Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 15 (12.8.1932)
- Date
- 1932-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der juidfcdffe ArHeiter Seite 3 Revisionismus, dessen politische Extratouren für unser Werk und sein Prestige überaus gefährlich sind, dies sind die Fragen, deren Bewältigung die Aufgabe der Sitzung des Aktionskomitees sind. Die jüdische Arbeiterpartei Palästinas hat ihre Vertreter verpflichtet, folgende Forderungen zu erheben: 1. Es sind Verhandlungen mit der Mandatarmacht aufzunehmen im Hinblick auf Erzielung einer klaren Vereinbarung und Aufstellung eines Ein wandern ngs- und Kolonisation«»-: planes für die nächsten vier Jahre. 2. Dem Keren; Hajessod und dem Nationalfonds ist ihre bedeutende •Stellung wieder zu geben, die diese Fonds in der zionistischen Arbeit eingenommien haben. 3. Die; Organisation der Jewish" Agencv ist aulf jstnfe 'breite] volkstümliche Basis zu stellen. 4. Die Verwaltung des Palästina-Noffonds, der nach den Augustereignissen gesammelt wurde, ist der erweiterten Ageiicv, zu jiibertragen. Was die erstatteten Referate anbelangt, so bringen wir die charakteristischesten Steilen aus denselben. Dr. Brodetzky hielt für die Londoner Exekutive das politische Referat. Von der Behandlung der Einwanderer nach Palästina meinte er, daß er diese „dort nicht in einer Weise empfangen werden, die unserem' von bloßer Duldung der Zulassung sich unterscheidenden Recht auf Einwanderung entspricht". Für diel Bodenpolitik der Palästinaregierung sei es charakteristisch, „daß kaum irgend ein Juden gehöriger Boden) immun gegen ungesetzliche Angriffe ist. In der Sicherheitsfrage sei eine leichte Verbesserung erzielt worden. Bezüglich der Einwände, die gegen den Frenchbericht seitens der Agency erhoben werden sollen,, verweist Brodetzky auf die politische Kommission! Na h u m S o k o 1 6 v spricht hauptsächlich über seine .Erfahrungen in Amerika. AirTzweiten Verhandlungstage erstattete der Leiter der politischen Abteilung der Palästina-Exekutive,, Dr. Chajim Arlosoroff sein Referat. Er stell tief fest, daß der jetzige Oberkommissar für die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims wirklich1 Verständnis zeige. Auch die vielfach verbreitete Meinung, die! .'Beamtenschaft der englischen Verwaltung in Palästina! 'bestehe zum größten Teil aus A n ■ fäizji.oin i s tein,, treffe nicht zu. Richtig sei allerdings, daß, sich1 wonden früheren Verwaltungen her gewisse anti- :zionistische Traditionen innerhalb dieser Beamtenschaft-erhalten, haben, doch würden1 diese Tendenzen! (durch den High Commissioner entschlossen bekämpft. In der Frage der „1 a n d 1 o s e n", respektive durch die jüdische Kolonisationstätigkeit angeblich1 von ihrem' Boden verdrängten Araber habe sich eine gewisse Klärnug ergeben. Während früher die Zahl der landlosen Araber" stets mit etwa 4000 angegeben wurde, hat die jetzige Palästina-Regierung bloß 249 Araber in diese Kategorie eingereiht. Davon entfallen etwa' 1200 auf die bisherigen Siedler im Wadi Hawarith'- Gebiet. Einen breiten Raum in den Ausführungen Dr. •Chajim Arlosoroffs nahm die Behandlung des arabis.c h en Problems ein. Dr. Arlosoroff stellte fest,, daß der Exekutive gegenwärtig keine enl s p r e - <c h e n d e n M i 11 e 1 z u r V o r n a h m e v o n B o d e n -• k ä u f e n i n T r a n s j o r d a ,n i e n zur V e r f ii g u n gj stehen. Es seien aber Verbindungen mit einer; -Reihe von Scheichs und anderen arabischen Boden-, ■besitzern, die bereit sin d, Boden in Transj o r d a. n i e n zu v e r k a u f e n, angekn ü pf t word en.; Man müsse sich klar darüber sein, daß für den Aufbau! des Jüdischen Nationalheims in Palästina die Lösung der transjordanischen Frage, die Einbeziehung dieses! Gebietes in die Sphäre jüdischer Kolonisationstätilg- "keit, von e n t s c h e i d e n d;e r B e d e u t u n g sei. ' 1 Besondere Aufmerksamkeit müsse seitens des1 Aktionskomitees auch der Tatsache zugewandt werden,, daß der Groß-Mufti von Jerusalem seine anün witsch und Karl X. von Schweden gegen Polen fanden) schreckliche Judengemetzel statt und gleichzeitig) wurde die Judenheit von den Nachrichten über diej Judenverbrennungen in Spanien aufs tiefste erschüttert. Alle rliese Geschehnisse haben in den dem, Mystizismus ergebenen Juden die seelische Bereitschaft geweckt, sich dem Glauben, daß das Reich1 >Gottes" anbrechen werde, hinzugeben. Sabbatai Zni nun, der die messianische Bewegung ausgelöst und sie in seinen Dienst gestellt hat, trägt alle psychischen Merkmale, die ihn fähig machen* sich zum Führer dieser verängstigten Menschen, bei1 welchen die Kontrolle der Vernunft auch unter dem' Einfluß der Kabala ausgeschaltet war, zu erheben. Sein Charakterbild erscheint geradezu als Musterbeispiel für die psychoanalitische Beschreibung des,1 Führertypus. Seine" Selbstliebe geht so weit, daß! ■es ihm schon mit wildem Groll erfüllt, wenn es Menschen wagen, sich als seine Gegner zu bekennen. Erotische Bindungen kennt er nicht, seine Gattinnen} verlassen ihn, da er sich' ihnen nicht nähert. Frauenj spielen in seinem Gefühlsleben keine Rolle. Die Mittel,, deren sich' Sabbatai Zwi bediente, waren unbedenklich gewählt; Fälschungen, Gesinnungskauf, Ausstreuung von Gerüchten über vollbrachte Wunder* theatralische Schaustellungen, Denunziationen, das ist so eine Auslese seiner Bemühungen, die Juden der" Welt dahin zu bringen, ihn als Messias anzuerkennen',, ihn zum „König der Juden" zu krönen. Dank den geschilderten Lage der Juden in Ost- und Westzionistische Tätigkeit jetzt nicht mehr bloß in Palästina selbst und bei den maßgebenden Faktoren in Europa entwickelt, sondern sie auch durch eine von ihm entfesselte heftige antijüdische Agitation in den arabische Ländern um Palästina unterstützt. Es sei im Interesse der zionistischen Politik unbedingt erforderlich, dieser Agitation entgegenzutreten. Das Aktionskomitee werde sich darübeit klar werden müssen, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um: dieser gefährlichen Propaganda in den arabischen Ländern Einhalt zu gebieten." Ueber die Generaldebatte wird vor allem JpJiq versöhnliche Haltung der Revisionisten als charakteristisch festgestellt. In der Replik der Exekutivmitglieder tritt vor allem Brodetzky gegen die unbedingte Ablehnung des Frenchberichtes auf. Hierauf wurde das Schwergewicht der Tagung in die Kommissbnssitznugen verlegt In der folgenden Plenarsitzung referierten Newmann und Farbstein über die Förderung den Privatinitiative. Wenn auch die Notwendigkeit be^ steht, die Einkünfte unserer Fonds zu steigern — führt Ne wm an n u. a. aus — müssen nunmehr auch andere neue Kapitalien aufgebracht und zur Beschleunigung unserer Arbeit verwendet werden. Ii* Palästina sind der privaten Initiative außerordentliche Möglichkeiten geboten. Die wirtschaftliche Lage ist relativ günstig, der Hafen in Haifa, die Oellinie vorm Irak bieten ermutigende Aussichten für die Zukunft. Schließlich schlägt Newmann die Gründung eines; „Economie-Departement" vor, das die Entfaltun'g der Privatinitiative ermutigen soll. Farb'stein berichtet über die praktische Förderung der Mittelstandskolonisatioin: es wurden im Land Informationsbureaus der wirtschaftlichen Gruppen gegründet, die Gründung einen Mittelstandssiedlung (20 Dunam pro Kolonist) vorbereitet. Farb'stein fordert insbesondere Berücksichtigung! der Mittelstandsindustrie, die günstige Exportmöglichkeiten in den Nachbarländern hat. Die Exekutive hat 640 Projekte in: die Galut gesandt und steht mit 100 Industriellen in Verhandlungen', die einen günstigen Verlauf nehmen. Ha u tke teilt mit, daß die Eingänge des Keren Hajessod in diesem Jahre aufi 210.000 gesunken seien und daß im nächsten Jahre mitf der Erholung nicht zu rechnen ist. * Die ersten Ergebnisse derTagung London. Den Vorschlägen der mit der Behandlung des French-Berich'tes betrauten Subkommission! entsprechend, hat das Zionistische Aktionskomitee in seiner am Sonntag, den 7. August, abgehaltenen Plenarsitzung beschlossen, den -French1-Bericht iabzu-i lehnen, da er den Bestimmungen des Palästina-Mandates und dem Inhalt des MacDonald-Briefes widerspreche. Der Exekutive erteilte das Aktionskomitee den Auftrag, als Antwort auf den French'-Bericht der Regierung TZinwände .gegen dessen Einzelheiten im, Sinne einer Ablehnung des Gesamtberichtes zu unterbreiten. ' Wie aus London mitgeteilt wird, wurde den! Revisionisten eine Reihe von ultimativen Bedingungen gestellt, unter denen das Ersuchen um Anerkennung als zionistische Fraktion erfolgjen soll. Die Revisio-i nisten müssen sich vor allem' bedingungslos den Bestimmungen des Weltstatuts unterwerfen, ferner auf jede politische Son'deraktion verzichten und! schließlich den Beschluß von Calais außer Kraft \setzen. Unter dem Druck dieser Bedingungen wurde Ja'botinsky nach London telegraphisch' berufen. Wie verlautet; bemühen sich Lichtheirn;urnd Großmann um einen Aiisgleich im revisionistischen Lager, den jedoch Jabotinsky strikte ablehnt. Angeblich' erklärte er, daß', weder er noch die polnischen Revisionisten au der Konferenz in Wien teilnehmen werden. europa, ihrer mystischen Einstellung aber auch' ihrer nationalen Eröffnung auf Wiederherstellung des jüdischen Staates in Palästina, ist es Sabbatai Zwi tatsächlich gelungen, große Teile der Judenheit in Extase zu versetzen. Sie haben an ihn geglaubt, haben ihre Siedlungsländer verlassen, um ihm, 'dem von Gott Gesandten zu dienen — bis zu* seinem Zusammenbruch, da er vom Sultan am Leben bedroht, nichtj den Mut hat, für seinen Glauben zu sterben, sondern! zum Renegat, zum Abtrünnigen wird; Den irregeführten, zum Alltag wieder erwachten! jüdischen Massen mag da dieselbe' Frage aufgetaucht sein, wie wir sie uns nach1 der Lektüre des üb'rige'nsl glänzend und spannend, ,auf Grund primärer Geschich'tsquellen geschriebenen Buches stellen: war dieser „Erlöser" ein bewußter Betrü'g|er oder ein Opfer krankhaft gesteigerter Religiosität? Kastein, der durchaus jeder rationalen Erfassung des geschichtlichen' Prozesses ablehnend gegenübersteht, der immer wieder nach „tieferer" Wirklichkeit sucht und höhnisch vom1 Hochmut und Intellek'tualität spricht, die Wunden werten oder erklären wollen, der immer wieder Sabbatai Zwi guten Glauben zugestehen möchte, kommt doch schließlich zu dem Ergebnis, daß dieser ein; bewußter. Nutznieißer der religiösen Einstellung derabergläubischen jüdischen Massen des 17. Jahrhunderts war: „es war die letzte Sehnsucht der Bemühungen Sabbaitai Zwis, auch wenn sie himmelwärts gingen, daß sie Jhm im Diesseits in .seinem' Leben einen Ertrag bringen möchten". Praktische ■ Gashaushalt- I geräte | erhältlich bei allen Installateuren Wiens und bei den Wiener städtischen Gaswerben Ständige Ausstellungen: VIII., Josefstädterstraße 10 XII., Theresienbadgasse 3 XX., Denisgasse 39 | 8 bis 18 Uhr Die Fürsorgearbeit der jüdischen Gemeinde Dem soeben erschienenen Bericht der Zentralkommission für soziale Einsarge entnehmen wir folgende Daten: Im Zentrum der Arbeit dieser verdienstvollem Abteilung der jüdischen Gemeinde die jüdische1 Winterhilfskation, für die eimschließlich' der Naturalspenden S 175.000 zur Verfügung standen. Diese Notstandsak'tion gliederte sich in die Kohlenaktion ,i Lebensmittelpaketverteilung, Ausspeisung, Bekleidungsaktion, Halbtagshermstatte für Schulkinder, die von unserer Organisation initiierten; Aktion „Jüdische; Jugend in Not", die Tagesheimstcätte für erwerbslosejüdische Mädchen .und Frauen, Sch^ülerfürsorge und! Pessachak'tion. Die Erholungsfürsorge der Gemeinde hat' unmittelbar 300 Jugendliche und Kinder erfaßt; für 576 Kinder hat die Gemeinde Beiträge geleistet Mit besonderer Freude können wir auf die Entwicklung der jüdischen Wan'derfürsorge hinweisen, dereni Einrichtung und Ausbau vor allem von unseren! Vertretern gefordert wurde. Im abgelaufenen! Jahre ' wurden 2127 Fälle 'behandelt, von welchen! 274 nicht aufrecht erledigt werden konnten. Wie} anerkennenswert die Fürsorgeleistungen der jüdischen; Gemeinde sein mögen, die heutige Läge, d'et" wachsende Wirtsch'aftsantisemitis'm'us verlangt jüdische Sozialpolitik. Nur eine demokratisch gewählte jüdische Volksgemeinde wird Trägerin einer jüdischen Sozialpolitik werden; die im Herbst stattfindende Wahl', des Kiütusvorstanides wird den Gemeiudemifgliedern|. die . Möglichkeit geben, die jüdische Volksgemeinde) zu schaffen! Blutige Kämpfe in der jüdischen Arbeiterschaft in Polen. Die jüdische Arbeiterbewegung in Polen gleicht seit Monaten einem Trümmerhaufen. Erbitterte Kämpfe, die in schmachvoller Weise zu Mördereien führten, lähmten ihre Schlagkraft und zertrümmern die jüdischen Gewerkschaften. Der „Bund" und die Kommunisten sind die Champions dieses tragischen und schändlichen Schauspiels. JEs geht vor allem, um die Macht in den Gewerkschaften. Vor kurzem kam es zu einem blutigen Kampf um die jüdische Bäckergewerkschaft. Früher einmal stand unter dem Einfluß der Kommunisten, letzten aber bekamen die Bundisten das Uebergewicht, worauf der neugewählte bundistische Vorsitzende der umstrittenen Bäckergewerkschaft von einem jüdischen Kommunisten hinterhältig ermordet wurde. Viel schärfer ist der Kampf in den gemeinsamen, kommunistisch-bundistischen Gewerkschaften. Sobald eine der beiden Parteien zum Streik auffordert, stellt die zweite Partei Streikbrecher auf, worauf es für gewöhnlich zu blutigen Kämpfen kommt — mit Messern und Revolvern in den Händen! Jüngst kam es zu erneuten Kämpfen in der Gewerkschaft der Schneiderarbeiter, Dieselbe steht seit langem unter bundistischem Einfluß, was den Kommunisten nicht sehr paßt. Sie beschlossen daher, den Status quo zu ändern und proklamierten. den Streik. Die bundistischen Arbeiter wollten sich der Streikparole nicht fügen und es folgte nun ein blutiger Kleinkrieg in den Lokalitäten der Gewerkschaft, der nachher auch auf die Straße übergriff. Mit Messern bearbeiteten sich die Bundlisten und Kommunisten gegenseitig und viele wurden schwer verletzt. So wurde der bundistische Führer H. Himmelbart von Kommunisten überfallen und mörderisch geschlagen. Kurz darauf überfielen die Kommunisten das bundistische Vereinslokal „Arbeiter- Winkel". Die Anwesenden verrammelten die Eingänge, worauf die Kommunisten aus Revolvern zu schießen begannen. Der 19jährige Kürschnerarbeiter Stein mann brach unter dem Hagel von Kugeln zusammen und wurde in einem hoffnungslosen Zustande ins Spital gebracht. Ein anderer Schneiderarbeiter bekam viele Schußwunden in den Schultern und im Kopfe, Erst die Polizei vermochte die kommunisti* seilen Brudermörder zu verscheuchen.;