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Der Jüdische Arbeiter · 1932-06-03 · Heft 11 (3.6.1932) · page 4

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
9 (1932)
Issue
Heft 11 (3.6.1932)
Date
1932-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Der jüdische Arbeiter Lettland. Der lettländische Innenminister Kaulin hat die von der Regierung erteilte Erlaubnis zur Abhaltung der ersten Konferenz der lettländischen Juden, zurückgezogen und die Konferenz verboten. Aus der Konferenz sollte der Nationalrat der lettländischen Juden hervorgehen. Das Organ der lettländischen Studenten „Universitas" führt Klage, daß es in Lettland zu viel Juden gebe und daß die Regierung $taatsgelder für jüdische Zwecke „verschwende". Den staatlichen Minderheitstheatern, darunter auch dem jüdischen Theater in Riga, sind die bisher gewährten Subventionen entzogen worden. Die jährliche Subvention von 10.000 Lat, für die einzige jüdische Landwirtschaftsschule des Landes, wurde entzogen. Dadurch wird diese Schule am Ende I. J. geschlossen werden müssen. England. Ein in England noch nicht dagewesener Akt von Vandalismus wurde in Leeds verübt. In der Talmud-Thora-Schule, die der Synagoge angeschlossen ist, wurden Verheerungen angerichtet. In der Synagoge selbst wurde die Thoralade er- Thorarollen auf den Boden geworfen und die Einrichtung in Trümmer geschlagen. Die Wände wurden mit obszönen Worten besudelt. Die Täter sind noch unbekannt. x Auf der Konferenz des Schächterverbandes Großbritanniens und Irlands wies der berühmte Pathologe Prof. Sir Leanard Hill nach, daß das rituelle Schächten die beste und humanste Methode ist. Berl Locker in Wien Der Aufenthalt unseres Genossen Locker, in Wien gestaltete sich zu 'einer Reihe herrlicher Kundgebungen und brachte gute Stimmung-in' alle Kreise der Zionisten Wiens. Dienstag, den 17. Mai, gleich nach seiner Ankunft in Wien, sprach Locker zu den Vertrauensmännern1 der zionistischen Landesorgariisation, unserer Organisation und der Jugend. Er sprach offen, ohne jede Schönfärbung, über die Schwierigkeiten der zionistischen Arbeit, und fand allgemeines Verständnis) für die Tätigkeit der Exekutive. Mittwoch, den 18. Mai, nachmittags, empfing] Locker die Vertreter der Presse und informierte sie lüber den $tandjn Palästina und in der zionistischen! Weltbewegung. Am Abend desselben Tages sprach' Locker in einer Versammlung unserer Organisation, über welche wir eingehender berichten. Im' Anschlüsse an1 die gelungene Versammlung verbrachten wir mit Genossen Locker bis gegen Mitternacht in geselligem Kreise. Donnerstag den 19. Mai, sprach Locker im Festsaale des Hotel Continental in einer allgemeinen Versammlung über „Die Lage im Zionismus". Der Saal Dienstag, den 7. Juni, 8.30 Uhr abends, II., Blumauergasse 1 ' Arbeitskreis junger Genossen Fortsetzung der politischen Aussprache. war lüberfüllt. Die Zuhörer folgten den Ausführungen' des Genossen Locker mit großem Interesse. Auch die im Saale anwesen'den Revisionisten verhielten sich' ruhig bei Anhörung der schärfen, aber sachlichen! Auseinandersetzung des Referenten mit den' „Monopol zionisten". Von Wien begab sich Locker in die Tschechoslowakei, wo er in mehreren Städten Versammlungen abhielt. * In einer ausgezeichnet besuchten Versammlung "der zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei sprach' Mittwoch Genosse Locker über den Kampf der jüdischen Arbeiterschaft an der sozialistischen und zionistischen Front. Niemals, so führte Genosse Locker aus, ist der Kapitalismus so nahe am Zusammenbruch' gewesen, wie im gegenwärtigen Augenblick, .niemals aber auch! waren große Teile der Arbeiterschaft weiter entfernt) von der Erkenntnis, daß nur der Sozialismus Rettung aus unserer verzweifelten Lage bringen kann. Die: sozialistische Arbeiterbewegung aller Richtungen wird sich fragen müssen, ob' ihre Methoden an die Masse1 herauszukommen, richtig waren, und diejenigen werden sich irren, die meinen, sie wären von Anfang ar* klen richtigen Weg gegangen und brauchten an' ihrer SArbteit nichts zu ändern. Ich! bin überzeugt, so sagte? Genosse Locker, daß der Weg derer eher zum Sieg 'führen wird, die im Kampf um die Demokratie 'uh8 mit demokratischen Mitteln die Mehrheit der Menschen zum Sozialismus führen wollen. Steht die internationale Arbeiterschaft in einer schweren Krise, so ist die Lage der jüdischen Arbeiterschaft noch weit schwieriger. In den letzten: 100 bis 150 Jahren vor dem kriege hat sich1 in; 'den jüdischen Massen des Ostens eiri Prozeß angebahnt, der, wäre er nicht durch' den Krieg zum Stillstand gebracht worden, eine weitgehende Normalisierurig! der Wirtschaftslage der Juden herbeigeführt; hätte. Aus Handel, .Wucher und Luftmenschentum 'drängten 'die jüdischen Massen des Ostens in: tfiej 'Produktion, es entstanden die ersten Anfänge einer jüdischen Arbeiterbewegung in Polen, vor allem aber wurden durch die Auswanderung nach Amerika Millionen jüdischer Luftmenschen in die Produktion eingereiht. Heute hat Amerika seine Tore geschlossen), die neuen Staaten, in denen die Juden in Massen! siedeln, treiben eine ausgesprochen judenfeindliche Wirtschaftspolitik, die teils schon in ihrer Absicht antijüdisch ist, teils, wie die überall feststellbare Bevorzugung der agrarischen vor den städtischen Schichten der Bevölkerung jedenfalls in ihren Auswirkungen die Juden besonders schwer trifft, und so haben' wir heute im Osten nicht wie vor dem Krieg eine, Bevölkerung von abnorm viel Händlern, vielen Handwerkern und einem klemen Industrieproletariat, sondern eine Bevölkerung von gewesenen Händlern, gewesenen Handwerkern, gewesenen Arbeitern. Die jüdische Arbeiterbewegung verliert unter diesen Umständen die geringe"" Kraft und Bedeutung, die sie sich schon erkämpft hatte, und die jüdischen Massen in ihrer Gesamtheit treiben immer mehr der völligen Deklassieriing entgegen. So schwer aber auch unsere Lage ist und so vehr wir uns unserer Schwäche bewußt bleiben müssen, wenn wir nicht trügerischen Illusionen, zum Opfer fallen sollen, so dürfen wir aus dieser Schwäche doch1 keineswegs die Konsequenz ziehen, den Kampf für den Sozialismus aufzugeben und anderen zu überlassen. Jeder Sozialist muß an seinem Ort sein bestes1 tun, iiim in seinen^ Volk die Tdee des Sozialismus zum Siege zu führen. Die sozialistische und die zionistische Front lassen sich für uns eigentlich nicht trennen, denn die Liga für das arbeitende Palästina. Sekretariat: I., Jordangasse 7. Mittwoch, den 15; Juni 1932, um 8 Uhr abends, liest in den Kunstspielen, I., Riemergasse 11, Jehuda Ehrenkranz aus jiddischen Dichtungen. Karten von 1 S aufwärts im Sekretariate der Liga, I., Jordangasse 7, von 7 bis halb 9 Uhr abends. Poale Zion Hitachduth, II., Blumauergasse' 1. schönste, fruchtbarste und im eigentlichen Sinne revolutionärste Tat des jüdischen Sozialismus ist der Aufbau Palästinas, durch den das Recht der Juden' auf Arbeit und Anteil an der Produktion befriedigt; werden soll, und die. schönste Erfüllung unserer nationalen Wünsche erblicken wir in einem jüdischen! Gemeinwesen, das aufgebaut ist auf sozialistischen! Grundlage. Gewisse „monopolzionistische" Gruppen predigen einen „reinen" Nationalismus, aber wenn der Zionismus wirklich nur möglich wäre mit Hilfe all der abscheulichen Erscheinungen, der Unterdrückung und1 Ausbeutung, denen unser tiefsten Haß gilt, dann würde es sich nicht lohnen, für ihn zu kämpfen. In! Wirklichkeit verhält es sich gerade umgekehrt: wer den; Zionismus mit dem Kapitalismus verkuppelt, den weiht ihn damit dem' Untergang zusammen mit' der sterb'enw den Bourgeoisie. Unsere Lage ist sehr schwer, die Eingänge den Fonds sinken und auch in denjenigen zionistischen* Kreisen, die in ihrer antisozialistischen Einstellung! nicht so weit gehen, wie die Revisionisten, findeni sich heute viele, die aus dieser Situation wenigstens! den Profit der Liquidierung des Chaluzsystems und seiner Ersetzung durch die Initiative des' Privatkap iitals ziehen wollen. Wir sind keine Gegner der Privatinitiative, wir werden uns an jedem, Werk beteiligen,,, das die Verwurzelung des in seinen Existenz bedrohten! jüdischen Mittelstandes" in Palästina zum Ziel hat, aber wir werden die sozialistischen Errungenschaften! der I^wuza!und des Moschaw und das Prinzip des' nationalen Bodeneigentums niemals aufgeben. Unsere Jugend hat heute einen Zweifrontenkämpf zu führen: auf der einen Seite gegen die meist jüdischen Gegner von links, die die Reinheit ihrer, sozialistischen Gesinnung verdächtigen und meinen, nicht leben zu könne_n, bevor sie nicht die zionistischsozialistische Bewegung zugrunde ^gerichtet haben, auf der anderen Seite gegen jene Gegner auf der zionistischen Rechten, die sie des nationalen Verrates beschuldigen, weil sie die neue jüdische Gemeinschaft auf sozialer Gerechtigkeit aufbauen will. Es wird sehr großer Anstrengungen bedürfen, um in diesem Kampf siegreich zu bleiben, aber wir werden siegen. Reicher Beifall dankte Genossen Locker für seine Ausführungen, die uns, gerade weil sia unsere schwere Lage ohne Beschönigung schilderten, ein neues Bewußtsein unserer Verantwortung und damit neue Arbeitsfreude gegeben haben. r. w. ^.....*yn mm mm:wm Ring des „Jfid. Arbeiter" Gen. Salomon Picker beantwortet die Aufforderung des Herrn Elieser Stein und spendet S 3.—. Genossin Grete Kann er beantwortet die Aufforderung des Herrn Elieser Stein und spendet S 2.—. Gen. Regina Kretschmar beantwortet die Aufforderung der Gen, Hochstim und spendet S 2. Sie fordert zu weiteren Spenden auf: Genossin F. Czenstochowsky, Frau H. Jäckel, Frau Haber-Helmer, Frau Prof. Gelernter, Frau Bronka Mayer. Aus der Weltbewegung Verelnigungsbewegung. In Belgien fand am 15. und 16. Mai die Vereinigungskonferenz unserer Partei mit den Zeire Zion statt. Die Vereinigungsplattform ist mit jener der beiden Weltverbände identisch. Die neue Partei führt den Namen: Vereinigte Jüdisch- Sozialist!'sc he Partei Poale Zion — Zeire Zion. In der Tschechoslowakei kam eine teilweise Vereinigung unserer Partei mit Gruppen und Einzelpersonen, die der Hitachduth angehörten oder dem Arbeitenden Palästina nahestanden, zustande. Verhandlungen mit der sogenannten „Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Zionisten", die der zionistischen Landesorganisation angehören und unter deren Einfluß die „Techeleth-Lavan" steht, sind im Gange. Der Name der neuen Partei lautet: ,J ü d i s c h e S o z i a l d e ni o k r a t ische Arbeiterpartei Poale-Zion, vereinigt mit zionistisch-sozialistischen Gruppen". Sie gehört auch weiterhin dem Weltverbande Poale-Zion an. Der vereinigten Partei ist auch Dr. Hugo Hermann beigetreten. In Deutschland sind ebenfalls Vereinigungsverhandlungen im Gange. Die Leitungen beider Parteien haben im Prinzip die Grundsätze der Vereinigung, die mit denen der beiden Weltverbände identisch sind, akzeptiert. Litauen. Ende April fand unsere diesjährige Landeskonferenz statt. Offiziell wurde sie als Generalversammlung der Sirkin- Gesellschaft (Kulturgesellschaft) einberufen, da unsere Partei von der Regierung aufgelöst ist. 17 Lokalorganisationen waren vertreten. Die Konferenz bewies, wie tief unsere Partei in der jüdischen Arbeiterschaft und Jugend verwurzelt ist. Den Schwerpunkt der Beratungen bildete naturgemäß die Vereinigungsfrage. Es trat eine scharfe Gegnerschaft zur Vereinigung — hauptsächlich zu der in Litauen selbst — zutage. Schließlich wurde mit überwiegender Mehrheit der Beschluß gefaßt, die Vereinigungsgrundsätze beider Weltverbände zu akzeptieren und an der Vereinigungs-Weltkonferenz teilzunehmen — was aber noch keine Entscheidung für die Vereinigung im Lande zu bedeuten habe. Die Partei gibt seit kurzem eine Wochenschrift „Die Zeit" heraus. Ein jüdisches Wortkonzert Jehuda Ehren kränz hat seine treue Gemeinde — und nicht bloß in Wien, die er immer wieder erobert und erweitert. Und das mit den Mitteln einer erlesenen Sprechkunst, einer fein-modulierten, nüancenreichen Stimme, wozu ihm seine hohe schauspielerische Begabung und ein tiefes Kunstverständnis verhelfen. Seine vor wenigen Tagen im Architektensaal startgefundene Vorlesung aus Perez, Schalom Alejchem und Tunkler war ein jiddisches Wortkonzert und eine Ehrenrettung der jiddischen Sprache, nach deren Verhunzung und Verunglimpfung auf der jiddischen Bühne. Schon aus diesem Grunde sollte man ihm zu Dank verpflichtet sein. Seinem Vortrag haftet nichts von jener Rethorik und jenem falschen Pathos an, mit denen oft auch große Künstler ihre mangelnde Gestaltungskraft zu übertünchen suchen. Ehrenkranz' Sprechkunst vermag allerlei Gestalten in den komischen wie ernsten Situationen leibhaftige blutvolle Wirklichkeit zu verleihen. Ueberragend ist er in Massenszenen. Jeden Typus sprachkünstlerisch scharf und sicher zu individualisieren, sein Innerstes sprachlich herauszukristallisieren, sein geistiges Profit phonetisch zu zeichnen — ist Ehrenkranz' große vortragskünstlerische Schöpfung. Kein Wunder, wenn die begeisterten Zuhörer ihn wiederholt zu neuen Zugaben an das Lesepult zwangen. d.— Wo speist man im Sommer? Bei M. EILEN Vegetarisches Speisehaus Neu renoviert! Volkstümliche Preise! II., Unt. Augarienstraße 13 Eingang Förstergasse 7 Tel. A-49-3-13 Treffpunkt der jüdischen Jugend! Gegründet 1882 Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Versicherungsbestand Ende 1930 S 2.560,000.000*— Prämien- und Zinsen- Einnahmen i. J. 1930 , 150,000.000 — Garantiemittel Ende 1930 , 378,000.000*— Auszahlungen an d. Versicherten i. J. 1930 , 35,500.000 - Tatigkeitsgcblet: Oesterreich, DeMicne« Reich, Tschecboslovaklgcbe Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Rallen, Ungarn. Polen. ^o^ayien. Bulgarien, Griechenland, Rnmlnlen, lUtiaa, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten« ^«rtijner, Verleger, Herausgeber und verantw<yrt!{cher Redakteur: Pinkas Kornblüh, Student, Wien, H., 9ehiftrafthtensfrfcße 45/8. — Druck: „Adria", Wien, II., Tabtrstraße 52b.

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