Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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■I Februar 1933 DER JÜDISCHE ARBEITER Seite & Die polnische nmic Bilder der Woche ■ f\Tf\n imnnttnm V f\**Ckor\/\i\Aar\tart \ 1 " 1 \ ■ . ............ ...... ...... .......________^_____„,_^.^^.^„i^. (Von unserem Korrespondenten.) Lemlferff, 29.' Jänner 1933. Jahraus» jahrein, zu festgesetzten Zeitpunkten, wiederholen sich in Polen antisemitische Unruhen. Gewisse politische Faktoren betrachten diese gottesfürchti£e Aktion als Aufpeitschmittel der Massen gegen die Regierung, als einzige Garantie des Aufrechterhalten nationalen und bürgerlichen „Seibätgefühls". Eine Gelegenheit findet sich leicht, da der Grund belanglos ist. Gestern war es der Kampf um den „Numerus clausus" an den Hochschulen, heute — die Ermordung eines polnischen Studenten durch Verdächtige Individuen aus der jüdi-, sehen Gasse, morgen und übermorgen — die Trauerkundgebung und der Gottesdienst für das Seelenheil des umgebrachten „Opfers". Eine passende Gelegenheit, um dem verhaßten Juden zu Leibe zu gehen, bietet sich immer. — Die letzten Gewalttaten; in Lemberg haben die große Gefahr des wachsenden und immer mehr an Kraft zunehmenden Antisemitismus zutage gebracht. Diesmal waren es schon keine Akademikerplänkeleien^ mehr, bei denen auch Blut fließen•'.kann, sondern sachkundig org a ni s i erte Ü b>erf ä 11 e, die nur dank dem Zusammentreffen vieler Umstände in'keinen regelrechten Pogrom ausarteten." — Über sechs Wochen sind seit diesen Gespenstertagen der Lemberger Judengemeinde verflossen, die entflammten Leidenschaften'sind schon'zur Ruhe gekommen, es herrscht leidlicher Friede. Die Zeit ist also gekommen, die Bilanz der letzten Vorfälle und die'Folgerungen für'die nächste Zukunft zu ziehen. — Wer ist der eigentliche Initiator und die heimliche Triebkraft des polnischen Antisemitismus? Die national-demokratische Partei, welche durch Pilsudskis Maiumsturz für sehr lange Zeit in den Schatten der politischen Arena zurückgedrängt würder ohne darum ihre Machtaspirationen aufzugeben, da sie ja angeblich als einzige Erbin des gegenwärtigen Regimes zur Übernahme der Herrschaft prädestiniert ist, sucht auf Kosten der jüdischen Bevölkerung sich den Weg zu den höchsten Kegierungsposten im Lande zu bahnen. Diese Bestrebungen werden , von den maßgebenden Kreisen der römischkatholischen Kirche tätig unterstützt; Die Rolle des Klerus hat man bisher leider bagatelisiert.. Die Lemberger Ereignisse haben sie ins rechte Licht gesetzt. Die ungemein herzliche Teilnahme der Lemberger Erzbischöfe , an dem Schicksal der Anstifter,- Regisseure und Vollführer der antisemitischen Greueltaten^ die festliche,Audienz der aus dem Gefängnis rasch entlassenen Hochschüler in dem erzbischöflichen Palais läßt keinen Zweifel über die tatsächlich Verantwortlichen an der Lemberger Pogromhetze aufkommen. Diesmal hat die Kirche ihr wahres Antlitz enthüllt. „Für Gott und Vaterland"— hieß die Parole. Während der Klerus auf diese Weise die zerstreuten und desorganisierten Getreuen unter seine Fittiche zu vereinigen suchte, wollten die Nationaldemokraten ihre .Wähler in ununterbrochener „ideeller" Gärung erhalten. — Und die Stellung der Regierung? Statt unverzüglich die nötigen Maßnahmen zu - ergreif en, statt ihre in anderen Fällen praktizierte „Stärke" (BrestTLitowsk) zu erweisen? : beginnt der Lemberger Polizeidirektor mit den Exzedenten zu unterhandeln, läßt Ströme kalten Wassers auf d;e erhitzten Köpfe niederrieseln, verhaftet jeden sich wehrenden Juden und läßt von Zeit zu Zeit Angreifer und Angegriffene mit Gummiknüppel bearbeiten. Der Lemberger Woiwode, in steter telephonischer Verbindung mit dem Minister des Innern, verhindert energische Schritte seitens der Ortsbehörden und empfiehlt der Pressezensur, ihres Amtes zu walten. Wohl sind ihm diese Ausschreitungen, angesichts der ausländischen öffentlichen Meinung sehr unbequem, aber diese glaubt er durch nichtssagende Deklarationen und Interviews leicht beschwichtigen zu können. Einer faschistischen Regierung sind antisemitische Exzesse ja ein gutes Betäubungsmittel für Arbeitslose, sie entziehen die Gemüter den brennenden Sorgen um das ungewisse Morgen. Überdies erlaubt ihr die politische Berech- "t r -. Nahttm Sökoloio, Präsident der Zionistischen Weltorganisation, feierte am 29. Janner seinen 73. Geburtstag. — Unser Bild zeigt die neueste Aufnahme: Sokolow vor Antritt einer politischen Keise. Der Ofeanisatlonssekretär der Londoner Exekutive. Dr. Lauterbach (links), überbringt im lotzen Augenblick vrichtigo Schriftstücke. JRentitifftQn SCHREIBMASCHINEN Preis: ab 1650*— 12 verschiedene Modelle für alle Zweckö: Tragbar — geräuschlos — Standard. REMINGfON Schreibu. Rechenmaschinen Ges. m. b. FT.,. Brünn Saizomtsgasse 54. Pi UIW« Anrui ss.180. 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Während jüdisches Blut die Gassen bespritzte, während Frauen und Greise straflos mit" mit Messern versehenen Stöcken bearbeitet wurden,, während hunderte wild gewordene Hochschüler auf einen wehrlosen Juden Jagd veranstalteten, erschienen an den Stadtmauern Beruhigungsaufrufe privater und öffentlicher Organisationen, die aber nur auf den Widerhall im Auslande und die Gefahr des Kommunismus hinwiesen. Kein Mensch in Polen, geschweige denn eine Öffentlichkeit, fand sich, um offen und mutig die Bürgerrechte der Juden, die ihnen durch die Konstitution zugesichert wurden, zu verteidigen. Wahrheitsgemäß muß auch hervorgehoben werden, daß selbst die sozialdemokratische Pärtei Po1ens (P. P.S.) in diesen traurigen Tagen keine klare Stellung einzunehmen wagte. Die gesunde öffentliche ' Meinung, das Parteiprogramm, der Gerechtigkeitssinn, — all' das unterwarf sich der frechen Straßendiktatur. Der gemeine Selbsterhaltungstrieb triumphierte auf der ganzen Linie. — Traurig sind also die Aussichten des polnischen Judentums für die nächste Zukunft. Entrechtet und vereinsamt stehen wir da, ohne in der Stunde der Gefahr auf Hilfe rechnen zu können. Das allweltliche. Judentum muß die weiteren Ereignisse in Polen darum aufmerksam beobachten, um im geeigneten Moment mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln intervenieren zu können. Denn nur gestützt auf die ^energische Haltung der jüdischen Gesamtheit kann es der jüdischen Bevölkerung Polens gelingen» kommende, vielleicht tragische Ereigr nisse zu überstehen. Dr. T. Bienensto o.k.. Robert Guttmann — Ritter von Nassau Genosse Dr. Arthur H eil er hat im Verlag der „Litevna" in Prag ein Buch über Robert Guttmann erscheinen lassen, den wandernden Maler mit der grünen Schärpe, den unentbehrlichen Schmuck aller jüdischen Konferenzen von Rang, den beharrlichen Sammler von Autographen zionistischer Führer, erstaunter Dorfbürgermeister und anderer Prominenzen. Heller gibt eine Analyse der Persönlichkeit Guttmanns auf Grund der Kretschmerschen Charakterkunde; es ist eine fast lessing sehe „Rettung" des vielfach verspotteten, bis aufs Blut gehänselten Originals, dem weder eine gewisse Kunstbegabung abgesprochen werden kann, noch die Fähigkeit, sich kraftvoll für die eigene Überzeugung einzusetzen. Damals, als GuttmannJnSchattenhofen in Österreich geboren wurde, war er das sechste oder siebente Kind unter 12, in einer begüterten Familie, die sich mit öl- und Seifenerzeugung, Wein* und Likörexport befaßte., Seine Tante mütterlicherseits ist diel Gattin des Adolf Uppmann, Ritter von Nassau, dessen Prädikat auch auf d<ie Agnaten überging, sodaß Guttmann, wie er stofe erzählt, das Recht gehabt hätte, es zu führen-^wäre nicht die Republik dazwischen gekommen. Die Verwandten der Mutter sind musikbegäbt. Einer ist Kobi Fischer, der Rektor der Wiener Musikakademie, einer Paul Fischer, Mitglied des Rosequartetts, und ein Bruder der Mutter schließlich Adolf Fischer, Oberkantor in Wien. Guttmann selbst berichtet über seine Kinderjahre, ,die tschechische Volksschule, den Jüdisch-Unterricht beim Kreisrabbineri den brutalen Antisemitismus, den die Kinder in die Schule brachten' und der nicht selten in Prügeleien und Beschimpfungen ausartete. So bekam er schließlich Privatunterricht, ehe er in die Realschule in Budweis eintrat. 1895 kommt er nach Prag, findet bald in jüdisches Milieu (die Erziehung des Hauses war streng religiös — der Vater ein guter Jude, wenn er auch jeder nationalen Regung "fremd gegenüberstand) und ein JaM später, nachdem er Herzls „Judenstaat" gelesen hat, ist er zionistisch tätig, hört im „Cafe' Continental" am Graben Vorträge in einem Klub, aus dem später die bekannte „Bar Kochba" erwächst. 1897 geht Guttmann zum erstem Mal zu Fuß nach Basel — zum Zionistenkongreß. Er ist im Elternhause ein fleißiger Reiter gewesen und reichlich trainiert für lange Märsche. Er schreibt darüber: „Es war ein Taumelmarsch, eim Extase', Ich war damals 17 Jahre alt, der Marsch dauerte 14^/2 Wochen; etwas Geld hatte ich bei mir, außerdem verkaufte ich selbstgemalte Ansichtskarten, meist Karrikäluren, in denen ich mich selbst verulkte." Seither ist Guttmann auf jedem Kongreß gewesen, in Erfüllung jenes Gelübdes, das er sich damals in Basel ablegte, im Angesicht Herzls, Mandelstamms/ Nordaus, Schapiras, „allen zum Trotz und niemandem zum Schaden oder Nützen dem Zionismus und dein Judentum treu zu bleiben und .ihm alles zu opf ern". Nur einmal, 1898, kam er nicht, weil sein Vater gestorben war. Sonst , aber — 1899 in Basel, 1900 in London und seither bei jedem Zionistenkongreß, später auch bei anderen großen jüdischen Konferenzen und bei allen wichtigen Tagungen in Österreich und dann in der Tschechoslowakei, taucht Guttmann äuf^' und in, sei* nem berühmten. Buch, daß die Bestätigungen seiner Retseh, und Audienzen bei gewichtigen Persönlichkeiten ^enthält, häuft. sich Bild an Bild, Unterschrift an VnierscHrift,. buntes Ornament an noch buntere Allegorie rätselhafter Jteiseerleb' nisse — leider, wie er sagt, datiert das Buch erst seit 1903. ~- Er sei gezwungen gewesen, es anzulegen. Die Prager hatten seine Erzählungen für Aufschneiderei