Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Universität: \)ih, iotnok Vi i e n 1. JUDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poaie Zion—Hitachduth in Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 12. Wien, 17. Juni 1932. 9. Jahrgang. Politische Notixen Gründungskonjunktur unter den Wiener Zionisten. Bis vor kurzem hatten wir in Wien drei bürgerliche zionistische Parteien, und zwar die Län'desorganisation, Revisionisten und Radikale. Man sollte meinen, daß das ausreichen müßte, für das große) zionistische Wien. Aber weit gefehlt. Die Revision nisten, mit Herrn Stricker an der Spitze, konnten! der zionistischen Landesorganisation nie verzeihen,; daß sie die Landespolitik aus ihrer Tätigkeit ausgeschaltethat. Sie allein: aber haben sich für did landespolitische Betätigung eine eigene „Jüdische: Volk'spartei" gegründet. Die Lanclesorganisation wollten die Revisionisten zur landespolitischen Betätigung) zwingen, aus ihrer selbständigen revisionistischen Partei schalteten sie die Landespolitik aus. Doppelte! Moral der Revisionisten unter Stricker. Somit hatten wir bereits vier Organ is&ti>ojn!en!< Um a'ber nicht bei einer geraden Zahl zu bleijbenj — einen anderen triftigen Grund wüßten wir nicht! — haben die Allgemeinen Zionisten (Dr. Friedmaniij Dr. Grüubaum Und Dr. Löwenherz) einen „Allgemeinen jüdischen Verband" gegründet. Es gibt eine Möglichkeit der Konzentrierung zionistischer Arbeit, das ist die Schaffung des Territorial Verbandes, auf dessen Konstituierung wir seit Monaten' drängen und dafür fehlt scheinbar das richtige Verständnis. Statt dessen werden die spärlich vorhandenen Kräfte für zwecklose Gründungen verzettelt. Das ist geradezu trostlos. „Palästina ein Monopol der Linken!" Die Revisionisten suchen krampfhaft nach einem zugkräftigen Schlager. Die alten Schlager scheinen] wirkungslos geworden zu sein. Die Anhänger des) Revisionismus kennen sich schließlich1 nicht aus, obl sie für England, Italien oder den Völkerbund1 al$ Mandatsmacht in Palästina eintreten sollen, da sich! Shab'otinsky seit einiger Zeit über diese Frage nicht geäußert hat. Bekanntlich kommt es doch' bei der Entscheidung nur auf den Willen der Revisionisten an. Die anderen Faktoren müßten doch parieren. Die Anhänger der Revisionisten beginnen einzusehen, wie lächerlich sich1 ihre Führer in dieser Frage; gemacht haben. Auch die „Enthüllungen" schlugen fehl. In dieser Verlegenheit verfielen sie auf den) Schlager, daß die Rinken alle Einreisebewilligungen nach Palästina für sich in Anspruch' nehmen. Sonst pflegten sie uns vorzuhalten, daß wir nur an denl Klassenkampf und nicht an Palästina denken, jetzt' sind sie unzufrieden, daß unter den zehntausenden! Chaluzim, die jahrelang auf eine Einreisemöglich'keiti nach Palästina warten, ein verzweifelter Kampf um! die wenigen Zertifikate entbrannt ist. Die Revisionisten irren, wenn sie meinen, daß sie aus dem Mangel an Einreisezertifikaten KapitaJll für sich schlagen werden. Der Aufbau geht weiter^ er wird auch über die Revisionisten hinwegsch'reiteni.. Der French-Bericht liegt bereits vor. \ Der High Commissioner hat der Jewish1 Agency und der arabischen Exekutive je ein Exemplar des 'French-Berichtes vorgelegt. Nach erfolgter Stellungnahme dieser beiden Körperschaften wird sich die englische Regierung mit dem Bericht befassen und ihren Standpunkt bekanntgeben, i Die Vereinigte Organisation und der Verband der Jüdischsoz.Arbeiterjugend gratulieren dem Genossen Siegfried Smotrisch anläßlich seiner Promovierung zum Doktor der Philosophie. „Der Jüdische Arbeiter44 soll ein Wochenblatt werden! Genossen und Freunde! „Der Jüdische Arbeiter" .geht seinem zehnten Jahrgange entgegen. Unggeheure Anstrengungen sin'd im Laufe dieser Jahre gemacht worden, um das Blatt zu erhalten. Unser Organ hat auch' sehr große Erziehungsarbeit geleistet. Es h'at den z'ionistisch-sozLa;- listischen Gedanken in die Kreise , der von seichter) Assimilation ausgehöhlten Juden in den deutschsprachigen Gebieten, .getragen. „Der Jüdische Arbeiter" hat unermüdlich' un!d unerschrocken einen Kampf geführt gegen alle reaktionären Bestrebungen im zionistischen Lager. -j. Im Laufe dieser jähre ist der AufgabenkreJiS, unserer Organisation und ihres Organes derart ^e^ wachsen, daß das zweimal irn Monat erscheinenidiel .Blatt nicht mehr ausreicht. Die O r gan isatioin;sleitungh at deshalb b;es.c hlossen, eine Aktion einzuleiten, um den „Jüdischen Ar-i beiter" in ein Wochembiatt in vergrößertem U mf an ge um zu wändel n. Wie wollen wir das erreichen? Es soll zunächst ein Eine-Million-Groschen-Fonds gesammelt werden. Es ist ein Groschen-Fonds, um jedem Genossen und Freund zu ermöglichen, für diese außerordentlich wichtige Arbeit beizutragen. Diel Spendenausweise dieses Fonds sollen zu einer Zählung unserer Mitkämpfer und Förderer werden. Die Eingänge für diesen Fonds werden von unserem Obmanne Gen. Dr. Bernay persönlich verwaltet. Ihm ob'-* liegt es, strenge darüber zu wachen, daß alle Eingänge; ausschließlich für die Sicherung des Wochenblattes!1 verwendet wenden. \ In den nächsten1 Tagen werden unsere Vertrauens-, männer Sammelmittel erhalten. Wir erwarten, daß, die Sammelaktion mit größter Energie aufgenommen' tin'ds durchgeführt werden' wird. In einem späteren Zeitpunkte wollen wir eine große Abonnenten-Werbeaktion in die Wege leiten und größere Veranstaltungen für diesen Zweck machen. Wir wollen hoffen, daß alle Genossen untf Freunde die Bedeutung 'dieses großen Versuches erkennen und uns die entsprechende Mithilfe gewähren werden. Es ist sicherlich1 ein Wagnis, in einer so furchtbaren Zeit einten solchen Versuch zu unternehmen, aber unser Verantwortungsgefühl zwingt uns dazu — die zion isUsch-sioziaiistis che Bewegung) muß eine wirkungsvolle geistige Waffe) h aben, we.nii.sie ihren Auf ga ben gerecht werden soll. Die Aktion für das Wochenblatt ist einte wichtige Kraftprobe. Jeder muß: mitwirken und wir werden! diese Probe bestehen. „Der Jüdische Arbeiter" wird ein Wochenblatt werden. Die Orgänisationsleiturig. Der Nationalsozialismus Dieser Aufsatz soll bloß die Stimmung in gewissen Kreisen der Zionisten Deutschlands wiedergeben. Wir verweisen auf den Brief aus Deutschland in der vorigen Nummer unseres Blattes. Wir erwarten, daß unsere Genossen und Freunde zu dieser sonderbaren Orientierung Stellung nehmen werden. Die Red. Wenn wir uns mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, so geschieht das meist unter zwei Gesichtspunkten: als Juden sehen wir den Antisemitismus in ihm, die unmittelbare Bedrohung unserer ganzen Existenz, als Sozialisten den Faschismus, die soziale und wirtschaftliche Reaktion. Sehr selten legen wir uns aber die Frage vor, wie wir uns denn als Zionisten, d. h. als selbst national denkende Menschen, zu dieser neuen Form des Nationalismus zu stellen haben, die wir rings um uns zur Herrschaft kommen sehen. Es scheint deshalb wichtig, auf eine Arbeit hinzuweisen, die zur Klärung dieser Frage wesentlich beiträgt. Es ist das die Broschüre von Dr. Gustav Krojanker, Berlin: Zum Problem des neuen deutschen Nationalismus. Eine zionistische Orientierung gegenüber den Strömungen unserer Zeit.*) Krojanker geht bei der Behandlung seines Themas aus von der Beschreibung und Analyse der gegebenen Situation. Wir erleben heute die entscheidende Krise des Liberalismus, wobei der Begriff Liberalismus ungeheuer viel umfaßt: „Liberalismus, d. h. wirtschaftlich: Kapitalismus die freie Konkurrenz privater Individuen. Das heißt politisch: der durch die Proklamation der Menschenrechte inaugurierte Gedanke der Freiheit und Gleichheit jedes Individuums. Das heißt 1932. *) Schriftenreihe der Jüdischen Rundschau Nr, 6, Berlin, geistig: die Herrschaft der Vernunft, die Lösung von allen autoritären Bindungen, die voraussetzungslose Freiheit menschlichen Denkens und Forschens." Es handelt sich also keineswegs etwa nur um die Krise einer Partei, sondern wir sehen eine entschiedene Abkehr der Menschen von allen jenen Werten, die für anderthalb Jahrhunderte die höchsten gewesen sind. Das Judentum nun ist im Zeitalter des Liberalismus in. seiner Gänze ein liberales Judentum gewesen. Der jüdische Liberalismus bedeutete ebenso wie der allgemeine das Lösen von Bindungen, das Niederreißen von Schranken. Er löste das Judentum vom Gesetz los und setzte an Stelle der alten nationalen und normativen Bindungen die Herrschaft des Verstandes. Er machte es zur reinen Religion und diese Religion war Vernunftreligion. Gegen diesen Liberalismus trat zwar die Orthodoxie auf, aber der erste Theoretiker des jüdischen Konservativismus, Samson Raphael Hirsch, hatte unbewußt die wesentliche Grundlage des Liberalismus schon akzeptiert: die Auffassung des Judentums als nur-religiöse Gemeinschaft, und so gab es auch im Judentum in Wirklichkeit nur mehr eine Grundhaltung, die liberale. Der jüdische Liberalismus, obgleich nur ein Verwendungsfall des allgemeinen, stellte diesen doch gleichsam in Reinkultur dar, weil ihm einerseits die Korrektur durch das politische Leben der Volksgesamtheit fehlte, in dem ja immer auch antiliberale Mächte eine wesentliche Rolle spielten, und weil andererseits die liberalen Gedanken den Juden wie eigens auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten scheinen mußten. Man war dem Volk, unter dem man lebte, blutsmäßig fremd — um so mehr Grund hatte man, sich für die Idee der Gleichheit aller Individuen, unabhängig von ihrer Abstammung, einzusetzen, man war machtlos — um so freudiger bekannte man sich zur Idee der Menschheit, der auf Verträge gegründeten Gesellschaft, für die der Machtgedanke das schlechthin Böse Genossen! Eine Million Grosdien unO unser Blatt erscheint wöthentlidi! *