Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 11 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter, liehen Zeitungen Polens — jüdische und polnische —, daß am ersten Mai in Warschau die drei sozialistischen. Parteien, die unserer Internationale angeschlossen sind, getrennt marschiert sind in verschiedenen Stadtteilen. Die bürgerlichen Zeitungen teilen diese Tatsache frohlockend mit. Ich empfand dabei Scham und Schmerz. So wollen wir beispielgebend im Lande des Chauvinismus, Nationatismus und Antisemitismus wirken? Wenn sich die sozialistischen Parteien auch nicht ein einziges Mai im Jahre, am Festtage des Proletariats, über den gemeinsamen Aufmarsch verständigen können, wie sollen wir in der Lage sein, dem Chauvinismus der bürgerlichen Parteien entgegenzutreten? Die reaktionäre Presse spottete unser und sie hatte recht. Laut den Informationen, die mir zugekommen sind, stellte der „Bund" der Polnischen Sozialistischen Partei die Bedingung, daß die Poale Zion an dem gemeinsamen Aufmarsch nicht teilnehmen soll. Es ist nur selbstverständlich, daß die polnischen Sozialisten diese Zumutung des „Bund" abgelehnt haben, sie konnten nicht anders vorgehen, worauf der „Bund" den gemeinsamen Aufmarsch ablehnte und alle Parteien demonstrierten getrennt. Ich wiederhole: das ist ein Skandal und eine Schande. Ich appelliere an das Büro, Maßnahmen zu treffen, üaiß sich solche Vorkommnisse nicht wiederholen. Es können wohl Meinungsverschiedenheiten unter den Parteien sein, aber sie dürfen auf keinen Fall ein Anlaß sein, um die proletarische. Solidarität zu brechen und die Arbeiterparteien in eine lächerliche Situation ihren Gegnern gegenüber zu bringen. Das müßte auch das Sekretariat jener Partei erklären, die in diesem Falle die Schuld trägt. Gen. Jarblum nahm auch zu den anderen Fragen Stellung und verlangte finanzielle Hilfe für unsere verfolgten Genossen in Rußland. Jarblum informierte auch die Führer der Internationale über die Lage in Palästina. Zur Lage in Deutschland Von Fritz F r a e n k e 1. Die „Verläßlichkeit" der demokratischen Parteien. — „Haschomer Hazair" und Hitler. — Jüdische Kapitalisten für Hitler. — Sonderbare Versuche der „Jüdischen Rundschau". Uebefall wurde auf jüdischer Seite das Zusammenbrechen der bürgerlichen Parteien durch die nationalsozialistische Woge: eifrig kommentiert. Besonders . von dem katastrophalen Schwund dieser Parteien betroffen ist die Deutsche S.taa t s pa rt e i, die sicher dem wirtschaftlichen und politischen Denken, der Mehrheit der deutschen Juden aus den bürgerlichen Kreisen am meisten entsprochen hat. Immerhin haben diejenigen Juden, die auch noch diesmal zur Staatspartei gehalten, haben, damit gegen den Nationalsozialismus zu votieren.. geglaubt,;, das Auftreten von Dr. August Weber war' nirgendswo gerade in jüdischen Kreisen unbeachtet geblieben. Wenn von sozialdemokratischer Seite auf die geringe Verläßlichkeit dieser einstmals bedeutenden Mittelpartei .hingewiesen worden .war, hatte dies vielfach wenig GlaUben gefunden, .das Verhalten der Staatspartei in der Chemnitzer Stadtpolitik z. B., wo : sie für einen Nazi als Bürgermeister eintrat, hatte in jüdischen Kreisen zu wenig Aufmerksamkeit erregt. Um so alarmierender war für viele deutsche Juden daher die Nachricht jetzt auch aus Württemberg, daß die dortigen „Demokraten" bereit sind, eine evangelische Regierung gerne ins am mit den Natioji a 1 s o z i a Ii ste n zu bilden. Daß die politische Situation eindeutig zur Stärkung der g r o ß e n Parteien beiträgt, dürfte daher nicht nur Erkenntnisgut der Poale-Zion bleiben, die als einzige jüdische Gruppe offen nicht für die „Parteien der Weimarer Koalition" insgesamt, sondern ganz konkret für die S o zi ald e m o kratie und die Eiserne Front eingetreten ist, um den Wall gegen; Faschismus und Pogromismus zu stärken, sondern auch weitesten jüdischen Kreisen einleuchten. 1 '; Juden wählten Hitler! Niemand sollte folgende unglaublich klingende Geschichte . für möglich, halten, hätten wir nicht für deren Richtigkeit verlaßliche Berichterstattern Im 2. Wahlgäng zur 'Reichspräsidentenwahl haben zwei Mitglieder eines Berliner Jüdischen Jugendbundes (des „Haschomer Hazair") für Hitler gestimmt. Es ist kein Wunder, daß Menschen, durch eine kommunistische Erziehung beeinflußt, in ihrer „revolutionären Ungeduld" solche verbrecherischen politischen Narreteien treiben. Die Schuld trifft zweifellos diejenigen Biklungs-, obleute in den jüdischen Jugendbünden, die so. wenig verstanden haben, die ungeheure Gefahr, der reaktionären Situation, in der sich Arbeiterschaft und Judenheit, die Demokratie überhaupt, befinden, in ihrer ganzen Größe darzustellen, und die kommunistische Partei, die eine solch' eindeutige Lage in eine revolutionäre Situation in tragischem politischen Unverstand umzubiegen versucht haben, als/Helfershelferin der Reaktion zu brandmarken. Dr. Herzl Berger von der Poale-Zion hat sich mit einem scharfen Protest an die Wcltbundesleitung des Haschomer Hazair gewandt und verlangt den Ausschluß der beiden jüdischen Hitlerwähler. Jüdische Kapitalisten für Hitler! Seit, Jahren schreien die Nazis gegen die jüdischen Warenhäuser und die jüdischen, Großkapitalisten,, aber man hat noch nicht gehört, daß diese , Hetze einem Warenhaus geschadet hätte. Dagegen werden kleine jüdische Händler von den Märkten vertrieben, proletarische Existenzen, deren einzige Schuld, es ist, daß , sie Juden sind, werden jüdische Angestellte, auch, in Fällen, wo kein Arbeitsmangel. vorliegt, aus Gründen der Rasse entlassen. In großen Teilen der Industrie und des Handels wird die Parole gegen das „raffende jüdische Kapital" nur zu gern aufgenommen, und auf der Strecke bleiben jüdische Handwerker, jüdische Arbeiter und Angestellte^ die dem Boykott zum Opfer fallen. Die Ueberfalle - auf; jüdische Passanten mehren sich. In Halberstadt hat feiges Gesindel zwei jüdische Aerzte nachts unter dem Vorwand herausgeklingelt, daß sie zu Patienten gerufen werden, und hat sie dann hinterrücks niedergeschlagen. In Kleinstädten und auf dem Lande hat der Terror gegen die jüdische Bevölkerung derart gehässige und gefährliche Formen angenommen, daß es ganze Landesteile (z. B. Mecklenburg) gibt, wo die Auswanderung der Juden in die Großstädte immer stärker wird. Man sollte meinen, daß sich die Kräfte der Juden nun zum Kampfe gegen diese Brutalitäten konzentrierten, um eine völlige Rechtlosigkeit der jüdischen Minderheit zu verhindern. In der Tat führen auch die jüdischen Sozialdemokraten (Poale-Zion), ebenso wie große Teile des jüdischen Kleinbürgertums und Bürgertums (Reichsbund der Jüdischen Frontsoldaten, Centraiverein, Zionistische Vereinigung) diesen Kampf, sowohl durch Einreihung in die antifaschistischen Reihen, als auch durch politische Aufklärungsarbeit. Aber es gibt immer noch jüdische Firmen, die sich nicht entblöden, antisemitischen oder halbantisemitischen Zeitungen, besonders der sogenannten Generalanzeigerpresse, Inserate zuzuführen. Bekannt ist z. B. aus Oesterreich, daß dort die Heimwehren auch von jüdischen Kapitalisten ausgehalten werden, und ebenso wird seit Jahren in der Presse berichtet, daß Münchener und Nürnberger jüdische Großkapitalisten nationalsozialistischen Formationen Bekleidungsgegenstände gegeben haben. Das tollste Stück ist aber zweifellos, daß an der Hitler- Kundgebung des Industrieklubs in "Düsseldorf prominente jüdische Persönlichkeiten teilgenommen haben, ohne Widerspruch zu erheben, als Fritz Thyssen zum Schluß die anwesenden Industriellen aufforderte, Hitler durch den Hitlergruß zu ehren. Anwesend waren u. a. Bankier Elkan, Munitionsfabrikant Grünthal, Führer der Liberalen in der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Justizrat Cohen, früher Vorsitzender der Repräsentantenversammlung Düsseldorf, Herr Fröhlich in der Firma Fröhlich & Lippmann, Direktor Nothmann vom Westdeutschen Röhrenverband. Man sollte diese Dinge der ganzen Oeffentlichkeit einmal unterbreiten, besonders auch damit klar werde, für eine wie ernste kapitalistische Klassenvertretung die Hitlerbewegung von den Unternehmern gehalten wird, daß sogar jüdische Kapifalisten sich nicht scheuen, im Kampfe gegen Arbeiterschaft und Demokratie mit ihren Todfeinden, den Hakenkreuzlern, gemeinsame Sache zu machen. Jüdische Rundschau und C. V. Zeitung. Es ist im allgemeinen so, daß der jüdisch-positive, antiassimilatorische Teil der jüdischen Gruppen durch die zionistische Bewegung dokumentiert wird, während der Gegner eher geneigt ist, sich mit den unerfreulichen Seiten des jüdischen Lebens auszusöhnen: Es wirkt daher politisch recht seltsam, daß in der letzten Zeit die sonst so ausgezeichnete „Jüdische Rundschau" die merkwürdigsten Versuche macht, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, indem sie Theoretiker des Neuen Nationalismus, die sich nur durch den Ton vom. Gassenantisemitismus unterscheiden, als geistige Führer im Gegensatz zu den S. A. etwa behandelt und so übersieht, daß das Anwachsen dieser rohesten, brutalsten und barbarischsten Bewegung unserer Epoche gerade auf die Arbeit dieser Spengler, Dr. Stapel usw. zurückzuführen ist. Es hat Herzt seinerzeit in den Augen der jüdischen Massen gewaltig Abbruch getan, daß er aus einem völlig verfehlten taktischen Denken heraus es fertigbrachte, zu dem Schlächter der jüdischen Massen, Plehwe zu fahren. Ebenso sollte sich die „Jüdische Rundschau" klar sein, daß diese Haltung dem. deutschen Nationalsozialismus gegenüber keine jüdischen Gruppe die Legalität im „Dritten Reich" wird sichern können, und es kann diesmal der C. V. Zeitung („Die anderen und wir" von Dr. L; Feuchtwanger) nur zugestimmt werden, wenn sie nach einer Besprechung des neuen Buches von Stapel und Günther, das nichts weniger als judenfreundlich ist, zu dem Resultat kommt: „Nach der Lektüre dieses „Versuches" (Versuch einer praktischen Lösung der Judenfrage — des Beitrages von Stapel in diesem Buche) wird hoffentlich von jüdischer Seite jede Neigung verschwunden sein, mit Stapel (wie. auf der Nyoner Tagung und auch später öfters) eine Verständigung zu finden". Es sollte also der „Jüdischen Rundschau" klar sein, daß nicht nur der sozialistische Teil der zionistischen Bewegung, sondern auch weite Kreise aus anderen Schichten des deutschen Judentums solche Auseinandersetzungen mit dem Todfeinde des jüdischen Volkes für völlig abwegig und verfehlt halten. DIB STEWE Prüf- und Beratungsstelle zeigt in ihrer Ausstellung. Wien, IX., Marianneng. 4 Elektro - Heiß wasserspei eher für Küche, Brause und Bad Die Ausführung von Speicheranlagen auch gegen Teilzahlungen übernehmen die für die Errichtung solcher Anlägen. ermächtigen,JnshtfJa-v ~ ........* tionsfirmen sowie auch die , S t , Direktion d§r Städtischen El e k; t rizitäts w e r ke ftüs Palästina Ilm den Fferich-Bericht entstehen jedesmal neue Vermutungen und Gerüchte. Vor kurzem brachte der „Davar" die sehr beunruhigende Nachricht, daß der French-Bericht für die Juden sehr ungünstig sei, der Bodenankauf habe nach diesem Bericht sehr eingeschränkt und einer zentralen Aufsichtsstelle unterstellt zu werden, deren Entscheidung bei jeder Neuerwerbung von Boden eingeholt werden müsse. Nun bringt die gutinformierte Londoner „Jewish Chronicle" die Nachricht, daß der High Commissioner Wauchope die Absicht hege, den French-Bericht überhaupt nicht zu veröffentlichen, sondern ihn ad acta zu legen, denn nach seiner Meinung würde die Verwirklichung der im Freiich- Bericht enthaltenen Vorschläge die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas hemmen. 100 neue Zertifikate bewilligte der High Commissioner, die ausschließlich für weibliche Personen bestimmt sind. 300.000 Personen, teilt Bürgermeister Disengaff mit, haben die Levantemesse besucht. Die dort abgeschlossenen Transaktionen betreffen 175.000 Pfund. Palästina hat bei dieser Gelegenheit Handelsbeziehungen mit den entferntesten Ländern angeknüpft. Chefsekretär Joung erklärte, die Levantemesse war ein glänzender Erfolg gewesen, der Pavillon der Palästina-Industrie habe sich außerordentlich eindrucksvoll repräsentiert. ■ \ Die Attentäter von Kefar Jecheskiel, die zwei /uden Schußwunden beigebracht haben, sind ermittelt worden. Es sind drei Beduinen aus dem Beisan-Gebiet. Zwei von ihnen sind verhaftet worden, der dritte ist entkommen. Die Verhafteten haben ein Geständnis abgelegt. Jerusalem leidet an Wassermangel, da die diesjährigen Niederschläge sehr gering sind. 100 amerikanische Juden reisten am 16. Mai mit der „Vulkania" nach Palästina ab. Es ist dies die fünfte Gruppe vermögender amerikanischer Juden, die nach Palästina auswandern. 30.000 Dollar hat Morris Hirsch, Eigentümer vieler Schuhwarenhäuser in New-York, in Orangenplantagen investiert. Demnächst wird er selbst nach Palästina übersiedeln. , Eine begeisterte Rede über Palästina hielt in Warschau der gewesene polnische Ackerbauminister und gegenwärtige Departementsleiter des Ackerbauministeriums Ing. Pruchnik,. nachdem er anläßlich der Levantemesse Palästina besucht hatte. Die irdischen Ueberreste Theodor Herzls sollen mit dem ersten Schiff, das in den neuerbauten Hafen von Haifa einlaufen wird, nach Palästina überführt werden -- dies der- Vorschlag B. Rosenblatts, eines ehemaligen amerikanischen Richters, der sich in Palästina eingebürgert hat. Dieser Vorschlag hat viel Anklang gefunden und ein Amerikaner machte sich erbötig, 100 Dunäm Boden am Karmelberge zu spenden, um dort einen „Ohel-Herzl" zu errichten. Der Prozeß gegen die Mörder der 2 Juden Stahl und Schar-Goldstein, die im Juni 1930 auf einer Wanderung ermordet wurden, findet am 10. Juni statt. Der Justizkommissär von Haifa hat ein vorläufiges Urteil über den Streit um den Kuskus-Taboon-Boden gefällt. Bekanntlich haben am 10. März 1. J. Beduinen den dem. K. K. L. gehörigen Boden besetzt. Von den 8000 Dunam' umfassenden Boden beanspruchen sie 3000 Dunam für sich. Das nun gefällte vorläufige Urteil lautet, daß die Beduinen 2400 Dunam Boden, die sie einmal bearbeitet hatten, so lange besetzt halten dürfen, bis das Immobiliengericht ihre Entfernung ausspricht. Den Beduinen wie den Juden ist es. bis zur Urteilsfällung untersagt, den Boden zu bestellen. Eine neue Siedlung bei Tel Mond wurde von dem Misrachi gegründet. Sie führt den Namen Givath Chaim und umfaßt 200 Dunam. Die arabischen und jüdischen Orangenzüchter haben beschlossen, eine gemeinsame Delegation zu der in Ottawa stattfindenden britischen Reichskonferenz zu entsenden. Zweck dieser Delegation ist es, bei der britischen Regierung durchzusetzen, daß die Citrusfrüchte, die unter das neue Zollgesetz fallen, nach allen Teilen des britischen Reiches zollfrei eingeführt werden dürfen. Joseph Cowen gestorben! In London starb Joseph Cowen. Mit Cowen scheidet aus dem Leben eine der interessantesten Persönlichkeiten aus dem Kreise der Mitarbeiter Theodor Herzls. Für den Palästina-Arbeiter-Fonds Unsere Organisation führt eine Sammelaktion zugunsten des Palästina-Arbeiter-Fonds durch. Die Organisationsleitung ft'at diesbezüglich in ihrer letzten Sitzung folgenden Beschluß gefaßt: ,,Es ist Pflicht aller Parteimitglieder, an allen Aktionen für den Palästina-Arbeiter-Fonds aktiv teilzunehmen. Die jetzige Sammelaktion gibt allen Mitgliedern Gelegen, heit, ihre Treue und Anhänglichkeit den palästinensischen Genossen gegenüber durch ihre Hilfsbereitschaft Ausdruck I zu geben. Jedes Parteimitglied ist verpflichtet, sich je nach seinen Verhältnissen mit einer außerordentlichen Selbstbesteuerung an dieser Aktion zu beteiligen und außerdem durch Uebernahme eines Sammelbogens in den , Kreisen seiner Bekannten eine Sammlung durchzuführen." Wir sind überzeugt, daß sich alle unsere Mitglieder in den Dienst der Sache stqljen und dazu. beitragen werden, daß die Erwartungen, die die palästinensischen Genossen auf/ uns setzen, voll und ganz .erfüllt werden.