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Der Jüdische Arbeiter · 1932-06-17 · Heft 12 (17.6.1932) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
9 (1932)
Issue
Heft 12 (17.6.1932)
Date
1932-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der jiMiSöftö Arbeiter Seite '3 Briefe an unsere Jugend Liebe Freunde! (Zweiter Britf) Der Kapitalismus ist also bankrott. Die Leiden, die wir jetzt-ertragen, die schweren Kämpfe, die wir führen müssen, sind nichts anderes als die Geburtswehen einer neuen Welt; wir stehen an der Schwelle der Welt die Sozialismus. Welche Aufgabe erwächst nun für uns aus dieser Erkenntnis? Uns obliegt die Pflicht, die Zeit der Geburtswehen nach Möglichkeit abzukürzen, den Umwandlungsprozeß vom Kapitalismus zum Sozialismus zu beschleunigen. Darin sind sich Wohl alle einig, die diese ungerechte, häßliche, verlogene Weltordnung des Kapitalismus verwerfen und im Sozialismus eine Weltordnung erblicken, in welcher alle Güter allen Menschen, die sie schaffen oder für welche sie geschaffen werden, gehören. Erst bei der Frage, auf welchem Wege, mit welchen Mitteln man dies Ziel erreichen kann, setzt den Kampf zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie ein. Der zweifellos grandiose Erfolg des Bolschewismus in Rußland: die heldenmütige, erfolgreiche Abwehr der Feinde im Lande und der imperialistischen Mächte, die Sovvjetußland von außen angegriffen haben, der bewundernswerte Wiederaufbau der Wirtschaft und des Landes, der noch fortdauert, haben die Kommunisten dazu verleitet, den Weg, den Rußland beschritten hat, als den einzigen für alle Länder und Völker gangbaren zu proklamieren. Die gewaltsame Ergreifung der Macht durch das Proletariat, ohne Rücksicht auf die besonderen wirtschaftlichen, geistigen und politischen Interessen der verschiedenen Länder, wurde als das einzige Mittel für die politische Ueberwindung der kapitalistischen Wirtschaft und ihrer Ueberführung in eine sozialistische Weltordnung proklamiert. Die Jahre, die seit der Gründung Sowjetrußlands verstrichen sind, lehrten uns, die Bedingtheit der in Rußland angewendeten Mittel zu erkennen. Als die große russische Armee zusammenbrach, war der Weltkrieg noch nicht beendet. Die kriegführenden imperialistischen Mächte waren also mit sich beschäftigt und hatten keine Möglichkeit, die Etablierung des Sowjetstaates zu stören. Das konnten sie um so weniger, als die klugen Führer Sowjetrußlands es verstanden, dem Imperialismus strategisch auszuweichen, indem sie ihm notgedrungen bedeutende Teile des europäischen Rußland in den beutegierigen Rachen warfen. Das konnte sich aber nur das große russische Reich gehtatten. In einem anderen, kleineren Staate wären die politischen Machthaber schon an dem Verluste solcher Gebiete gescheitert. Die Zeit des Krieges, des weiteren Verblutens der Völker konnten nUn die russischen Machthaber benützen, um die inneren Feinde erfolgreich abzuwehren und eine mächtige Armee ins Leben zu rufen. Nach Beendigung des Weltkrieges, als die Armeen; der imperialistischen Mächte ausgeblutet und erschöpft waren, stand die Rote Armee Sowjetrußlands unverbraucht und frisch da. Auch innerpolitisch waren die Voraussetzungen für den Bolschewismus in Rußland günstiger als in allen anderen Ländern. Der Zusammenbruch des imperialistischen Krieges erschütterte wohl in allen Ländern die Macht des Bürgertums, aber, während in den wirtschaftlich und politisch entwickelten Ländern das Bürgertum, der Mittelstand, das Bauerntum durch ihre Rolle in Wirtschaft und Politik ein schvverejs Hindernis für die Aufrichtung einer proletarischen Diktatur bildeten', spielten sie im wirtschaftlich und politisch rückständigen, im halbfeudalen Rußland eine viel geringere Rolle, konnten sie der Machtergreifung des Proletariats keinen sehr ernsten Widerstand leisten. Also, abgesehen davon, daß man auch im jetzigen Stadium noch nicht entscheiden kann, ob die Diktatur des Proletariats, wie sie in Rußland angewendet wird, die oft in, eine Diktatur des Apparates über das Proletariat ausartet, zum Sozialismus führt, sind die unzweifelhaften Erfolge, die die Sowjetherrschaft in Rußland bis jetzt errungen hat, in erster Linie auf besondere geographische, zeitliche und politische Verhältnisse zurück« zuführen, die in den anderen großen Ländern nicht gegeben waren. Diese Bedingtheit der russischen Methode erwies sich auch bei allen Versuchen, denselben Weg in anderen Ländern (Deutschland, Ungarn) einzuschlagen. Hier hatte sie nur die Wirkung, die Wiedererstarkung des Bürgertums und der Reaktion, die auch sonst eingetreten wäre, nur noch zu beschleunigen. So wurde das Proletariat in Europa rascher als man ahnen konnte, in einen Kampf der Verteidigung der errungenen sozialen und politischen Rechte gedrängt. Es entbrannte der Kampf zwischen Demokratie und Faschismus, der sich immer mehr und mehr zu einem Kamplfe zwischen den arbeitenden Massen auf der einen Seite und der geschlossenen reaktionären Masse auf der anderen Seite entwickelt. Der Kampf für die Demokratie war und ist uns nie Selbstzweck gewesen. Wir sind uns auch darüber klar, daß die Demokratie in der kapitalistischen Weltordnung unvollkommen bleiben muß, da es noch immer Besitzende und Besitzlose gibt. Aber die Demokratie ist der geeignetste Kampfboden für die Umwandlung der kapitalistischen Weltordnung in eine sozialistische. Durch die Demokratie steigt das kulturelle und politische Niveau der Arbeitermassen, sie gewinnen Einblick in die „Mysterien" des Wirtschaftslebens und ihr Machtbewußtsein wird wachgerufen. Die Demokratie bietet auch die Möglichkeit, Elemente sozialistischer Wirtschaft in die kapitalistische Gesellschaft zu tragen. Sie ist also der Kampfboden, auf welchem die objektive Heranreifung der Welt für die Ueberwindung des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Weltordnung, gefördert werden kann durch das Reif machen des subjektiven Faktors, der Arbeitermassen, für die Verwirklichung des Sozialismus. Im Zeitalter des Faschismus, des Hakenkreuzes gehört wohl Mut dazu, eine Lanze für die Demokratie zu brechen. Wer aber diese krampfhaften Versuche der Gewalt im Dienste des Bürgertums und der Reaktion von höherer Warte aus beobachtet, muß zur Erkenntnis gelangen, daß sie nichts anderes darstellen als ein Manöver, die arbeitenden Menschen vom wirtschaftlichen und. geistigen Bankrott des Kapitalismus abzulenken und die Bekundung der Angst des Bürgertums vor der Demokratie, die die Kräfte der Verwirklichung des Sozialismus zur Reife bringt. Der Kampf des Bürgertums gegen die Demokratie muß uns aber in unserer Ueberzeugung bestärken, daß die Demokratie die günstigste strategische Basis bildet für den Entscheidungskampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Wenn nicht alle Anzeichen aus Deutschland trügen, werden sich dort Sozialdemokraten und Kommunisten zum gemeinsamen Kampfe gegen den Faschismus zusammenschließen, der die Demokratie zertrümmern will. ,v Liebe Freunde! Ich habe im ersten Briefe angekündigt, daß ich mich in diesem Briefe mit der Rolle unseres Volkes im Zeitabschnitte dieser Weltenwende befassen werde. Leider ist es nicht mehr möglich, da dieser Brief inzwischen lang geworden ist. Der nächste, dritte, Brief wird zur Gänze der Erörterung der Judenfrage von unserem Gesichtspunkte gewidmet sein. Vielleicht wird es auch von Vorteil sein, wenn wir uns im nächsten Briefe auf diesen einen Punkt beschränken werden. Ich bitte euch aber festzuhalten, was wir in diesem Briefe erörtert haben: die Bedingtheit der Erfolge der kommunistischen Diktatur in Rußland, ihre Unanwendbarkeit in den entwickelten Ländern, und die Bedeutung der Demokratie als strategische Basis im Entscheidungskampfe zwischen Kapitalismus und Sozialismus . Mendel Singer. ISfflMWI I flillBHHBHl Oer Handel Der Weg, er geht übern Tod, Er führt eudh gräd iiind krumm. Dem' Satten wird das Geld zum Lot, Wo andre schrein, da bleibt er stumm. Der Donner dröhnt durch' Dimension Und Trommelfelle stehen still. Es feiern Vater, Mutter, Sohn Nur weil der Handel es so will. Die Preise fallen, doch keiner kauft, , iWer Huriger hat, der hat kein Geld1. Der Händler eilt, der Händler "schnauft,; Denn wer zuerst kommt, hat die! Welt. Die einen laufen nebenher, Die andern laufen hinterdrein. . . Man sieht nur sich1 und kaum noch' mehr Den andern, der auch will erster sein. Das Leben hat ein großes Loch, Das keiner sieht, um jeden wirbt. Und alles beugt sich unterm Joch Und stöhnt omd schweigt und stirbt. Brief aus Deutschland Die SAP. Daß eine neue Absplitterung von der SPD in einer Zeit, wo die Reaktion zum Sturme bläst und nur Einigung aller Gegner der Reaktion Erfolg verheißt, niemals Aussicht auf Erfolg haben konnte, haben die schlechten Massenpsychologen der Sozialistischen Arbeiter-Partei um Seydewitz herum nicht verstanden. Jetzt hat sich für jeden sehenden Menschen klar herausgestellt, daß die SAP ein totgeborenes Kind ist und bleiben wird. Noch niemals hat Kritik an einer Partei ein genügendes Fundament für den Bau einer neuen abzugeben vermocht. Das werden auch viele der enttäuschten Abgesplitterten allmählich begreifen. Vom jüdischen Standpunkt aus ist es wichtig festzustellen, daß ein nicht zu übersehender Teil der jüdischen Jugend das Entstehen der SAP seinerzeit begrüßt hat. Das hat seine guten Gründe. Hat die Judenheit der sozialistischen Bewegung auch eine Menge hervorragender aufopferungsfähiger Führer und verantwortungsbewußter Männer geschenkt — man denke nur an Lassalle, Marx, Paul Singer, Haase, Vilctor Adler u. a. —-, so ist doch gerade die aus dem proletarisierten jüdischen Mittelstand stammende Jugend viel zu wenig mit den Machtquellen der Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften, der Partei, den Genossenschaften, verbunden, viel zu isoliert von diesen kollektiven Schöpfungen der Arbeiterbewegung und viel zu wenig durchdrungen von diesem Gefühl der unbedingten Einheit und Geschlossenheit, um das Antisozialistische einer Spaltung zu begreifen, wozu noch hinzukommt, daß der Jugend die geschichtliche Kenntnis von dem schwächenden, verderblichen Einfluß der Spaltung abgeht. Hier hat die SPD und mit ihr die Poale-Zion im jüdischen Kreise noch ein großes Gebiet politischer Arbeit vor sich. Die Revisionisten, und England. Daß die Erfindungskraft der Revisionisten für politische Schildbürgerstreiche nicht gering ist, konnte auch bisher niemals in Zweifel gezogen werden, was aber jetzt aus Berlin berichtet wird, zeugt von einem so hohen Maße politischer Narretei, daß, wenn Lächerlichkeit töten könnte, die Revisionisten bestimmt nicht mehr vorhanden wären. Also: In Berlin erschienen an den Wänden verschiedener jüdischer Institutionen kleine Zettel mit dem Aufdruck: „Juden, kauft keine englischen Waren! England hat uns verraten, es hat sein Wort gebrochen, es hat die Tore Palästinas verschlossen. Wollt Ihr schweigen? Juden, wehrt Euch!" Tieftraurig an diesem Unsinn ist, daß durch solche „politischen Aktionen", die an die berühmten Reichstagseingaben der Kommunisten erinnern, ein Teil der jüdischen Jugend von konkreter jüdischer und zionistischer Arbeit, wie sie etwa der Hechalüz leistet, abgelenkt wird. Was brachte für Deutschland der Touristenstrom nach Palästina? Zum Schlüsse möge noch kurz einiges über die Eindrücke wiedergegeben werden, die eine Reihe von Menschen, die die Möglichkeit hatten, gelegentlich des letzten Touristenstromes in Palästina zu sein, nach Deutschland mitgebracht haben. Vor allem hat sich allen Besuchern der Optimismus der palästinensischen Juden betreffs der wirtschaftlichen Zukunft des Landes tief eingeprägt. Ueberall wird gebaut, ist Arbeitslust vorhanden, die Arbeitslosigkeit ist minimal, und wenn man auch gegenüber den Briefen des Revisionisten Ernst Davis in der „Vossischen Zeitung" immer kühle Kritik an den Platz, legen sollte, steht fest, daß Palästina von der Weltwirtschaftskrise bedeutend weniger betroffen ist als andere Länder. Im Zusammenhang damit gehört den wieder ernsthafter auftauchenden Plänen und Aussprachen über die neue Mittelstandseinwanderung auch hier großes Interesse. Neben den nationalen Fonds, deren Stärkung Herzenssache jedes Juden sein sollte, wird der Initiative des jüdischen Mittelstandes überall wirkliche Beachtung geschenkt werden müssen, auch auf Seite der Linken, die nur bei der Grabsky-Alijah mit Recht auf das Unsystematische, nicht wirtschaftlich Haltbare vieler Gründungen allzukleiner Kapitalisten hingewiesen haben und so vor den unvermeidlichen Enntäuschungen, an denen eine übereilte Propaganda in Polen ein großes Maß Schuld hatte, rechtzeitig gewarnt hatten. In einigen Städten im Reich wird, wie wir hören, demnächst eine Persönlichkeit, die mit der palästinensischen Wirtschaft verbunden ist, zu dieser Frage sprechen. So wird dieser Touristenstrom zur Verstärkung des Bandes zwischen Diaspora und Palästina beigetragen haben. Fritz Frankel. ■■■■■■■■■■■■■■HHHHBHBDDB Vereinigte zion. soz. Arbeiterorganisation Poale Zion - Hitachduth Die Ideologie Oes Hasdiomer Hazair üiHiiiiiii Über dieses Thema spricht Montag, den 20. Juni 1932, um 8 Uhr abends, im Borochowheim, II., Blumauerg. 1 CHAWER JUDEX Mitglied der Weltbundesleitung des Haschomer Hazair Anschließend Aussprache! SpenOe zwei Groschen täglich „Der Jiiöische Meiler" wirö Wochenblatt!

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