Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 9 (28.4.1932)
- Date
- 1932-04-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Arbeiter Seit« 3 In diesem Zusammenhang darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß Pinski, ursprünglich ein „Bundist", seit einer Reihe von Jahren Parteigenosse der amerikanischen „Poale Zion" ist, aktiven Anteil an der Parteiarbeit nimmt und viele Presseorgane der Partei (die Wochenschrift „Der Kämpfer", später das Tagblatt „Die Zeit") redigiert hat. * Der zweite Jubilar, P e r e z H i r s c h b e i n, ist erst langsam zum jüdischen Arbeiter gekommen. Seine ersten Dramen und stilisierten Erzählungen sind der Sphäre des jüdischen Kleinbürgers und des entwurzelten, bodenlosen jüdischen Intellektuellen entwachsen. Von dem krankhaften, blutleeren Stadtmenschen fand Hirschbein bald den Weg in die „Grünen Felder" mit den gesunden, erdverwachsenen Menschen und von dort begab er sich auf die Landstraße, die in die weite Welt hinausführt. Hirschbein, von dem grauen Elend der Wilnaer Kellerwohnungen und der dumpfen Verzweiflung des in der Luft schwebenden jüdischen Intellektuellentypus kommend, Bürger des verwahrlosten jüdischen Gäßchens, segelte bald in die Ferne und wurde unversehens der Weltbürger der jiddischen Literatur. An den Ufern des heiligen Ganges und an den Pforten der chinesischen Tempel, in der Wunderwelt Japans und in den jüdischen Kolonien in Palästina und in Rußland — überall schlug er seine leichten, transportfähigen Zelte auf — der Weltbürger der jiddischen Literatur. Es will sogar scheinen, als gäbe es nicht mehr Welt genug für den subtilen, lyrischen, romantisch angehauchten, nach neuen Eindrücken ewig haschenden, ewig gierigen Perez Hirschfoein. Und von überall her, aus allen Weltgegenden, bringt ans der unermüdliche Wanderer die Kunde vom revolutionären Weltenbau und Weltenumbau. Möge ihm nun beschieden sein, noch viele Male die weite Welt um seine •schlanke Hüfte zu wickeln und ihr Abbild in manch neuem, .schönen Buch festzuhalten. S. D. Zionistisch-sozialistische Studentenorganisation. In der organisatorischen Entwicklung der zionistischsozialistischen Bewegung Wiens ist ein überaus bedeutsamer Fortschritt erzielt worden: in einer gut besuchten, von Genossen Gelles geleiteten Studentenversammlung wurde am 15. d. M. die Gründung einer zionistisch-sozialistischen .'Studentenorganisation beschlossen und unter regster Teilnahme der anwesenden Genossen das Arbeitsprogramm der neuen Organisation entworfen und einstimmig angenommen. Wer die Geschichte .der zionistisch-sozialistischen Bewegung auf Wiener Boden kennt, weiß, daß die neuge-;gründete Organisation nicht ohne Vorläufer ist, denn es hat in Wien, schon vor dem Ausbruch des Weltkrieges ein „Akademischer Verband Poale Zion" bestanden, der in 'den Novembertagen 1918 und auch noch einige Jahre später sowohl im allgemein-sozialistischen, als auch im jüdischen •Leben Wiens eine wichtige Rolle gespielt hat. Daß diese überaus aktive Organisation von der Bildfläche des jüdischgesellschaftlichen Lebens verschwunden ist, hat darin seine Ursache, daß sie erstens durch die unglückselige Spaltung geschwächt wurde, daß ihr aber auch der Nachwuchs fehlte: ■es gab in Wien keine zionistisch-sozialistische Mittelschulfoewegung, deren Mitglieder automatisch dem poale-zionistischen Hochschülerverband beigetreten wären. Es ist ein Zeichen der Wandlung der zionistischen Bewegung Wiens, <daß heute die Seins- und Arbeitsbedingungen einer zionistisch-sozialistischen Studentenorganisation grundsätzlich anders geartet sind: die neue Organisation "unterscheidet sich "vom ehemaligen Akademischen Verband Poale Zion dadurch, «daß sie nicht ein mehr oder minder künstliches Produkt der gesellschaftlichen Aktivität ostjüdischer, an den Wiener Hochschulen zeitweilig studierender Hochschüler ist, daß sie vielmehr auf Initiative der einer vielgestaltigen, in ihrem Wollen aber einigen zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung entwachsenen Jungakademiker gegründet wurde. Die .zionistisch-sozialistische Studentenorganisation ist organisch mit der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung verwachsen, deren Mittelschulabsolventen in ihr die Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer zionistisch sozialistischen Arbeit auf akademischem Boden suchen und finden werden. In schwerster Zeit haben unsere Freunde diese für mnsere Bewegung so wichtige Erneuerung der zionistischsozialistischen Akademikerbewegung vollzogen. Der Werkstudent ist heute zu einem fast unerreichbaren Ideal geworden, der arbeitslose Werkstudent ist die tragische Wirklichkeit der Gegenwart. Trotz alledem haben die zionistischsozialistischen Studenten die Kraft zu dieser im Rahmen unserer Bewegung geschichtlichen Tat gefunden. Eine Fülle von Aufgaben steht vor der neugegründeten Organisation: sie wird das Problem des Rechtes der jüdischen Akademiker;auf Arbeit in seiner ganzen Schärfe aufzurollen haben, sie wird einerseits die assimilatorischen, andererseits die national- .chauvinistischen Tendenzen innerhalb der jüdischen Studentenschaft zu bekämpfen haben, "sie wird sich in die antifaschistische Front an den Hochschulen eingliedern müssen, sie wird schließlich ihre Werbekraft für den sozialistischen Zionismus entfalten müssen. Damit sind nur die dringendsten „äußeren" Aufgaben erschöpft, die zionistisch-sozialistische Studentenorganisation wird auch die im Westen so dringende Kulturarbeit nicht vernachlässigen dürfen: nur wenn es ihr gelingen wird, den Anschluß ihrer Mitglieder an die lebendige weltliche jüdische Kultur zu bewirken, wird sie für immer für den sozialistischen Zionismus gewonnen haben. Wir sind überzeugt, daß die neugegründete -Organisation ihren Aufgaben gerecht werden wird, daß sie ein wertvolles Glied der vereinigten Partei, zu der sie sich bekennt, sein wird. See Kinereth. Aus dem Zyklus: „Palästinensische Romanzen". Oh weiche Anmut deiner Hügelhänge, Oh See Kinereth! Oleanderbüsche Um wuchern dich mit weiß und rosa Blüten Und Anemonen sprießen dir am Ufer Blutrot, wie Tropfen, sickernd durch das Grün. ■— Schilf knackt und knirscht ganz leis im schwachen Gurgeln Der lehmig gelben Flut des Jordanwassers, Die deiner leichten Bläue schwer entrollt. — In deinen Wellen spiegeln sich die Kuppeln Weißer Moscheen, dunkle Synagogen, Und Tempel, schöngereihten Griechenstils. Geheime Heilkraft strömt aus deinen Quellen Seit abertausend Jahren, warmer See, Tiefer als Meer, blauer als Firmament, Süßwassersee, so überreich an Fischen, An Sagen und Legenden überreich, Du See der Gläubigen, See der Apostel, Und du der Heimgekehrten sanfter See! In deinen Buchten liegen ihre Hütten, An deinen Ufern pflanzten sie den Stamm, Der den Morast entsumpft und wie durch Zauber Machtvoll und hoch ragt — Eukalyptusbaum. Ein Rauschen raunt durch deine schmalen Blätter, Geheime Klage, Eukalyptuswald, Wie Heldensage von den Frühgefallnen, Den wehen Opfern deiner Heldenzeit. Oh unvergess'ne Gräber am Kinereth, Oh Gräber von Daganja! Junge Herzen Gaben sich hin, zerbrachen opferwillig, Daß solches ward wie jene Palmenhaine, Wie jene Kinder mit den blanken Augen, Wie jene Werke an den Jordanfällen, Daher der Funke Licht das Land durchspringt. Ein neu Geschlecht erstand an deinen Ufern Mit hartem Arm und hartgeschund'nen Herzen, Das wirkt und schafft und schweigt — das nur am Abend Bei blasser Mondessichel träumend singt. Noch lagern einzeln Beduinenzeite aus haarig schwarzem Tuch, bestaubt, beschmutzt, Von Weibern und von Kindern übervölkert, An deinen Uferwegen hier und dort. — Gemessen ruh'n im Gras die Männer, sinnend, Den dunklen Kopf ins Sonnentuch gesenkt, Im Rhythmus deiner Wellen stumm gewiegt. — Träg kau'n die Schafe deine Gräser wieder, Schwervließige Schafe, rostigrot und schwarz. Ein fernes Flöten kommt von Hirtenrohren Eintönig endlos zitternd durch die Luft. — Gemessen schweigt das Land, es schweigt die Welle. Die Luft selbst schweigt, erbebend stumm in Glut. Oh schweigend Land, drin so viel Herzen hämmern, Drin so viel Tat wird und so wenig Worte Sich bläh'n und brüsten — stummes, heiliges Land! Martha Hofmann. Boris Schatz. Der Tod Boris Schatz', des Schöpfers der „Bezalel"- Kunstschule und Träumers einer jüdischen nationalen Kunst, reißt eine schmerzliche Lücke im jüdischen Leben. Boris Schatz war besessen von einer Idee, der er seine Karriere und sein Leben opferte: die Idee einer jüdischen Nationalkunst. „Bezalel". Die berühmte jüdische Kunstschule zu Jerusalem, die von ihm gegründet und geleitet wurde, sollte diesen Traum Wirklichkeit werden lassen, indem sie der Kontinuität der jüdischen Geschichte einerseits (der Name „Bezalel" deutet es an) und der geistigen Verbundenheit der jüdischen Seele mit dem Orient andererseits, plastischen Ausdruck zu geben versuchte. Die jungen palästinensischen Maler, wie R e u b e n i, R a b a n u. a., die palästinensische Motive in ihren Gemälden, insbesondere in der Ornamentik, verwenden, die angestrengt und mit ehrlichem künstlerischen Wollen nach einer jüdischen Kunstform suchen, sind Jünger von Prof. Boris Schatz. Mögen auch die Leistungen der „Bezalel"-Schule in ihrer gewollten Abhängigkeit vom orientalischen Muster als fragwürdig hingestellt werden, mag vielleicht der von Boris Schatz betretene Weg nicht der allerrichtigste sein, eines aber ist gewiß: Boris Schatz gehört zu jenen großen idealen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte, die prophetischen Blickes Zukünftiges ahnten und vorwegnahmen. Als Maler und Bildhauer wird Boris Schatz in der Kunstgeschichte vielleicht keinen besonderen Rang einnehmen, aber als Träumer einer Idee und Schöpfer der „Bezalel"-Schule ist ihm in der jüdischen Geistesgeschichte ein ehrenvolles Kapitel gesichert. Gebt Bücher für Rischon-Lezion! Dreißig Genossen und Genossinnen unserer Organisation haben sich in den letzten Jahren in Rischon-Lezion, einer der ältesten jüdischen Kolonien Palästinas, angesiedelt. Sie haben dort im Lande der sozialen und nationalen Renaissance des jüdischen Volkes eine auf den Prinzipien der gegenseitigen Hilfe aufgebaute Arbeitsgenossenschaft geschaffen, um als brüderliche Gemeinschaft ihr gemeinsames Ziel der Verwirklichung des sozialistischen Zionismus, der Produktivierung des jüdischen Volkes im Leben jedes einzelnen zu verfolgen. Wir dürfen es auf Grund unseres engen Kontaktes mit unseren Freunden feststellen, daß ihr Streben objektiv und subjektiv von Erfolg gekrönt ist. Sie gehören zu den bestqualifizierten Arbeitern der Kolonie, die selbst in Zeiten von Saisonarbeitslosigkeit fast vollzählig beschäftigt sind; ihre Eigenwirtschaft gestaltet sich immer erfolgreicher. Aber auch persönlich werten unsere Freunde ihren Uebergang von Angestelltenberufen zum schweren Berufe eines landwirtschaftlichen Arbeiters als eine positive Richtungsänderung ihres Lebens, sie empfinden sie als Aufstieg und nicht als Deklassierung. Es ist ihnen gelungen — was das kulturpolitische Ziel der Arbeiterbewegung Europas ist — den Typus eines Arbeiters zu schaffen, der schwere körperliche Arbeit leistet und doch am geistigen Leben seiner Zeit voll und ganz teilnimmt. Nicht an der Kraft unserer Freunde findet diese Synthese ihre Grenzen; es ist der sich gegenwärtig immer mehr fühlbar machende Mangel an deutscher Literatur, den sie, die mit der deutschen Kultur eng verbunden sind, schmerzlich empfinden und der ihnen die Möglichkeit der Aufnahme der europäischen Kulturwerte außerordentlich erschwert. So haben wir uns denn entschlossen, eine Aktion zur Beschaffung von Büchern für unsere Genossen in Rischon- Lezion einzuleiten. Wir wenden uns an alle Genossen und Genossinnen, an alle aufrichtigen Freunde des arbeitenden Palästina, uns hiebei behilflich zu sein und ein oder mehrere Bücher, ob diese nun der schönen oder der wissenschaftlichen Literatur zuzuzählen sind, der Bibliothek der Wiener Arbeitergruppe in Rischon-Lezion zu widmen. Wir sind überzeugt, daß unser Ruf von allen Genossen und Freunden gehört werden wird und daß sie nicht zögern werden, ihm zu folgen. Jüdisch-sozialistische Arbeiterjugend. Jüdischer Jugendbund Mischmar Haovvdim. Bücher werden im Sekretariate, Wien, II., Blumauergasse 1, entgegengenommen. Montag, den 9. Mai 1932, um 20.30 Uhr, im Borochowheim, II., Blumauergasse 1: Vortrag Thema: „Nach den Wahlen". Referent: Gen. Dr. Saul Sokal. Diskussion. Aktion: Jüdische Jugend in Not. Im Winter 1930/31 eröffnete die Gemeinde Wien für die arbeitslose Jugend einige Tagesheimstätten. In diesen Heimen sollte die erwerbslose Jugend in warmen Räumen untergebracht, mit einer warmen Jause versehen werden. Durch Vorträge und Exkursionen, Bücher, Zeitschriften und Spiele wollte man dieser Jugend einen moralischen Halt gegenüber den Verlockungen der Straße, die Not und Arbeitslosigkeit mit sich bringen, geben. Diese Aktion „Jugend in Not" beauftragte oder ermächtigte die beiden Fraktionen des „Jugendbeirates der Wr. Arbeiterkammer" mit der Durchführung dieser Arbeit. Das heißt: Im Jugendbeirat sind nur die sozialistisch-freigewerkschaftliche und die katholischen Jugendorganisationen vertreten und diese beiden Gruppen eröffneten die überparteiischen Heime, nämlich katholische und sozialistische. Die Eröffnung dieser Heime war wirklich eine Notwendigkeit geworden, sie konnten und haben dies auch bewiesen, eine Schutzmaßnahme gegen die ungeheure .Wirtschaftskrise sein. Die J. S. A. J. erkannte bald die Notwendigkeit dieser Aktion und begann die Vorarbeiten für die Eröffnung eines Heimes für die jüdische arbeitslose Jugend. Die Schwierigkeiten waren aber derartig, daß erst im Februar 1932 ein derartiges Heim errichtet werden konnte. Diese Aktion „Jüdische Jugend in Not", von einigen Mitgliedern der J. S. A. J. verwaltet und geleitet, von der Wiener Kultusgemeinde in dankenswerter Weise finanziell ermöglicht, darf aber nicht Praktische ■ Gashaushalt- I gerate | erhältlich bei allen Installateuren Wiens und bei den Miener städtischen Gaswerken Ständige Ausstellungen: VIII., Josefstädterstraße 10 XII., Theresienbadgasse 3 XX., Denisgasse 39 | 8 bis 18 Uhr