden Landes zu suchen. So führte die. Schwäche der Massen (nicht, vielleicht der „Verrat der Führer," wie die Kommunisten sagen) zur Abirrung von Marx' Lehre. Die ökonomische Solidarisierung des Proletariates mit dem Bürgertum der Vorkriegsperiode, die zum Zerfall der Internationale bei Beginn des Krieges führte, wurde nach dem Kriege durch eine andere Lehre ersetzt, die wiederum eine Schwächung der Arbeiterschaft zur Folge hatte. Man stellte damals fest, daß sich durch die Schaffung von demokratischen Volksrepubliken das Wesen des Staates, wie ihn Marx und Engels gesehen hatten, geändert hätte. Man strebte nach Durchdringung der Staatsgewalt durch das Proletariat und nach Neuorientierung seiner Politik; man wollte bei den Massen Staatsgesinnung und Verantwortungsbewußtsein für den Staat wecken. Das war ein ganz anderes politisches Ziel, als das Marx und Engels dem Proletariat setzten, nämlich: Diktatur des Proletariats und Eroberung der Macht im Staat. Da durch die wirtschaftliche Entwicklung in gleicher Weise städtisches, ländliches und intellektuelles Proletariat geschaffen wurde, soll das Bewußtsein dieser Proletarisierung den Massen beigebracht und damit die Mehrheit des Volksganzen für eine Diktatur des Proletariats gewonnen werden. Die heutige Entwicklung in Deutschland kann die Sozialdemokratie, die „mit Diktatur des Proletariats nichts zu tun haben und mit dem Stimmzettel die Macht erobern wollte", belehren, was man tun müsse, wenn einem dieser Stimmzettel aus der Hand geschlagen wird. Mit glänzenden Beispielen belegte Adler das -wahre Gesicht der Republiken, die im Vergleich zu den Monarchien wohl eine Veränderung, aber nur eine Änderung der Fassade und nicht der Grundlage des kapitalistischen Staatsgebildes erfahren haben. Diese Grundlage war früher und ist auch heute das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Und damit hat auch Marx wieder recht behalten, der diese Entwicklung nicht vielleicht vorausgesagt, sondern in der historischen Entwicklung des englischen und französischen Staats beobachtet hat. Ebenso klar war eine Analyse der wirtschaftlichen und insbesondere der technischen Entwicklung mit ihrer Rationalisierung, der kolossalen Arbeitslosigkeit, die sie zur Folge hatte, und der Feststellung', daß eine Krise zeitweilig kleiner werden kann, später aber um so stärker zum Ausdruck kommt. — Das Proletariat ist zu einem Machtfaktor geworden, dessen Kräfte heute noch schlummern. Das hat das Bürgertum erkannt dessen Tendenzen heute nach einer Diktatur über das Proletariat gehen. Es tritt in die letzte Phase seiner Existenz. Um so bedauerlicher ist die Abkehr von der marxistischen Lehre in der Sozialdemokratie, von deren revisionistischen Argumenten allerdings heu-. te wenig gehört wird, weil gerade die Geschichte uns heute lehrt, daß deren Gegenteil richtigist.. -. Und noch in anderer Hinsieht wird die Marxsche Lehre mißverstanden, wenn man von ihr als Lehre des Klassenkampfes aussagt, daß dort, wo Kampf und Streit ist, keine Kultur sein kann und daß damit der Sozialismus seinen Kulturboden verliert. Die utopischen Sozialisten (Saint-Simon, Cabet u. a.) sahen als Kräfte' der Umgestaltung die Moral, die Brüderlichkeit, durch Predigten der Menschheit mitgeteilt, an. Utopische Sozialisten heißen sie nicht etwa, weil —• wie der Bürger gerne denkt — jeder Sozialismus Utopie ist, sondern weil sie noch nicht die Erkenntnis von der Kraft des Proletariats und des Klassenkampfes hatten. Das Verdienst Marx' und Engels' war es, daß sie auf wissenschaftliche Weise bewiesen, daßdie Brüderlichkeit und das Moralpredigen die Lage der unterdrückten Schichten nicht bessern werde, sondern allein die Klässensolidarität und der Kampf um das Recht, um eine Idee. .Das ist der wahre Charakter des Klassenkampfes, den man fälschlicherweise immer mit dem Aufreißen des Pflasters und dem Barrikadenbau verbindet. Aber auch dafür müßte sich das Proletariat nicht schämen, denn wäre der Absolutismus zu Fall gekommen, könnte das Bürgertum auf seine Kulturellen und geistigen Freiheiten zurückblicken, wenn es sie nicht auf den Barrikaden erkämpft hätte? Hat es sie vielleicht -vom Adel von der Geistlichkeit oder vom König selbst zum Geschenk erhalten? Und ebenso ist jeder Klassenkampf auf der Seite der Unterdrückten ein idealistischer. In den Bauernkriegen trugen sie das Evangelium und die 12 Gesetze vor dem Heerzug und das Bürgertum schrieb sich die Losung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf sein Panier. Dem Proletariat geht es um die Beseitigung der wirtschaftlichen Gegensätze. Der Kampf gegen Unterdrückung, um volle Gleichberechtigung des Proletariats, für eine Besserung der Zukunft der gesamten Menschheit und um ihre Solidarität — er verleiht 'das Gefühl der unbedingten Sieghaftigkeit des Sozialismus und seiner Gedankenwelt. Marx gereicht es zu hoher Ehre, der Schöpfer dieser Wissenschaft von der Besserung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu sein.' Und gerade die junge Generation hat die Aufgabe durch Vertiefung in seine Schrif* ten und die Geschichte seine Lehre und ihre Verwirklichung zum Gemeingut'der Menschheit zu machen. Skulo Bergmann.