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Der Jüdische Arbeiter · 1933-02-24 · Heft 8 (24.2.1933) · page 4

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 8 (24.2.1933)
Date
1933-02-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DER JTÜÖISCffi ÄKBEiTlSß 24. mmät im vosität der ersten Stunden ist vorüber; in gehobener Stimmung, in freundschaftlichem Einverstäridnis geht die Konferenz ihrem Ende zu. Die neue Exekutive mit QefL Dr. Silberstein an der Spitze wird mit stürmischem Beifall begrüßt. Zum Schluß ertönen die Klänge unserer Nationalhymne und der »Internationale«. Das große Werk der Vereinigung ist getan. Die jüdischen Massen Polens erwarten, daß die neugeschaffene Einheit treu und selbstlos ihre Aufgaben erfüllen wird. T. Bienenstock. Amd^füdUcknytcU § 50.000 Juden Wiens auf Öffentliche Hilfe angewiesen. Das FürsoTgeamt der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde erläßt einen Aufruf für die Auffüllung des völlig erschöpftem Hilfsfonds der, Gemeinde für jüdische Notleidende. Etwa 50.000 Wiener Juden, mehr als der vierte Teil der Wiener Judenheit, leidet Not und ist auf öffentliche jüdische Hülfe angewiesen. Einem solchen Massenelend sei die Wiener Judenheit bisher niemals ausgesetzt gewesen. § Jüdischer Ingenieur baut schnellstes Flugzeug Europas. Der jüdische Ingenieur Neumann, Professor für Flugzeugbau an dem Charkower Fluginstitiit, hat einen neuartigen siebenmotorigen Aeroplan konstruiert, der die Strecke von Charkow nach Moskau in zwei Stunden 50 Minuten zurückgelegt hat, also 260 km in der Stunde geflogen ist. Es ist somit das schnellste Flugzeug in Europa und das zweitschnellste in der Welt. Neumann hofft,, die- Schnelligkeit noch zu erhöhen. Seine Konstruktion findet stärkstes In-, teresse in Luftfahrenkreisen der ganzen Welt. § Schaffung einer belgisch-jüdischen Koloniei in Palästina. Die Keren Kajemeth-Kommissiöii für belgische Juden hat die mit dem 18. Februar beginnende jüdische Woche als Keren Kajemeth-Woche proklamiert, in deren Verlauf in fast allen größeren Orten Belgiens Werbeveranstaltungen für den Keren Kajemeth stattfinden werden. Ziel der Aktion ist die Aufbringung der Fonds zum Ankauf von Boden für die; Kolonie „Kfar Jbnah" in Palästina zur Erinnerung an den verstorbenen Führer der belgischen Zionisten Jean (Jonäh) Fischer. § Katastrophale Not unter jüd. Studierenden Warschaus. Eine Illustration'für die Verarmung der jüdischen Bevölkerung Polens ist die Tatsache, daß sogar die Mehrheit derjenigen jüdischen Studierenden, denen es gelungen ist, in die Universität aufgenommen zu Werden, nicht in der Läge ist, die Hochschulgebühren zu zahlen und deshalb zu den Examina nicht zugelassen wird; Die jüdischen akademischen Verbände: intervenierten zugunsten dieser Zurückgewiesenen bei den Rektoraten und dem Volksbildungsministeriümf bisher aber ohne jeden Erfolg. Hunderte jüdische Studierende in Warschau hungern buchstäblich und oft kömmt es vor, daß jüdische junge Leute während der Vorlesungen und Übungen vor Erschöpfung durch Hunger zusammenbrechen. Die Studenten- Darlehenskasse ist nicht mehr in der Lage, die an sie gestellten Ansprüche zu erfüllen. Dr. n. Holtmann (Prag): * Die Zukunft des Der Bankrott des Privatkapitalismus in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise?hat vielfach zum Einbau Staatskapitalistischer Elemente in die Volkswirtschaft geführt. Die Gesellschaft kann der „reinigenden" Wirkung der Krise nicht mehr freien Lauf lassen, denn zu viel Existenzen hängen an jedem Großbetrieb. Das gilt in erhöhtem Maße für d?e Großbanken, die Zentren der modernen Wirtschaft. So mußte in den beiden letzten Jahren vielfach der Staat die Haftung fiir Großbanken übernehmen oder diese gar verstaatlichen. Solche Erscheinungen sahen wir in Österreich, Deutschland, Italien, Rumänien und Schweden. Damit gewinnt der Staat eine ungeheure Macht; über das Wirtschaftsleben. In Deutschland führte die Bankenverstaatlichung j weiter zur Verstaatlichung eines der, größten Industrieunternehmen. In der ■ Krise versagte ferner die bisherige bürgerliche Handels- und Zollpolitik. Immer mehr ringt sich die Auffassung durch,, daß die Wirtschaftsbeziehungen zwi-',. sehen den Ländern organisiert werden müssen; man erwägt die Schaffung von A,uß e alhand e 1 s mon opo 1 en. All' das nennt man Staatskapitalismus. Der Staatskapitalismus bürgerlicher Regierungen bedeutet keineswegs Sozialismus. Er kann höchstens insofern eine Vorstufe zum Sozialismus sein, als er organisatorische Einrichtungen schafft, die vom Proletariat nach seiner Machtübernah-/ me als Instrument, einer sozialistischen! Wirtschaftspolitik benützt werden kön-, nen. Aber an sich bedeutet er eher den ' polaren Gegensatz zum Sozialismus. Er beseitigt nicht die inneren Widersprüche des Kapitalismus, die aus dessen Verteilungssystem hervorgehen; erb eseitigt darum auch die Ärb e i tslo sigk e it und den Kampf. um den Arbeitsplatz nicht. Was ergibt sich daraus für die ökonomische Situation der Juden im Staatsj kapitalismus? Wir sagten, * daß der. Kampf um den Arbeitsplatz bestehen^ bleibt, ja verschärft wird. Aber nirgends: gewinnt dieser Kampf so sehr eine po-; litische Form, wie in der Staatswirtschaft, Darum fürchtet das P r oletariat der nationalen Minderheiten überall die Verstaatlichung. So hat z. B. die deutsche Sozialdemokratie der Tscheeho- . Slowakei gegen, die Verstaatlichung des Bergbaus Stellung genommen, weil diese zur Verdrängung des deutschen Arbeiters Westjudentums führen würde. Der Staatskapitalismus setzt bei Berufszweigen ein, die für die Juden nicht unwichtig sind. Er beginnt bei den Banken, deren Angestellte zum großen Teil Juden sind, welche als erste unter dem Abbau zu leiden haben. Die Handelsmonopole treffen die Juden außerordentlich hart. Wir sehen also: öffentliche Wirtschaft ist für die Juden so lange gefährlich, als sie nicht die gesamte Wirtschaftsordnung umwälzt, als? sie nicht mit der kapitalistischen Verteilung auch die Arbeitslosigkeit und den Kampf um den Arbeitsplatz beseitigt Die Rezepte, die den Westjuden gegen diese Entwicklung gegeben werden, sind von recht zweilfelhaftem Wert. Kaplun-Kogan meint, die hervorragende jüdische Unternehmerfähigkeit werde sich schon wieder durchsetzen. ■Diese Auffassung ist doppelt falsch. Erstens'ist nicht daran zu denken, daß der Privatunternehmer jemals wieder die gleiche Bedeutung erlangen könnte, die er im vorigen Jahrhundert besessen hat. Zweitens aber haben die Westjuden ihre .Unternehmerfähigkeit zu einem großen Teile schon eingebüßt. Sie sind aus dem Handel in das Beamtentum und die freien Berufe geflüchtet und haben weder Lust noch Fähigkeit zu besonderer kapitalistischer Initiative. Noch unsinniger ist die Empfehlung, die Juden mögen in die Kleinstädte zurückwandern, dadurch werde die Assimilation erleichtert. Als wären sie nur aus Vergnügungssucht nach der Großstadt gezogen, als wartete das Pro vi uzbürgertum nur auf ein Zurückfluteri der Juden! So bleibt noch die P r o d uk t i v i erung, Auch dieser Weg ist schwer und bedeutet keine volle Lösung. Vielfach verbindet man mit dem Gedanken drr Produktivierung aus einer gewissen romantischen Haltung, den - Gedanken der Rückkehr zur Landwirtschaft. J üdische Kolonisation in Weste u r opa in g r ößerem M a ß st a b ist aber eine utopische Vorst e 1 lu ng. Die Siedlung erfordert große Summen; daß der Staat,"der den allgemeinen starken Drang zur Siedlung nicht zu befriedigen vermag, für die Ansiedlung von landwirtschaftlich nicht vorbereiteten Juden keine Mittel bereitstellen wird, ist klar. Aus jüdischen Mitteln kann und soll man Lehrfarmen für Chaluzim und sonstige Auswanderer gründen, aber das ist keine wtschaftspolitische Maßnahme für breitere Massen. Größere Bedeutimg hat die techni- § Die Öl-Röhrenleitung nach Haifa. Auf eine Anfrage von Captain Peter MaeDonald (kons.) im Unterhaus erklärte der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister? er wisse nicht, wann die Ölleitungen nach Haifa und Beirut in Betrieb genommen werden würden. In dem zwischen der Irak-Regierung und der Irak-Petroleum-Gesellschaft am 24. März 1931 getroffenen Abkommen ist vorgesehen, daß beide Leitungen am 31. Dezember 1935 fertiggestellt sein müssen, und daß — wenn nicht beide gleichzeitig in Betrieb genommen .werden können — die nach Haifa {führende Pipe Line jedenfalls . nicht später als 6 Monate nach Inbetrieb-, nähme der Leitung in Beirut in Betrieb' (genommen werden müsse. § Jüdische Tragödie in Eisleben. .„Vorwärts" meldet ' aus EisJeben. daß dort der jüdische Kaufmann Helft von 3 SA-Leuteu; überfallen; und schrecklich zugerichtet wurde. . Bio Täter s'md bekannt, und der Polizei namhaft gemacht worden. Eine Vetrbaftuing ist nicht erfolgt. Dagegen wird der schwervor- ' letzte Kaufmann von der Polizei heftig bo- , drängt, weil am Tatort sein — ,Spaaierstoük geifundon wurde. sehe Ausbildung, vor allem die Ausbildung qualifizierter Handwerker. Der größte Teil des jüdischen Mittelstandes ist noch in der Lage, seinen Kindern eine gute handwerkliche Ausbildung zu ermöglichen. Die jüdische Wohlfahrtspflege müßte diese Bestrebungen unterstützen und Kredithilfe gewähren. Allerdings bedeutet, auch das keine Massenlösung. Dennoch ist die Situation der West juden eine weit günstigere als die der Ostjuden. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns die Frage nach ihrem Schicksal nach der sozialistischen Revolution vorlegen. In Osteuropa wird die sozialistische Umwälzung die ökonomische Funktion eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung überflüssig machen. Der Prozeß ihrer Umschichtung wird schwer und langwierig »ein, sehr viele werden die Übergangszeit nicht überdauern. Je gewaltsamer die Revolution, desto schmerzlicher wird dieser Prozeß sein. In Westeuropa kann der Sozialismus die ökonomische Juden frage leicht lösen, denn die Einordnung von einem Prozent der Bevölkerung bietet keine unüberwindlichen Schwierigkeiten. Es ist sogar anzunehmen, daß ein großer Teil der westjüdischen Kaufleutc und Angestellten, weil sie nicht wie die Ost-, juden rückständige Wirtschaftsfunktionen verkörpern, von Anfang an im Distributionsapparat der sozialistischen Gesellschaft Beschäftigung finden wird. Dies wird um so mehr der Fall sein, je früher die Sozialisierung eintritt, je weniger AVestjudeft also aus dem Wirtschaftszentrum verdrängt sein werden. Darum hat auch der westjüdische Mittelstand ein unmittelbares Interesse nn der Stärkung der sozialistischen Bewegung. Das wird auch immer mehr be: griffen, allerdings noch vielfach damit motiviert, daß die Sozialdemokratie der einzige wahre Hüter der Demokratie ■und Gleichberechtigung ist. Noch wichtiger aber als der demokratisch-politische ist für die West juden der soziale stisch-ökonomisehe Charakter der Arbeiterbewegung. Im Westen kann die Judennot, die hier , erst vom Spätkapitalismus erzeugt wurde, und vom Staatskapitalismus ver- . größert wird, vom Sozialismus rolativ leicht gelöst werden. Wird dann die Assimilation erfolgen, werden die. West juden als Sondergruppe aufhören zu existieren? In der sozialistischen Gesellschaft werden auch schwache nationale Minoritäten ihre Eigenart bewahren können, wenn sie einen Zusammenhang mit einem kräftig entwickelten Hauptstamm' ihres Volkes besitzen werden. Die Frage nach der Weiterexisfceriz des Westjudentums wird nicht in Westeuropa, entschieden werden, ihre Entscheidung hängt von dem' ökonomischen und politischen Schicksal der Juden in den Ländern ihrer Massensiedlung ab. Doch damit gelangen wir zu einem Problem, das den Rahmen dieses Artikels überschreiten würde. MASS-ANZlJGfE nach neueston Modellen verfertigt billigst MAX WEITZMANN, Kou£va'io/n Jüdischer Mtiropmender Die Jüdische Tetegraphenagentur bringt die etwas phantastisch klingende Nachricht, ein karpathorussischer Jude namens Wachmann Kahan aus Bustino habe den Plan ausgearbeitet, einen jüdischen Sender in der Tschechoslowakei aufzustellen, der für eine jüdische und auch nichtjiidische Zuhörerschaft in den europäischen Staaten Wissen um Juden und Judentum verbreiten soll. Es heißt dann weiter: Als Sendematerial kommen in Frage jüdische Nachrichten, Vorträge über Jaden ' und Judentum, jüdische Musik, Gottesdienste, Feiern u. ä. m. Die Ausgaben des Senders sollen gedeckt werden aus Subventionen der Radio-Industrie (wofür sich jüdische Hörer verpflichten, ihren Bedarf bei dieser Industrie zu decken), aas Entschädigungen seitens anderer Sender für übernommenes Material usw. Herr Kahan versichert, daß sein Plan sowohl in den Kreisen der Funkindustrie als auch in jüdischen Kreisen lebhaftem Interesse begegnet ist. Daß ein solches Projekt lebhaftes Interesse findet, kann möglich sein, daß es Aussicht auf Verwirklichung hat, ist höchst unwahrscheinlich. Wer die Dinge in der Tschechoslowakei kennt, weiß, daß es kaum möglich wäre, unter den bestehenden Verhältnissen und nationalen Spannungen die Einführung einer jüdischen Stunde im staatlichen Rundfunk durchzusetzen. Die jüdische Minderheit hätte auf eine solche jüdische Sendung zwar Anspruch, aber sie hat ihn bisher nicht geltend gemacht und politischen Stellen schien diese Forderung nicht wichtig oder aussichtsreich genug, öbzwar es sicher ist, daß ein bedeutender Teil aller Radiohörer und Käufer von1 Rundfunkgeräten Juden sind — weit mehr, als dem jüdischen Bevölkerungs-; mteil entspräche. Begründet wäre dieser Anspruch also. Und die - jüdischsozialistische Bewegung hätte das größte Interesse an einer solchen Institution; gibt es doch hier die' Möglichkeit, ein Instrument zur breitesten politischen und sozialen Aufklärung zu schaffen. Wenn aber schon die Erhebung dieser Forderung unterblieb, weil wenig Aussicht auf Erfolg vorhanden war (draußen im Ausland und in der Tschechoslowakei selbst kennt jeder die Schwierigkeiten, die die Deutschen im nationalistischen Prag mit ihrer Sendung durchzumachen haben — und ihrer gibt es ja schließlich doch einige Millionen) wird es dann möglich sein, in Europäischem zu tätigen? Der Versuch, diesen Vorschlag zu verwirklichen, hat Gefährliches in sich. Zu Unrecht wird die Tschechoslowakei heute im Ausland als die Insel der jüdischen Seligkeit angesehen. Die Dinge liegen nicht so rosig, wie sie sich spiegeln. Relativ geht alles gut — aber die hunderttausend hungernden Juden in Karpathoraßland und der Slowakei, die Verdrängung des jüdischen Elements aus der Wirtschaft, der latente Antisemitismus sprechen eine deutliche Sprache und zeigen die Linie kommender Entwicklungen. Der tschechosl. Außenpropaganda kann so ein Sende-Plan gelegen kommen — die Wirklichkeit aber fälscht er. Noch gibt dieser Staat fair play, die Abneigung der Tschechen gegen die Juden hat noch Urbane Formen — wie lange ■ aber? War es gestern nicht in Deutschland ähnlich? Und heute? — Herrn Kahan (den wir nicht kennen) geht es vielleicht um die Industrie, bei der jüdische ' Hörer verpflichtet sein sollen, ihren Bedarf zu decken; vielleicht auch glaubt er an den Wert seines Projekts. Däs aber kann so lange nicht in Angriff genommen werden, als es nicht möglich sein wird, eine jüdische Stunde im staatlichen Rundfunk durchzusetzen, die für die Tschechoslowakei bestimmt ist. Die Vereinigten Staaten von Europa sind noch weit entfernt — in dieser Rundfunkfrage liegen sie hinter einem dichten Nebel nationaler Intoleranz und einem aus Elend und Hunger geborenen Chauvinismus verborgen. kb.

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