Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 16 (2.9.1932)
- Date
- 1932-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Arbeiter Seite 3 Briefe an unsere Jugend Liebe Freunde! (liierter Brief) Ich habe im vorigen Briefe versucht, die ungesunde Struktur der jüdischen Wirtschaft aufzuzeigen, die ZusammenbaHung der Juden in einigen Zweigen der Wirtschaft zu schildern. Diese Anomalie des jüdischen Lebens ist für die Gestaltung des jüdischen Schicksals nicht allein in wirtschaftlicher, sondern auch in kultureller und politischer Beziehung entscheidend. Wie kann nun diese- Wirkung der ungesunden Struktur des jüdischen Volkes gehemmt werden? ' i Die Vertreter des Assimilationsgedankens, bürgerlicher, wie sozialistischer Richtung, glauben nun diese Erscheinung durch ein Vogel-Strauß-Rezept kurieren zu können: tun wir so, als ob wir keine Juden, sondern Deutsche wären, und die Anomalie ist behoben. Wir haben uns ja praktisch ohnehin dem Wirtsvolke angepaßt, wir besuchen deutsche Schulen, lesen deutsche Zeitungen und Bücher, ziehen wir die „letzte Konsequenz", gehen wir im deutschen Volke völlig auf und das Problem ist gelöst. Ich will dieser Orientierung theoretisch nicht entgegentreten. Das haben bereits viele Führer der nationalen und der jüdischen sozialistischen Bewegung mit Erfolg getan. Leset die Schriften von Matisjahu Acher (Dr. N. Birnbaum, aber nur jene seiner Schriften, die bis zum Jahre 1913 erschienen sind, nachher wandte er sich der Richtung der schwärzesten Orthodoxie zu), Max Nordau, Theodor Herzl, wie auch jene von unserem leider zu früh verstorbenen Dr. Max Rosenfeld und die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Aufsätze unserer Genossen Kaplansky, Locker u. a. m.: und ihr werdet euch überzeugen können, wie es um die Assimilationstheorie bestellt ist. In meinem Büchlein: „Der Weg des jüdischen Arbeiters zum Sozialismus", welches im Verlage unserer Wiener Organisation erschienen ist, habe ich ein Kapitel der 'Widerlegung der sozialistischen Assimilationstheorie gewidmet. Hier will ich nur auf zwei Momente eingehen. Es ist würdelos, von Menschen zu verlangen, daß sie. ihr Volk verleugnen, wenn sie ihre Existenz sichern wollen. Ich glaube auch nicht, daß man diese Zumutung an irgendein zweites Volk stellen würden. Wie niedrig muß ein Mensch von seinem Volke und seiner Geschichte denken, wenn er sich seiner Abstammung schämt, sein Volkstum abzustreifen bereit ist, um nur fortkommen zu können. Mit berechtigter Empörung denkt man an die Unterdrückung der polnischen Minderheit durch das kaiserliche Preußen und an die niederträchtige Politik Habsburgsseinen nichtdeutschen Völkern gegenüber. Wie entrüstet sich das fortschrittliche Europa über Mussolini, da er die Deutschen Südtirols an der Pflege ihrer nationalen Güter behindert. Den nationalen Eigenarten zahlenmäßig kleiner und kulturgeschichtlich minder bedeutender Volksgruppen geht man xnach, ergründet sie, und man ist wegen Erhaltung derselben besorgt. Von dem jüdischen Volke aber,.. welches doch gewiß zu den ältestem' und interessantesten der Welt gehört, verlaugt man, als Vormund des Fortschrittes, nationalen Selbstmord — und jeder, der diese Zumutung zurückweist, wird als reaktionär angesehen. Die Tatsache, daß man uns haßt und verfolgt, kann doch gewiß kein Grund sein, das Volkstum zu verleugnen. Noch weniger, darf das für Sozialisten maßgebend sein. Die Flucht vor unverdientem Haß und ungerechter Verfolgung ist eine Feigheit und sie reimt sich nicht mit revolutionärer Erziehung. Man glaubt, die Widerstände, denen wir als Juden begegnen, durch Verleugnung seines Volkstums überwinden zu können, diesen Weg des angeblich geringsten Widerstandes propagiert man revolutionärer Jugend nicht ungestraft. Feiges Ausweichen, Verleugnung der Eigenart prägt sich ein und beeinflußt die Erziehung und die geistige Entwicklung des jüdischen Menschen, der auf den Wegder Assimilationsideologie geleitet wird. In diesem Zusammenhainge darf wohl in Erinnerung gebracht werden, was Paul Singer, einer der Gründer der Sozialdemokratie Deutschlands, gesagt hat: „Solange die Flucht von der jüdischen Gemeinschaft als Feigheit betrachtet werden kann, werde ich mich vom Judentum nicht trennen." Und nun zum zweilten Moment. Die Zumutung der Assimilatiottisanhänger an die Juden ist würdelos, ist sie zumindest zweckmäßig? Heilt sie die ungesunde Struktur der jüdischen Wirtschaft? Behebt sie die Anomalien des jüdischen Lebens? Tausende arbeitender Juden sind seit vielen Jahren bemüht, jede Verbindung mit ihrem Volke zu lösen. Sie fühlen sich als Deutsche, wollen in der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs aufgehen. Wo sind diese Juden-Arbeiter zu finden? In welchen Betrieben? In welchen Gewerkschaften? Sind für sie, da sie sich den Deutschen angepaßt haben, die Tore der Maschinenfabriken, der Kohlenbergwerke geöffnet worden? Finden wir diese Juden in der Landwirtschaft? Spielen diese Juden zahlenmäßig irgendeine Rolle im Metallarbeiterverband, in der Eisenbahnergewerksichaft, unter den Straßenbahnern und .sonstigen Bundes- oder Gemeindeangesteliten? Ungeachtet ihrer gewollten Loslösung vom jüdischen Volke und ihrer angestrebten. Assimilation an das deutsche Volk, ist die berufliche Gliederung der Juden-Arbeiter die gleiche geblieben. Sie bilden die relativ stärksten Gruppen unter den Handelsangestellten und Privatbeamten, kommen zahlenmäßig nicht in Betracht in jenen Arbeiterberufen, in denen die Juden auch sonst nicht zu finden waren. y Mau komme mir nicht mit der Behauptung, daß die Juden für diese manuellen Arbeiten nicht geeignet seien, sie gehört längst in das Reich der Legenden. Sie-wurde nicht nur in Palästina widerlegt, wo jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen die schwierigsten Arbeiten leisten, sie ist auch in den anderen Ländern, wo das Eindringen der Juden in die Urproduktion und Großindustrie systematisch in die Wege geleitet werden konnte, Lügen gestraft worden. In Argentinien finden wir die Juden in großer Zahl in der Landwirtschaft, in Frankreich, Deutschland und Belgien fanden wir, als besonderer Mangel an Arbeitskräften herrschte, zahlreiche jüdische Arbeiter in den Kohlenbergwerken, die glücklich und zufrieden waren, dort Arbeit gefunden zu haben. Bedürfen wir noch der Beweise, daß unsere arbeitende jüdische Jugend froh wäre, in der Metallindustrie, oder im Verkehrswesen, Beschäftigung zu finden? Man komme mir auch nicht mit dem Argument der Wirtschaftskrise, die die Arbeitsmöglichkeit so sehr eingeschränkt hat. Auch vor der Wirtschaftskrise war es nicht anders. Da nun — nach Karl Marx — das Sein das Bewußtsein bestimmt, ist klar, daß das Aufgehen der Juden im deutschen Volke nicht gelingen kann, die Assimilation bleibt oberflächlich, äußerlich, halb. Die Arbeiter-Juden bleiben wirtschaftlich auf einige Berufe beschränkt, das ist der Charakter ihres Seins, der ihr Bewußtsein entscheidender als die gewollte Assimilation bestimmt. Es ist deshalb auch nicht zu verhindern, daß selbst innerhalb der Arbeiterschaft die Juden als eigenartige Gruppe betrachtet werden. Es ist selbstverständlich, daß in der Leitung der Gewerkschaften der Metallarbeiter, Verkehrs- und Transportarbeiter fast keine Juden zu finden sind, während bei den Handelsaiigesteliten und Privatbeamten Juden die führenden Stellen besetzen. 1 » Es wundert uns deshalb nicht, wenn von Zeit zu "Zeit auch innerhalb den einheitlichen sozialdemokratischen Partei zwischen Juden und Nichtjuden ernste Mißverständnisse und Animositäten aufkommen, sie sind alle, sowohl unter den Führern, wie unter den Geführten, ein Resultat des verschiedenen wirtschaftlichen Seins, welches das Bewußtsein beherrscht, und andererseits resultieren sie aus den Bestrebungen der Juden, ihr Sein durch ihr Bewußtsein zu überwinden, sich an die anderen zu assimilieren.. Das kann sich sowohl in einem übertriebenen nationalen Patriotismus, wie in einem Hyperradikalismus äußern. In beiden Fällen führt es zu ernsten Mißverständnissen zwischen Juden und Nichtjuden auch innerhalb einer einheitlichen Arbeiterpartei. ' Ich muß mich enthalten, in Einzelheiten einzugehen, ich will auch nur darauf aufmerksam machen, daß manche ernste ideologische Meinungsverschiedenheit unter den Führern der Arbeiterschaft (Otto Bauer — Karl Renner in der österreichischen Sozialdemokratie und ähnliche ideologische Kämpfe in Deutschland und anderen Ländern) letzten Endes auf dieses Moment zurückzuführen sind. Die sogenannte Assimilation führt also nicht zum Ziele, sie macht die Juden wirtschaftlich nicht zu Christen (auch hier folge ich der Terminologie Karl Marx in seinen Aufsätzen über die Judenfrage), sie bleibt deshalb an der Oberfläche haften, schafft oft tragikomische Situationen, verschärft sogar manchmal die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden -innerhalb der einheitlichen Arbeiterpartei. Was aber noch wichtiger ist, die ungesunde wirtschaftliche Struktur des jüdischen Volkes, die wir als das Grundübel in der Lage der Juden erkannt haben, wird durch die Assimilation nicht behoben. Die Assimilation bleibt also ein Vogel-Straüß-Rezept. Wenn wir alle so täten, als ob wir Deutsche und nicht Juden wären, würde sich die objektive Lage trotzdem nicht wesentlich ändern. Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie unwürdig die Zumutung der Assimilanten an die Juden ist, nun haben wir auch wahrnehmen können, daß sie zwecklos ist, der Weg des geringsten Widerstandes ist also auch Irer nicht der richtige. Ich habe mich im vorigen Briefe vom Minimalismus der. Sozialisten-Juden losgesagt, ich will mich nicht damit begnügen, daß wir „Schmieröl der Räder der Revolution" bleiben. Ich verwerfe" auch ihren „bequemen Weg" der Anpassung an die anderen Völker, da er, sozialistisch betrachtet, irrig, menschlich gesehen, würdelos ist. Wir scheuen uns nicht, für unsere Arbeiterschaft gleiches Recht unter der Sonne zu fordern, volle Anteilnahme an der Umwandlung der Welt zu sichern, wir dürfen auch nicht vor einem Weg voll Widerständen und Kämpfen zurückschrecken, wenn er zum Ziele führt. Den kämpfenden Menschen, insbesondere den jungen Kämpfern, darf Bequemlichkeit nicht locken und schwerer Kampf nicht einschüchtern. Ich halte es deshalb für ein Gebot der revolutionären Erziehung, die Oberflächlichkeit abzulehnen, den Mut zur Konsequenz sich anzueignen. Das ist der Weg, den ich euch nunmehr zeichnen will. Mendel S i n g e r. blemen der allgemeinen1 Kulturarbeit; sie hat proklamiert, daß alle Zweige jüdischer Kulturarbeit in ihren, Arbeitsbereich1 gehören. Auf der Tagesordnung unserer Konferenz stand auch' die politische Seite unserer Schul- und Kulturarbeit. Sie hat die politische Rechtlosigkeit der jüdischen Schule, die Schwierigkeiten, die ihr von der öffentlichen Gewalt gemacht werden, betont. Sie hat auf das Unrecht hingewiesen, daß den jüdischen Volksmassen gegenüber auf dem Gebiete der Volkserziehung verübt wird. Dies alles hat auf unserer Konferenz Widerhall gefunden, sie hat die jüdischen Massen zum Kampf um die Schule und Kultur aufgerufen. * Jüdische Schulprobleme in Polen. Wir haben in der letzten Nummer berichtet, daß! sich die jüdische Schuibewegung in Polen wiederl; gespalten hat; nachdem unsere Genossen nach den blutigen Ereignissen in Palästina unter dem Eindruck des Terrors, den der „Bund" innerhalb der jüdischen Schulorganisation ausgeübt hat, aus dieser ausgetreten sind und den „Schulkult" gegründet haben', ist ihnen nunmehr die Wilnaer Gruppe gefolgt un'd hat den „unabhängigen Schulverband" .gegründet. In der Zeitschrift dieses Verbandes, den „Schulfragen" finden wir Aufschluß über den Grund dieser neuerlichen Spaltung, wie überhaupt über die Entwicklungstendenzen des jüdischen Schulwesens. Wir brauchen' hoffentlich unseren Lesern nicht die Bedeutung des Schicksals der jüdischen Schule ins Bewußtsein zu rufen; Zukunft oder Untergang der jüdischen Schule in Polen ist identisch mit dem Bestehen oder Vergehen des .polnischen Judentums. Pludemach'er wirft der vom „Bund" beherrschten Organisation vor, daß sie die Bedeutung der demokratischen Intelligenz für das jüdische Schulwesen leugnet. Ein anderer Verfasser äußert sich überaus pessimistisch über den Zustand des jüdischen Schulwesens: „Wir haben keine jüdische Schuljugend, die begeistert zur jüdischen Schule steht, die sich mit der jüdischen Kultur, der jüdischen Literatur, dem jüdischen Schaffen verbunden fühlt." Der Pessimismus des Autors geht so weit, daß er dem polnischen Judentum die jüdische Kulturarbeit in Polen als Beispiel anpreist. Ueberaus besorgt über die Zukunft des jüdischen Schulwesens ist auch Dr. Schäbad, der die Lage als fast verzweifelt betrachtet: „Unsere Aufgabe besteht heute darin, das jüdische Schulwesen vor seinem Untergange zu retten. Ich sage Untergang, weil es nicht geleugnet werderl kann, daß die Zahl der jüdischen Schulen, die Zahl ihrer Schüler immer kleiner wird, während im gesamten polnischen Staatsgebiet die Zahl der schulpflichtigen Kinder dauernd wächst. Schäbad1 kritisiert!' die politische Tendenz der vom „Bund" beherrschten jüdischen Schulorganisation. Er meint, daß, ihre Schulen dem von ihr deklarierten Charakter gar nicht haben. „Man hat betont, daß diese Schulen proletarischen Charakter haben, daß in ihnen die Kinder zui Sozialisten erzogen werden — in Wahrheit steht dem schon das Milieu, dem $e Kinder entstammen, entgegen^ das ein demokratisch-kleinbürgerliches ist. Die politische Tendenz der bundistischen jüdischen' Schulorganisation hat das Zusammengehen der jüdischen Schulpolitik mit der litauischen und weißrussischen verhindert. Diese haben die Forderung der Regierung, Geographie und Geschichte in polnischen" Sprache zu unterrichten, angenommen. Hätten auch wir in diesem Punkt nachgegeben, hätten vielleicht auch unsere Gymnasien das Oeffentlichkeitsrecht, wie es die litauischen und weißrussischen in Wilna haben. Unverständlich ist es, wie Schäbad' der poalezi'onfetir: sehen Schulorganisation' (Schulkult) ihren Austritt aus der bundistischen vorwerfen kann: ist er doch1 Vertreter des Wilnaer Verbandes, der deshalb entstanden' ist, weil sich seine Gründer dem bundistischen Terror nicht beugen wollen. Die konkreten Forderungen, die Schäbad an die jüdische Schularbeit stellt, sind folgende: 1; Trennung von Schule unid Politik; 2. größere Nachgiebigkeit der Regierung gegenüber; 3. föderative Vereinigung aller jüdischen Schulorganisationen. Die letzte Forderung darf wohl als die bedeutungsvollste bezeichnet werden; nicht im gegenseitigen Kampf, sondern in gemeinsamer Arbeit liegt die Zukunft des jüdischen Schulwesens und damhS des jüdischen Volkes in Polen. Vereinigte Zionistisch * sozialistische Arbeiterorganisation POALE ZION— HITACHDÜTH Wien, IL, Taborstraße 44 — Blumauergasse 1 Samstag, den 24. September 1932, halb 8 Uhr abends, im „Bayristhen Hof", II., Taborstr. 39 KONZERT-ABEND Mitwirkende: Max Honig (Bariton), Kapellmei8terBrandmann(Violine),Sarah Stukkart (Klavier), S. Schwager Salonorchester, Dirigent: Josef Ctlbor. Kalten von S 1.— bis S 2.50 im Sekretariat und bei den Vertrauensmännern Pas gesamte Reinerträgnis fließt dem „Eine-Million-Groschen^ nds Oer jüdische Arbeiter — ein Wochenblatt" zu. I ■ ,„„ |1lg====ü. T»