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Der Jüdische Arbeiter · 1933-02-24 · Heft 8 (24.2.1933) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
10 (1933)
Issue
Heft 8 (24.2.1933)
Date
1933-02-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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24 Februar 1933 DER JÜDISCHE . ARBEITER Seite 3 äui dem n€«cn wen Bilder der Woche Lwow, 10. Feber 1933. Mit gemischten Gefühlen beträten die aus allen Ecken , des Lähdens eirigetröffe- . nert Delegierten die geräumigen Säle des Hotel de l'Europe, in denen die Vereinigungskonferenz der zionistischen Arbeitspartei »Hitachduth« und der jüdischen Arbeiterpartei »Poale-Zion« Östgäliziens stattfinden sollte. Erst vor einigen Stunden wurde die 10. Landeskonferenz der »Hitachduth« geschlossen und noch klingen die scharfen Vorwürfe und kritischen Einwendungen der Gegner des »Ichud« in den Ohren, mit denen alte und treue Chawerim des Verrates höchster Parteiideale beschuldigt wurden. Der aussichtslose Kampf der »letzten Mohikaner« der Opposition hat das Seinige getan, um den Hitachduthdelegierten die genügend schwere Bürde der Verantwortung noch schwerer zu gestalten. Sind sie selbst doch verschiedener Zweifel und Bedenken nicht bar. Man bedenke: Die »Poale-Zion« manifestiert auf Schritt und Tritt stolz ihre Vorliebe für die jiddische Sprache, bekämpft Hebräisch, stellt sich dem Postulat der vereinigten jüdischen Front entgegen und ist dabei als die schwächste zionistische Partei in Ostgalizien bekannt. Nicht minder kritisch ist die Haltung1 der poäleziohistischen Delegierten. Sie befürchten eine Entfernung der vereinigten Partei vom Sozialismus durch massenhaftes Eindringen kleinbürgerlicher Elemente. Auch die S'prachenfrage, noch nicjjt endgültig gelöst, bietet schweren Besorgnissen Platz. Diese wenig erfreulichen Erwägungen werden durch den Klang der Präsidentenglocke unterbrochen. Fahnenlos die Tribüne, auf der Honoratioren. Gäste und beide Exekutiven Platz genommen haben. Noch ist das Mißtrauen beiderseits zu stärk, um die heikle Frage der Flaggen auf werf en zu ■ können. Auch beim Dekorieren der Wände mit den Porträts prominenter zionistischer und sozialistischer Führer mußte' das Organisationskomitee seine Reifeprüfung bestehen. Glücklicherweise ist auch dieses Problem zur allgemeinen Befriedigung gelöst:. Oben der herrliche Kopf Herzls, unten in einer Reihe;Borochow, Gordon und andere, Karl'Marx in der Mitte. So wird das alte " Quadrumvirat die Richtlinien der neugegründeten Partei bestimmen. Zur Begrüßung der Gäste und-Delegierten ergreift Genosse Dr. K. Schwarz das Wort. Bei anderen Gelegenheiten witzreich, spottlustig, »Glanzredner«" der Hitachduth, ist er heute ernst und gemessen.. Seine wohldurchdachte Rede muß sowohl der: Kritik, der eigenen Parteichawerim wie auch der der Poale- Zu den Ereignissen um TransJordanien: Ansicht-von Es Salt, der zweitgrößten Stadt Transjordaniens. Links unten: Emir Abdallah von Transjordanien. — Rechts nnten: Eingang zur Moschee in Amman, der ^Hauptstadt des Landes. ZüMv-Delegation standhalten. Die größte Vorsicht ist also nötig, ohne Zwischenfall diese Klippen der Meinungsverschiedenheiten zu durchschiffen. Der Redner fühlt «ich nicht recht wohl in der neuen Rolle des unversöhnlichen Klassenkämpfers und orthodoxen Sozialisten. Er spricht leise, fast ohne Betonung. Der Saal bleibt stumm, — aufmerksam, aber beileibe nicht ergriffen. Auf der Tribüne erscheint der bekannte Führer der Poale-Zion Ing. Anselm Reiss. Wie Sturmgeläute ertönen die allbekannten Parolen, die dem internationalen Sozialismus den Weg zum Sieg, zur ^Macht ebneten. Auch das Aufbauwerk des jüdischen Staates muß im Sinne der sozialistischen, Ideen geführt werden. Es bestehen gleiche Wege um. Endziel, hier wie in Palästina. In schwungvollen Worten wird die Zukunftsarbeit beider vereinigten Parteien gemalt, dem Redner wird! herzlicher Beifall der lauschenden Zuhörerschaft. ' Die größte^ Sensation der Konferenz bildet die Begrüßungsrede des Vertreters der polnischen sozial-demokratischen Partei, Red. Skalak. Er überbringt die Wünsche des polnischen Proletariats . , und fordert die jüdische Arbeitermassen, auf, die einheitliche Front zur Bekämpfung des Faschismus und der Reaktion zu stärken und zu stützen. Der Redner Jiebt die Verdienste der palästinensischen Arbeiterschaft hervor und gibt seiner Bewunderung und Achtung für ihre Errungenschaften Ausdruck. Das ist der erste, kampflose Sieg der neuen Partei. Denn Gen. Skalak spricht ja im Namen derselben Partei, die in einer engen Bundesbruderschaft mit der österreichischen Sozialdemokratie sich keine Gelegenheit entgehen ließ, unseren Vertreten in der II. Internationale ihre Aufgabe zu erschweren. Jahrelang wollte sie von einem zionistischen Sozialismus nichts wissen. Manchmal, unter dem Druck der Zustände in Pdten, schloß man wohl hier und dort einen Wahlblock mit der »Poale-Zion« oder der »Hitachduth«: Par lästina aber blieb immer »Tabu«, eine Utopie, eine nichtswürdige Machenschaft des britischen Imperialismus. Nun wurde dieser enge und parteiische Standpunkt einer Revision unterzogen. Nicht minder herzlich ist das Auftreten der Vorsitzenden des allgemeinen Gewerkschaftsbundes und der ukrainischen radikal-sozialistischen Partei. Diese offenen Huldigungsworte der Repräsentanten der polnischen und ukrainischen Arbeitermassen tragen viel zur Hebung der Stimmung bei. Es folgen Begrüßungen auf Begrüßungen. Zionistische Organisationen, Institutionen, Fonds, Jugendverbände,. ... spät bei Nacht ist die feier-' liehe Eröffnungssitzung zu Ende, — das Eis ist gebrochen. Der nächste Tag ist schwerer, ermüdender Arbeit gewidmet. Referate im Plenum, Diskussion, heftige Kämpfe in den Kpmmissionsstyzungen, Abstimmungen, kurz das übliche Bild einer Parteikonferenz,. Trotzdem ..kann.', dem scharfen Beobachter eine spezifische, gewohnheitswidrige Note nicht entgehen. Es fehlt zwar nicht an Konflikten. Aber guter Wille des rEinanderyerstehens beseelt alle Delegierten: Man diskutiert, nicht» nebeneinander, sondern miteinander. Der Prozeß des Zusammenwirkens fordert einen aufrichtigen, offenen Gedankenaustausch, damit die Vehemenz des später zu führenden Kampfes durch keine inneren;Zwistigkeiten beeinträchtigt wird. Das ist gut so. Nur auf diese Weise macht man sich von vielen Vorurteilen frei, die noch reinige Tage zuvor. dogmatische Kraft besäßen, rEs zeigt sich, daß die Ghawerim der Hitachduth mehr »asözialistisch« als »antisozialistisch« und die Mitglieder der »Poale-Zion« eher projiddisch als antihebräisch gesinnt /sind; Der Weg zu Aufklärung und gegenseitigem Einfluß ist gebahnt. Die i'Ner- Film der Woche Dem Zadik, dem Grossen, einen Masltow In der Gurkenzeit greift die bürgerliche Presse jede Sensation auf, um dem gelangweilten und ver gähnten Spießer etwas auftischen zu können, heute aber, in der ernsten schweren Zeit, befaßt sie sich nur mit sehr aktuellen Dingen, welche das tägliche Leben eines jeden Bürgers einschneidend beinflussen. Als so etwas scheint von dieser Presse auch die bevorstehende Hochzeit am Hofe des Rebben von Munkacs aufgefaßt zu werden. Eine Hochzeit am Hofe jenes traurig berühmten »Cherem-Er zeugers«, der über Tausende von Hungerleidern herrscht und dafür sorgt, daß ihre letzten Groschen sich in »Pidjanim« verwandeln. Zwar übertreiben die national und politisch verschieden gegliederten Zeitungsschmöcke in ihren Berichten nicht wenig, um zu beweisen, wie gut sie sich im Kochkessel des Wunderrabbi auskennen, indem sie Dinge erzählen, von denen es einem »sudetendeutschen Manne« oder einem Leser des »Vecerni Ceske slovo« garnicht träumen konnte. Wie gesagt, vieles ist übertrieben und das ist nicht das Schlimmste, sehr vieles aber ist leider wahr und das ist traurig, denn das verdankt der Rebbe nicht der Gunst des ihm so eng befreundeten Gottes, sondern der Gunst verschiedener politischer Parteien und merkwürdigerweise gerade solcher, die sonst nicht judenfreundlich sind, denn alle hoffen sie, daß der göttliche Mann ihnen doch einmal das Judentum in Karpathenrußland verkaufen wird. So kann dieser Vampir am jüdischen Volkskörper weiter saugen und alle seine Brutalitäten am Tage der Versöhnung vor Gott selbst austragen, während es vor den Ämtern seine politischen Freunde besorgen. - Wir wissen nicht, wer dem »Vecerni Ceske slovo« vom 14.1 II. den Artikel gab, der drei volle Spalten füllte. War es ein jüdischer Goj oder . ein gojischer Jud, der seinen Schmus durch Illustrationen versinnbildlichte? Jedenfalls verstand er es, den ungebildeten Leser dieser Zeitung darin zu bekräftigen, daß die karpathorussischen Juden lauter Millionäre sind und bei jeder passenden Gelegenheit ihrem Rebbe diese Millionen, sei es ihre eigenen, sei es jene der Kultusgemeinde in Munkacs, zur Verfügung stellen. Daß selbst die Kultusgemeinde Munkacs bereits so verwirtschaftet ist, daß sie nicht einmal ISO Kronen bezahlen kann und daß das Judentum iti Podkarpatskd Rus zu 90% proletarisiert ist, scheint für diesen Bericht unwichtig. Wir finden es nicht uninteressant, wenn eine sich sozialistisch nennende Zeitung ihren Lesern einmal ein Bild zeigen will, wie im 20. Jahrhundert in einer ^demokratischen Republik noch ein Stück Mittelalter sich erhalten hat und unter Denkmalschutz einzelner demokratischrepublikanisch - gewerblicher Parteien steht. Uns fehlen jedoch die Schlüsse, die eine sozialistische Zeitung daraus zuziehen Verpflichtet wäre. Sie sagt ihren Lesern nicht, was sie als große politische'Partei zu tun gedenkt, um abzuhelfen. Ebenso verschweigt sie ihren Lesern, daß die Poale Zion gemeinsam mit dem modernen Judentum den heftigsten Kampf gegen diesen Golem der Finsternis führt, das dortige jüdische Proletariat aufge-, klärt und klassenbewußt organisiert. Daß dort hebräische moderne Schulen errichtet wurden; — davon darf, man aber nicht sprechen, denn es könnte irgend einem einfältigen Arbeiter einfallen, zu fragen: Wie stellt Ihr Euch dazu? Unterstützt Ihr die Forderungen dieser Schulen? Nein, müßten die Brüder antworten, denn uns jst der Rebbe und der fanatische Jude als Stimmvieh lieber als der selbstbewußte jüdische Proletarier. Es liegt ein Stück jüdischer Tragik und nationaler Ohnmacht in so einer Feierlichkeit, an der sich nicht nur jene jüdischen Kxilis von Munkacs bis Frankfurt a.\M. in aufrichtiger Verehrung, sondern auch die Spitzen der csl Behörden in falscher Ehrfurcht beteiligen werden, trotzdem es sich um den beider jüdischen Minorität dieses Landes best gehaßten Mann handelt, der es allerdings glänzend versteht, nicht nur die Dummheit seiner letzten Anhänger entsprechend auszunützen, sondern auch die Presse seiner Reklame dienstbar zu machen. Umgeben von maßlosem Elend, Hunger und Entbehrung, scheut sich dieser »Schtiach Zibur« nicht die jüdischen und nichtjüdischen Massen* durch Orgien aufzureizen, bei denen Schnaps und Wein in Strömen fließen wird. Der Präsident der Republik hat alle Empfänge abgesagt, weil sie ihm nicht zeitgemäß schienen -— vom dem Gottesdiener aus Munkacs aber sagt das »Vecerni Ceske slovo« voraus, die Hochzeit und »die Hochzeitsfestlichkeiten werden eine Woche, 14 Tage oder länger dauern. Die ganze, Zeit über werden die Gäste essen bekommen.« (An das zu Trinken hat der informierte Schreiber vergessen.) Drei Wochen werden Leute, die vielleicht ihren letzten Polster, oder sonst einen Gegenstand der Häuslichkeit versetzten oder verkauften, um sich beim 'Rebbe entsprechend zu »präsentieren«, herumlungern und diesem gottesfürchtigen Manne wird es gewiß nicht einfallen, sie zu, fragen, wovon ihre Weiber und Kinder in der Zeit eigentlich leben. Er selbst wird sie mit »Schiraim« und rebbischer Torah stopfen, bis sie die Tasche zwingen wird,, diese Stelle der »Geleersamkeit« zu verlassen. Zwingt uns nicht so ein Anlaß, alle Kräfte daranzusetzen, auch diesen Augiasstall einmal, gegen himmlische und weltliche Gewalten, zu reinigen? j. r.

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