Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1933)
- Date
- 1933-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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27, Jänner 193& DER JÜDISCHE ARBEITER Di*. leo öoldhammer: Zahlenmystik Eine Erwiderung an Ernst Davis .De? palästinensische Korrespondent reichsdeutscher Zeitungen Ernst D avi s, ein sonst talentierter und gescheiter Journalist,, ist unter die Propheten gegangen. Seine „eingehende" Beschäftigung mit der Bevölkerungsbewegung in Palästina bringt nämlich Davis dazu in einem in „Die Neue Welt" vom 30. XII. 1932 und 6. I. 1933 publizierten Artikel „Die verfehlte Einwanderungspölitik in Palästina" den prophetischen Kassandraruf erschallen zu lassen, den er übrigens für originell und erstmalig ansieht: „Die letzte Volkszählung lehrt, daß wir niemals die Mehrheit in Palästina erreichen werden, wenn es so weiter geht." Dem gewiegten Journalisten Davis ist offenbar entgangen, daß nach dem deutschen Scherzwort wer in sozialen Dingen prophezeien will, zunächst alle gegebenen Umstände sorgfältigst berücksichtigen, sodann sehr scharf seine Schlüsse ziehen und schließlich immer das Gegenteil von dem annehmen muß, was sich bei dieser Art des Vorganges ergibt. Denn Davis begnügt sich mit der Untersuchung eines Teiles der gegebenen Umstände, die er dazu noch ohne die erforderlicher Sorgfalt behandelt, und läßt dafür eine Reihe von wichtigen Tatsachen gänzlich außeracht. Seine revisionistische Einstellung zum zionistischen Problem und die mit derselben verbundene förmliche Anbetung der schon morgen zu erlangenden Majorität in Palästina nimmt ihm jede Möglichkeit, die Schlüsse aus den gegebenen Umständen mit der notwendigen logischen Schärfe und Unvoreingenommenheit zu ziehen. Schließlich fehlt ihm die zum Amt des Propheten erforderliche Weisheit, um als zu erwartende Zukunft das Gegenteil von dem anzunehmen, was sich ihm scheinbar als letzte Konsequenz der Untersuchung ergibt. Vor allem sei konstatiert, daß Davis mit-seiner Voraussage, die jüdische Majorität in Palästina werde nicht erlangt werden könnenj wenn „es so weiter geht", nur eine von den Gegnern des Zionismus, insbesondere den Bundisten und unter diesen vor allem von Prof. Dr. L i e bmann-Hiersc.h schon .oft gemachte. Prophezeiung wiederholt. Da aber die nachfolgenden Tatsachen gezeigt haben, daß die Entwicklung in Palästina nicht „so weiter geht", wie bisher, haben unsere Gegner stets unrecht behalten, so daß es für uns zweifellos erscheint, daß auch Davis unrecht behalten wird. Denn auch für Davis ist scheinbar der Zionismus nichts anderes, als ein Zahlenproblem, so daß er die soziale, ökonomische, kulturelle und allgemein menschliche Bedeutung der zionistischen Idee völlig übersieht. Aber auch die rein zahlenmäßige Betrachtung des Problems durch Davis weist derartviele logische Mängel in den Schlüssen auf, daß wir auf dem geringen Raum uns darauf beschränken müssen,' im Nachfolgenden lediglich auf diese hinzuweisen. Davis stellt durch einen Vergleich der zum überwiegendem Teil auf Schätzungen beruhenden Zahl der Bevölkerung Palästinas im Jahre 1922 mit dem ziffernmäßigen Ergebnis der Volkszählung vom Jahre 1931 fest, daß von dem Gesamtzuwachs der palästinensischen Bevölkerung in den Jahren 1922—1931 per 229.270 Seelen nur 90.816 auf die Juden, dagegen 138.454 auf die Nichtjuden entfallen, daß also die Vermehrung der Juden in diesen 9 Jahren um rund ein Drittel hinter den Nichtjuden zurückblieb. Nun sollte doch dem Revisionisten Davis bekannt sein, daß sich infolge des Boykottes seiner Partei hei der Volkszählung des Jahres 1931 mindestens 5000, nach anderen Schätzungren aber 9000 Personen von der Statistischen Erfassung fernhielten. " Diese nicht unwesentliche Tatsache ist dem Autor übrigens wohl bekannt, da er sonst nicht gegen den Schluß seines Artikels in einem anderen Zusammenhang, wo es ihm in seine Argumentation paßt, anführen könnte, daß Bilder der Woche Oskar Baum der Prager jüdische Dichter (taciifchosi Staatspreisträgcrfür Literatur d.J. U'ia, fekrte seinon 50 Gebartstag. Adolf Böhm, 6» Jnhre. Am 20. Jänner beging Adolf Böhm, Wien, seinen ßO. Geburtstag Von seiner frühen Jngend an ist Höhn» oin unermüdlicher ernBtur zionistischer Arbeiter. Seit den Zeiten WolfBobns war er der So zialist der Organisation .für ■wirtschaftliche und kolonisatorische Fragen. Seil einer Reihe von Jahren red giert Böhm dio aasgezeichnete Zeitschrift ,Palästinau. Zionistischer Präs'dent d. Wiener Kultwgemeinüe. Dr. DeBi'der Fiiedmann. Führer der zionistischen Partei, die zum ersten Male die Mehrheit im Vorsta d der'Wiener Kultungemeinde anläßlich der Wahlen im Dezember erhalten hatte, wurde zum i'riwidenton der Wiener Kultusgemeindo gewählt. gleite $ Die Grippe tritt wieder epidemisch auf! Beugen Sie der Aristekkung rechtzeitig vor. Die. Grippe - Erreger gelangen in den Körper durch den Mund und die Atmungswege. Benützen Sie deshalb zum Mund-- ausspülen und Gurgeln den M e n t h o 1- Franzbranntwein ALPA den Sie in geringer Menge dem Wasser beigeben. ,Alpa desinfiziert - Ansteckung wird verhindert. Beraten Sie sich mit Ihrem Arzte I Tel Mond dio von dem verstorbenen Lord Aleichott gegründete Siedlung In Palästina mit ihronOrangonpflanzangen. „nach Schätzung der Regierung auch bei dieser Zählung (i. J. 1931) 1000, nach ..Schätzung von jüdischer Seite^ s%ar "5000''Juden' flicht, erfaßt'forden ** sind". Der Leiter des statistischen Amtes der- Iiistadruth, Walter Preuss schätzt diese Zahl auf ca. 9000 Seelen. Wenn Davis also die Zunahme von 1930—1931 per 12.143 Seelen für fiktiv hält, weil sie die illegal hineingekommenen Einwanderer, die schon in den vorangegangenen Jahren im Lande waren und sich auf Grund des Generalpardons bei der Volkszählung mitregistrieren ließen, in sich schließt, wenn er diese Zahl mit 5000 und-sohin eine tatsächliche Vermehrung von bloß 7.143 Seelen annimmt, so hätte er doch ebenfalls die bei der Volkszählung 1931 nicht registrierten mindestens 5000 Personen berücksichtigen müssen. "Freilich 'wären ' dann seine: gesafnten Schlußfolgerungen auch überflüßig geworden. Von den 90.860 Seelen sollen nach der Darstellung Davis rund 53.000, also fast zwei Drittel des Gesamtzuwachses auf die Mi tt eist an ds einwand e r u n g der beiden Jahre 1924- 25 entfallen. Waren nun tatsächlich die in den Jahren 1924-25 eingewanderten 52.729 Seelen ausschließlich Mittelständler? Davis hat das statistische Handbuch für Palästina benützt und hätte demselben doch ohneweiters entnehmen können, daß lediglich 24.986 Seelen von den in den genannten zwei Jahren eingewanderten 42.469 Juden, also nicht ganz 60 % zur Gruppe der Mittelständler gerechnet werden können. Betrachtet man die Alters¬ und Geschlechtsgliederung, sowie den Stand der, eingewanderten „Kapitalisten", so ergibt sich für jeden objektiv urteilenden Menschen "ganz klar, daß die für die folgenden Jahre von Davis konstatierte kleinere Geburtenzunahme vor allem auf diese vom Gesichtspunkte der Schaffung einer Majorität ungesunde. Gliederung zurückzuführen ist. Denn gerade dieses Einwandererelement ist gewöhnlich' in höherem Alter, bereits verheiratet und mit ' Kindern nach Palästina gekommen, trägt also in den seiner Einwanderung folgenden Jahren weniger zur Gebürtigkeit, dagegen. mehr zur Sterblichkeit bei. Dazu kommt noch, daß diese Alterskategorie infolge ihr er große n absoluten Ziffer auf das rela-' tive Verhältnis der Geburten zur jeweils vorhandenen Bevölkerungszahl drückt. „Diese Ziffern lehren aber weitesr," wie Davis behauptet, daß „bei Fortsetzung der * bisherigen Entwicklung für die Zukunft auch nicht einmal mehr mit einer Steigerung "des jüdischen Bevölkerurigsartteiles in demselben Prozentsatz wie in den letzten neun Jahren zu rechnen ist", weil inzwischen der „arabische Geburtenüberschuß gewachsen ist". Der von Davis gebrauch- Abraham Reisen: Josslf der Schuster Von den jüdischen Schustern des Städteis war Jossl, „der Große", der beste. Den Beinamen „der Große" trug er, damit man ihn von einem zweiten Schuster des gleichen Namens unterscheiden könne, der von niedrigem Wuchs war. Jossl, der Große, sagte man — der kann, wenn er nur will, ein Paar Schuhe so drechseln, daß man sie nach Paris zur Ausstellung schicken könnte. Da hätte er doch eigentlich viel Arbeit haben müssen. Jossl ist aber stark beschäftigt — mit „öffentlichen Angelegenheiten". Er ist ein sehr temperamentvoller Mensch und, wo armen Leuten Unrecht geschieht, der erste, der schreit. Das ist der Grund,, warum er mit den schönsten Ballebatim des Städteis nicht recht Freund werden kann, selbst mit dem „Gwir" nicht, von dem er nicht selten verlangt, daß er doch ein Einsehen haben möge... Das heißt: Zu Gast der Ehre oder des Vergnügens wegen lädt man ihn nicht. Gott behüte! Aber auf der Gasse, wenn man ihn trifft und er wie zum Trotz als erster sein „Guten Morgen!" sagt, bleibt man ein wenig stehen, um mit ihm zu sprechen und eine von seinen Reden anzuhören. Dann erfährt man. daß die oder jene Leute nicht tun, was man soll — arme Leute sind geschwollen vor Hunger, frieren vor Kälte, Talmud-Thora- Schüler gehen ohne Essen herum —■ und man schweigt! Die Institutionen tun nichts! Jossl kocht vor Wut und droht aller Welt: „Man xoird nicht schweigen dazu! Man loird Schabbes nicht leinen lassen!" Den Gwir vom Städtel begegnet er schon seltener. Der fährt in der Gegend umher, sieht nach seinen Wäldern... Höchstens an einem Erew Jontof kann Jossl ihn im Bad erwischen. Und wenn er ihn nackt erkennt (denn nackt ist der Gwir ein Mensch .wie alle Menschen und man kann ihn schwer von den anderen unterscheiden, nackt sieht der Gioir aus wie Arje Leib, der Wasserträger — derselbe blonde Bart und derselbe Kopf...), wenn er ihn also wirklich erkennt, spricht er ihn zaghaft an: Nun, Uebb Chaim Maier, was hört man wegen des Armenhauses? Uebb Chaim Maier, der Gwir, lächelt. Nur — weil die Dampfwolken über dem Bad hängen, weil die Dämpfe aus dein heißen Wasser steigen, sieht Jossl,. der Schuster, nicht das Lächeln des Gwir. Und er hört nur seine Stimme. Die Stimme sagt: „Wir werden schon sehen, was man tun kann." Einmal geschah es, daß man Jossl, den Großen, zum Gwir ins Haus lud. Die Magd kam, ihn zu rufen. Ein Mädel in den besten Jahren. Er näht für sie jedes zweite Jahr ein Paar Schuhe. Setz Dich, Oha je Bajle, sagt er ihr freundlich. Denn erstens ist sie die Magd des Gwir und das ist doch nicht irgendwer.. Das ist nicht einfach eine Magd. Und zweitens —-"selbst''wenn sie eine einfache Magd wäreer ist doch Schließlich' nicht mehr als ein Schuster. Also haben sie sich nichts vorzuwerfen. Sie sind beide nicht von so vornehmer Abstammung... Die Magd aber Hält nicht wenig auf sich, vor allein, weil sie ein älteres Mädchen ist und dann.——-ein gut er. Bissen fehlt ihr nicht und das Kleid, das sie an gewöhnlichen Tagen trägt, ist schöner als das eines ballebatischenMädchens am Feiertag. Kurz — sie hat keine Zeit. Also bleibt sie stehen und schüttet ihr Herz aus. Man hat, Gott sH Dank, immer zu tun. Und sie fügt gleich hinzu: Ich bin gekommen, Euch zum Herrn zu rufen, Uebb Jossl — ihr sollt ihm Maß. nehmen für ein Paai Stiefel. Das also! strahlt Jossl auf. Ihr denkt also auch an einen hiesigen ScJiuster. Schickt nicht alles nach Minsk! Er braucht sie für den Wald, lächelt die Magd. Sie meint: Im Wald herumzugehen, auf den Hölzern, dazu braucht man nicht weiß Gott welche Stiefel! Aber Jossl macht, als hätte er das nicht gehört. Er macht sich auf den Weg. Da wird er also Gelegenheit haben, die Wohnung des Gwir zu sehen —. man sagt, daß es da drinnen aussieht, wie im Palast des Grafen. Aber in die Zimmer kommt er zunächst gar nicht. Der Gwir trifft ihn im Korridor (auch das ist schon für Jossl