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Der Jüdische Arbeiter · 1932-09-02 · Heft 16 (2.9.1932) · page 4

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
9 (1932)
Issue
Heft 16 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Der jüdische Arbeifer Die Beschlüsse des Aktionskomitees. Das Aktionskomite hat in seiner Tagung, über deren Verlauf wir berichteten, folgende Beschlüsse gefaßt: Das Gesamtbudgjet belauft sich auf 306.000 Pfund; davon gehen 45.500 für Administration, 41.500 für Erziehung, 49.300 für landwirtschaftliche Kolonisation, 14.500 für Einwanderung, 45.000 für Gesundheitswesen, für Handel, Industrie und Wirtschaft»-' arbeit 4500, für religiöse Zwecke 1000 Pfund; 104.000 Pfund sind für die Erfüllung der Verpflichtungen der Agency vorgesehen. Die Exekutive hat erklärt, ein) Darlehen bis zu 40.000 Pfund für die landwirtschaftliche Kolonisation aufzunehmen. Die Ablehnung des Frenchberichtes haben wir bereits berichtet. Innerpolitisch ist die gegen die Stimmen der Arbeitervertreter beschlossene Anerkennung des „Sonderverbandes der Zionisten-Revisionisten" wesentlich, der allerdings wichtige Beschlüsse zur Frage der Disziplin) vorangegangen sind, die die zionistische Außenpolitik! aller Gruppen unter die Kontrolle der Exekutive stellen. Auch gegen die von den Revisionisten in Polen und dem Poei Misrachi in Erez eingesetzte Boykottb'ewegungl wurde schärfster Protest des A. C". eingelegt. Die Uebertragung des Schulwesens an die Knessiat Jisroel wurde beschlossen. Zur Reorganisierung der Palästinaämter wurde beschlossen, daß die Zuteilung der Sitze nach dem Verhältnis der Stimmenzahl-en bei den Kongreßwahlen stattfinden soll. DIE STEWE Prüf- und Beratungsstelle zeigt in ihrer Ausstellung Wien, IX., Marianneng. 4 Elektro-Heißwasserspeicher für Küche, Brause und Bad Die Ausführung von Speicheranlagen auch gegen Teilzahlungen übernehmen die für die Errichtung solcher Anlagen ermächtigten Installationsfirmen sowie auch die Direktion der städtischen Elektrizitätswerke jüdisches Leben. Spanien. Spanien denkt nicht an eine Repatriierung der sephardlschen Juden. Der spanische Ministerpräsident Don Manuel Azana äußerte sich in einem Interview, das er dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Madrid gewährte, über das in letzter Zeit in der jüdischen und spanischen Presse erörterte Problem einer Rückkehr der sephardischen Juden nach Spanien. Von einer Repatriierung der sephardischen Juden nach Spanien, wie sie von manchen romantisch, denkenden Spaniern erklärt wurde, erklärte Ministerpräsident Azana, kann nicht die Rede sein. Die Frage ist kein einzigesmal in einem Ministerrat behandelt und niemals irgendwo ernsthaft erörtert worden. Der JTA-Vertreter machte den Ministerpräsidenten darauf aufmerksam, daß in der ausländischen Presse und oppositionellen spanischen Zeitungen Berichte erschienen sind, denen zufolge sephardische Juden in größerer Zahl in verschiedenen .Häfen Spaniens gelandet und von Vertretern der Regierung begrüßt worden seien. Die oppositionellen spanischen Blätter härten in diesem Zusammenhange die Behauptung aufgestellt, die Revolution sei mit jüdischer Hilfe und jüdischem Geld durchgeführt worden und die Rückkehr nach Spanien sei der Preis, den man dem Weltjudentum für diesen Beistand habe zahlen müssen. Dies alles sind Lügen, erwiderte der Ministerpräsident. Es ist kein wahres Wort an diesen Berichten. Sie gehören in die gleiche Kategorie wie die Meldungen über angebliche Verfolgung und Unterdrückung der katholischen Religion durch die republikanische Regierung. Alles was die Republik getan hat, ist, daß sie die völlige Freiheit des religiösen Bekenntnisses eingeführt hat. Dies war ein Teil des republikanischen Programms und wurde von uns vollständig durchgeführt. Die katholische Kirche erfreute sich in Spanien gewisser Rechte und Privilegien, die sie anderwärts schon viel früher verloren hatte. Wir haben diese Privilegien abgeschafft. Aber Verfolgung oder Unterdrückung gibt es niemanden gegenüber. Niemand wird in Spanien heutzutage wegen seines religiösen Bekenntnisses verfolgt oder unterdrückt. Wir haben volle Religionsfreiheit eingeführt. Das spanische Volk neigt überhaupt nicht zu Verfolgungen. Inquisition und spanische Kriege waren nichts als das Werk einiger Drahtzieher, die damals ani der Macht waren. In Kanada wird von den, Juden die Hundertjahrfeier der Judenemanzipation in Kanada begangen. Im März 1932 hat die gesetzgebende Versammlung von Kanada die jüdische Gleichberechtigung zum Gesetz erhoben. Am 5. Juni 1832 erhielt das Gesetz die königliche Sanktion. Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1930 ist, wie das Statistische Staatsamt mitteilt, in der Tschechoslowakei 1598 Personen israelitischer Konfession (636 Personen jüdischer Nationalität) die Staatsbürgerschaft erteilt worden, davon in Böhmen 60 (13), in Mähren und Schlesien 69 (41), in der Slowakei 1020 (216) und im Karpathorußland 449 (366). Die Juden bildeten 19.3 (7.68) Prozent aller in den Staatsverband neu aufgenommenen Personen. Im Jahre 1929 wurde 1108 Juden die Staatsbürgerschaft erteilt, davon 794 An der Slowakei und 202 in Karpathorußland. In Jugoslawien leben nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung, 79.800 Juden. Im Jahre 1921 waren bloß 64.159 registriert. Das Hauptbuch des zion. Sozialismus BER BOROCHOW Sozialismus u. Zionismus EINE SYNTHESE GESAMMELTE SCHRIFTEN IN EINEM BAND HERAUSGEGEBEN VON MENDEL SINGER mit Beiträgen über Borodiow von A. M. Borodiow (New» York), I. Ben»Ewt (Jerusalem) £>. Her <Tcl~A\viw> und S. Kaplansky (Haifa). erscheint im September 1932 Preis des Bandes in Ganzleinen S 8.50 Subskriptionspreis im August S 7.— Bestellungen richtet man an SAMU HALPERN, Wien, XX., Klosterneuburgerstr. 43/22 Postsparkassen-Konto D-33.631 Gegründet 1882 Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Versfcherungsbestand Ende 1931 Prämien- und Zinsen- Einnahmen i. J. 1931 Garantiemittel Ende 1931 Auszahlungen an d. Versicherten i. J. 1931 S 2.746,000.000-- „ 182,000.000'- , 472,000.000"— „ 42,500.000- Tätlgkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsche* Reich, Tschechoslovakiscbe Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn Polen, jugoslavlen. Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten, Judenstraßen im Berliner Norden. Der Alexanderplatz ist das pulsierende Herz; und strahlenförmig münden unzählige Straßen in ihn. Von Nord und Süd und Ost und West drängen die Massen heran und durchqueren ihn nach allen Richtungen hin, den riesigen, von ungeheuren Gebäudekomplexen umrahmten Platz. Das Herz des Berliner Nordens! Die Hochbahn braust vorbei, daß die großen Fenster der größten Berliner Warenhäuser, die hier stehen, in klirrendem Singen ertönen, dessen Rhythmus zu dem gegenüberliegenden Polizeipräsidium überschwingt, wo vor den Toren die Doppelposten in blaudunklen Uniformen patroullieren. Vom unruhigsten Ort Berlins wird für die Ruhe der Millionenstadt gesorgt. Nicht weit von hier, hundert Meter hinter einer Polizeikaserne, die scheinbar das gegenüberliegende Tietzsche Warenhaus und die vielen Straßenhändler — gell klingen die Stimmen durch den Lärm — bewacht, erhebt sich das mächtige „Karl-Liebknecht-Haus", Zenitrum der KPD., gerade vis-a-vis dem Theater am Bülowplatz, auf dessen Vorderfront, in großen, weithin sichtbaren Lettern das Motto prangt: „Die Kunst dem Volke". Dem Volke, welches in diesen unruhigsten und chaotischsten Zeiten des Nachkriegsdeutschland, verzweifelt und verzweifelnd nach einer Rettung suchend, sich dem „trommelnden Messias" in die Hände wirft. Von allen Litfaßsäulen grinsen werbende Phrasen voll verlogener Pathetik 'herab und nur unten steht in kleinen Buchstaben „Juden Eintritt verboten". Dies gehört zum Schmuck der Hauptstadt. Man geht durch die Münzstraße, welche ein Sammelsurium darstellt von Börse, Geschäftshaus, Debattier lokal, Weinhalle, Bordell und Vergnügungspark, zwischen hungernden, eilenden, stoßenden, rufenden, lachenden Menschen hindurch; vom Markt her, der sich abseits unter einem Viadukt der Hochbahn befindiet, dringt penetranter Geruch und fortwährend klingelt, tutet, pfeift, gellt, braust es in den Ohren. Hier bietet einer verstohlen, von einem dunklen Hausflur heraus, Ringe, goldene Uhren an, flüstert ein „Billig" dazu, dort preist ein anderer getragene Kleider „nur einmal, höchstens zweimal getragene, meine Herrschaften" an und man erkennt an seinem Aeußern den proletarischen Juden. Die meisten Straßenhändler sind hier Juden; sie bieten ihre Waren am Ausgange, oder auch Eingänge der „Judenstraßen" an. Wochentags würde 'man nicht erkennen, daß eine Anzahl der Straßen fast hauptsächlich von Juden bewohnt werden, vielleicht nur, wenn man ein geübtes Auge für jüdische Merkwürdigkeit und ^Not besitzt. An den Schildern viele jüdische Namen. Die Fassaden sind grau und trübe, wie in allen Proletarierstraßen der Großstadt, nur, dsfß mehr Juden hier ihren Geschäften nachgehen, mehr jüdische Laute, Schimpfworte, Flüche zu hören sind... Man geht und denkt mit einem Anflug an Humor, der in der Kehle würgt: ,Und gegen diese paar Menschen, die um's Stückchen Brot schuften, richtet sich der Kampf von 13 Millionen?!' Diese paar. Menschen sind sieh dieser fast lacherlich. anmutender Tragik bewußt in dem ganzen Ausmaße aller möglichen Konsequenzen: ihre Mienen sind noch durchfurchter, trüber als sonst. Es scheint auch, als ob die Judenstraßen um einige Nüancen grauer, trister geworden seien, stiller und furchtsamer. Juden sind es schon gewohnt, geprügelt zu werden; haben sozusagen eine traurige Tradition darin; aber im Jahre 1932, und vom Volke der „Dichter und Denker" ... Samstag erkennt man auch am Habkus die Judenstraße. Während rings um den Bülowplatz und Alexanderplatz, die Münzstraße das Leben wie, immer lärmt, vielleicht sogar etwas intensiver, wie unter der Erwartung des kommenden Sonntages stehend, bekommen diese paar Gassen ihr eigenes Gesicht. Eine Anzahl Läden bleiben geschlossen, plötzlich sieht man, was einem im Getriebe des Werktages nicht aufgefallen war, in jedem zweiten Haus eine „Schul". Schwarze Kaftane mit dem „Taliis" unter den Armen eilen zum Gebet. Barte sind's, graue, schwarze, rötliche und viele Frauen. Bald erfülh ein durchdringendes Beten, das von überallher zu kommen scheint, vom wolkenverhängten Himmel, aus den Fenstern und Fluren, die Luft. Auf und ab dröhnen, wie wirbelnde Schnellen, die Stimmen, steigen und fallen von Verzückung in bodenlosen Jammer. Sie beten, die Juden, wie seit Jahrtausenden, in aller Welt, sie beten. Auf den Straßen aber, fern von den „Schuls", bevölkert die jüdische Jugend, die erkannt hat, daß man Hitler und Wirtschaftskrise nicht mit Gebet austreiben kann, die Wege; von einer ganz anderen Mentalität erfüllt als ihre betenden Eltern. Dies ist proletarische, sozialistische und zionistische Jugend, deren Ideale hart und nüchtern sind wie die Realität der Dinge selbst und die Grauheit der sie umgebenden Straßen. Diese Jungens und Mädels haben viel Zeiit zum diskutieren — die Statistiken über die Arbeitslosigkeit unter der jüdischen Jugend Berlins sprechen eine traurige Sprache —, sie lassen die Zeit nicht ungenützt verstreichen. Der Wochentag bringt viel) Lärm in diese Gegend. Wegen des nahen Marktes stehen hier die Wagen vollbeladen mit Obst und Gemüse. Die Geschäfte sind weit einladend geöffnet, geschäftiges Treiben überall. Wenn man von Laden zu Laden geht und überall einen Blick hineinwirft, sieht man hinter den Ladentischen Frauen mit „Scheitel" oder würdige Juden mit schwarzen, samtenen Käppis auf "dem Haupt. Wenn, die Zeit vorrückt und es wärmer wird, setzt sich alles vor den Türen hin. Seit September 1930 gibt es nur ein Thema: Hitler. Während die marxistisch geschulte Jugend in ihm den Reaktionär und Kapitalistensöldling erkennt, nehmen ihn die talmudergebenen Alten als eine — von vielen — vorübergehenden Plagen hin, die Gott über sie gesandt hat. Daß es zu einem Pogrom kommen könnte, erfüllt sie mit Unruhe und stärkt ihren Fatalismus. An besonders unruhigen Tagen werden eben die Rolläden nur zur Hälfte heraufgezogen. Die Juden dieser Straßen sind entmutigt. Alles Geschehen ist ihnen wesensfremd und befremdet sie aufs Tiefste. Wenn irgendwo wüstes „Juda-verrecke"-Geschrei tobt, dringt es wie ein Lauffeuer überallhin und kopfschüttelnd fragen sie skh: „Warum uns?" Die wenigsten haben aus der Geschichte gelernt, da sie den Kopf vom Talmud nicht heben wollten. So schreitet ein Tag nach dem andern bangend dahin. Lärm, Lärm und Unrast, Unrast in eine Staubwolke gehüllt, von undefinierbaren Gerüchen und Lauten umhüllt, lagert zwischen den Häuserfronten. Schon eilen d\e Juden zum Nachmittags- und Abendgebet; sie beten, beten, tagaus, tagein. Der Abend senkt sich herab. Myriaden von Lichtern entbrennen jäh. Die Münzstraße, der Alexanderpiatz sind ein in-leuchtenden Farben brennender Kessel. Die HocHbahn braust; in den Judenstraßen wird es langsam still. Eine Müdigkeit hat sie angefallen und sich ihrer bemächtigt. Plötzlich heult langandauerndes Tuten auf; das Ueberfallskommando rast vorbei. Schon spricht es sich ängstlich herum: „Die Nazi sind auf dem Kriegspfad". Hier wohnen nur arme, verängstigte, ostische Judenfamilien. Was ein richtiger „schaffender" Jude ist, sitzt jetzt in Kempinskis Etablissement am Potsdamerplatz — dem Herzen Berlins — und trinkt einem Offizier auf die kommende Vereinigung aller fortschrittlichen, aufbauenden Elemente zu und läßt Hitler Deutschlands Retter und Halbgott sein. Hermann Fischheimer. Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Re dakteur: Pinkas Kornblüb- Student, Wien, II., Schiffmühlen Straße 45/8. — Druck: „Adria", Wien, II., Taborstraße 52 b.

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