Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 11 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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■__Der jüdische Arbeiter__•.........■ ■......__' _ /_Seite 3 Briefe an unsere Jugend Liebe Freunde! «erster unet) Ich weiß, wie euch Znveifel und Fragen über die Probleme und Leiden unserer Zeit plagen. Ich sehe, wie ihr nach Freude dürstet und von furchtbaren Sorgen niedergehalten werdet. Ich kenne euer Ringen um Judesein und Sozialistsein. Ich fühle mit euch und will versuchen, den Sinn unserer Zeit zu deuten und den Ausweg aus dem Jammertale unserer Gegenwart zu beleuchten. Voraussetzung für die Erörterung unserer Lebensaufgabe im gegenwärtigen Zeitpunkte ist, den Sinn unserer Zeit erkennen. Was wir jetzt schaudernd und aufwühlend erleben, ist nicht eine vorübergehende Krise, die nach einiger Zeit behoben sein wird, es ist vielmehr ein Anzeichen des untergehenden Kapitalismus, der sich immer mehr und mehr in tiefe innere Gegensätze verstrickt und in den krassesten Widerspruch gerät zur fortschrittlichen Entwicklung der Welt. Der Weltkrieg des Imperialismus hat d:e klaffenden Wunden im Organismus der kapitalistischen Weltwirtschaft bereits sichtbar gemacht, die Entwicklung seit Kriegsende aber ihre tötende Wirkung offenbart. In den letzten zwei Jahrzehnten vor Kriegsausbruch hat der Kapitalismus ungeheure Güter geschafft, Aufbauwerke gewaltigen Umfangs und von großer Bedeutung errichtet. In wenigen Jahren ist durch den Krieg ein erheblicher Teil dieser Güter zerstört,'.ein weiterer Teil ernstlich gefährdet worden. Der Austausch der geistigen Güter der Völker untereinander hatte bis zum Kriegsausbruche große Fortschritte aufzuweisen. Der Weltkrieg zerstörte alles gründlich und errichtete ungeheure Kluften zwischen Volk und Volk. Ist es nicht sinnlos, Jahrzehnte hindurch große, wertvolle materielle und geistige Güter zu schaffen, um sie dann in wenigen Jahren zu zerstören? Kann das zwecklose und unfruchtbare Steinerollen des Sjsiphus das Symbol des menschlichen Lebens und Schaffens sein? j Das Jahrzehnt vor Kriegsausbruch war bereits durch den raschen Fortschritt der Technik gekennzeichnet. Der grandiose Kampf des Menschen gegen die Gewalt der Natur beherrschte, vornehmlich das Schaffen der geistig entwickelten Völker. Das rapide Wachsen der Eisenbahn- und Schiffslinien, die'ungeheuere Ausdehnung von Telephon und Telegraph, die ungeahnte Entwicklung der Elektrizität brachte Länder und Völker, einander näher, schuf gewaltige Kulturgüter. Die Aviatik kündigte das Zeitalter der Ueberwindung aller Hindernisse und Entfernungen an. Die Technik stand im Dienste der Verschönerung und Bereicherung des menschlichen Lebens. Da kam der Krieg, natürliches Produkt des stets beutegierigen und unersättlichen Kapitalismus, und kehrte alles in das Gegenteil um, verwandelte den Segen der Menschheit in den furchtbarsten Fluch. Alle Errungenschaften des menschlichen Geistes, die feinsinnigsten technischen Erfindungen, die bestimmt waren, in den Dienst der Menschheit gestellt zu werden, wurden für die Zwecke des Mordens und Zerstörens mißbraucht. Kann das der Sinn der hohen Entwicklungder Mechanik, der Chemie und der Aviatik sein, daß sie der Bombardierung großer Kulturstätten dienen, daß sie unschuldige, unbewaffnete Menschen töten? Ist das nicht restlose Entwertung, ja Entweihung der Schöpfungen des menschlichen Geistes? Der Krieg, das äußerste und natürliche Mittel des herrschsüchtigen und profitgierigen Kapitalismus, erwies sich auch als ungeeignet, das gesteckte Ziel zu erreichen. Er sollte den imperialistischen Mächten die Erweiterung ihrer Herrschaft über die kulturell unentwickelten Völker ermöglichen und die arbeitenden Menschen der kulturell entwickelten Länder noch mehr als früher unter das Joch des Kapitalismus beugen. Beides mißlang ihm fast völlig. ' Die ungeheuere Ausdehnung der Front des Weltkrieges und seine lange Dauer machten die Mobilisierung großer Völker erforderlich. Die imperialistischen Mächte sahen sich gezwungen, die von ihnen versklavten Völker der kulturell unentwickelten Länder als Sondaten an die Front zu schicken. Die unmittelbare Fühlungnahme dieser Menschen mit Europa, ihre Erlebnisse im blutigen Weltkriege wühlten die vom Imperialismus unterjochten Völker auf. Seit dem Kriege geht vor sich ein mächtiger, unaufhaltsamer Strom der Befreiung dieser Völker von der Fremdherrschaft. Der Krieg war zumindest ein großer Auftrieb dieser mächtigen Bewegung. Auch die arbeitenden Menschen der kulturell entwickelten Länder, die unter dem Kriege am meisten zu leiden hatten, sind durch die Ereignisse und Erlebnisse des Krieges gründlich aufgewühlt worden. Der Krieg rief eine soziale Gärung hervor, die in den meisten Ländern ein mächtiges ' Anschwellen der organisierten Arbeiterschaft und ihres Kampfwillens zur Folge hat. Der Weltkrieg hat also den inneren Widerspruch der kapitalistischen Wirtschaftsordnung deutlich zutage gefördert. Er sollte eine Stärkung der Macht des Kapitalismus, eine Erweiterung der Herrschaft des Imperialismus herbeiführen und schuf Tendenzen, die die völlig entgegengesetzte Wirkung hatten. > Die Entwicklung, die die Weltwirtschaft, die Politik und die Kultur der wichtigsten Länder nach dem Kriege genommen haben, verschärften noch diese Widersprüche gewaltig. Nach den Jahren der Zerstörung der Güter durch den Krieg, des Stillstandes in der Erzeugung neuer Güter, stürzten sich Industrie und Handel mit beispielloser Vehemenz auf Erzeugung und Umsatz neuer Güter. Wenn wir das Tempo, das hiebei eingeschlagen wurde, rückblickend beobachten, gewinnen wir den Eindruck, als ob man in kürzester Frist alles nachholen wollte, was in den Kriegsjahren durch Zerstörung und Drosselung versäumt wurde. Ein rasender Wettkampf um die Rationalisierung begann. Sie gipfelte darin: die Produktion auf das höchste steigern, bei möglichst geringer Inanspruchnahme menschlicher Arbeitskraft. Das Ersetzen des Menschen durch die Maschine nahm ungeahnte Dimensionen an. Nach einer kurzen Periode rasenden Wertkampfes um die Rationalisierung erkannte man schaudernd, wohin dieser Kampf führt: Die Produktion wurde wohl durch die Rationalisierung maßlos gesteigert, da aber infolge der Rationalisierung Millionen Menschen arbeitslos wurden, sank die Absatzmöglichkeit dieser Produkte ebenfalls in rasendem Tempo. Die aufgehäuften Produkte, wie die neu konstruierten technisch vollendeten Maschinen wurden entwertet. Die von den Banken investierten Kapitalien wurden „eingefroren". Banken und Aktiengesellschaften, die die höchsten Spitzen erklommen hatten, brachen wie Kartenhäuschen zusammen. Wir kennen die Namen: Danat-Bank, Kreuger- Konzern, Credit-Anstall. Diese Totenliste ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Der Kapitalismus verstrickte sich also in sein eigenes Netz, weiß keinen Ausweg, muß rat- und tatlos der unaufhörlichen Zuspitzung der von ihm selbst hervorgerufenen Krise zusehen. Aber die ins Rollen gebrachte furchtbare Krise setzt sich unaufhaltsam fort, greift auf alle Länder und Weltteile, in denen der entwickelte Kapitalismus herrscht, über, erfaßt alle Gebiete des menschlichen Lebens und steigert gigantisch die inneren Widersprüche des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Während Millionen Menschen hungern und auf die notwendigsten Erfordernisse verzichten müssen, werden ungeheure Quantitäten von Gütern, die sagenhafte Werte darstellen, vernichtet: Kaffee, Baumwolle werden eingeäschert, landwirtschaftliche Produkte in Gewässer geschleudert usw. Flugschiffe stellen einen geordneten Verkehr über den Ozean her, Radio verbindet alle Weltteile miteinander, Piccard erreicht die Stratosphäre, Marconi drückt auf einen Knopf in Italien' und beleuchtet einen Hafen in Südamerika, aber in demselben Zeitabschnitt grenzt sich jedes Ländchen vom zweiten ab, errichtet Zollmauern, die Volk von Volk, ja Teile eines Volkes voneinander gewaltsam trennen: Diese inneren Widersprüche erzeugen eine Atmosphäre widerlichster Verlogenheit. Die Vertreter der größten Staaten verhandeln über Abrüstung, zurzeit als sie ihre Kriegswaffen unaufhörlich vermehren und vervollkommnen. Die Justiz, deren Unabhängigkeit eine der stolzesten Errungenschaften des Bürgertums war, ist zu einem furchtbaren: Instrument gegen die Ausgebeuteten und Unterdrückten geworden. Diese Verlogenheit vergiftet auch die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch. Freundschaft, Treue, Vertrauen, Liebe sind von der Verlogenheit der kapitalistischen Gesellschaft angefressen und ausgehöhlt. Karl. Kraus charakterisierte diesen Zustand treffend durch folgende Worte: „Das Niveau der Menschheit, ist sehr hoch, aber niemand steht darauf". Diese inneren Widersprüche des Kapitalismus, seine Gegensätzlichkeit zum Aufstiege der Kultur, des menschlichen Geistes, sein moralischer Verfall, sie sind das deutliche Signal der untergehenden Welt des Kapitalismus. Lassalle brachte in einer seiner Reden zum Ausdrucke, daß die Dampfmaschine die Ueberwindung des Feudalismus darstelle, iri Anwendung dieses Satzes dürfen wir vom' Kapitalismus behaupten, daß die Entwicklung der Wirtschaft, der Kultur, der Technik; des menschlichen. Geistes die Ueberwindung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung darstelle. Der von Verfall und Untergang gezeichnete Kapitalismus .versucht nun seine Lebensdauer zu. verlängern durch unzulängliche Mittel, die man hier als Vereinigung der Donaustaaten, dort als Paneuropa u. ä. m. bezeichnet, wie auch durch die Gewaltstreiche des Faschismus in verschiedener Uniformierung. Mag sein, daß: diese Injektionen den Tod des Kapitalismus uni einige Zeit hinausschieben werden, verhindern können sie ihn auf keinen Fall. Der Kapitalismus hatte in der Entwicklung der Menschheit eine wichtige Mission zu erfüllen und er hat sie erfüllt. Nun ist seiine Zeit abgelaufen und er Ist zu einem1 Hindernis für den Aufstieg der Menschheit geworden. Die historische Notwendigkeit ist unerbittlich. Liebe Freunde! Seid euch also dessen bewußt, daß eseuch gegönnt ist, an der Schwelle der neuen Welt, der Welt des Sozialismus, zu stehen. Die Generation, derj solches beschiedeu ist, niuß wohl auf Leiden und schwere Kämpfe gefaßt sein, sie muß! sich aber dessen bewußt sein, daß all das die Geburtswehen der neuen Welt sind, die sie aufzurichten berufen ist. In einer Periode von derartig großer historischer Bedeutung sind auch die Gefahren der Irrungen und Verwirrungen sehr groß. Insbesondere für uns Juden, da wir als Volk von ungesunder wirtschaftlicher Struktur und als Heimatlose unter der Krise des Kapitalismus viel mehr als die anderen Völker zu leiden haben. Ich will mich bemühen, Klärung und Lösung vom jüdischen Gesichtspunkte zu erörtern. Mendel Singe|r.£ Aus aller Weit (Kurzberichte aus dem jüdischen Leben) Oesterreich. Der Gesetzentwurf über das antisemitische und antisozialistische Stüdentenrecht wurde im Parlament mit den Stimmen aller bürgerlichen Parteien in der ersten Lesung angenommen und dem Uriterrichtsaüsschuß zugewiesen, damit es für die zweite und dritte Lesung vorbereitet wird. Es ist anzunehmen, daß der neue Unterrichtsminister Rintelen, ein eingefleischter Reaktionär übelster Art, auch die zweite und dritte Lesung energisch durchführen wird. Nun können unsere Wahlenthaltüngsagitatoren. den Freudenkelch bis zur Neige leeren — die Saat geht auf... Deutschland. Ist Direktor Kareski Revisionist? Es war in der jüdischen Oeffentlichkeit aufgefallen, daß Direktor Kareski,. bis vor anderthalb Jahren Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin und zurzeit Vorsitzender der Jüdischen Volkspartei Berlin, zu den vorletzten österreichischen Nationalratswahlen . einem Journalisten ein zwar dementiertes Interview gegeben hatte, in dem er die österreichischen Juden zur Wahl antimarxistischer Parteien aufforderte. Es ist begreiflich, wenn diese Stellungnahme. in den Kreisen des bürgerlichen Zionismus Befremden, ja Empörung ausgelost hat. Es ist daher interessant 7.u erfahren, däß der' Vaorsitzende der Jüdischen Volkspartei Berlin, unserem Öberfaschisten Stricker in Berlin adjustiert und zu den „wehrsportlichen". Uebungen des. Berliner „Brith Trumpeldor" begardet hat. Es ist kaum anzunehmen, daß diese qffene Stellungnahme Dir. Kareskis für die Revisionisten ihm Sympathien in der Masse des Berliner Judentums und der überwiegend antirevisionistischen Mehrheit des deutschen Zionismus verschafft hat. Neue Friedhofs- und Synagogenschändungen wurden in Durbach bei Offenburg (13 Grabsteine umgestürzt) und in Krossen a. d. O. (Besudelung der Synagoge mit der Inschrift: „Zerschlagt die Judenpest") verübt. * . .. Ueber Antrag der Nazi beschloß der Heidelberger Stadtrat, das betäubungslose (rituelle) Schächten im Gemeindeschlachthaus zu verbieten. Herrn Dr. Schmitz und allen Christlichsozialen ins Stammbuch sollten die folgenden Aeußerungen des Führers der konservativen und klerikalen reichsdeutschen Zentrumspartei Prälat Dr. K a a s über die Judenfrage, geschrieben werden. „Seit seinem Bestehen, sagte Dr. Kaas, hat das Zentrum stets die Gleichberechtigung der Staatsangehörigen jüdischen Glaubens anerkannt und ist für deren Gleichstellung mit den übrigen Staatsangehörigen eingetreten. An dieser Auffassung hat sich nichts geändert und wird sich nichts •ändern." Polen. An der Lemberger Hochschule für Land- und Forst-, Wirtschaft waren seit vielen Jahren, nachdem sich dort antisemitische Unruhen ereignet, hatten, keine jüdischen Studenten inskribiert. Als vor kurzem ein jüdischer Student dort inskribierte, beschlossen die übrigen Studenten, daß sich der Jude auf dem Territorium der Anstalt nicht zeigen dürfe. Als Antwort darauf beschloß der Senat, die Anstalt zu schließen. Revision der Judenpolitik? . Eine, Warschauer jiddische Tageszeitung .tejlt aus'zuverlässiger Quelle mit, daß man sich in den Regierungskreisen letztens sehr eingehend mit der Judenpolitik befat habe und daßß man zur Einsicht gelangt 'wäre, daß die Regierung unbedingt etwas zur Besserung der jüdischen Lage tun müsse. Am Lemberger Institut für orientalische Sprachen, das der Universität angegliedert ist, wurde ein Lehrstuhl für Hebräisch geschaffen. Ueber die Entwicklung des Kreditgenossenschaftswesens in Galizien berichtete Dr. Silberschein auf der in Lemberg stattgefundenen Konferenz : der galizischen Kreditgenossenschaften. Demnach existieren dort 102 jüd. Kreditgenossenschaften mit 42.000 Mitgliedern und einem Kapital von 16.5 Mill. Zloty. 60 Prozent der Mitglieder sind Kaufleute und Kleinhändler, 19 Prozent Handwerker, der Rest veV schiedene Berufe. Außer der Kaufmannschaft sind noch 30.000 jüdische Bauern in Galizien, die schwer um ihre Existenz kämpfen und auf die Kreditgenossenschaft angewiesen sind. ' „Dieses Schwein kauft bei Juden", dies der Inhalt eines Zettels, der jedem Polen rückwärts angesteckt wird, der ein jüdisches Geschäft in Warschau verläßt. Die Pogromisten von Wilna laufen frei herum. Der Jüdische Parlamentsklub hat an den Justizminister ein Schreiben gerichtet, in dem darauf .hjngevyiesen wird, daß 6 Monate nach dem Wünaer Pogrom die Schuldigen noch iinmer frei herumlaufen, während die Juden zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Der Klub fordert, daß durch eine ordentliche Durchführung des Verfahrens dargetan werde, daß der Staat nicht gesonnen sei, Ueberfälle auf jüdischer Bürger zu dulden, 210 Juden sind im April aus Pokyi nach Palästina ausgewandert. ■ - - - r^r , ..<.; :