Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 2-3 (5.2.1932)
- Date
- 1932-02-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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...........;....... ......,;,:............. Seite 7 DIE STEWE Der jüdische* Arbeiter 'gibt es, die den Geist ihres Volkes allein schon durch ihr tagtägliches, einfaches, wahrhaft schlichtes Leben im hohem Maße beeinflnßen. Zu: diesen' Welligen gehört. Aroft Dawid Oprdon. Wenn der Umsch'rchtun'gs'gedanke in die breiten Schichten des jüdischen Volkes eingedrungen ist; wenn es heute eine starke, selbstbewußte, von großem Verantwortungsgefühl "Hildas Schicksal des jüdischen1 Volkes erfüllte jüdische Arbeiterschaft in Erez-Israel gibt und wenn schließlich eine Chaluzbewegung existiert, so iia*t zweifellos üordons Leben der Arbeit und Selbstverwirklichung wesentlich dazu beigetragen. Gordon war kein Wissenschaftler. Seine Ideen wurden nicht aus dem Studium verstaubten* und vergilbter Bücher geboren, sondern aus genialer fiftuitionv aus dem tiefsten Erlebnis der Natur und der Wirklichkeit des Menschenlebens, aus der unmittelbaren! Verbundenheit mit dem Kosmos, der Unendlichkeit. Er war ein einfacher Arbeiter, lebte mitten tinter deni Arbeitenden und in Gemeinschaft mit ihnen, ^teilte ihre Sorgen1 und führte ihren gemeinsamen Kampf um Eroberung der Arbeit und gegen alles Unrecht. Er fühlte sich' mit den Massen des Volkes, die er heb h'atte, aufs innigste verbunden! und empfand ihre Freuden, Leiden und Fehler als seine eigenen'. Gordom hat die Ideengän'gie des Zionismus im allgemeinen und die der zionistischen ArbeitsL b'ewegun® im besonderen bedeutend beeinflußt, aber am stärksten' war sein Einfluß innerhalb der Jugend Es entstand die „volkstümlidh-ch'aluzisc'he .Jugendbewegung Gordoniah", die sich hauptsächlich1 aus arbeitender Volksjugend zusammensetzt. Sie erreichte in ganz wenigen Jahren eine Mitgliederzahl von1 20.000 und besitzt bereits 5 Kwuzoth' im Erez-Israel. Die Gördoniah-Bewegung, deren geistige Grundlagen die wichtigsten Grundzüge der Welt- und Leb'ensansdh'auung üordons bilden,- h'af es unter anderem' unternommen das zerstörte Ch'ulda wiederaufzubauen. IZur Psychologie des jüdischen Kindes. Ein Beitrag zur Erziehjungsfrage. Von Hansi Brocziner. | Wenn wir die" Psyche des jüdisdien Kindes mit der Psyche anderer Kinder vergleichen, so finden wjr bemerkenswerte Unterschiede. Es ist schwer festzustellen, was ererbte Rasseneigentiinil.ichkeiten sind und was durch spätere Einflüs'se entstanden ist. Vererbt sind -z. B. körperliche Besonderheiten; das jüdische Kind ist meistens schwächer; eine Folge der ungesunden . Lebensweise, zu der die Juden Generationen hindurch gezwungen waren; eine Erscheinung übrigens, die fangsam zu schwinden beginnt, dank der sportlichen Betätigung, an der die Juden jetzt im'mer mehr, teilnehmen. — Doch muß man es noch immer als feststehende Tatsache bezeichnen, daß, wenn Kraft an Kraft gemessen wird, das* jüdische •Kind unterliegt. Diese physische Minderwertigkeit sucht das Kind auf irgendwelche Weise zu kompensieren, und zwar meistens dadurch, daß es alle seine Energien auf das geistige Gebiet konzentriert, auf dem es sich voll zur Geltung bringen kann. I ~ ' Es weist eine weit umfassende Interessensphäre auf, und seine Lebhaftigkeit und sein Temperament zeigen sich bei dem Feuereifer, mit dem es sich auf alles Neue stürzt. Doch der Geltungsdrang, verbunden mit einer angeborenen Leichtigkeit der Auffassungskfaft, bringt das Kind leicht zu einer Ueberschntzung seineY geistigen Kräfte und einer Geringschätzung alles Körperlichen. Sein Verstand arbeitel anders als der der andern Kinder. Er geht in die Tiefe, zergliedert und verliert dadurch oft den Blick für das Einfache, Naheliegende. Den anderen Kindern sagt diese Art des Denkens nicht zu; das jüdische Kind, das' im Kreise seiner Kameraden kein Verständnis findet, zieht sich in sich selbst zurück und gerät immer tiefer ins Grübeln. Ein Kind kann Unterschiede in der Art des Verstandes nicht erfassen, es kennt nur „klüger und dümtncV und das jüdische Kind hält sich für klüger, da es Dinge mit seinem Verstand durchdringen kann, denen seine anderen Altersgenossen verständnislos gegenüberstehen. Nun sieht es sich aber trotz dieses, seiner Meinung nach größeren Verstandes nicht bewundert, sondern im Gegenteil: angegriffen, ja gehaßt. So entsteht eine Zwiespältigkeit in ihm; es sieht, daß sein Verstand ihm wohl Nutzen bringt, indem er ihm verhilft sich durchzusetzen, ihm aber andererseits auch schadet, indem er noch <zu seiner Unbeliebtheit beiträgt. Das jüdische Kind fühlt immer mehr sein „Anderssein" und empfindet dieses ^Anderssein" als Minderwertigkeit. Dieses Minderwertigkeitsgefühl wird durch das verhalten seiner Umwelt noch mehr bestärkt. Es hört, daß der Name „Jude" ais Schimpfwort gebraucht wird. Es weiß nicht, warum; aber der ungerechte Schimpf drückt es und es beginnt, sich seines Judentums zu schämen und strebt mit .allen Mitteln darnach, sich den andewi anzugleichen, sich .ihnen anzupassen. Dem westjüdischen Kind, das heißt, dem Kind,- das aus' einer Familie stammt, die schon seit Generationen in Westeuropa ansässig ist, gelingt dies leichter-, während das östjüdische Kind viel mehr als fremdartig empfunden wird. Doch ist die Anpassung auch beim wes.tjüdischen Kinde nur äußerlich und gerade daraus ergeben sich Konflikte. Das ostjüdische Kind ist Jude aus Selbstverständlichkeit. Das westjüdisc'he Kind aus assimiliertem Hause . wächst jedoch auf, dem Namen nach Jude, doch in seiner Lebensweise sjeh -nicht, viei von arideren Kindern unterscheidend. Es erlebt das „Jude-sein" nur als etwas Negatives; wenn Feste kommen, fühlt es sich aus-, geschlossen und empfindet diese'Aüsgeschlossenheit als' Ungerechtigkeit. Das Kind, das in einer Familie lebt, in der die alten jüdischen Feste noch gefeiert werden, empfindet das viei weniger; doch auch dieses' Kind bleibt von dem Zauber, der z. B. von einem Weihnachtsbaum ausgeht, nicht unberührt. Zu jedem Fest gehört eine gewisse Stimmung; von Weihnachtsstimmung ist es nicht schwererfaßt zu werdeil, da die ganze Stadt davon erfüllt ist. Doch die Stimmung eines jüdischen Festes ist auf die Familie allein beschränkt; ringsherum geht das Alltagsleben weiter und wird vnicht unterbrochen. ' Alle diese Umstände, nehmen dem Kinde seinen -unbefangenen Frohsirai und seine Kindersorglosigkeit, es wird frühreif, wird alt, ohne wirklich jung gewesen zu sein. Wenn wir uns nun fragen, wie eine -Besserung geschaffen werden kann, so müssen wir in gewisser Beziehung zu ähnlichen Schlüssen gelangen, wie wenn wir von der Psyche des proletarischen Kindes sprächen. — Das' proletarische Kind wird von Minderwertigkeitsgefühlen befreit, wenn es zum Klassenbewußtsein gelangt; das jüdische Kind muß zum Bewußtsein seiner Nationalität gelangen. den theoretischen Schwierigkeiten unseres Programms befassen. Das primitive Denken kann sich die Wahrheit nicht anders als einfach darstellen, komplizierte und wohl- ) begründete Theorien erscheinen dem einfachen Manne als Produkte weltfremden und scholastischen Denkens. Wir sind nun beim Problem der „Konsequenz" in Programm und Taktik der gesellschaftlichen Bewegungen, angelangt. Der einfache, nicht tiefer schürfende jüdische Arbeiter glaubt, „konsequent sein" hieße, sich für hier oder dort, für Galut oder Zion entscheiden. Galut- und Palästinanrbeit vereinigen kommt seiner Ansicht nach dem „Tan-, zen auf zwei Hochzeiten" gleich. Ein jüdisches Sprichwort ironisiert folgendermaßen den Begriff der Konsequenz: „Wenn jemand heute so und morgen so sagt, ist er konsequent; sagt er aber heute so und morgen so, dann ist er nicht konsequent." Wie sollen wir es aber bezeichnen, (wenn., jemand heute so und so und morgen so und so sagt"? Auf diese Frage hat das Volk keine Antwort gegeben. Aber gerade auf diese Art Konsequenz kommt es oft an. So ist zum Beispiel in diesem Sinne der wissenschaftliche Sozialismus konsequent, während ihm dfe Anarchisten, die die Arbeiterbewegung versimpeln wollen, derv Inkonsequenz,, bezichtigen. Würde die Sozialdemokratie heute die soziale. Revolution und morgen die soziale Reform fördern, dann müßte ihre Haltung als schwankend bezeichnet werden und die anarchistische Kritik wäre berechtigt. Das sozialdemokratische Programm fördert aber sowohl die Revolutionierung der Arbeiterschaft, als auch die Durchsetziijig isozialreformatoris'cher Maßnahmen; deshalb ist der Sozialismus! gewiß weniger einfachals die anarchistische Theorie und es ist möglich, daß der einfache Menschenverstand so komplizierte Gedankengänge nicht fassen kann. Auch der - wissenschaftliche Sozialismus steht stets vor der Schwierigen Aufgabe, eine Brücke zwischen Reform und Revolution, zwischen hier und dort zu bauen, ja die Uebereinstimmüng geht so weit, daß auch sein „Hier" ein Element der Gegenwart, sein. „Dort" ein Elemeni der Zukunft ist. Ebenso hat auch der Poale-Zionismus die Kraft, zwischen Zion und Galut zu. überbrücken; daher ist auch das Programm der Poale-Zion äußerordentlich kompliziert und erscheint auf„ den ersten Blick als inkonsequent. Das Ganze muß in seinem Aufbau differenzierter und an Elementen reicher sein als das Teilganze. Der Sozialismus geht in den Poale-Zionismus, der eine Synthese, von Zionismus und Sozialisinus darstellt,; als Teil ein. Daraus ei-grbt sich, daß der Poale-Zionismus wohl mit der Prüf- und Beratungsstelle zeigt in ihrer Ausstellung Wien, IX, Marianneng* 4 Elektro-Heißwasserspeicher für Küche, Brause und Bad Die Ausführung von Speicheranlagen auch gegen Teilzahlungen übernehmen die für die Errichtung solcher Anlagen ermächtigen Installationsfirmen sowie auch die Direktion der städtischen Elek trizjtätswerke Es kann nur dann als innerlich freier Mensch aufwachsen, wenn es den Namen „Jude" nicht als Schimpfwort auffaßt, auch wenn er» als solches gebraucht wird. — Wenn das Kind gelehrt wird, sich frei zum Judentüme zu bekennen, so wird es vielen Demütigungen und Beschämungen entgehen, denen das Kind, das man lelirte, sein Judentum4 so weit als möglich zu verheimlichen, ausgesetzt ist. Man kann über nationale Erziehung denken, wie man will, bei dem jüdischen Kind ist sje aber unbedingt notwendig, da, wenn das nationale Moment nicht bewußt betont wird, Farblosigkeit entsteht. Man gibt den jüdischen Kindern ungeheuer viel, wenn man sie die jüdischen Feste schätzen und Heben lehrt, deren nationale und auch soziale Grundlage, die ja alle jüdischen Feste haben, erklärt und das Kind so vor Bedrücktheit bewahrt,, die durch sehnsüchtigen Neid hervorgerufen wird. \ i Antwort an Otto Heller. -'In zwei Vorträgen h'at in der letzten' Woche in: Wien der jüdische Kommunist Otto Heller die Bestrebungen der Sowjet-Union, in Biro-Bidjan; ein jüdisches Gemeinwesen zu schlaffen1, zum Anlaß gekommen, um gegen den Zionismus, der seiner und der offiziellem kommunistischen Meinung nach' eine reaktionäre Bestrebung darstellt, zu Felde zu ziehen. Die Waffen, die ihm1 h'iefür zur Verfügung; standen1, waren': Oberflächlichkeit und Unwissenheit. Und .nur um diesen Angriff auf den Zionismus abzuwehren1, die Unwissenheit und Oberflächlichkeit des neue n Befreiers des Judenvolkes öffentlich zu brandmarken, rief die Vereinigte) Zionistisch'-Sozialistisch'en Arbeiterorganisation Poale Zion - Hitac*h'—' duth eine Versammlung für Montag, den 25. Jänner im Festsaale des Alten; Rathauses ein, die glänzend besucht, einen großartigen Verlauf nahm. Otto Heller, der zu dieser Versammlung ^eingeladen war, zog es vor, nicht zu erscheinen. ' Genosse Dr. Sokal zeigte in seinen Ausführungen die Unkenntnis-Hellers in dem Teil seiner Ausführungen, die sich mit der sozialen Struktur.-des Judentums inj der Vorkriegszeit im Osten befaßte auf, und gab' eine Analyse dieses Vorkriegsjudentums,- das sozial differenziert, zu einem großen Teile eine klassenbewußte, -proletarische Organisation 'besaß. Er zeigte ferner, wie auch1 die Sowjetunion, deren Bestreb'un- Problematik des Sozialismus, und des Zionismus belastet sein muß. Der wissenschaftliche Sozialismus verlangt iiim von uns, nur solche Ziele anzustreben, die in der Richtung der objektiven Wirklichkeit liegen. Es genügt nicht, etwas zu wollen, es genügt nicht, daß Individuen oder sogar Massen Bedürfnisse haben; soweit diese im Parteiprogramm zur "Geltung kommen sollen, müssen sie mit der sozialen Wirklichkeit im Einklang stehen. Jene objektiven Tendenzen, die eine Voraussetzung der Realisierung eines geschichtlichen Ideals darstellen, bezeichnet man als „historische Notwendigkeit". Vom Standpunkt einer an der Wissenschaff orientierten Politik muß also die Renaissance des jüdischen Lebens im Galut und in; Palästina eine „historische Notwendigkeit" sein, das heißt, sie darf nicht nur im Irrationalen wurzeln, sondern muß sich von den Tatsachen des jüdischen Lebens * ableiten lassen, Und hiemit haben, wir die erste große Schwierigkeit des poale-zionistischen Programms berührt: der jüdische Arbeiter, der der Fahne des Poale-Zionismus folgt, muß überzeugt sein, daß der Sozialismus und der Zionismus picht 'nur schöne Ideale, sondern auch Wirklichkeiten oder zumindest objektive .Mög-; Henkelten sind. (Schluß folgt)