Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 19 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der jüdische Arbeiter Seite 3 ♦Dr. Wilhelm Sc hör: Unser Kibbuz in Rischon le Zion (Schluß.) , Der Kibbuz hat in jüngster Zeit eine Damenschneiderei und eine Chemische Putzerei in der Kolonie eröffnet. Damit soll dem Problem der Madchenarbeit im Kibbuz teilweise an cten Leib gerückt werden, Bei dem Orangen-;arbeiten kommen Mädchen nur zum Pflücken und Packen in Betracht, in ganz geringen Zahl erfolgt jetzt eine Anlernling bei der Bearbeitung (Baumpflege). Die eigene Wirtschaft ist zu klein, um alle Mädchen beschäftigen zu, können. Diese L\irneuschneiderei und Wäscherei gibt jetzt 4 Mädchen genügend Ai'beit und ist durchaus ausbaufähig. Versuche, auch Weißuäha-rbeiten und Wäsche zum Waschen zu übernehmen, haben schöne Erfolge gezeitigt. Doch kann die Wäscherei nur in beschränktem Maße betrieben werden, da die Mezu notwendigen Maschinen noch fehlen. ' . Ein weiteres Arbeitsgebiet für unsere Genossinnen ergibt sich in der Uebernahme von Kindern zur Pflege und Erziehung. So versucht der Kibbuz einerseits1 iri das gesamte Wirtschaftsleben der Kolonie Risohon le Zion einzudringen und sich Arbeitsmöglichkeiten zu erobern, andererseits sich von der saisonmäßigen landwirtschaftlichen Betätigung ainabhängig zu machen, und schließlich sich, soweit dies nur möglich ist, selbst zu versorgen. In diesem Zusammenhange sei erwähnt, daß der Kibbuz; auch eine gut eingerichtete Steihuisftefrweaikstätte, die sämtliche Schuhe und Sandalen für die Genossen erzeugt, und alle Keparaturen macht, besitzt. Hier fehlt es nur an dem geeigneten Menschen, der diese Werkstättte auszubauen imstande wäre. Der Kibbuz muß ständig am Ausbau seiner Wirtschaft arbeiten. Ne^lans,chaffungen, Verbesserungen müssen .zur Vergrößerung deavArbeitsmöglichkeiten' geleistet werden. Aber das kann heute nur auf Kosten der Lebenshaltung des Kibbuz gehen. Not und Entbehrung nehmen die Genossen auf sich, wenn sie das: Wachsen und die Entwicklung des Kibbuz sehen. Darum' ist der Lebensstandard unserer Genossen ein niedriger: 4.5 Piaster täglich' kostet die gesamte Lebenshaltung eines Genossen! ' Das gesellschaftliche Leben verläuft ohne Reibungen. Die 80 Menschen, die dort leben, vertragen' sich trotz der Verschiedenheit des Herkommens' gut. Das durchschnittliche Alter der .Genossen beträgt 23 Jahlre. Trotz ihrer Jugend und trotz der schweren Lebensbedingungen1 sind die Genossen des Kibbuz die Träger der Partei- und] Gewerkschafts- •arbeit in Risehon le Zion. Hier zeichnen sich unsere Wiener Genossen besonders aus>. Die politische Erziehung, die unsere jungen Genossen in .njnserer Jugendbewegung v und in der Partei erhalten 'haben!, zeitigt ihre Früchte. Das kulturelle und geistige Leben des Kibbuz.'-1 spielt sich .also zum größten Teile in Risohon le Zion, im Beth Haam, in welchem ständig Kurse und 'Vorträge über alle Wissens1-, .gebiete abgehalten werden, ab. Jm. Kibbuz selbst werden ständig Hebräis'chkurse für die Neueingewanderten1, diverse •Seminarien und Arbeitsgemeinschaften geführt und Diskussionen über die Kibbuzarbeit in allen ihren' Aeußerungen. abgehalten. So leben unsere Ohawerim im Kibbuz, Rischon le Zion, so arbeiten sie und versuchen, sich im Wirtschaftsleben und im geistigen Leben Palästinas einzuordnen.- Sie brauchen aber Hilfe, ihre eigenen Kräfte sind zu schwach, die Entwicklung zu beschleunigen. Sie brauchen Boden, um ihre wirtschaftliche Selbständigkeit erlangen .zu können, sie brauchen Vieh, (es gibt im Kibbuz nicht eine einzage Kuh), sie brauchen Maschinen. - Einige Wiener Zionisten haben sich bereit erklärt, dem' Kibbüz eine Anleihe von 150 LP zu gewähren, falls die Arbeiterbank in Palästina die Garantie übernimmt. Die diesbezüglichen Verhandlungen sind im Gange. Aber unsere Organisation muß jetzt helfend beispringen. Für sie handelt es sich nicht bloß um eine Unterstützung der dort lebenden 30 Wiener .Genossen, für die Partei ist dieser Kibbuz von besonderer Bedeutung, weil er Aufnahmeört für alle Parteigenosisen, die von Wien ans nach Erez Israel wandern, ist. Dieser Kibbuz hat Entwi'oklungsmöglichkeitenv die man nicht ungenützt lassen darf und die Partei muß wissen, daß sie dort die Krönung ihrer Tätigkeit in 1 Wien findet. Im folgenden s'ollen Zahlten sprechen: Zahl der Menschen im Kibbuz 80 Davon ( Wiener 30 Palästinenser 18 Polen " 32 Davon Burschen ' Mädchen 80 50 30 80 Zahl der Familien- Zahl der Kinder Ai-beitstage für die Periode vom 1. X. 1931 bis l. I. (Schlechte Zeit) Arbeitstage Ruhetrage (Sabbath) Verpflegtage Diese Ai'beit setzt sich zusammen wie 10 3 1932, 5.971 6.953 folgt: Arbeitstage Prozent» Lohnarbeit 1555 25.8 Arbeit in der eigenen Wirtschaft (Garten, Hühnerstall, Baumschule) 475 8.0 Handwerkliche Arbeit (Bäckerei, 'Tischlerei, Schusterei) 364 6.1 Bauarbeiten an den eigenen Bauten 35 0.6 Arbeit im Haushalt 1859 31.3 Arbeitslose Tage (Urlaub, Krankheit, Arbeitslosigkeit) , 1683 28.2 5971 100.0 In der Lohnarbeit nimmt die landwirtschaftlich; Arbeit den wesentlichsten Teil ein: _ 889 Arbeitsage oder 57.2 Prozent der gesamten Lohnarbeit. In der gewerblichen Arbeit hat die .Tisichlerei während dieser Periode (Anfangsperiöde): 174 Arbeitstage oder 2.9 Prozent der gesamten. Ai'beit im Kibbuz geleistet. Die Außenarbeit brachte in! dieser Periode einen Ertrag von Die eigene Wirtschaft' brachte Den Gesamteinnahmen in dieser Periode von - stehen Gesamtausgaben von - LP 279. LP 47.128 LP 336.011 LP 354.667 so daß sich ein Abgang von ■'LP 18.056 ergibt. Die Zahlen; die "keinen 'Äri^rateh^auf Vollständigkeit erheben, sollen einen Einblick in das; wirtschaftliche Getriebe des1 Kibbuz gewähren. Es muß daibei immer ir Betracht gezogen werden, daß hier die schlechteste Zeit (Winter) wiedergegeben wurde. Wir hoffen von nun an genauere und detailliertere Berichte aus- Risehon le Zion zu erhalten. Rezitationsabend Jehuda Ehrenkranz „Aus dem jüdischen Leben." Jehuda Ehrenknanz gibt Mittwoch, den 26. "d. M., im Architektenvereinssaal, I., Eschenbachgasse 9, einen Abend unter dem Titel: „Aus dem jüdischen Leben". Zum Vortrag gelangen aus dem Jiddischen übertragen eine Kindergeschichte von .Schalom Asch und eine Humoreske von Scholem Aleehern, aus dem Hebräischen übertragen ein Kriegserlebnis von Avigdor Hameln, ferner Dichtungen der Wiener Schriftsteller Leopold Hiefler und Oskar Rosenfeld; Beginn 8 Uhr abends. Karten von 50 Groschen bis 3 Schilling in den Buchhandlungen M. Rath, IL, Taborstraße 20 ä, R. Lanyi, L, Kärntnerstraße 44 . und an der Abendkasse. wie mit einem phantastischen Sprung plötzlich in die Zukunft hinein versetzt. Gesprochen wird wenig. Alles singt, niemand kann sich •ausschließen, wie durch Gedankenübertragung erlernt man im Augenblick das bisher unbekannte Lied, das die Gemeinschaft zu singen begonnen hat. Die Kleinen ziehen in eigenen .Reimen, die einen erfreulichen' Mangel an Untertanensinn beweisen, gegen ihre Führer los, aber die Führer können nicht anders, fröhlich singen sie ihre eigene Kritik mit den anderen mit. „Japku's Nase ist ein Schlager", „Franta, der ist ein Genie im, Schrei'n", 4ind und „Kadimah! Wir sind die Kleinsten, Kadimah! Aber die Feinsten, * Alter spielt hei uns keine Rolleau Wir sind die Macher so oder so"; „Kinder wollen Selbständigkeit, Kinder sind schon selbst so gescheit." Stolz und unternehmungslustig ziehen die Kleinen ab! Ein Genosse hat von Tet-Aviv seine arabische Balalaika, den „Chalil", mitgebracht. Ein palästinensisches Arbeiterlied wird angestimmt, schwer und schleppend zuerst, dann immer mehr gesteigert in seiner verhaltenen Wildheit. Langsam geht uns der Rhythmus in die Glieder. Wir drücken' die Schultern aneinander, der ganze Kreis. Wir bewegen die Köpfe im Takt. Gedankenbilder, Zukunftsbilder entstehen vor unseren Augen, individuell gefärbt zuerst, 4ann immer ähnlicher, schließlich gleich. Traumhafte Rührung überflutet den Kreis. Wir lieben einander sehr. Stärker und lauter singen wir: „Genossen, Genossen, Wir wollen Arbeit, Arbeit, Im Weinberg und Orangenwaid, ' Wir wollen Arbeit, Arbeit." Unser Kreis bewegt sich, schwankt, will sich aufrichten. Irgend eine Stimme von außen ruft: „Noch nicht tanzen, Genossen. Einen Augenblick. Das Lagerfeuer wird sonst ausgehen." Der Kreis senkt sich. Ein paar Sekunden unerträglicher Spannung vergehen,, bis neue Holzscheite gehott und ins Feuer geworfen werden. Mühsam bezwingen wir uns. Jeder einzelne fühlt den Tanz, nach dem die Gemeinschaft verlangt, drängend und brennend in seinen Gliedern warten. Immer wieder singen wir dieselben Worte. Wir umarmen einander, der ganze Kreis. Eine völlig neue Leidenschaft preßt uns zusammen. Endlich flammt das- Feuer auf. Unser Singen wird heller- und freier, Der Kreis hebt sich, beginnt sich zu drehen, zuerst langsam, dann immer schneller. Erlöst stampfen unsere Füße, unsere Köpfe brennen im Rausch der Massenseele, keiner von uns, der nicht, sein Privatschicksal vergessen hätte, seine Geschlechtsziugehörigkeit, seinen Namen. Die palästinensische Horra, der Kollektivtanz des klassenbewußten Judenproietariats, der rote Tanz kreist um das Feuer. Es ist ein kurzer phantastischer Sprung in die Zukunft, nicht mehr. Wenn das Lagerfeuer erlischt, löst sich der Tanz auf und wir sind wieder lauter einzelne zersplitterte Individualitäten in dier bürgerlich-kapitalistischen Gegenwart. Klara Blum, Kommunisten als Pogromisten J. Klinow schreibt im Warschauet „Hajnt" u. a>.: In. Wadi Chawarith sind vor einiger Zeit jüdische Siedler von Arabern überfallen worden. Wir sindjetzt in der Lage festzustellen, wie die damaligen Angriffe organisiert wurden^ und wie sich der „arabische Volk'szJorn" von Zeit~zu Zeit „spontan" entlädt. Wir lesen darüber eine genaue Darstellung im Moskauer „Emess". Ohne Umschweife, im Gegenteil," mit einem gewissen Selbstgefühl, wird im „Emess" erzählt, welch großeu Anteil jüdische Kommunisten in Palästina an den Ausbrüchen des arabischen „Volkstforns" haben. Ein Berichterstatter, J. Langmag — der Name ist wahrscheinlich1 ein Pseudonym — schildert in zwei Fortsetzungen unter der Bezeichnung „Berichte über den Arbeiter- und Bauerakampf in Palästina", wie das1 „Revkom" (Revolution*-Komi te) direkten Einfluß auf die Ereignisse in Wadi Chawarith genommen hat. Diese Enthüllungen bieten nichts: Neues. Neu ist nur, daß wir diesmal authentisches Material von den direkt Beteiligten vor uns haben. Neu ist, daß die jüdischem Kommunisten vor aller Oeffentlichkeit eingestehen, daß sie die arabischen Fellachen auf jüdische Arbeiter, Frauen und Kinder hetzen. Wer bisher geglaubt hat, daß die blutige Propaganda gegen die Juden in Palästina, auf den Mufti und die Effendis zurückzuführen ist, nehme Nr. 181 und 182 des1 „Emess" vom August ct. J. zur Hand und lese die Berichte des Genoasen Langmag. Es ist eine Geschichte einer einsamen Betonhütte bei Chederah, in der die Kommiinisten ihren Sitz haben. Diese Hütte wird „Revkom" genahnt. In diesem „Hevkom" arbeitet der Hektograph und vion dort organisiert man Streiks, Von dort führt man Krieg gegen die Hausbesitzer wegen der Mieten und gegen die jüdischen Kolonisten, die die Kommunisten los sein wollen. Langmag schildert die Kämpfe mit der Histadruth, aber das alles ist nur Einleitung. In der Hauptsaohta geht es. um die Schilderung der Zusammenstöße zwischen Arabern und Juden auf dem Boden Von Wadi Chawarith. „Schechtmann" schildert der „Emess", „begab, sich in dunkler., Nacht nach Wadi Chawarith". Es. folgt eine Beschreibung der Nachtstimmung. Schechtmann klopft an das1 Fernster einer Fellachenhütte und der schlanke Mohammed, erstaunt, daß trotz der dunklen Nacht den Führer desl „Revkotn" erschienen sei, ruft aus: „Ach. du. bist est, der trotz .der Finsternis den Weg hierher gefunden, hat? Ja, man kann' sich auf dich verlassen, du bist ein wahi-en Bolschewik.- „Wir haben keine Zeit , zu plaudern", antwortet Schechtmann. „Wir müssen uns an die Arbeit machen, siehst du, was ich mitgebracht habe? Dieses Paket Flugblätter muß man noch' /heute verteilen. Es1 sind Aufrufe der Zentrale. Sofort muß die Verteilung vorgenommen werden, denn bei Tagesanbruch' muß ich in1 der Kolonie Chederah zurück seih." J. Langmag erzählt' weiter: ^Frühmorgensi,''als die Fellachen erwachten, fanden sie ata,' ihrem Haustüren weiße Bogen mit blauer Schrift, die die Unterschrift P. K. P. (Palästinensische Kommunistische Parteji) trugen, und in denen sie aufgefordert wurden1, ihren Bodien! zu verteidigen, wobei ihnen die Unterstützung der Kommunisten' in ihrem Kampfe versprochen wurde." Im „Emess" wird der Besuch eines Arabers im „Revkom" geschildert. „Der alte Mustapha beugte sich zu Schechtmann und begann flüsternd seine Rede: Gestern sind die Zionisten erschienen, um unseren Boden1 zu beackern. Das Dorf beschloiß, die Frem- . den bei der Arbeit auf unserem Boden zu hindern1. Es kam zu einer Prügelei. Das ist aber der Anfang. Ich bin, kommen, um mich mit dir zu beraten'. Einige unserer Leute haben Angst, es wäre also gut, wenn jemand von der Partei zu unsi kommen und 'eine Versammlung abhalten würde." Schechtmanns Antwort lautete: „Ihr müßt dafür sorgen, daß beim Hügel alle erscheinen. Wir werden einen Referenten schicken, aber bleibet fest und. ihr .werdet siegen." An einer anderen Stelle des! Beauohtas1 wird geschildert, wie Mohammed aus sieinem Gürtel ein Messer zieht und die Schneide prüft. Hierbei sagt er: „Es geht um die Fellachen, oder um die Zionismen", Und dia/nin verschwindet er in-den Bergen. „Aus der Ferne hörte man später Stöhnen und Hurrarufe" heißt es im „Emes3"-Bericht... Offener und zynischer kann man nicht mehr, sein, wie Herr Langmag in seinem Bericht. ■ * In einem vertraulichen Rundschreiben der Kommunistischen Leitung in Palästina werden den Mitgliedern u. a. folgende Richtlinien vorgezeichnet: In jedem Falle von Kampf, für jüdische Interessen in den Kolonien ist es Pflicht, sich „loyal" aui verhalten, die Mitglieder sollen mit den Arabern Verbindungen herstellen, geeigneten Moment wäre dann die Unterhöhlung der Arbeitspositionen von innen einzuleiten und durch Provokationen die Araber zum Angriffe gegen die jüdischen „Huligans" herauszufordern. In solchen Fällen soll man auch den Gebrauch von Waffen nicht scheuen. Eine ähnliche Taktik soll in den Städten eingehalten werden. ' ' In der letzten Zeit hat die Hetze der Kommunisten für Pogrome an Juden bedeutend zugenommen. Sie fordern die Araber auf, den Boden der Juden zu besetzen, die von Juden gepfilanzten Bäume herauszureißen. Einen ihrer auf' reizenden Aufrufe haben die Kommunisten gewidmet dem jüdischen Selbstschutz, „welcher zehntausend Mann umfaßt, und als Reservearmee des britischen Imperialismus dient," Die Kommunisten hofften aus dem Streite um die öffentlichen Arbeiten in Romemaih Kapital für ihre edlen Zwecke zu schlagen«, ,Obwohl inzwischen, m Romemah eine gewisse Einigung erzielt wurde» hat die Hetzkampagne der Kommunisten noch nicht aufgehört.