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Der Jüdische Arbeiter · 1932-02-05 · Heft 2-3 (5.2.1932) · page 6

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
9 (1932)
Issue
Heft 2-3 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite .6 Der, jüdische Arbeiter S. Dfechsler: Aus den Anfängen des jüdischen Sozialismus. Aroti Liebejrmanäi rm Uditä neuentdackter Materialien. . \ . l Quellen und Q u £1 I e n k i* i 11 k. Die Geschichte, des jüdischen Sozialismus ist noch nicht geschrieben. Wohl gibt es Ansätze, . Versuche,.größere und kleinere-Monographien über einzelne Persönlichkeiten .und Epochen- und eine verhältnismäßig reiche Literatur in 4 Sprachen: russisch', hebräisch, jiddisch und deutsch'; wohl haben es zuerst russische, später jiddische und in jüngster Zeit ein" hebräischer 'Historiker versucht, einen zuzusammenfassenden Ueb'erblick über die geschichtliche Entwicklung des jüdischen Sozialismus zu geben, aber alle . diese Versuche ' sind, inwiefern sie sich nicht bloß aut einzelne '. Person- TicMeiten. und; Epochen beschränken wollten, als mehr, oder mindermißlungenzu -werten.- Die Ursache n sin d erstens in der ^nangel-häften methodologischen- Erfassung 'un'd Cinippieruhg des■ Stoffes,, ferner im' schwachen .Verständnis .für tiefere sözialiihü geistesgescbichtliche;^ un'd,:. für che Kontinuität geschichtlichen Werdens' überhaupt; Nach' neuen Quellen'jst nurselten^ geforscht'Wörden und die bereits erschlossenen/:"nurwehi^ ausgenützt';; •;' Im '.Großen;* und..Gänzen läßt" sich vom üesich tsp u n kt.e ' der -p t? I i; K s cv Ii e. n En t wickl ung u n d d es po Ii tisch.e':h; '^arn'pfesder Werdegang deiv jiidi-' scheu A'rbeifer^ewegu große Epöch'en gliedern-. *)'■;.( : '..' " ..,' •.,''"- . ' - ' Die-e rs'te- Epoche, die.rha'u auch'-als die. Vorgeschichte des -jüdischeu. Sqzialismus ansprechen kann, beginnt rnit dem, Anfang, der siebziger ,J„ah're,: genauer mit dem'Jahre 18.72,':da im Wilnaer RabbiiierseiTiinar der erste „Kreis" von 'jüdischen Sozialisten .geschaffen wurde: -.Die'- zentrale Personlich'keit dieser Epoche ist 'bekanntlich Ar o n Lieb e r m a n'n. Er, wie die än'der-en. jüdisch'en-..Sozialisten;, dieser Epoche stehen-, ei nerseits unter;dem Einfluß der Haskai ah' und andererseits unter ■•dem der•'-russisch'-revolut'ier-- nären Literatur. Sie sind IntellektueHeir, sozial'größtenteils im jüdischen 1<leinbairgertum" verwurzelt, .Individualisten, der Masse, mit Mißtrauen, gegenüberstehend, obwohl sie für die Masse und im Namen der Masse,,sprachen! und kämpften. . .Die Zweite Periode — das Helden'zeitalter der . jüdischen Arbeiterbewegung, beginnt mit der Entstehung des „Bund" (1897), der das große historische' Verdeinst hat die jüdische Arbeiterschaft organisiert, klassenbewußt und reif gemacht zu haben. Die dr lit te Periode beginnt mit der Entstehung der „Poale-Zion" (1907) — jenes Tlügels der jüdischen Arbeiterbewegung, der tief und weitblickend die Anomalie der spezifisch jüdischen Oekonomik am deutlichsten! erkannt h'at und zu politischen Schlußfolgerungen gelangt ist, die die Grundlage des proletarischen; Zionismus und des arbeitenden Palästinas bildeten, ' Die vierte Periode, mit der Balfour-Deklaration eröffnet, ist noch nicht abgeschlossen. Sie ist noch' lebendige Wirklichkeit. *) Vom Gesichtspunkt des ökonomischen Kampfes hat Borochovv in seinem Artikel „Das Jubiläum der jüdischen Arbeiterbewegung" eine andere Gliederung vorgenommen. Die Schwierigkeiten des Poale- Zionismus. Von Ber Borochow. - - (Fortsetzung.) 1 'IMiin -zu ■ unserem Ausgangspunkt.- Der erwähnte Genossvf'^h.at. geklagt, es sei schwer Poale-Zionist zu sein; mit vollem Recht, denn~.es ist schon deshalb leichter ein S, S. und ein „Bundist" zu .sein, weil sich die Theorie und die Praxis der Poale-Zion von derjenigen der übrigen jüdischen Parteien durch ihre höhere Differenzierung und Kompliziertheit unterscheidet. Die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes vorausgesetzt, das heißt, unter den komplizierten Bedingungen des jüdischen Lebens in der Diaspora und der jüdischen Renaissance weist das Programm der Poale-Zion den Weg zur Erlangung der höchsten Pro- .duktivität gesellschaftlicher Arbeit bei Darbringung des Minimums au Opfern. Gewill verlangt zum Beispiel das Programm des „Bund" vom jüdischen Proletariat geringere geistige und physische Anstrengung, aber /es setzt sich auch kein so hohes Ziel." Wir wollen das jüdische Leben, die jüdische Arbeit, die jüdische Energie in allen Sphären menschlicher Kultur produktisieren, Uns genügen (Quellen, die dem Historiker des jüdischen Sozialismus über die einzelnen Epöch'en genauen Aufschluß geben' könnten, gibt es wahrlich nicht allzu viel. -Von der letzten noch nicht abgeschlossenen! Epoche abgesehen, die als lebende Gegenwart mehr Gegenstand der Polemik als der Geschichtsschreibung ist, ist der Mangel an entsprechend aufsch'Iußgebeuden' Quellenmaterialien seh'.r fühlbar. Die vorletzte dritte Epoche ist infolgedessen; noch1 sehr wenig erforscht und was. wir von ihr wissen, isj: wirklich' nicht viel. Die bezüglichen! Materialien sind in keinem Archiv gesammelt und selbst verständlich' auch nicht veröffentlicht!** . Besser Stents, um die zweite Epoche. Die bezüglichen Materialien sind von den bunldistischen Emigranten in der Schweiz gesammelt und;in? einem Archiv aufbewahrt worden,-das sich1 ursprünglich in Genf befand und später, nach Berlin' überführt.wurde. Die Lieberman-Epoche. war eine Zeitlang ganz ungeklärt. . Alles, was, man .über Liebermann und seine Tätigkeit wußte, floß aus den Memoiren und' Abhandlungen seiner, Zeitgenossen und aus dem literarischen Schaffen., von Liebermann selbst. Da aber Lieberman hs Tätigkeit ,und Schicksal sich'. hauptsächlich jm Auslände vollzog,.- wußten auch, seine Zeitgenossen nicht, viel■•' und die Historiker waren auf Mütrriaßtingen, Annahmen-.' und Kombinationen angewiesen. ■ . .' ' '. .. '. ' ,« ".'. Erst in den letzten. Jahren 'wurden zwei wichtige. Quellen erseht o.ßeri; die diese 'Epoche in neuem Licht, erscheinen ließen. Die Öeffnung der bis-'zur Grü-n'dtirig';der\'l_Repüblik:''gje"hdm gehaltenen Archive der, östererichTscheu Behörden 'ermöglichte den Einblick in die, im \ „Wiener Haus-, Hbf- und . Staatsarchiv" .befindliche- .überaus interessante Korrespondenzzwischen - den : .österreichischen Ministerien des Innern u'nd Aeußeru.;-dem Wiener Polizeipräsidium, den1 Statthaltern 'u.n"cl .ausländischen Botschaftern übeiden Fall Liebermannv Der Wert.dieser Akten besteht vornehm lieh', darin; daß.: sie uns, die wahren Ursachen von Liebermans Verhaftung und 'die Angst der hohen Behörden1 vor der'jjiüdisCh^sozialistischeiv Bewegung üb'erhäiip.t n iid . vor*-jLieberinan; im. •besonderen,. eu thüllten. , ,. .. . . . ..■•■*.' Einezweite,, viel-, wertvollere Quelle bildet das in der. Bibliothek xl.es Wiener „Isr. Th'eof. Lehr- ■ansatlt" befind liehe Archiv der „Haemeth"-Redaktion, das von Dr. M,J3erko witsch' in mühevoller Kleinarbeit teilweise erforscht, und- . veröffentlicht wurde. Dieses Archiv, das. größtenteils aus dem Briefwechsel zwischen Lieberman und den bedeutendsten'jüdischen Sozialisten' seiner Zeit, besteht, ersCh'lüeßt uns ein ungeheuer unteressantes Kapitel aus der Geistes- und Kulturgeschichte des jüdischen' Sozialismus in seinen Anfängen. . . .. ■ Diese beiden Archive sind aber nicht genügend bearbeitet worden.-Dr. N. M. Gelber, "der als erster die Lieb'erman-Akten im Haus-, Hof- und Staatsarchiv bearbeitet hat, hat sich leider seine Aufgabe allzu leicht gemacht. Er ist an die Arbeit'nicht als Wissenschaftler, sondern als .Journalist herangegangen. Um einen Artikel in der ,(Morgenzeitu'ngi" zu schreibenschäumte er das besonders Sensationelle ab, ohne aut wissenschaftliche Genauigkeit sehr zu achten, t r*) In den letzten Jahren hat Ber'l Locker einiges Material veröffentlicht. Auch der Weltverband. „Poale Z.ion" in Palästina hat letztens eitf Archiv errichtet; veröffcnt'icht ist aber npch nichts worden. nicht jene Ergebnisse, die die bloße Diasporaarbeit zeitigen kann, auch innerhalb der Diaspora . eröffnen wildem jüdischen Arbeiter weitere Perspektiven, als es Äie übrigen jüdischen' Parteien tun. Den S. S. ist die Emigrationstrage, das Alpha und Omega der jüdischen Diasporaprobiematik; In der Ideologie, des „Bund" nimmt zwar die Diaspora eine wesentlichere Stellung als bei den S. 'S. ein, doch erschöpft sich auch das Programm des „Bund" iind seine Tätigkeit in Maßnahmen, die wirtschaftlich dem politischen Kampfe gegen die' Bourgeoisie und die Staatsgewalt gelten. Die S. S. kümmern sich in ihrer positiven Arbeit nur iini die jüdischen Emigranten, die „Bunclisten" nur um die streikeude.u jüdischen Arbeiter. Die Poaie-2ion hingegen* unbekümmert um ihre gegenwärtig noch geringe Kraft, bemühen sich, positive. Arbeit für die 'Befriedigung aller wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bedürfnisse des jüdischen Proletariats zu leisten. Und wenn wir die positive Arbeit unserer Parte: mit derjenigen anderer Parteien vergleichen,, so sehen wir, daß die Kompliziertheit unseres Programms, ihre Lebensfähigkeit keineswegs vermindert. Wieviel die S. S. auch von der „Emigration" reden mochten — sie überließen dennochalle auf diesem Gebiete zu leistende praktische Arbeit den bürgerlichen Territorialisten und As'similanten, und die FvUle des Materials zu ersch^pfert.^ Später wurde dieser wissenschaftlich höchlst mangelhafte Artikel in seinem Buch „Aus zwei Jahrhunderten" aufgenommen und wurde. zur Quelle, aus der äi(e späteren5 Lieberman-Biographien ihr Wissen um die Wiener Periode im Leben Liebermans schöpften. Sogar Erinnerungen an Liebermann wurden auf Grrund dieses Artikels geschrieben ■ Auch die zweite Quelle das Archiv der „Haemeth"-Redaktionmit dessen teilweiser Bearbeitung und Veröffentlichung Dr. Berkowitsch1 sich große Verdienste um die Geschichtsschreibung des jüdischen; ' Sozialismus;., erworben;. hat, auch diese Materialien sind nicht ganz ausgeschöpft worden un'd merkwürdigerweise ist: gerade . 'das -interessanteste Stück dieses Archivs, nämlich ein bis nun ganz? unbekannter Aufruf Liebermans, der d a s e r s t e s o z i a 11 s 11 s c h e D o k u m e n t i n * j i d d i sehe r S p r a c h' e d a rJ ste. l Jtt der Aufmerksamkeit Dr. Berkowitsch. ganz entgangen. . •. .:■ 4; Ueber den' Liebermann-Prozeß in Wien könnten uns noch zwei andere Quellen" Aufschluß geben: Die ProzeßakteiTr'selbst und die Prozeßberichte und Kommentare'in der Weener Tagespresse. Nun da';die .erste dieser beiden: Quellen nicht rechtzieitig.-gienug heran-, gezogen wurde; ist sie uns unwiederbringlich' verloren gegangen. Bekanntlich werden in den Wiener "Gericntsarchiveri1 ..Prozeßakten'.' nur 30 Jahre > lang, aufbewahrt,, nach: Ablauf,-diesesTermiifs .werden, sie.. vernichtet. Für die LiebermanjAkten h'at siehy als es noch Zeit war, niemand interessiert, jetzt ists schön ZU Spät. / r - '; Die zweite dieser!QuelIeri,';die gewissermaßen als Ersatz für den Verlust der Prozeßakten dienen/könnte, ist mit Ausnahme der: ,-Neuen Freien Presse"- von derii •Forschern' und Kompilätoren' ebenfalls nichtausgenützt worden, so daß 'das Bild von..der Per- SQiTlic'hkeit .•Lielp'ermans, wie "dasjenige seiner ganzen1 Generation sehr mangelhaft und: zurn'1 großen ..Teil ganz falsch; ist. Eine Umwertungdieser Epoche unter Heranziehung d'er neüersChtp'ß.en'en "Quelieni' iind Berücksichtigungder. geistigen :. Züsalnmenhänge mit der Maskalait. und. de,r-. russisch' ..revqJutionären^.Liter ratur, insbesondere die-geistesgesöh'ic.tyU^ Peter Lawrdws, dessen Einfluß auf dieersten'jüdische" Sozialisten ' :bis nun 'unbeachtet blieb'...... und der sozialen: Verhältnisse . im Ghetto im letzten ..Drittel des vorigen! Jahrh'underts — nur ew von; solchen .Gesichtspunkten; ausgehende . •Bearbeitung . dieser Epoche, kann ihre- Aufgabe erfüllen. ■ A. D. Gordon. Zum 10. Todestag (1. Feber 24. Schwat.) Im der Geschichte der modernen jüdischen Kenaissanceb'ewegung ist A. D. Gordon eine einmalige, einzigartige'Erscheinung. Es ist schwer eine Formel zu finden, um die Größe seiner. Persönlichkeit zu Charakterisieren und es ist. nicht leicht seine Weltlind Lebensanschauung zu definieren. Alle Formulierungen werden wohl kaum ein richtiges Bild geben' können. Die meisten Menschen, die im historischen Geschehen eines Volkes entsch'eideud wirken, zeichnen sich gewöhnlich durch' ihre besonderen Leistungen auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik usV., oder durch einzelne heroische Taten zum Wohle des Volkes aus. Aber nur Wenige Während sich die Ppale-Zion nicht mit blof3er Agitation begnügt, sondern" schon in der kurzen Zeit ihres Bestehens mit eigenen Mitteln manche wichtige Institution ■(Pajästinaarbeilerfonds, Informationsbureau in Jaffa) geschaffen hat. Wie energisch auch die „Bundisten", seit :sie als selbständige Partei bestehen, in ihrer, Agitation für die jüdische Sprache, Literatur und Volksschule eintreten, so haben , sie dqch während, dieser langen Zeit für die jüdische Kultur, Wissenschaft und Erziehung nicht ein Zehntel dessen geleistet, was die junge Poale-Zion geschaffen hat. . All das beweist nun, daß die Poale-Zion unter allen jüdischen bürgerlichen und proletarischen Parteien der Gegenwart . die höchste heute erreichbare Stufe der Entwicklung erreicht hat. Deshalb ist es . auch so schwor Poale-Zionist zusein. Nicht nur die Ideologie der Poale-Zion, auch die . ihr einspringende Praxis verlangt vom jüdischen Arbeiter die größte physjsche und geistige Anstrengung. Im Vergleich zu jener integralen Pi;cdukti\'ierüng des jüdischen Lebens, allerdings wie sie die Poale-Zion anstrebt, ist auch diese geforderte Anstrengung minimal. Die Probleme unserer Taktik und Organisationsarbeifc bleiben hier unerörtert; wir wollen uns diesmal mir mit

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