Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dai'jffldSsdöSs'AtbeflM •SeHe'i 1 Die jüdische Wirklichkeit und die Lehre Borochows*). I. Tatsachen.. ... Territorialismus heißt also das letzte Schlagwort, und außer dem „Bund'-f* dem jiddischistisch*territonälistischen Dr. Schitlowsky.ünd' dem ehemaligen russischen ^VölkSkolÄ missar für Justizwesen Dr. J. ff. Steinberg (auch den deut sehen Lesern durch seine Bücher über Rußland wohlbekannt)* hat jüngst ein jüdischer Kommunist in Amerika, Jakob Lewin, eine Lanze für den Territorialismus gebrochen. In einem „jüdisch-territörialistische Zentren in Amerika" über schriebenen Artikel stellt er vor allem die Einseitigkeit und Anomalie der jüdischen Wirtschaft fest und sagt dann: „Der leiseste Revolutionswind vermag das Gebäude der jüdischen Wirtschaft wie ein Kartenhäuschen umzustürzen... in einer Wirtschaftsordnüngr die das Vermittlerwesen ausschaltet».muß sich die l Lage der Juden katastrophal gestalten." „ Ferner: „Die Produktivierung der jüdischen Berufe muß in der Rieh tung von der Sfadl ins Dorf gehen... Die Juden' in Amerika werden-auch aus denjenigen Industriezweigen verdrängt, die sie selbst geschaffen haben.... Es muß eine Synthese zwi sehen Territorialismus und Galuth-Nationalismus geschaffen «werden..., Man müßte, eine Aufklärungsbewegung ins, Leben rufen, die' den jüldischei Kleinbürgern' und Arbeitern" die Notwendigkeit und Möglichkeit des Ueberganges zur Landwirtschaft; nachweisen sollte.". Pas also predigt ein führender jüdischer Kommunist in Amerika. Nicht Industrialisierung, sondern Agrarisierung und Kolonisierung. Wenn man all diese Artikel über die Not •wendigkeit der Agrarisierung und territorialistische Konzentration liest, hat man manchmal das Gefühl, eine zionistische Propagandabroschüre von der Vorkriegszeit zu les^n. Menschen und Bewegungen ändern und wandeln sich, nur daß sie es weder sich, noch anderen eingestehen wollen. Das Problem der jüdischen Emigration bildet einen integralen Baustein im Gebäude des Borochowismus. Als noch der „Bund" und andere jüdische Parteien die Emigration bestenfalls als notwendiges Uebel ansahen, zeigte uns Borochow den nationalen Charakter der "jüdischen Emigration, ihre Funktion als Regulator des jüdischen Lebens. Während noch andere jüdische Parteien in der Emigration eine Angelegenheit für die Philantropie sahen, erkannte Borochow den ungeheuren volkswirtschaftlichen Wert, den die Emigration für das Judentum darstellt. Später, als sich diese Auffassung Borochows überall durchgerungen hatte und sich alle jüdischen Parteien auf dieses Problem stürzten, blieben sie, wie es schon ihre Art ist, auch hier auf halbem Wege stehen, sie konnten die zweite These Borochows nicht •erfassen, die besagt, daß Emigration an sich keine Lösung der Judenfrage sein kann, daß die Einwanderungsmöglichkeit in die großen Einwanderungszentren in absehbarer Zeit schwinden und es bloß ein Land gibt, wohin die jüdische Emigration dann strömen wird: Palästina. Ja, noch mehr, sie versuchten den Palästinismus dadurch zu bekämpfen, daß sie auf die nach allen Ländern flutende jüdische Emigration verwiesen: Wozu Palästina in Asien, wenn man ein Palästina in Nord-, Mittel- und Südamerika, in .Afrika und Australien, ja in Mitteleuropa selbst (Frankreich) haben kann? Nun hat die jüdische Emigrationsgeschichte auch da die Richtigkeit der borochowistischen Erkenntnis und Prognose bewiesen. Heutzutage sind alle Immigrationsländer für die jüdische Einwanderung geschlossen, Nach Mittelamerika kam der Norden und nach ihm der Süden dieses Erdteiles und später Südafrika und Australien, und vor wenigen Wochen wurde auch das letzte Tor grausam zugeklappt: Frankreich! Brennender denn je steht das Problem der jüdischen Emigration, größer denn je ist die Notwendigkeit zur Auswanderung und kleiner denn je sind die "Möglichkeiten der Einwanderung. Frankreich war noch das le'tzte rettende Tor, und alljährlich verschlang es einen Strom von jüdischen Ueberwanderern aus dem Osten Europas, jetzt ist auch diese Möglichkeit genommen und der jüdischen Wanderung ist bloß ein einziger Weg geblieben: der alt-neue Weg nach Palästina! Jüdische Kolonisation ohne Sentimente, ohne Ideal — fcloß Kolonisation! Es ist ein Schlagwort, das nicht erst von den jüdischen Kommunisten geschaffen werden mußte., Wir hören es schon seit 40 Jahren! Es hat eigentlich vor kurzem sein vierzigstes Jubiläum gefeiert, das auch das Jubiläum eines waghalsigen und großangelegten kolonisatorischen Unternehmens auf unsentimentaler, nicht „idealistischer" („Idealismus7 galt ja bekanntlich als etwas sehr Uebles, sehr Bürgerliches, sehr Unmarxistisches), sondern rein philantropischbürokratisch-trocken sachlicher Grundlage ist. *Es ist damit die jüdische Kolonisation in Argentinien gemeint, vdie vor kurzem ein dreifaches Jubiläum beging: der hundertste Todestag ihres Schöpfers und Vaters, Baron Hirsch, 40 Jahre seit dem ersten Bodenankauf und 40 Jahre seit der Gründung, der „Jka" (Jewish Kolonisation Association), des finanziellen Instruments dieses kolonisatorischen Unternehmens. Die Geschichte des jüdischen Kolonisationswerkes' in Argentinien ist sehr belehrend und aufschlußreich/sie könnte die Feinde des Palästinawerkes von so manchen Illusionen befreien,, Aber lejder gibt es.eine derartige Geschichte noch nicht. Wir wollen hier nur einige Zahlen und *) Siehe: „Tatsachen aus der jüdischen Wirklichkeit und die Lehre des Borochowismus", „Der jüdisch Arbeiter" Nr. 4. , Ziffern über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Kolonisation in Argentinien nach einer Tätigkeit von vierzig? jähren anführen. Im Jahre 1891 ist die „Ika", mit einem Kapital vönl zehn Millionen Dollar gegründet worden. In den Jahren 1893 and 1899 ist die Kapitalshöhe der „Ika" auf vierhundert Millionen, Francs (achtzig Millionen Dollar) gesteigert worden* Baron, Hirsch wollte mit diesem Oelde mindestens; eine Million.Juden in,tArgentinien kolonisieren.: , Wie;; schaut nun,, dieser edle Traum in Wirklichkeit aus? Am i. Januar 1931 gab es in Argentinien 3107 jüdische Kolonisten in den „Ika"-Kolonien, während es am 1. Jänner 1913 , 2429,. jüdische Kolonisten in Argentinien .;gab. In den letzten 20 jähren sind .also insgesamt 676 neue Kolonisten dazugekommen 1 Ueber. die Entwicklungstendenzen der „Ika"- Kolonisation in Argentinien können uns folgende Ziffern aufklären: 1926; belief sich die (kölonistische Bevölkerung! in allen „Ika"-Kolonien auf 20.552 Seelen; 1927: 20.142; 192Ö: 19.744; 1929: 18.512. Y> I Diese kargen Ziffern sprechen Bände. So schaut die mit ungeheuren Geldmitteln im Verlauf von vierzig Jahren betriebene „praktische',', unsentimentale Kolonisation in Argentinien aus! . : > Tatsachen, die die Richtigkeit , der . Diagnose und/Prognose Borochows .auch fürdies gegenwärtige Situation beweisen, konnte man noch unendlich verinenren. Hier sind nur einige herausgegriffen , worden, r sie sagen-und überzeugen mehr als alles leere, eherhohl-t; alsj wohlklingende Gerede vom „Bankrott des Poale-Zionismus'M dr.— Montag, den 18. April 1932,, 8. Uhr abends, Hotel Post, I., Fleischmarkt 24 Schulim Alejchem-Abend Einleitende Worte: Mendel Singer. Maixm Sakaschansky („Kaftan", Berlin). Samuel Krybus (Konzertsänger). Karten von S —.80 aufwärts IL, Blumauergasse 1, und an der Abendkassä. i Die Arbeit und die Arbeitsverhältnisse, Referat Ben Gurions in der Assefath Haniwcharim. (Schluß.) :' Was hat die zweite Alijah vorgefunden? , In jenen Tagen (1904 bis 1906)' gab es keine zionistischen Fonds. Selbstarbeit und Nationalisierung des Bodens hatten auch unter den Arbeitern keinen Anklang gefunden, und die 25 bestehenden Kolonien basierten auf privatem Vermögen und Lohnarbeit. Obwohl der Hauptteil dieses Kapitels nicht von den privaten Siedlern, sondern von der Gesamtheit stammte oder von einzelnen, welche es der Gesamtheit widmeten. (Baron Rothschild.) Und die\ Lohnarbeit war fast ganz unjüdisch. Eine kurze aber treffende Schilderung über den Zustand der Kolonisation am Beginn der zweiten Alijah wurde in folgenden Zeilen im Jahre 5687 gegeben: „Die jüdische Kolonisation kostete 90 Millionen Francs — und fast dieser ganze Betrag floß in die Tasche des arabischen Jischuw! Ejn;Teil dieses Kapitals-— der Preis .dieses Bodens und für Baumaterialien — mußte dank den natürlichen Bedingungen unserer Kolonisation in die Taschen der anderen fließen, da wir. doch nicht gekommen waren, um das Land zu berauben. Aber der andere Teil tat dies nicht aus Zwang, sondern freiwillig. Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, daß die Hälfte dieses Kapitals den Arabern zufloß als Arbeitslohn! Und wenn wir heute in Palästina zirka 1000 Kolonisten haben, so ernährt jeder von ihnen durchschnittlich drei arabische Familien. Somit erhalten die Araber von uns heute alljährlich als Arbeitslohn zirka 1,000.000 Frcs. Und von dieser großen Summe kehrt nichts zu den Juden zurück. Und Israel soll wissen, daß die jüdischen Balbatim Palästina dem jüdischen Volk ohne jüdische Arbeiter nicht wiedergeben werden." Diese Worte schrieb kein Arbeiter, kein Sozialist, kein Bekämpfer der Kolonisten, sonder einer, der selbst ein erfahrener Kolonist war, einer der ersteh Siedler, dessen zionistische Ueberzeugung damals durch Klassenberechnungen nicht verdunkelt wurden — Mosche Smilansky. 90 Millionen Frcs. — 1000 Bauern, 3000 arabische Arbeiter — dies waren die Resultate der ersten 25 Jahre unserer Kolonisation auf der Grundlage der „privaten Initiative". Jeder Kolonist kostete damals 90.000 Goldfrancs oder mehr als 5600 Pfund. j Achad Haam schrieb damals: Um 40 Millionen Francs vermochte der Baron Rothschild nach 18jähriger Arbeit 100 Familien zu kolonisieren, die sich selbst durch ihre Arbeit erhalten: Jede Familie kostete ihn also 400.000 Francs. Dm Verhältnis zur jüdischen Arbelt vor 25 Jahren. Es war negativ, ja, man versuchte nachzuweisen, daß die Juden zur Arbeit ungeeignet seien. Es fehlte auch nicht an Argumenten, die ähnlich klingen wie die heutige „Arbeiterherrschaft und Diktatur«. So schrieb Ben JehucU:, „ich habe mit einigen der besten KolpnisiensQhne gesprochen. Es , wurde mir klar, daß nach einigen Jahren es keinen jüdischen Arbeite? in den Kolonien geben wird, und zwar mit deswegen, weit der Kolonist unter keiner Bedingung sich dem Joch der Forderungen des jüdischen Arbeiters int Namen der Organisation beugen kann.'* Dabei gab es damals weder eine allgemeine Organisation, noch eine, landwirt-; schaftliche. (Die Rede Ben Gurjons erscheint in den nächsten tagen, ^n den Mitteilungen der Liga für das . arbeitende^. Palästina. Wir werden .deshalb die Wiedergabe dieser Rede mit dem jetzigen Abschnitt beendigen. Die Red.) Aus dem jüdischen Leben 25.000 amerikanische Arbeiter in den Streik getreteri.; Die Gewerkschaft der amerikanischen Klefderarbeiter, die zu gut 50 Prozent' jüdisch ist, hat den Streik proklamiert. Das berüchtigte Schwitzsystem aus dem vorigen Jahrhundert, das die jüdische Arbeiterschaft in einem fast fünfzigjährigen hartnäckigen Kampfe zum Verschwinden brachte,' ist in vielen Fabriken von neuem eingeführt worden.' Diesem gilt vor allem der Kampf. Am Streik beteiligen sich 25.000 Arbeiter? - Antisemitische Schatten über Spanien. t; Der , Antisemitismus schreitet uns voran. Kaum hat die Diskussion über die Einwanderungsmöglichkeiten von Juden nach Spanien begonnen und schon hat eine führende spanische Zeitung, „Criterio",. die Veröffentlichung der „Protokolle der Weisen von Zion" angekündigt. Notlage der amerikanischen Juden. Laut dem Berichte des Leiters der amerikanischen Hias- Zentrale wurden vom Hias in den letzten zwei Monaten laufenden Jahres 65.153' kostenlose Mahlzeiten an jüdische Arbeitslose verabreicht. 1930 belief sich die Zahl der vom Hias verteilten freien Mahlzeiten auf 79.982-1931 auf 156.301. Diese Zahlen geben ein drastisches Bild von der immer wachsenden Not der amerikanischen Juden. 50.000 jüdische Arbeitslose in Deutschland. , ' ' Nach Mitteilungen des „Zentralvereines deutscher Bürger jüdischen Glaubens" gibt es in Deutschland an die 50.000 jüdische Arbeitslose. . Eine jüdische Gemeinde wandert nach Palästina. Das Newyorker jiddische Tagblatt „Morgen Journal" bringt ein Telegramm aus Jugoslawien, demzufolge die jugoslawische jüdische Gemeinde Morasticz, die 650 Familien zählt, beschlossen habe, geschlossen nach Palästina zu überwandern. Die zionistische Organisation in Jugoslawien soll zu diesem Zweck 35.000 Dollar bestimmt haben. Wien, II. 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