Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Der jüdische- Arbeiter bedeutete. Man war schließlich durch den Daseinskampf von Generationen geschult — um so begeisterter begrüßte man die neue Freiheit und Gleichheit, die endlich die Verwertung der so schwer erworbenen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Wirtschaft ermöglichten. Der Liberalismus wurde zur eigentlichen Religion des emanzipierten Judentums. In dieser Situation erschien der Zionismus, der seinem innersten Wesen nach antiliberal war. Er setzte an Stelle der Summe gleicher Individuen das Ganze der durch Blut und Schicksal verbundenen Nation und an Stelle der Freiheit von allen Bindungen die Freiheit zur autonomen Gestaltung des eigenen Schicksals, indem er die Juden nach Jahrtausenden zum ersten Mal wieder politisch sehen lehrte, d. h. ihnen zeigte, daß die Hoffnung auf die brüderliche Harmonie aller Menschen sie nicht des Kampfes um ihre Selbstbehauptung enthob, aber auch, daß sie fähig waren, diesen Kampf zu führen, daß sie eine Macht waren, wenn sie es wollten. Der Liberalismus ist ein durch und durch rationales System. Der Zionismus hat diesen Rationalismus überwunden, er ist in seinem innersten Kern, in seiner Vision des neuen jüdischen Menschen durchaus un—vernünftig, er „entstammt einer höheren Vernunft, den Triebkräften der Seele und des Körpers, die der Vernunft wieder ihren dienenden Rang anweisen". Aber trotz alledem setzt der Zionismus den Liberalismus voraus. Der Liberalismus ist in einem Punkte seinen Prinzipien immer treu geblieben, nämlich darin, daß er im Rahmen seiner Institutionen auch seinen Gegnern Raum zur Einstellung gab, und so hat sich unter seiner Herrschaft auch die Zionismus entwickeln können, obwohl alles, was er lehrte, den liberalen Ansichten über das Judentum völlig entgegengesetzt war. (Lehnten doch die besten Köpfe des liberalen Deutschland den Antisemitismus nicht heftiger ab als das positive Judentum. Sie forderten völlige Assimilation.) Nur in einer liberalen Welt konnte man außerdem für den Gedanken der Gleichberechtigung und des Selbstbestimmungsrechtes des jüdischen Volkes Verständnis haben. So war der Zionismus trotz aller Gegensätzlichkeit doch auch wieder eng mit der liberalen Welt verbunden, aus der er hervorgegangen war, Und hat dementsprechend auch die politische Form seiner Bewegung nach liberalem Vorbild, nämlich absolut demokratisch, aufgebaut. Von der Zweckmäßigkeit dieser Form war man damals überzeugt, heute wäre man in dieser Beziehung wahrscheinlich skeptischer, dennoch müßte man sie, entstünde der Zionismus heute, wieder wählen, wegen der Menschen, die den Zionismus bilden. Der Jude ist durch die Gewährung politischer Rechte überhaupt erst zum freien Menschen geworden, infolgedessen besteht in allen jüdischen Schichten eine tiefe Anhänglichkeit an die liberale Gedankenwelt. Es mag sein, daß es zu einem guten Teil dem Einfluß der jüdischen Führer zuzuschreiben ist, wenn der Sozialismus sich als Sozialdemokratie organisiert hat, jedenfalls aber sehen wir im* Zionismus ein dauerndes Weiterwirken des liberalen Erbes, noch verstärkt dadurch, daß wir ja alle in einer liberalen deutsch-jüdischen Umwelt leben, und aus diesem liberalen Erbe mag es zu erklären sein, daß wir, auch abgesehen von den Erschwerungen, die durch die Verbindung des Nationalismus mit dem Antisemitismus' gegeben sind, der deutschen nationalen Bewegung nicht das richtige Verständnis entgegenbringen, können. Diese ganze liberale Welt bricht nun geistig, politisch und wirtschaftlich zusammen. Ob die neue Welt an ihrer Stelle nationalistisch oder kommunistisch sein wird (Krojanker hält für das wahrscheinlichste, daß Nationalsozialismus und Kommunismus sich einander nähern werden), daß sie antiliberal sein wird, ist schon heute völlig deutlich. Der freie Einzelne hat ausgespielt. Für den Juden bedeutet das wirtschaftlich das Hinausgestoßenwerden aus allen seinen Positionen, politisch und geistig aber ein neues Ghetto. Für die Produktion jüdischen Geistes wir kein Raum mehr sein. Gegen diese Entwicklung können wir nichts tun, die entscheidende Frage ist nun, wie wir uns innerlich zu ihr stellen. Wir sind immer Gegner des platten Fortschrittsgedankens gewesen, uns wird nichts genommen, wenn diese Fortschrittswelt zusammenbricht, Ereignisse, die dem liberalen Judentum den geistigen Boden unter den Füßen fortziehen, bedeuten für uns nur die Bestätigung einer alten Erkenntnis. Wir sehen einen neuen Nationalismus unsere Umwelt ergreifen und dürfen die äußere Erscheinungsform dieses Prozesses nicht mit seinem Wesen verwechseln. Die lebendige Kraft der Bewegung, die beides will, das Nationale und das Soziale, mag noch einmal mißbraucht werden, aber sie wird wachsen und sich schließlich durchsetzen. Wir schauern vor dieser neuen Welt zurück, die uns in höchstem Maße feindlich ist — aber diese Feindschaft kann uns nicht überraschen, denn unsere erste zionistisch^ Erkenntnis war die von der unwandelbaren Fremdheit unserer Umgebung. Wir werden wieder auf unsere eigenen Grundlagen zurückgewiesen und das wird vielleicht ein Glück für uns sein .Es ist uns äußerlich zu gut gegangen, dadurch hat unsere Bewegung ihre Intensität und ihren Elan verloren und es ist zum großen Teil eine Folge der inneren Leere des Zionismus, wenn uns die Jugend heute so leicht verloren geht. Es ist zu leicht geworden Zionist zu sein, wir haben keinen wirklichen inneren Gegner mehr und erst wenn Zionismus wieder schwer geworden sein wird, wird unsere Bewegung wieder wachsen. Vor dem Liberalismus hat der Jude in einer feindlichen Umwelt mit seinen Büchern und seinen Träumen gelebt. Bücher und Träume werden auch für uns wieder bedeutungsvoll werden, aber, und das ist das Entscheidende, was wir der liberalen Epoche verdanken, durch die wir gegangen sind, in einer neuen Weise. Wir werden uns in diese geistige Welt nicht flüchten vor einer Wirklichkeit, der wir uns im übrigen tatenlos ausliefern, sondern wir werden aus ihr die Kraft schöpfen, die wir zur tätigen Gestaltung unseres Schicksals brauchen. Aus seelischer und materieller Not ist unsere eigene Volksbewegung gewachsen, aus demselben Boden wächst die deutsche und deshalb müssen wir gerade als Zionisten Verständnis für sie haben. Zwei Momente allerdings trennen uns entscheidend vom deutschen Nationalismus: seine Aggresivität und seine Inhumanität. Rußland und Italien sind beide auf entschieden antiliberaler Grundlage aufgebaut, aber in Rußland bleibt immer das Menschheitsziel bestimmend, während sich in Italien der sacro egoismo einer einzigen Nation auslebt.- Auch der deutsche Nationalismus predigt diesen „heiligen Egoismus", während jeder Nationalismus doch nur dann berechtigt ist, wenn er sich am Gedanken der Menschheit orientiert, wenn er das Volk als Baustein der Menschheit sieht. Der Nationalsozialismus verspottet die Vernunft, die er für eine liberale Erfindung hält, aber er vergißt, daß auch die „höhere Vernunft" des leidenschaftlichen Willens nur Junge proletarische Dichtung Theorie und Wirklichkeit gehen nur selten Handin Hand. Während noch in der Literaturwissenschaft und Literaturkritik über Wesen, Aufgabe, ja über die Möglichkeit proletarischer Kunst debattiert und herumgestritten wird, ist das Leben eine gute Strecke Weges weitergeschritten, der neuen Kunst zu, der Kunst des arbeitenden Menschen. Viel und mannigfaltig sind der Wege, die zur proletarischen Literatur führen. Die einen kamen, vom Strom der neuen Zeit mitgerissen, die andern — schicksalhaft, von Wiege und Mutterbrust her. Die Nachkriegsjahre haben, eine ansehnliche Anzahl proletarischer Dichter in den Lichtkegel des öffentlichen Wirkens gerückt. Es ist ein neues Lebensgefühl, das da zum Ausdruck kommt undrsich seinen adäquaten Kunststil zu schaffen sucht. „Stilwandel trifft alle Flächen des Lebens." Rein formal ist es der schmucklose Stil der Neuen Sachlichkeit, wesentlich aber ist der proletarischen Dichtung das soziale Pathos, die innere Kampfbereitschaft, nicht die hohle agitatorische Phrase der sogenannten sozialen Literatur, die unterbewußt ans „gute Herz" des Mitmenschen appelliert", sondern vielmehr das still glimmende Pathos der Arbeit und das Selbstbewußtsein des Arbeitträgers. Die Linie dieses neueu Schaffens ist vertikal aufsteigend, den Blick aufwärts ziehend. In der Plastik: Der Kohlengräber von Menieur (erstes großes Gelingen eines proletarischen Kunstwerkes); in der Achitektur die neuen Bauten (erstes Versuchen und Gelingen: Adolf Loos) — ja, in gewissen Belangen die Häuser der Gemeinde Wien. An dieser Stelle sollen, nach Maßgabe des Raumes, junge Namen vorgestellt werden. Diesmal ist's: Adolf U n g e r. Nur den wenigsten bekannt. Ein junger Mensch mit wechselvollem Schicksal. In Galizien gebürtig. Vater: Schuhmacher. Mutter: der bekannte Typus — wer kennt sie nicht, die jüdische Arbeitermutter der Kleinstadt? Als kleiner Judenjunge nach Wien gekommen, mit Eltern, Geschwister und einem Haufen Elend im Flüchtlingspack. Autodidakt. Jetzt: Inkassant, ewiges treppauf, treppab. Und nebenbei: Bibliothekar einer Arbeiterbibliothek. Seine Gedichte: schlicht, ergreifend in ihrer Einfachheit, Schmucklosigkeit, so ganz der konkreten Wirklichkeit, dem harten Leben nah. Klänge, die an Kramer und Kästner erinnern. Unger sieht Welt und Mensch mit Proletarieraugen. Daher sein wunderschönes „Junges Mädchen", „Proletenaugen", „Punkt sieben Uhr" und andere mehr. Welt und Umwelt, sind sozial erfaßt, im Innern glimmt ein soziales Pathos, das Kampf heißt, das Revolution bedeutet, das Sieg kündet. S. Drechsler. Der „Jüdische Arbeiter" hat kein Reserve kapital das wissen wohl alle Genossen, nichtsdestoweniger haben noch viele die Bezugsgebühr für 1932 nicht ■ bezahlt. Wir fordern alle Genossen auf den Betrag unverzüglich zu überweisen, da der „Jüd. ' Arb." drückende Verpflichtungen hat. fruchtbar werden kann, wenn die kleine, praktische Vernunft sie in die richtigen Bahnen lenkt, wofür wiederum die Ent* Wicklung in Rußland, von der Revolution zum Fünfjahrplan, las beste Beispiel ist. Wir haben aus den Vorgängen dieser Zeit zu lernen, um uns immer deutlicher selbst zu begreifen und unseren Ort in dieser Entwicklung zu finden, der ebenso weit entfernt sein wird von flachem, liberalem Kosmopolitismus, wie von der Selbstvergottung der Nation, wie wir sie im deutschen Nationalismus finden. Krojanker hat diese Gedanken zuerst in einem Vortrag in einem Berliner zionistischen Kreis dargelegt und sie haben dort Anlaß zu einer lebhaften Diskussion gegeben. Es ist ja klar, daß sich besonders auch vom marxistischen Standpunkt aus eine Menge Einwände erheben ließen, auf die einzugehen heute kein Raum mehr ist. Es wäre aber sehr wünschenswert, wenn diese Schrift auch in sozialistisch-zionistischen Kreisen diskutiert würde, wo sie bisher kaum Widerhall gefunden hat. Ruth Weiß. Adolf Ungier: Mensch und Arbeit Mit dem ersten Hammerschlag .Wurde .hell der Menschentäg! Stein zerstob und Stein zersprang", Arbeit wurde zu Gesang. Hammerhände hieben aus, Höhle wurde starkes Haus. Feierabiend dann zum Glanz; Mit der Ruhe k'am der, Tanz. Arbeit bannte .jeden Fluch; Hirn und Hände wurden Buch! Mit dem ersten Hammerschläg Wurde hell der Menschen tag! „Wer lügt?" Zum Aufsatz unter obigem Titel erhalten wir von der Oesterr. Gesellschaft zur Förderung des Indischen Siedlungswerkes in der U. d. S. S. R. folgende Berichtigung: Sie schreiben: „Wenn sie (die „Geserd") unter, der Larve der Unparteilichkeit bewußt und gewollt kommunistische Propaganda treibt, sich dazu hergibt, um eine kommunistische Propagandazentrale zu werden, um gegen das Aufbauwerk in Palästina und1 gegen den proletarischen Zionismus überhaupt die schändlichsten und unverantwortlichsten Lügen und1 Fälschungen zu verbreiten..." Die darin enthaltene Behauptungi, daß, die „Geserd" unter der Larve der Unparteilichkeit bewußt und gewollt kommunistische Propaganda treibt, sich dazu hergibt, um eine kommunistische Propagandazentrale zu werden, um gegen; das Aufbauwerk im Palästina und gegen den proletarischen Zionismus überhaupt die schändlichsten und unverantwortlich1sten Lügen und Fälschungen zu verbreiten, ist unwahr. Wahr ist vielmehr, daß die „Geserd" niemals und in keiner Weise bewußt und gewollt kommunistische Propaganda treibt, wahr ist weiters, daß; die „Geserd" niemals und in keiner Weise sich''clazu hergibt, eine kommunistische Propagandazentrale zu werden, wahr ist weiters, daß die Geserd" niemals und in keiner Weise die schändlichsten' und 'unverantwortlichsten Lügen und Fälschungen gegen das Aufbauwerk in Palästina und gegen den proletarischen! Zionismus überhaupt verbreitet. * Berichtigen kann man bekanntlich alles. Wir Mak. ,ten alles aufrecht und werden darauf noch' zurück'-' kommen. Vereinigte zion. soz, Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth Reaktion und Judenhaß Dartiber sprechen bei der am Donnerstag, den 23. Juni 1932, um 8 Uhr abends, im „Brigittasaal", XX., Wintergasse 27, sattfindenden Volks-Versammlung die Genossen: NaNonalrat Karl Heinz und Dp. Saul Soltal Erscheinet in Massen! Erscheinet in Massen!